{"id":470,"date":"2026-09-04T22:30:51","date_gmt":"2026-09-04T22:30:51","guid":{"rendered":"https:\/\/hoge.gg\/de\/energiemix-2026-gruene-zahl-pflicht-messkrieg\/"},"modified":"2026-09-04T22:30:51","modified_gmt":"2026-09-04T22:30:51","slug":"energiemix-2026-gruene-zahl-pflicht-messkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hoge.gg\/de\/energiemix-2026-gruene-zahl-pflicht-messkrieg\/","title":{"rendered":"Energiemix 2026: Die gr\u00fcne Zahl wird Pflicht, bleibt umstritten"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Energieverbrauch von Bitcoin war jahrelang ein Streit um Bilder: rauchende Kohleschlote gegen saubere Wasserkraft, Klimas\u00fcnder gegen Methanretter. 2026 hat sich die eigentliche Frage verschoben. Seit die Markets-in-Crypto-Assets-Verordnung (MiCA) voll greift und die verk\u00fcrzte deutsche \u00dcbergangsfrist am 1. Juli 2026 ausgelaufen ist, ist der Strommix keine Marketingzahl mehr, sondern eine regulatorische Pflichtangabe. Wer in der EU Kryptowerte anbietet oder ein Whitepaper ver\u00f6ffentlicht, muss den Energieverbrauch des zugrunde liegenden Konsensmechanismus offenlegen.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem steckt in der Zahl selbst. Zwischen der niedrigsten seri\u00f6sen Sch\u00e4tzung f\u00fcr Bitcoins Jahresstromverbrauch und der h\u00f6chsten liegt beinahe der Faktor zwei. Sogar dieselbe Forschungsstelle in Cambridge meldete binnen 18 Monaten einen Sprung von 138 auf 190 Terawattstunden. Dieser Text handelt deshalb nicht davon, wie gr\u00fcn Bitcoin ist, sondern davon, wer das misst, warum die Ergebnisse so weit auseinanderklaffen und was ein Anleger in Frankfurt oder Wien davon tats\u00e4chlich nachpr\u00fcfen kann. Am Ende steht ein unbequemer Befund: Bei Ethereum l\u00e4sst sich die Antwort nachrechnen, bei Bitcoin bleibt sie eine Frage des Vertrauens.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Von der PR-Kennzahl zur gesetzlichen Pflicht<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Bis vor Kurzem war der Anteil erneuerbarer Energie ein Argument in einer Debatte, das jede Seite nach Belieben zurechtbog. Miner warben mit selbst berechneten Nachhaltigkeitsquoten, Kritiker konterten mit eigenen Modellen, und ein neutraler Ma\u00dfstab fehlte. MiCA hat das ge\u00e4ndert. Die Verordnung verpflichtet Anbieter von Krypto-Dienstleistungen (CASPs) und Whitepaper-Emittenten, eine Reihe von Umwelt-Kennzahlen offenzulegen, deren Format die europ\u00e4ische Wertpapieraufsicht ESMA in technischen Regulierungsstandards festgelegt hat. Ma\u00dfgeblich ist die <a href='https:\/\/www.lw.com\/en\/markets-in-crypto-assets-regulation-tracker\/mica-white-paper-sustainability-disclosures'>Delegierte Verordnung (EU) 2025\/422<\/a>, die den Katalog der Indikatoren und die Berechnungsmethodik vorgibt.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">In Deutschland wacht die BaFin \u00fcber die Umsetzung. Ihr <a href='https:\/\/www.bafin.de\/SharedDocs\/Veroeffentlichungen\/DE\/Merkblatt\/mb_250103_Kryptowerte_Dienstl.html'>Merkblatt zu Kryptowerte-Dienstleistungen<\/a> stellt klar, dass die Aufsicht die Dienstleister und Emittenten reguliert, nicht das Protokoll selbst; ein Miner in Texas f\u00e4llt nicht unter MiCA, wohl aber die Handelsplattform in der EU, die den gesch\u00fcrften Bitcoin listet. Die Pflicht trifft also die Schnittstelle zum Anleger, und genau dort wird der Energiemix jetzt zur nachlesbaren Angabe im Whitepaper. Was das f\u00fcr die Praxis von Plattformen und Anlegern bedeutet, ordnet unsere Analyse zur <a href='https:\/\/hoge.gg\/de\/mica-praxis-2026-anleger-plattformen\/'>MiCA-Umsetzung 2026<\/a> ein.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Der Haken: Eine Pflicht zur Offenlegung ist noch keine Pflicht zur Wahrheit. MiCA schreibt vor, dass eine Zahl genannt wird, und es legt fest, nach welcher Formel sie zu bilden ist. Ob diese Zahl die physikalische Realit\u00e4t an der Steckdose des Miners abbildet, ist eine ganz andere Sache. Um das zu verstehen, muss man wissen, wie \u00fcberhaupt gemessen wird, und dabei zeigt sich schnell, dass es die eine Messung gar nicht gibt.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Drei Institute, drei Zahlen<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt keine zentrale Stelle, die den Stromverbrauch des Bitcoin-Netzwerks abliest wie ein Z\u00e4hler im Keller. Alle Zahlen sind Modelle. Drei Akteure dominieren die Debatte, und sie kommen mit unterschiedlichen Methoden zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die folgende \u00dcbersicht zeigt, wie weit die Ans\u00e4tze auseinanderliegen, bevor wir sie einzeln durchgehen.<\/p><figure class='wp-block-table'><table><thead><tr><th>Akteur<\/th><th>Methode<\/th><th>J\u00fcngste Sch\u00e4tzung<\/th><th>Kernaussage<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Cambridge (CCAF)<\/td><td>Bottom-up: Hardware und Effizienz plus Betreiberumfrage<\/td><td>138 TWh (2025), vorl\u00e4ufig 190 TWh; 52,4 bis 59,4 Prozent CO2-arm<\/td><td>Der etablierte Mittelweg<\/td><\/tr><tr><td>Digiconomist (Alex de Vries)<\/td><td>Top-down: \u00f6konomisches Modell \u00fcber die Miner-Erl\u00f6se<\/td><td>\u00fcber 200 TWh<\/td><td>Der Verbrauch wird systematisch untersch\u00e4tzt<\/td><\/tr><tr><td>Daniel Batten (CH4 Capital)<\/td><td>Eigene Standortdatenbank plus Methan-Verrechnung<\/td><td>rund 52,6 Prozent nachhaltig, Netto-Emissionen niedriger<\/td><td>Die Standardbilanz \u00fcberzeichnet den Schaden<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure><p class=\"wp-block-paragraph\">Diese drei Zahlen sind nicht einfach Messfehler, die sich mitteln lassen. Sie beruhen auf unvereinbaren Grundannahmen dar\u00fcber, was man \u00fcberhaupt misst und wie man das Unbekannte sch\u00e4tzt. Wer die Debatte verstehen will, muss die drei Ans\u00e4tze getrennt betrachten, denn erst dann wird sichtbar, dass die Uneinigkeit kein Zeichen von Schlamperei ist, sondern von echter methodischer Unsch\u00e4rfe.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Wie Cambridge von 138 auf 190 Terawattstunden sprang<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Der am h\u00e4ufigsten zitierte Ma\u00dfstab kommt vom Cambridge Centre for Alternative Finance (CCAF). Sein Index arbeitet bottom-up: Er sch\u00e4tzt, welche ASIC-Modelle mit welcher Effizienz (Joule pro Terahash) am Netz sind, rechnet das auf die gemessene Hashrate hoch und leitet daraus einen Verbrauchskorridor ab. F\u00fcr den Strommix erg\u00e4nzt Cambridge diese Technik seit 2025 um eine Umfrage unter den Betreibern.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Die im April 2025 ver\u00f6ffentlichte <a href='https:\/\/www.jbs.cam.ac.uk\/2025\/cambridge-study-sustainable-energy-rising-in-bitcoin-mining\/'>Cambridge-Studie<\/a> bezifferte den Jahresverbrauch auf 138 TWh, rund 0,5 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs, bei Emissionen von 39,8 Millionen Tonnen CO2-\u00c4quivalent. Der nachhaltige Anteil lag bei 52,4 Prozent (42,6 Prozent Erneuerbare plus 9,8 Prozent Kernkraft), gegen\u00fcber 37,6 Prozent im Jahr 2022. Bemerkenswert war die Verschiebung bei den fossilen Quellen: Erdgas war mit 38,2 Prozent zur gr\u00f6\u00dften Einzelquelle aufgestiegen, w\u00e4hrend Kohle von 36,6 auf 8,9 Prozent abst\u00fcrzte.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Nur acht Monate sp\u00e4ter pr\u00e4sentierte CCAF-Forschungsleiter Alexander Neumueller auf dem Energy Investors Forum in Dallas vorl\u00e4ufige Zahlen f\u00fcr ein zweites Berichtsjahr, und sie fielen deutlich anders aus. Der Verbrauch war laut <a href='https:\/\/crypto.news\/hydropower-overtakes-gas-as-bitcoin-mining-power-use-jumps-38\/'>diesem Update<\/a> um 38 Prozent auf 190 TWh gesprungen, der CO2-arme Anteil auf 59,4 Prozent gestiegen, und Wasserkraft hatte Erdgas als gr\u00f6\u00dfte Einzelquelle \u00fcberholt. Die Emissionen legten langsamer zu als der Verbrauch, von rund 40 auf 48 Millionen Tonnen, ein Plus von 20 Prozent. Cambridge k\u00fcndigte an, die zweite Ausgabe seines Berichts noch 2026 vorzulegen.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Neumueller begr\u00fcndet den Anspruch seines Teams damit, eine hartn\u00e4ckige Datenl\u00fccke zu schlie\u00dfen, indem man auf direkte Praxisdaten statt auf abstrakte Annahmen setze. Genau hier liegt aber auch die Schw\u00e4che: Die Umfrage deckt nur 48 Prozent der Netzwerkaktivit\u00e4t ab, gest\u00fctzt auf 49 Firmen aus 23 L\u00e4ndern. Der Rest wird modelliert. Und der vielzitierte US-Anteil von 75,4 Prozent ist der von den Befragten gemeldete Anteil, nicht der tats\u00e4chliche globale Hashrate-Anteil der USA, der nach anderen Erhebungen niedriger liegt. Eine Zahl, die auf einer Teilstichprobe beruht, kann sich stark bewegen, sobald neue Betreiber antworten oder alte ausscheiden; der Sprung von 138 auf 190 TWh ist daf\u00fcr das beste Beispiel.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst innerhalb der Cambridge-Methode ist die Zahl kein Punkt, sondern ein Korridor. Das Modell kennt die installierte Hardware nicht exakt, sondern sch\u00e4tzt anhand von Verkaufszahlen, Effizienzklassen und der beobachteten Hashrate, welche Ger\u00e4tegenerationen wahrscheinlich noch laufen. In der Realit\u00e4t h\u00e4ngen an denselben Rechenzentren alte und neue ASICs nebeneinander, manche gedrosselt, manche im Standby. Cambridge gibt seine Sch\u00e4tzung deshalb traditionell als Bandbreite mit oberer und unterer Grenze an, und der oft zitierte Einzelwert ist nur der wahrscheinlichste Punkt in diesem Band. Wer eine gerundete Zahl aus einer Schlagzeile \u00fcbernimmt, verliert genau diese Unsicherheit aus dem Blick.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Digiconomists Gegenrechnung<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Alex de Vries, Forscher an der Vrije Universiteit Amsterdam und Betreiber von <a href='https:\/\/digiconomist.net\/'>Digiconomist<\/a>, h\u00e4lt den Cambridge-Ansatz f\u00fcr zu optimistisch. Sein Bitcoin Energy Consumption Index geht nicht von der Hardware aus, sondern von der \u00d6konomie: Er nimmt an, dass Miner einen bestimmten Anteil ihrer Erl\u00f6se f\u00fcr Strom ausgeben, und leitet aus dem Gesamterl\u00f6s des Netzwerks den Verbrauch ab. Dieses Top-down-Modell liefert seit Jahren h\u00f6here Werte; zuletzt lag der Index \u00fcber 200 TWh und damit sp\u00fcrbar \u00fcber Cambridges 190.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Welcher Ansatz stimmt? Beide haben eine innere Logik, und beide haben eine systematische Schlagseite. Cambridges Bottom-up-Methode untersch\u00e4tzt tendenziell, weil sie annehmen muss, welche Ger\u00e4te laufen, und veraltete oder ineffiziente Hardware leicht \u00fcbersieht. Die Top-down-Methode von de Vries \u00fcbersch\u00e4tzt tendenziell, weil sie unterstellt, dass Miner ihr Budget voll ausreizen, auch wenn viele bei niedrigen Kursen Ger\u00e4te abschalten. Die Wahrheit liegt vermutlich in einem breiten Band dazwischen, und genau dieses Band ist das Problem f\u00fcr jede Pflichtangabe, die eine einzige Zahl verlangt.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kern des Streits l\u00e4sst sich an einem einfachen Gedankenexperiment festmachen. F\u00e4llt der Bitcoin-Kurs stark, sinkt der Erl\u00f6s pro gesch\u00fcrftem Coin. Im \u00f6konomischen Modell von de Vries sinkt damit rechnerisch auch der Verbrauch, weil weniger Budget f\u00fcr Strom \u00fcbrig bleibt. Im Hardware-Modell von Cambridge bleibt der Verbrauch dagegen zun\u00e4chst hoch, weil die Maschinen physisch weiterlaufen, bis ihr Betrieb wirklich defizit\u00e4r wird. Genau in solchen Phasen laufen die beiden Indizes am weitesten auseinander. Die Differenz ist also kein Zufall, sondern eine direkte Folge davon, ob man den Verbrauch aus dem Geld oder aus dem Blech herleitet.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">De Vries hat die Debatte zudem \u00fcber den reinen Strom hinaus geweitet. Er verweist auf Nebenwirkungen, die keine der Mix-Prozentzahlen erfasst: den Wasserverbrauch durch K\u00fchlung und den Wasserfu\u00dfabdruck fossiler Kraftwerke sowie den Elektroschrott. In einer viel zitierten <a href='https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/abs\/pii\/S0921344921005103'>Arbeit<\/a> sch\u00e4tzten de Vries und Kollegen den ASIC-Elektroschrott auf \u00fcber 30.000 Tonnen pro Jahr bei einer durchschnittlichen Ger\u00e4telebensdauer von rund 1,3 Jahren. Diese Externalit\u00e4ten sind real, aber ihre Kennzahlen sind \u00e4hnlich umstritten wie die Verbrauchszahl selbst, und sie tauchen in MiCA nur als optionale Angaben auf.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Battens Konter: Methan als Gutschrift<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Am anderen Ende steht Daniel Batten, ehemaliger Softwareunternehmer und heute Investor mit Fokus auf Bitcoin und Klimadaten. Batten st\u00fctzt sich auf eine eigene Datenbank der Mining-Standorte und kommt beim nachhaltigen Anteil auf etwa 52,6 Prozent, also nah an Cambridge und weit unter dem Alarmismus mancher Schlagzeilen. Sein eigentliches Argument setzt aber woanders an: bei der Bilanzierung.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Batten h\u00e4lt die \u00fcbliche Emissionsrechnung f\u00fcr irref\u00fchrend, weil sie einen Sonderfall ignoriert. Wenn Miner Methan verstromen, das sonst abgefackelt oder direkt in die Atmosph\u00e4re entwichen w\u00e4re, verhindern sie Emissionen, die weit klimasch\u00e4dlicher sind als das entstehende CO2 (Methan hat \u00fcber einen Zeitraum von 20 Jahren ein Vielfaches der Treibhauswirkung von CO2). In einer gemeinsamen <a href='https:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=4810964'>Modellrechnung<\/a> mit weiteren Autoren argumentiert Batten, dass Mining an Deponien und \u00d6lfeldern netto Emissionen mindern kann. Seine Analysen auf der <a href='https:\/\/bitcoinmagazine.com\/authors\/daniel-batten'>Bitcoin-Magazine-Autorenseite<\/a> beziffern die aktuelle Methan-Verrechnung auf rund 5,5 Prozent der Netzwerkemissionen, mit Spielraum nach oben.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss Batten nicht folgen, um den Punkt zu sehen: Selbst wenn sich alle auf einen Strommix einigten, bliebe strittig, wie man vermiedene Emissionen verbucht. Eine Kilowattstunde aus Deponiegas ist bilanziell etwas anderes als eine Kilowattstunde aus Wasserkraft, obwohl beide als f\u00f6rderlich f\u00fcr die Klimabilanz gelten k\u00f6nnen. Der Streit verlagert sich damit von der Frage, wie viel Strom flie\u00dft, zur Frage, welche Buchf\u00fchrung gilt, und die ist noch weniger genormt als die Verbrauchssch\u00e4tzung.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Der wahre Streitpunkt: standortbasiert gegen marktbasiert<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Der tiefste Riss verl\u00e4uft nicht zwischen den Instituten, sondern durch die Klimabilanzierung selbst. Nach dem international g\u00e4ngigen <a href='https:\/\/ghgprotocol.org\/scope-2-guidance'>Greenhouse Gas Protocol<\/a> l\u00e4sst sich der Strombezug auf zwei Arten verbuchen. Die standortbasierte Methode fragt: Welcher Strommix liegt physikalisch am Netz, an das der Miner angeschlossen ist? Die marktbasierte Methode fragt: Welche Zertifikate hat der Miner gekauft?<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Unterschied ist der Hebel f\u00fcr fast jede gr\u00fcne Behauptung. Ein Miner kann physisch Kohle- und Gasstrom aus dem texanischen Netz beziehen und trotzdem glaubhaft &bdquo;100 Prozent erneuerbar&ldquo; ausweisen, indem er Herkunftsnachweise (in Europa Guarantees of Origin, in den USA Renewable Energy Certificates) in entsprechender Menge erwirbt. Die Elektronen \u00e4ndern sich nicht, nur die Buchung. Ob solche Zertifikate zus\u00e4tzliche erneuerbare Kapazit\u00e4t schaffen oder nur bestehende umetikettieren, ist eine Dauerdebatte der gesamten Unternehmenswelt, nicht nur des Minings.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">In Europa hat dieser Zertifikatehandel einen eigenen Namen und einen eigenen Markt. Herkunftsnachweise werden getrennt vom physischen Strom gehandelt, sodass ein Erzeuger die gr\u00fcne Eigenschaft seines Stroms an einen Abnehmer verkaufen kann, der ganz woanders sitzt. Das ist politisch gewollt und f\u00fcr viele Zwecke sinnvoll, doch f\u00fcr die Frage, welchen Strom ein bestimmter Miner tats\u00e4chlich verbraucht, ist es Nebel. Ein Miner kann Herkunftsnachweise f\u00fcr norwegische Wasserkraft halten und trotzdem an einem Netz h\u00e4ngen, das in der fraglichen Stunde \u00fcberwiegend mit Gas lief. Beide Aussagen sind gleichzeitig wahr, und beide lassen sich belegen.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den Bitcoin-Mix hei\u00dft das: Eine gemeldete Nachhaltigkeitsquote ist ohne Angabe der Methode fast wertlos. Zwei Miner mit identischem physischem Strombezug k\u00f6nnen v\u00f6llig verschiedene Zahlen ausweisen, je nachdem, ob sie standort- oder marktbasiert rechnen. MiCA verlangt Offenlegung, schreibt aber keine einheitliche, pr\u00fcffeste Wahl dieser Methode \u00fcber alle Angaben hinweg vor, und niemand liest den Z\u00e4hler des Miners in Kasachstan gegen. Damit ist die Pflichtangabe zwar da, ihre Vergleichbarkeit bleibt aber br\u00fcchig.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Die Zeitfalle: Wann der Strom flie\u00dft, verschweigt die Jahreszahl<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Eine einzige Nachhaltigkeitsquote pro Jahr blendet aus, wann ein Miner Strom zieht. Genau das ist bei flexiblen Lasten entscheidend. Ein Miner, der tags\u00fcber \u00fcbersch\u00fcssigen Solarstrom aufnimmt und in der Spitzenlast abschaltet, hat ein v\u00f6llig anderes Emissionsprofil als einer, der rund um die Uhr Grundlast aus einem Gasnetz bezieht, selbst wenn beide auf demselben Jahresmittel landen.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Die Klimabilanzierung kennt diese Unterscheidung als st\u00fcndliches gegen j\u00e4hrliches Matching. Gro\u00dfe Stromverbraucher wie Rechenzentren streiten seit Jahren dar\u00fcber, ob es reicht, \u00fcber das Jahr genug Gr\u00fcnstrom-Zertifikate zu kaufen, oder ob man Stunde f\u00fcr Stunde sauberen Strom nachweisen muss. F\u00fcr Miner ist die Frage besonders scharf, weil ihre Abschaltbarkeit ihr st\u00e4rkstes gr\u00fcnes Argument ist: Sie k\u00f6nnen in Sekunden herunterfahren, wenn das Netz knapp wird, und so erneuerbare Kapazit\u00e4t wirtschaftlich machen, die sonst abgeregelt w\u00fcrde. Eine Jahresprozentzahl macht genau diesen Vorteil unsichtbar, weil sie den flexiblen Lastfolger nicht vom starren Grundlastbezieher trennt.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">MiCA verlangt keinen st\u00fcndlichen Nachweis; die Pflichtangabe bleibt ein Jahresmittel. Wer ein Nachhaltigkeitsversprechen pr\u00fcft, sollte deshalb nicht nur fragen, wie gr\u00fcn der Strom war, sondern wann er floss. Beide Fragen zusammen ergeben ein Bild, das eine einzelne Prozentzahl nie liefern kann.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Ethereum, der Fall, den man nachrechnen kann<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Genau hier trennt sich Proof-of-Work von Proof-of-Stake, und der Unterschied ist nicht nur graduell, sondern grunds\u00e4tzlich. Seit dem Merge im September 2022 sichert Ethereum sein Netzwerk nicht mehr \u00fcber Rechenleistung, sondern \u00fcber hinterlegtes Kapital. Ein Validator ist kein Hallenschrank voller ASICs, sondern im Kern ein gew\u00f6hnlicher Rechner mit einem Verbrauch in der Gr\u00f6\u00dfenordnung weniger Gl\u00fchbirnen.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zahlen sind deshalb nicht Gegenstand eines Messkriegs, sondern schlicht ausrechenbar. Laut <a href='https:\/\/ethereum.org\/en\/energy-consumption\/'>ethereum.org<\/a>, gest\u00fctzt auf Daten des Crypto Carbon Ratings Institute (CCRI), verbraucht das gesamte Netzwerk rund 0,0026 TWh pro Jahr, also etwa 2.601 Megawattstunden. Der Merge senkte den Stromverbrauch um mehr als 99,988 Prozent und den CO2-Fu\u00dfabdruck um rund 99,992 Prozent (von etwa 11 Millionen auf 870 Tonnen CO2-\u00c4quivalent). Vor dem Merge lag Ethereum bei gesch\u00e4tzten 21 TWh; danach im Bereich eines mittelst\u00e4ndischen Betriebs.<\/p><figure class='wp-block-table'><table><thead><tr><th>Merkmal<\/th><th>Bitcoin (PoW)<\/th><th>Ethereum (PoS)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Jahresverbrauch<\/td><td>138 bis \u00fcber 200 TWh (umstritten)<\/td><td>rund 0,0026 TWh (2.601 MWh)<\/td><\/tr><tr><td>Datenquelle<\/td><td>Modelle plus Teilumfrage<\/td><td>z\u00e4hlbare Validatoren<\/td><\/tr><tr><td>Strommix<\/td><td>standortabh\u00e4ngig, unscharf<\/td><td>Verbrauch so klein, dass der Mix nachrangig ist<\/td><\/tr><tr><td>Nachpr\u00fcfbar?<\/td><td>praktisch nein<\/td><td>weitgehend ja<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure><p class=\"wp-block-paragraph\">Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Ethereum weniger verbraucht, sondern dass sich sein Verbrauch aus der Zahl der Validatoren und ihrem bekannten Stromprofil direkt herleiten l\u00e4sst. Es gibt keine verborgene Hardwareflotte, deren Effizienz man raten m\u00fcsste. Wer die Verifizierbarkeit von Rechenprozessen ernst nimmt, findet hier eine saubere Parallele zur breiteren Debatte dar\u00fcber, wie sich Aussagen \u00fcber nicht einsehbare Berechnungen beweisen lassen; wir haben das am Beispiel \u00fcberpr\u00fcfbarer KI-Modelle in unserer <a href='https:\/\/hoge.gg\/de\/zk-ml-2026-ki-modelle-ueberpruefbar-blockchain\/'>Analyse zu zk-ML<\/a> beschrieben.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Mining-Staking-Debatte hat das eine praktische Folge, die \u00fcber die reine \u00d6kobilanz hinausgeht. Weil sich der Energieverbrauch von Proof-of-Stake nahezu beweisen l\u00e4sst, k\u00f6nnen Anbieter von Staking-Produkten und institutionelle Halter von Ether eine belastbare Nachhaltigkeitsaussage treffen, ohne sich auf umstrittene Sch\u00e4tzungen st\u00fctzen zu m\u00fcssen. Bei einem Bitcoin-Produkt bleibt jede gr\u00fcne Aussage angreifbar; bei einem Ethereum-Produkt ist die Energiefrage praktisch entschieden. Diese Asymmetrie k\u00f6nnte sich in ESG-Mandaten niederschlagen, in denen der Nachweis z\u00e4hlt und nicht die Absicht. Der Streit um die Messung wird damit selbst zu einem Wettbewerbsfaktor zwischen den beiden gr\u00f6\u00dften Kryptowerten.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Die t\u00fcckische Kennzahl pro Transaktion<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Eine der Angaben, die MiCA oberhalb einer Verbrauchsschwelle verlangt, ist die Energieintensit\u00e4t, also der durchschnittliche Energieaufwand pro Transaktion. Das klingt anlegerfreundlich und ist doch die vielleicht irref\u00fchrendste Kennzahl im ganzen Katalog.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Der Grund ist technischer Natur. Der Stromverbrauch von Bitcoin h\u00e4ngt an der Hashrate und am Blocktakt, nicht an der Zahl der Transaktionen. Ein Block verbraucht ungef\u00e4hr gleich viel Energie, egal ob er 2.000 oder 4.000 Transaktionen enth\u00e4lt. Teilt man den Netzwerkverbrauch durch die Transaktionszahl, erh\u00e4lt man eine gewaltige Zahl, die suggeriert, jede einzelne \u00dcberweisung koste so viel Strom wie ein Haushalt in Wochen. Sinkt die Transaktionszahl, steigt die Kennzahl, obwohl sich am physischen Verbrauch nichts \u00e4ndert. Ethereum warnt auf seiner eigenen Seite ausdr\u00fccklich vor dieser Logik: Eine Energieeinheit pro Transaktion unterstelle, dass weniger Transaktionen weniger Verbrauch bedeuteten, was aber nicht zutreffe.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kennzahl wird noch schiefer, weil ein wachsender Teil der wirtschaftlichen Aktivit\u00e4t die Basiskette gar nicht mehr ber\u00fchrt. Zahlungen laufen \u00fcber Layer-2-Netze wie Lightning, wo tausende Transaktionen zu einer einzigen On-Chain-Abrechnung geb\u00fcndelt werden; wie das im Handel konkret aussieht, zeigt unser Bericht \u00fcber <a href='https:\/\/hoge.gg\/de\/lightning-network-haendler-bitcoin-annehmen-2026\/'>H\u00e4ndler, die Bitcoin \u00fcber Lightning annehmen<\/a>. Wer den Netzverbrauch durch die On-Chain-Transaktionen teilt, ignoriert diese geb\u00fcndelte Aktivit\u00e4t komplett und \u00fcberzeichnet die Kennzahl damit doppelt. MiCA hat mit der Energieintensit\u00e4t also ausgerechnet eine Metrik in die Pflichtangabe gehoben, deren Aussagekraft Fachleute seit Jahren bestreiten.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Was MiCA konkret verlangt<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz dieser Schw\u00e4chen ist die MiCA-Offenlegung ein Fortschritt, weil sie erstmals einen einheitlichen Rahmen setzt. Die Delegierte Verordnung staffelt die Indikatoren nach Bedeutung.<\/p><figure class='wp-block-table'><table><thead><tr><th>Stufe<\/th><th>Kennzahl<\/th><th>Gilt f\u00fcr<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Pflicht (immer)<\/td><td>Gesamter Jahresstromverbrauch des Konsensmechanismus (kWh)<\/td><td>jeden offenlegungspflichtigen Kryptowert<\/td><\/tr><tr><td>Pflicht ab Schwelle<\/td><td>Anteil erneuerbarer Energie; Energieintensit\u00e4t je Transaktion; Treibhausgasemissionen<\/td><td>Mechanismen \u00fcber 500.000 kWh pro Jahr<\/td><\/tr><tr><td>Optional<\/td><td>Energiemix, Elektroschrott, Wasserverbrauch, Scope-3-Emissionen<\/td><td>freiwillige Zusatzangabe<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure><p class=\"wp-block-paragraph\">Die eine immer verpflichtende Kennzahl ist der gesamte Jahresstromverbrauch des Konsensmechanismus in Kilowattstunden. \u00dcbersteigt dieser Verbrauch 500.000 kWh im Jahr, was auf Bitcoin und praktisch jede relevante Kette zutrifft, kommen der Anteil erneuerbarer Energie, die Energieintensit\u00e4t pro Transaktion und die Treibhausgasemissionen hinzu. Der eigentliche Strommix, der Elektroschrott, der Wasserverbrauch und die vorgelagerten Scope-3-Emissionen bleiben optionale Angaben, die ein Emittent machen kann, aber nicht muss.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Staffelung erkl\u00e4rt, warum die Debatte weitergeht. Die Verordnung normiert vor allem das, was sich am ehesten sch\u00e4tzen l\u00e4sst (den Bruttoverbrauch), und l\u00e4sst das Strittigste (Mix und Buchf\u00fchrungsmethode) freiwillig. F\u00fcr einen Emittenten ist das eine Einladung, die g\u00fcnstigste zul\u00e4ssige Darstellung zu w\u00e4hlen. Die Nachhaltigkeitsangabe reiht sich damit in die wachsende Compliance-Last unter MiCA ein, ohne die Grundfrage zu l\u00f6sen: Sie erzwingt eine Zahl, aber nicht deren Beweisbarkeit.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Zwei Kontinente, zwei Richtungen: MiCA gegen SEC<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend die EU die Offenlegung versch\u00e4rft, geht die USA den umgekehrten Weg. Die US-B\u00f6rsenaufsicht SEC hatte im M\u00e4rz 2024 eine Regel zur Klimaberichterstattung verabschiedet, die b\u00f6rsennotierte Unternehmen zu Angaben \u00fcber Emissionen und Klimarisiken verpflichtet h\u00e4tte. Nach Klagen wurde die Regel ausgesetzt und nie durchgesetzt. Im Mai 2026 schlug die Kommission vor, sie vollst\u00e4ndig zur\u00fcckzunehmen; die <a href='https:\/\/www.sec.gov\/newsroom\/press-releases\/2026-49-sec-proposes-rescission-climate-related-disclosure-rules'>offizielle Mitteilung<\/a> nennt die Regel einen dramatischen \u00dcbergriff \u00fcber die gesetzliche Zust\u00e4ndigkeit der Beh\u00f6rde. Die Kommentarfrist endete Anfang August 2026; eine endg\u00fcltige R\u00fccknahme wird nicht vor Ende 2026 oder Anfang 2027 erwartet.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Krypto hei\u00dft das: Auf Bundesebene existiert in den USA derzeit keine verbindliche Klima- oder Energieoffenlegung f\u00fcr Kryptowerte, w\u00e4hrend sie in der EU verpflichtend ist. Diese Divergenz ist Teil eines gr\u00f6\u00dferen Musters, in dem sich die US-Aufsicht aus Feldern zur\u00fcckzieht, die andere dann besetzen; wir haben das im <a href='https:\/\/hoge.gg\/de\/sec-enforcement-vakuum-2026-wer-die-luecke-fuellt\/'>SEC-Enforcement-Vakuum<\/a> ausf\u00fchrlich beschrieben. Anleger sollten die Konsequenz kennen: Ein an einer US-Plattform gelistetes Produkt kann v\u00f6llig legal ohne jede Energieangabe auskommen, ein in der EU angebotenes nicht.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Warum der Strommix so aussieht, wie er aussieht<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Warum ist der Anteil fossiler Energie \u00fcberhaupt so hoch, wenn erneuerbarer Strom oft billiger ist? Die Antwort liegt in der \u00d6konomie des Minings. Ein Miner sucht den billigsten verf\u00fcgbaren Strom rund um die Uhr, und dieser findet sich h\u00e4ufig dort, wo Energie sonst verschwendet w\u00fcrde: abgeregelte Wasserkraft in Regenzeiten, abgefackeltes Erdgas an entlegenen \u00d6lfeldern, \u00fcberlastete Netze mit n\u00e4chtlichem Strom\u00fcberschuss. Warum der Strompreis und der Standort \u00fcber den Gewinn entscheiden, hat unsere Analyse zur <a href='https:\/\/hoge.gg\/de\/mining-margen-2026-strom-standort-strategie\/'>Strom- und Standortstrategie<\/a> im Detail durchgerechnet.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Jagd nach der billigsten Kilowattstunde erkl\u00e4rt beide Seiten des Mixes. Sie treibt Miner in wasserkraftreiche Regionen und an Methanquellen, was den erneuerbaren Anteil und die vermiedenen Emissionen hebt. Sie treibt sie aber ebenso an g\u00fcnstigen Erdgasstrom in Texas, was den fossilen Anteil hochh\u00e4lt. Der Mix ist damit kein Bekenntnis, sondern ein Nebenprodukt der Standortwahl, und diese Standortwahl folgt dem Preis, nicht der Moral. Bei einem Bitcoin-Kurs von rund <a href='https:\/\/www.coingecko.com\/en\/coins\/bitcoin\/eur'>68.000 Euro<\/a> Anfang September 2026 ist die Marge vieler Miner gro\u00df genug, um auch teureren, saubereren Strom zu vertragen; f\u00e4llt der Kurs, verschiebt sich die Standortwahl zur\u00fcck zum billigsten, oft fossilen Angebot. Der Strommix schwankt also mit dem Kurs, ein weiterer Grund, warum eine einzelne Jahreszahl tr\u00fcgt.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kommt die geografische Konzentration. Verlagert sich Hashrate von einer wasserkraftreichen Region in ein gasbasiertes Netz, \u00e4ndert sich der globale Mix, ohne dass ein einziger Miner seine \u00dcberzeugung gewechselt h\u00e4tte. Regenzeiten in Bergregionen, saisonale Netzengp\u00e4sse und regulatorische Eingriffe verschieben die Landkarte des Minings laufend. Eine Jahreszahl mittelt \u00fcber all diese Bewegungen und verdeckt, dass der Mix im Fr\u00fchjahr anders aussehen kann als im Hochsommer. F\u00fcr eine Pflichtangabe, die einmal im Whitepaper steht und dann monatelang gilt, ist das eine unbequeme Eigenschaft: Sie beschreibt einen Zustand, der sich schon ge\u00e4ndert haben kann, bevor die Tinte trocken ist.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Was die Zahl f\u00fcr Miner, ETPs und Anleger bedeutet<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Der Streit um die Messung ist kein akademisches Glasperlenspiel, sobald Geld daran h\u00e4ngt. Und es h\u00e4ngt zunehmend Geld daran. Institutionelle Anleger mit Nachhaltigkeitsvorgaben, Emittenten von Krypto-ETPs und Handelsplattformen brauchen eine belastbare Energieangabe, um ihre Produkte \u00fcberhaupt anbieten oder in ESG-Mandate aufnehmen zu k\u00f6nnen. Ein &bdquo;gr\u00fcnes&ldquo; Bitcoin-ETP, dessen Nachhaltigkeitsversprechen auf marktbasierten Zertifikaten fu\u00dft, verkauft ein anderes Produkt als eines, das physisch sauberen Strom nachweist, auch wenn beide dieselbe Prozentzahl im Whitepaper stehen haben.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Der europ\u00e4ische Markt f\u00fcr Krypto-Indexprodukte und b\u00f6rsengehandelte Papiere w\u00e4chst, und mit ihm der Bedarf an vergleichbaren Nachhaltigkeitsdaten. Ein Verm\u00f6gensverwalter, der ein Krypto-ETP in ein nachhaltig ausgerichtetes Portfolio aufnehmen will, braucht eine Zahl, die einer Pr\u00fcfung standh\u00e4lt, nicht eine, die gut klingt. Genau hier trifft der Messkrieg auf die Praxis: Zwei Emittenten k\u00f6nnen denselben Basiswert abbilden und trotzdem sehr unterschiedliche Energieprofile ausweisen, je nach Methodik. F\u00fcr den Endanleger ist das kaum zu durchschauen, und f\u00fcr den Vertrieb wird die Nachhaltigkeitsangabe damit zu einem Feld, auf dem sich Sorgfalt und Marketing schwer trennen lassen.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Damit wird der Messkrieg zum Greenwashing-Risiko. Wer eine Nachhaltigkeitsquote als Verkaufsargument nutzt, muss sie im Zweifel gegen eine Aufsicht verteidigen k\u00f6nnen, und die BaFin hat wiederholt betont, dass irref\u00fchrende Nachhaltigkeitsaussagen unter die allgemeinen Wohlverhaltens- und Prospektregeln fallen. F\u00fcr Anleger folgt daraus eine simple Pr\u00fcfliste:<\/p><ul class='wp-block-list'><li>Nach welcher Methode wird der Mix berechnet, standort- oder marktbasiert?<\/li><li>Beruht die Zahl auf physischem Strombezug oder auf zugekauften Zertifikaten?<\/li><li>Welche Quelle wird genannt (Cambridge, Digiconomist, eigene Berechnung), und passt die Gr\u00f6\u00dfenordnung dazu?<\/li><li>Wird die Energieintensit\u00e4t pro Transaktion als Verkaufsargument genutzt? Dann ist Vorsicht geboten.<\/li><li>Handelt es sich \u00fcberhaupt um Proof-of-Work? Bei Proof-of-Stake ist die Frage weitgehend gegenstandslos.<\/li><\/ul><p class=\"wp-block-paragraph\">Diese f\u00fcnf Fragen trennen ein belastbares Nachhaltigkeitsversprechen von einer Marketingzahl. Keine davon l\u00e4sst sich allein aus der gemeldeten Prozentzahl beantworten, was noch einmal zeigt, wie wenig eine nackte Zahl ohne Methodik wert ist.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>Ausblick: Kann die gr\u00fcne Zahl je beweisbar werden?<\/h2><p class=\"wp-block-paragraph\">Die ehrliche Antwort lautet: f\u00fcr Proof-of-Work nur mit erheblichem Aufwand, und nie ganz. Der Grund ist strukturell. Der Stromvertrag eines Miners, der physische Netzanschluss und der reale Brennstoffmix liegen au\u00dferhalb der Blockchain und lassen sich nicht kryptografisch beweisen. Man kann sie nur bezeugen: durch Z\u00e4hler, Audits, Zertifikate, Satellitendaten \u00fcber Gasfackeln. Jede dieser Methoden ist angreifbar, und keine erzeugt die Art f\u00e4lschungssicherer Gewissheit, die man von einer On-Chain-Transaktion gewohnt ist.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Die Branche experimentiert mit Antworten. Tokenisierte Herkunftsnachweise sollen Zertifikate handelbar und r\u00fcckverfolgbar machen; Dritt-Attestierungen und standardisierte Audits sollen die Selbstauskunft ersetzen; einzelne Projekte arbeiten an Verfahren, die einen Nachweis \u00fcber die Herkunft von Rechen- oder Stromleistung liefern, ohne den ganzen Betrieb offenzulegen. Das ist im Kern dasselbe Problem, das die \u00fcberpr\u00fcfbare Datenverarbeitung insgesamt umtreibt, nur mit Strom statt mit KI-Inferenz.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Regulatorisch d\u00fcrfte der Druck eher zunehmen als nachlassen. Sobald erste Whitepaper mit konkreten Energiezahlen im Markt sind, werden Aufsicht, Wettbewerber und Nichtregierungsorganisationen sie miteinander vergleichen, und Abweichungen zwischen \u00e4hnlichen Produkten werden erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig. Der wahrscheinlichste Weg zu mehr Verl\u00e4sslichkeit f\u00fchrt deshalb nicht \u00fcber eine bessere Formel, sondern \u00fcber eine unabh\u00e4ngige Pr\u00fcfung der gemeldeten Zahlen, so wie Finanzkennzahlen von Wirtschaftspr\u00fcfern testiert werden. Bis es einen solchen Standard f\u00fcr Energieangaben gibt, gilt f\u00fcr Anleger die alte Regel jeder Bilanz: Eine Zahl ohne Testat ist eine Behauptung, keine Tatsache.<\/p><p class=\"wp-block-paragraph\">Solange diese Werkzeuge nicht reif sind, bleibt die gr\u00fcne Zahl eine Vertrauensangabe. Mit jeder neuen Umfragerunde wird die Datenbasis breiter, doch breiter hei\u00dft nicht beweisbar. Das eigentliche Fazit des Jahres 2026 ist deshalb kein Prozentwert, sondern eine Einsicht: Bei Ethereum ist der Energieverbrauch eine ausrechenbare Tatsache, bei Bitcoin bleibt er eine gut informierte Sch\u00e4tzung mit politischem Beigeschmack. MiCA hat die Sch\u00e4tzung zur Pflicht gemacht. Zur Wahrheit gemacht hat es sie nicht.<\/p><h2 class='wp-block-heading'>H\u00e4ufig gestellte Fragen<\/h2><h3 class='wp-block-heading'>Wie viel Strom verbraucht Bitcoin 2026?<\/h3><p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt keine unstrittige Zahl. Das Cambridge Centre for Alternative Finance nannte in seiner Studie von 2025 rund 138 Terawattstunden pro Jahr und in einem vorl\u00e4ufigen Update Ende 2025 bereits 190 Terawattstunden. Der Digiconomist-Index von Alex de Vries liegt mit \u00fcber 200 Terawattstunden noch h\u00f6her. Die Spanne von rund 140 bis \u00fcber 200 Terawattstunden spiegelt vor allem die unterschiedlichen Messmethoden wider, nicht Messfehler.<\/p><h3 class='wp-block-heading'>Wie hoch ist der Anteil erneuerbarer Energie beim Bitcoin-Mining?<\/h3><p class=\"wp-block-paragraph\">Cambridge bezifferte den nachhaltigen Anteil aus Erneuerbaren und Kernkraft zun\u00e4chst auf 52,4 Prozent und im j\u00fcngsten Update auf 59,4 Prozent, wobei Wasserkraft Erdgas als gr\u00f6\u00dfte Einzelquelle \u00fcberholte. Reine Erneuerbare ohne Kernkraft liegen niedriger. Die genaue Zahl h\u00e4ngt stark davon ab, ob standort- oder marktbasiert gerechnet wird.<\/p><h3 class='wp-block-heading'>Warum verbraucht Ethereum so viel weniger Energie als Bitcoin?<\/h3><p class=\"wp-block-paragraph\">Ethereum ist mit dem Merge im September 2022 von Proof-of-Work auf Proof-of-Stake umgestiegen. Statt energiehungriger Rechenleistung sichert nun hinterlegtes Kapital das Netzwerk. Der Verbrauch sank um mehr als 99,98 Prozent auf rund 0,0026 Terawattstunden pro Jahr, einen Bruchteil des Bitcoin-Verbrauchs.<\/p><h3 class='wp-block-heading'>Was schreibt MiCA zur Offenlegung des Energieverbrauchs vor?<\/h3><p class=\"wp-block-paragraph\">MiCA verlangt von Krypto-Dienstleistern und Whitepaper-Emittenten die Offenlegung von Nachhaltigkeitsindikatoren, die in der Delegierten Verordnung (EU) 2025\/422 festgelegt sind. Immer verpflichtend ist der gesamte Jahresstromverbrauch des Konsensmechanismus. Ab 500.000 Kilowattstunden pro Jahr kommen der Anteil erneuerbarer Energie, die Energieintensit\u00e4t pro Transaktion und die Treibhausgasemissionen hinzu.<\/p><h3 class='wp-block-heading'>Warum ist die Energie pro Transaktion eine umstrittene Kennzahl?<\/h3><p class=\"wp-block-paragraph\">Der Stromverbrauch von Bitcoin h\u00e4ngt an der Hashrate und am Blocktakt, nicht an der Zahl der Transaktionen. Ein Block verbraucht ungef\u00e4hr gleich viel Energie, egal wie viele Transaktionen er enth\u00e4lt. Die Kennzahl pro Transaktion steigt sogar, wenn die Transaktionszahl f\u00e4llt, obwohl sich physisch nichts \u00e4ndert. Layer-2-Netze wie Lightning b\u00fcndeln zudem viele Zahlungen au\u00dferhalb der Basiskette, was die Kennzahl weiter verzerrt.<\/p><script type='application\/ld+json'>{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@type\":\"FAQPage\",\"mainEntity\":[{\"@type\":\"Question\",\"name\":\"Wie viel Strom verbraucht Bitcoin 2026?\",\"acceptedAnswer\":{\"@type\":\"Answer\",\"text\":\"Es gibt keine unstrittige Zahl. Cambridge nannte 2025 rund 138 Terawattstunden pro Jahr und in einem vorl\u00e4ufigen Update Ende 2025 bereits 190 Terawattstunden, der Digiconomist-Index sogar \u00fcber 200. 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