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● Bitcoin & Layer-1s

Taproot und BIP-110: Bitcoins Streit ums Blockspace

Taproots Tapscript ermöglichte Ordinals, nun kämpft BIP-110 mit Miner-Zustimmung nahe null dagegen an. Ein Erklärstück zu Bitcoins Streit ums Blockspace.

Was ist Taproot? Ein fünf Jahre altes Upgrade wird wieder aktuell

Taproot ist seit November 2021 Teil von Bitcoin, doch kaum ein Protokoll-Upgrade sorgt Mitte 2026 für so viel Gesprächsstoff wie dieses ursprünglich als „stilles“ Update wahrgenommene Paket. Der Grund liegt weniger in der Kryptografie selbst als in dem, was Entwickler und Nutzer seither damit gemacht haben. Taproot bündelt drei Bitcoin Improvement Proposals (BIP 340, 341 und 342) und brachte Schnorr-Signaturen, effizientere Mehrfachsignaturen und eine flexiblere Skriptsprache namens Tapscript nach Bitcoin. Diese Flexibilität hatte einen Nebeneffekt, den 2021 kaum jemand kommen sah: Sie machte es plötzlich billig, beliebige Daten, Bilder, Text, ganze Dateien, direkt in der Bitcoin-Blockchain zu speichern.

Fünf Jahre später steckt Bitcoin deshalb mitten in einem der grundsätzlichsten Streits seiner Geschichte: Darf, soll oder muss das Netzwerk seinen begrenzten Blockspace für mehr als reine Zahlungen offenhalten? Im Zentrum dieser Debatte steht derzeit BIP-110, ein Soft-Fork-Vorschlag, der Anfang August 2026 vor einer entscheidenden Frist steht und dabei bislang auf eine Miner-Zustimmung von unter einem Prozent trifft. Dieser Artikel erklärt Taproots Technik von Grund auf, zeigt, wie sie überhaupt erst zur Ordinals-Bewegung führte, und ordnet ein, warum ausgerechnet jetzt ein pseudonymer Entwickler versucht, einen Teil davon per Soft Fork wieder einzufangen.

Bitcoin selbst notiert Mitte Juli 2026 bei rund 56.000 Euro, ein Kursniveau, bei dem selbst technische Detailfragen wie Skriptgrößen-Limits erhebliche wirtschaftliche Tragweite entfalten, weil sie potenziell Millionen bereits bestätigter UTXOs betreffen.

Die technischen Bausteine: BIP 340, 341 und 342

Taproot ist kein einzelnes Feature, sondern ein Paket aus drei zusammenhängenden Vorschlägen, die am 14. November 2021 im Block 709.632 gemeinsam aktiviert wurden. BIP 340, verfasst von Pieter Wuille, Jonas Nick und Tim Ruffing, führte Schnorr-Signaturen für die Kurve secp256k1 ein. Anders als das bis dahin genutzte ECDSA-Verfahren liefert Schnorr eine feste Signaturgröße von 64 Byte statt einer variablen DER-Kodierung, und vor allem ist es linear: Mehrere Signaturen lassen sich zu einer einzigen aggregieren, ohne dass die zugrunde liegende Sicherheit leidet.

BIP 341 (Wuille, Nick und Anthony Towns) definiert darauf aufbauend das eigentliche Taproot-Ausgabeformat P2TR sowie MAST, eine Merkleisierte Baumstruktur für alternative Ausgabebedingungen. Eine Taproot-Adresse kann entweder ganz normal per Schlüssel ausgegeben werden (Key Path, im Regelfall nicht von einer einfachen Einzelsignatur zu unterscheiden) oder über einen von potenziell vielen hinterlegten Skriptpfaden (Script Path). Ein Beispiel macht den Vorteil greifbar: Eine Wallet mit drei unterschiedlichen Ausgabebedingungen, etwa einer 2-von-3-Multisig-Bedingung für den Alltag, einer Erben-Bedingung mit Zeitschloss und einer Notfall-Wiederherstellung über einen vierten Schlüssel, musste vor Taproot alle drei Bedingungen offenlegen, sobald überhaupt einmal ausgegeben wurde. Mit MAST bleibt nur der tatsächlich genutzte Zweig sichtbar, die beiden anderen Bedingungen bleiben verborgen, solange sie nie gebraucht werden. Das spart nicht nur Gebühren, weil ungenutzte Bedingungen keinen Platz in der Blockchain beanspruchen, sondern verrät Außenstehenden auch weniger über die tatsächliche Absicherung eines Guthabens. Für eine ausführliche Aufschlüsselung der gesamten Mechanik empfiehlt sich unser Grundlagenartikel Taproot komplett erklärt: Von Schnorr-Signaturen bis Citrea.

Die folgende Tabelle fasst die drei Bausteine zusammen:

BIPTitelKernfunktionAutoren
BIP 340Schnorr Signatures for secp256k1Feste 64-Byte-Signaturgröße, linear aggregierbarPieter Wuille, Jonas Nick, Tim Ruffing
BIP 341Taproot: SegWit Version 1 Spending RulesP2TR-Adressen, MAST, Key-Path- und Script-Path-AusgabenPieter Wuille, Jonas Nick, Anthony Towns
BIP 342Validation of Taproot Scripts (Tapscript)Neue Skriptsprache, OP_SUCCESS-Opcodes für künftige Soft ForksPieter Wuille, Jonas Nick, Anthony Towns

Aktivierung 2021: Wie Speedy Trial einen Konsens-Präzedenzfall setzte

Taproot aktivierte über einen Mechanismus namens Speedy Trial: ein verkürztes, dreimonatiges BIP8-Signalisierungsfenster mit einer hohen Zustimmungsschwelle. Miner sperrten das Upgrade am 12. Juni 2021 im Block 687.284 mit über 90 Prozent Signalisierung endgültig fest, die tatsächliche Aktivierung folgte gut fünf Monate später am 14. November 2021 gegen 05:15 UTC (CoinDesk). Diese hohe Schwelle ist kein Zufall, sondern seit den erbitterten Blockgrößen-Konflikten der Jahre 2015 bis 2017 so etwas wie eine ungeschriebene Bitcoin-Norm: Konsensrelevante Änderungen brauchen eine breite, sichtbare Mehrheit, weit über eine einfache 51-Prozent-Mehrheit hinaus, bevor sie das Netzwerk verändern dürfen. Diese Norm wird später in diesem Artikel noch wichtig, wenn es um die deutlich niedrigere Schwelle von BIP-110 geht.

Wie sich Taproot in den fünf Jahren seit der Aktivierung tatsächlich geschlagen hat, inklusive einer nüchternen Bilanz aus Licht- und Schattenseiten, haben wir in Taproot fünf Jahre später: Bilanz eines stillen Upgrades ausführlich aufgearbeitet. Kurz zusammengefasst: Der Taproot-Transaktionsanteil kletterte von praktisch null 2021 über einen Spitzenwert von rund 40 Prozent Anfang 2024, getrieben durch Ordinals und Runes, auf inzwischen rund 15 bis 20 Prozent, ein Niveau, das eher organische Wallet- und Protokoll-Nutzung als spekulative Inschriften widerspiegelt.

Adressen, Schlüsselaggregation und ihre Grenzen

Sichtbar wird Taproot für Endnutzerinnen und -nutzer vor allem an der Adresse: Taproot-Adressen beginnen mit dem Präfix bc1p, im Unterschied zu bc1q bei klassischem SegWit (BIP 141 und 173) und der führenden 1 bei Legacy-Adressen aus Bitcoins Anfangsjahren. Die Schnorr-Linearität aus BIP 340 ermöglicht zudem Protokolle wie MuSig2 (BIP 327): Mehrere Unterzeichner können eine gemeinsame Signatur erzeugen, die auf der Blockchain nicht von einer einfachen Einzelsignatur zu unterscheiden ist. Für ein Mehrfachsignatur-Setup bedeutet das spürbar geringere Gebühren und mehr Privatsphäre, weil Außenstehende nicht erkennen können, wie viele Schlüssel tatsächlich beteiligt waren.

Ein verwandtes, aber langsameres Verfahren ist FROST (Flexible Round-Optimized Schnorr Threshold Signatures), bei dem nur eine Teilmenge von Unterzeichnern, etwa 3 von 5, gemeinsam signieren muss. Der zugehörige Standard BIP 445 erhielt erst im Januar 2026 den Status eines Entwurfs, deutlich später als MuSig2. Das neuere Bitcoin-Layer-2-Netzwerk Spark setzt bereits auf FROST für sein Betreiber-Schwellenwertmodell. Die praktischen Anwendungen von Taproot in Lightning, bei Discreet Log Contracts und in Sachen Privatsphäre haben wir an anderer Stelle vertieft, dieser Artikel konzentriert sich stattdessen auf eine Folge von Taproot, die 2021 kaum jemand kommen sah.

Der Nebeneffekt: Wie Tapscript Ordinals erst möglich machte

BIP 342 definiert Tapscript, die Skriptsprache für den Script-Path-Zweig von Taproot-Ausgaben. Ein zentrales Detail: Tapscript reserviert eine ganze Reihe bislang ungenutzter Opcodes als OP_SUCCESS, das heißt, sie gelten für heutige Full Nodes automatisch als gültig, unabhängig davon, was tatsächlich dahintersteht. Der Sinn dieser Konstruktion ist an sich harmlos, nämlich künftige Skript-Erweiterungen per Soft Fork zu erleichtern, ohne dass alle Nodes vorher aktualisiert werden müssen. In Kombination mit dem sogenannten Witness Discount aus SegWit (BIP 141), wonach Witness-Daten nur mit einem Viertel ihres eigentlichen Gewichts in das Blockgrößenlimit einfließen, entstand daraus jedoch ein günstiger Weg, praktisch beliebig große Datenmengen in einer Bitcoin-Transaktion unterzubringen.

Genau diese Lücke nutzte der Softwareentwickler Casey Rodarmor im Januar 2023 mit dem Ordinals-Protokoll. Über eine Konstruktion, die als „Envelope“ bekannt wurde, ein OP_FALSE-OP_IF-Block innerhalb eines Tapscript-Zweigs, der von Full Nodes zwar verarbeitet, aber nicht als ausführbarer Code interpretiert wird, lassen sich Bilder, Text oder andere Dateien direkt und dauerhaft in einer Bitcoin-Transaktion ablegen, jedem einzelnen Satoshi zuordenbar. Im April 2024, am Tag des vierten Bitcoin-Halvings, ergänzte Rodarmor das Ganze um Runes, ein zweites, UTXO-natives Format für fungible Token, das gezielt die Ineffizienzen des zuvor populären BRC-20-Standards vermeidet, der Token-Zustände umständlich als Text innerhalb von Inscriptions kodierte.

Die Zahlen zeigen, wie sehr sich das durchgesetzt hat: Bis Januar 2026 überschritt die Gesamtzahl der Inscriptions die Marke von 107 Millionen, allein im vierten Quartal 2025 kamen mehr als 7,7 Millionen weitere hinzu, und das, obwohl der Bitcoin-Kurs im selben Zeitraum um rund 23 Prozent fiel. Die Nutzung ist damit längst nicht mehr rein spekulativ getrieben, sie hat sich als feste Größe im Bitcoin-Ökosystem etabliert, und genau das ist der Kern des Konflikts, um den es im Rest dieses Artikels geht.

OP_RETURN: das eigentlich für Daten vorgesehene Feld

Bitcoin hatte schon Jahre vor Taproot ein offizielles Datenfeld: OP_RETURN, seit 2014 fester Bestandteil von Bitcoin Core. Anders als die Tapscript-Envelope-Technik erzeugt ein OP_RETURN-Output eine Transaktionsausgabe, die von vornherein als unspendbar markiert ist. Für den UTXO-Satz, die riesige Datenbank aller aktuell ausgebbaren Bitcoin-Beträge, die jeder Full Node im Arbeitsspeicher vorhalten muss, ist das ein wichtiger Unterschied: OP_RETURN-Daten belasten diesen Satz nicht dauerhaft, während viele alternative Datenspeicher-Tricks, etwa Daten, die in fingierten Public-Key-Hashes versteckt werden, den UTXO-Satz für immer aufblähen.

Die Größe von OP_RETURN-Ausgaben war historisch jedoch keine Konsensregel, sondern lediglich eine Standardness- beziehungsweise Relay-Policy-Einstellung einzelner Nodes, ein informeller Richtwert von 80 Byte, den Bitcoin Core über den Parameter -datacarriersize durchsetzte. Wer diese Grenze überschritt, konnte seine Transaktion zwar nicht über das normale Netzwerk verbreiten, aber dennoch direkt bei einem kooperierenden Miner einreichen. Genau dieser Umstand wurde 2025 zum Ausgangspunkt einer der hitzigsten Debatten in der jüngeren Bitcoin-Core-Geschichte.

Der Bruch: Peter Todd, Bitcoin Core 30 und die Spaltung der Nodes

Bitcoin-Core-Entwickler Peter Todd brachte die Idee, die OP_RETURN-Grenze zu lockern, erstmals im Juli 2023 in einem Pull Request ein, legte den Vorschlag im April 2025 überarbeitet erneut vor und sah ihn im Juni 2025 schließlich gemergt. Seine Begründung, dokumentiert in der PR-Diskussion und von mehreren Fachmedien zusammengefasst: Die alte 80-Byte-Grenze verhindere ohnehin niemanden mehr, der wirklich Daten speichern will, weil sich datenintensive Transaktionen längst über direkte Miner-Kanäle wie Marathon Digitals Slipstream an der Relay-Policy vorbeischleusen lassen. Wer stattdessen daran gehindert wird, ist vor allem, wer sich an die Regeln hält und OP_RETURN so nutzt, wie es gedacht ist, nämlich als sauber gekennzeichnetes, nie UTXO-belastendes Datenfeld. Miner, so Todds Argument, seien ohnehin rationale wirtschaftliche Akteure, die gebührenzahlende Transaktionen unabhängig von der Mempool-Politik einzelner Nodes aufnehmen.

Am 10. Oktober 2025 erschien Bitcoin Core 30 mit genau dieser Änderung: Der Standardwert für -datacarriersize stieg von 83 Byte auf 100.000 Byte, also von einer knappen Notiz auf annähernd 100 Kilobyte pro Ausgabe. Die Reaktion in Teilen der Community fiel scharf aus. Kritiker sahen darin eine faktische Einladung an Spam- und Datenprojekte aller Art, unabhängig davon, dass die Änderung technisch nur eine Relay-Empfehlung und keine Konsensregel betraf.

Ein Teil der Bitcoin-Nutzerschaft reagierte, indem er schlicht die Software wechselte. Bitcoin Knots, eine alternative Full-Node-Implementierung, die kompatibel zum Bitcoin-Konsens bleibt, aber striktere Standardness-Regeln durchsetzt, sah seinen Anteil an allen erreichbaren Bitcoin-Nodes innerhalb weniger Monate nach der Core-30-Kontroverse von rund 4 Prozent auf über 21 Prozent steigen. Wichtig für das Verständnis: Ein höherer Knots-Anteil ändert an den Konsensregeln selbst nichts, Blöcke mit großen OP_RETURN-Daten bleiben für Knots-Nodes genauso gültig wie für Core-Nodes. Was sich ändert, ist lediglich, welche Transaktionen die jeweiligen Nodes bereitwillig weiterleiten und im eigenen Mempool vorhalten. Der Nodewechsel markiert trotzdem einen echten Stimmungsumschwung, aus dem heraus wenige Wochen später ein deutlich ambitionierterer Vorschlag entstand, der nicht mehr nur auf Relay-Policy-Ebene, sondern auf Konsensebene ansetzen wollte: BIP-110.

BIP-110: Der Versuch, die Uhr per Soft Fork zurückzudrehen

Ende Oktober 2025 veröffentlichte der pseudonyme Entwickler Dathon Ohm den Entwurf für BIP-110, offiziell „Reduced Data Temporary Soft Fork“. Anders als Peter Todds Änderung ist BIP-110 keine bloße Relay-Policy-Einstellung, sondern eine echte, wenn auch zeitlich befristete Konsensregeländerung. Der Vorschlag begrenzt für alle nach der Aktivierung neu erzeugten Transaktionsausgaben drei Arten von Daten gleichzeitig:

  • Die scriptPubKey-Größe neuer Ausgaben auf 34 Byte, mit einer Ausnahme für OP_RETURN-Ausgaben, die weiterhin bis zu 83 Byte groß sein dürfen.
  • OP_PUSHDATA-Nutzlasten und Witness-Skriptelemente auf 256 Byte, mit Ausnahmen für reguläre Redeem- und Tapleaf-Skripte.
  • Taproot-Kontrollblöcke auf 257 Byte, was ungefähr 128 Skriptzweige erlaubt.

Bereits bestehende UTXOs sind ausdrücklich ausgenommen, eingefroren würde also nichts Vorhandenes, die Regeln gelten nur für künftig neu entstehende Ausgaben. Technisch läuft die Aktivierung über einen BIP9-Mechanismus namens „reduced_data“ (Bit 4). Die Signalisierungsperiode begann laut Startzeit-Parameter am 1. Dezember 2025 mit einer vergleichsweise niedrigen Schwelle von 55 Prozent (1.109 von 2.016 Blöcken). Besonders ist ein verpflichtendes Signalisierungsfenster zwischen Block 961.632 und 963.647, erwartet Anfang August 2026: Blöcke, die in diesem Fenster nicht signalisieren, gelten schlicht als ungültig, eine deutlich aggressivere Variante als bei den meisten früheren Bitcoin-Soft-Forks. Erreicht BIP-110 die Schwelle bis zur maximalen Aktivierungshöhe von Block 965.664, voraussichtlich Anfang September 2026, nicht, läuft der gesamte Vorschlag automatisch aus. Aktiviert, gilt die Beschränkung für weitere 52.416 Blöcke, also ungefähr ein Jahr, danach fallen die Regeln von selbst wieder weg.

DatumEreignis
Juli 2023Peter Todd schlägt erstmals vor, die OP_RETURN-Grenze aufzuheben (PR #28130)
April 2025Todd bringt den Vorschlag überarbeitet erneut ein (PR #32359)
Juni 2025Der Vorschlag wird in Bitcoin Core gemergt (PR #32406)
10. Oktober 2025Bitcoin Core 30 erscheint, -datacarriersize steigt von 83 auf 100.000 Byte
Ende Oktober 2025Dathon Ohm veröffentlicht den Entwurf zu BIP-110
1. Dezember 2025Start der Signalisierungsperiode laut BIP9-Parametern
19. Juli 2026Miner-Signalisierung liegt bei rund 0,86 Prozent
Anfang August 2026Verpflichtendes Signalisierungsfenster (Block 961.632 bis 963.647)
Anfang September 2026Maximale Aktivierungshöhe (Block 965.664), danach gilt BIP-110 als ausgelaufen

Stimmen aus der Szene: Ökonomie, Prominenz und die Miner-Abstimmung

Hinter der technischen Debatte steckt ein handfestes wirtschaftliches Argument, das in öffentlichen Diskussionen oft zu kurz kommt: Daten-Transaktionen, ob über Tapscript-Envelopes oder große OP_RETURN-Ausgaben, zahlen echte, teils überdurchschnittliche Netzwerkgebühren, die direkt an die Miner fließen. Da der Block-Subsidy mit jedem Halving weiter sinkt, das nächste ist für 2028 angesetzt, gewinnt jede zusätzliche Gebühreneinnahme für die Wirtschaftlichkeit des Minings an Bedeutung, ein Zusammenhang, den wir in Bitcoin-Mining-Margen 2026: Warum viele Miner kaum noch verdienen ausführlich mit Zahlen unterlegt haben. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass ausgerechnet die Miner selbst, die angeblich am stärksten unter Spam-Transaktionen leiden sollen, bislang am wenigsten Interesse an dessen Eindämmung per Soft Fork zeigen.

Strategy-Gründer Michael Saylor brachte seine Kritik auf eine einprägsame Formel: „There are 110 things more dangerous to Bitcoin than spam. BIP 110 turns a spam dispute into a consensus change that would invalidate some currently valid, fee-paying transactions.“ An anderer Stelle desselben Beitrags spitzt er zu: „The proposed cure is more dangerous than the condition.“ Blockstream-Mitgründer Adam Back äußerte sich ähnlich unmissverständlich über CoinDesk: Wer BIP-110 durchsetzen wolle, könne dies gern über einen eigenen, separaten Fork versuchen, „bitcoin won’t be joining it“, wie er es formulierte. Auch Jameson Lopp, eine der bekanntesten technischen Stimmen der Szene, bezeichnete den Vorschlag laut News.Bitcoin.com als „reckless“ und verwies dabei ausdrücklich auf die vergleichsweise niedrige 55-Prozent-Signalisierungsschwelle, deutlich unter der faktischen Supermehrheit, mit der Taproot selbst 2021 aktivierte. Nicht jede Stimme ist ablehnend: Bitcoin-Educator Jimmy Song positionierte sich demonstrativ neutral und begründete dies damit, die tatsächlichen Konsequenzen des Vorschlags nicht abschließend beurteilen zu können, während eine kleinere Gruppe von Minern rund um den Pool Club Orange aktiv für eine Zustimmungssignalisierung warb.

Am Ende dürfte die Entscheidung ohnehin bei den großen Mining-Pools liegen. Foundry, das schätzungsweise ein Drittel der weltweiten Bitcoin-Hashrate kontrolliert, ließ seine angeschlossenen Miner Mitte Juli 2026 direkt über eine Ja/Nein-Signalisierung abstimmen, mit klarer Ansage: Ohne eine Ja-Mehrheit von über 51 Prozent der teilnehmenden Hashrate bleibt die Standardantwort Nein, nicht reagierende Teilnehmer werden automatisch als Nein gezählt. Antpool, der zweitgrößte Pool mit rund 14 Prozent Netzwerkanteil, bewegte sich zum Zeitpunkt der Recherche ebenfalls nicht in Richtung Zustimmung. Dass ausgerechnet die Betreiber mit der größten Hashrate bei einer derart folgenreichen Entscheidung auf Nummer sicher gehen, überrascht wenig angesichts ohnehin dünner Gewinnmargen im Mining-Geschäft, eine unnötige Kontroverse, die Kurs oder Netzwerksicherheit gefährden könnte, kann sich kaum ein Betreiber leisten.

Was passiert, wenn BIP-110 scheitert, und was, wenn nicht?

Der aktuelle Stand ist eindeutig: Die Miner-Signalisierung für BIP-110 lag am 19. Juli 2026 bei lediglich 0,86 Prozent der laufenden Periode, umgerechnet rund 9 von 1.109 für einen Lock-in notwendigen Blöcken. Sollte sich dieser Trend bis zum verpflichtenden Signalisierungsfenster im August nicht dramatisch umkehren, würde BIP-110 schlicht nicht aktivieren und Anfang September 2026 automatisch auslaufen, ohne dass sich an den bestehenden Konsensregeln überhaupt etwas geändert hätte.

Selbst im hypothetischen Fall einer Aktivierung wäre die Geschichte damit nicht zwingend zu Ende, denn eine Soft-Fork-Regel ist nur so stark wie die Zahl der Netzwerkteilnehmer, die sie tatsächlich durchsetzen. Ein Soft Fork gilt gemeinhin nur dann als sicher, wenn nahezu die gesamte wirtschaftliche Infrastruktur, von Börsen über Wallet-Anbieter bis zu einzelnen Node-Betreibern, die neuen Regeln mitträgt. Eine Aktivierung auf Basis von nur 55 Prozent Miner-Zustimmung, ohne begleitende breite Zustimmung der wirtschaftlichen Knoten, birgt das Risiko, dass ein relevanter Teil des Netzwerks die neuen Regeln schlicht ignoriert, was im schlimmsten Fall zu einer dauerhaften Kettenspaltung führen könnte, genau die Sorge, die Kritiker wie Lopp, Back und Saylor eint. Zum Vergleich: Sowohl Taproot selbst 2021 als auch der im Hintergrund verhandelte Covenant-Vorschlag OP_CTV (BIP-119) setzen auf eine Schwelle von rund 90 Prozent, fast doppelt so hoch.

Die größere Debatte: Covenants, Citrea und Bitcoins Rolle als Plattform

BIP-110 ist nur die lauteste, nicht die einzige Front, an der seit Taproot über die Zukunft von Bitcoins Blockspace verhandelt wird. Der Covenant-Vorschlag OP_CTV (BIP-119, Autor Jeremy Rubin) verfolgt im Grunde das entgegengesetzte Ziel, nämlich Bitcoins Skriptsprache um kontrollierte, nicht-rekursive Bedingungen für Vaults und Zahlungsbündelung zu erweitern, bewegt sich dabei aber bewusst in einem deutlich langsameren, konservativeren Tempo: Die eigene Signalisierung begann erst am 30. März 2026 mit einer Schwelle von 90 Prozent und einer Zieldauer von einem vollen Jahr, statt der wenigen Monate bei BIP-110. Der umstrittenere OP_CAT (BIP-347) hat bislang nicht einmal einen konkreten Aktivierungsfahrplan.

Am weitesten geht inzwischen ein Ansatz, der gar keinen Soft Fork mehr benötigt: BitVM2 nutzt optimistische Challenge-Response-Beweise, um komplexe Berechnungen von Bitcoin auslagern und trotzdem gegen das Bitcoin-Mainnet absichern zu können. Auf dieser Grundlage startete im Januar 2026 Citrea, das erste produktive ZK-Rollup direkt auf Bitcoin, mit über 30 dezentralen Anwendungen zum Start. Das dort gebundene Kapital bewegt sich bislang im niedrigen einstelligen Millionenbereich, wächst zeitweise aber sehr dynamisch, ein typisches Bild für eine noch junge Infrastruktur.

Der rote Faden durch alle diese Vorschläge ist derselbe: Taproot wurde für effizientere Signaturen konzipiert, hat aber nebenbei eine Plattform geschaffen, auf der sich inzwischen sehr unterschiedliche, teils gegensätzliche Visionen von Bitcoins Zukunft messen, von striktem Zahlungsnetzwerk bis zu einer breiteren Smart-Contract-fähigen Infrastruktur. Auch die parallel diskutierte Frage, wie widerstandsfähig all diese Adressformate gegen künftige Quantencomputer sind, Stichwort BIP-360 und BIP-361, gehört in dieses größere Bild, würde den Rahmen dieses Artikels aber sprengen, wir haben sie in separaten Analysen ausführlich behandelt.

Regulatorischer Kontext: Warum BaFin und MiCA hier außen vor bleiben

Für deutsche Leserinnen und Leser lohnt sich an dieser Stelle eine Einordnung: Weder BIP-110 noch ein zukünftiges Taproot-Nachfolgeprotokoll fällt in irgendeiner Form in die Zuständigkeit von BaFin oder der EU-weiten MiCA-Verordnung. MiCA reguliert Kryptowerte-Dienstleister wie Börsen und Verwahrer sowie die Emittenten bestimmter Token, nicht aber die Konsensregeln von Bitcoin selbst. Ob ein Soft Fork wie BIP-110 aktiviert, welche Opcodes Tapscript reserviert oder wie groß eine OP_RETURN-Ausgabe sein darf, das entscheidet ausschließlich das dezentrale Zusammenspiel aus Minern, Node-Betreibern und wirtschaftlichen Akteuren selbst, ganz ohne aufsichtsrechtliches Mitspracherecht.

Praktisch relevant wird das Thema für deutsche Bitcoin-Halter eher an anderer Stelle: Wer eigene Coins von einer Legacy- oder SegWit-Adresse auf eine Taproot-Adresse verschiebt, tätigt damit keine Veräußerung im Sinne des Paragrafen 23 EStG, solange die Coins im eigenen Besitz bleiben, die einjährige Haltefrist läuft ungestört weiter. Sollte die vom Bundeskabinett angestoßene Reform kommen und Kryptogewinne künftig pauschal wie Kapitaleinkünfte besteuern, wie wir in Krypto-Steuer 2026: Kabinett kippt die Haltefrist für Bitcoin beschrieben haben, würde diese Unterscheidung ohnehin an Bedeutung verlieren. Wer seine Bitcoin dagegen über sehr lange Zeiträume hält und eines Tages vererben möchte, für den ist das gewählte Adressformat aus praktischen wie sicherheitstechnischen Gründen keineswegs nebensächlich, wie wir in Krypto vererben: Die Erbschaftsteuer-Falle beim Stichtag gezeigt haben.

Adressformate im Vergleich

Zum Abschluss noch einmal im Überblick, wie sich die verschiedenen Bitcoin-Adressformate technisch unterscheiden:

FormatPräfixGrundlageEinführungSignaturverfahren
Legacy (P2PKH)1…Ursprüngliches Bitcoin-Skript2009ECDSA
SegWit v0 (P2WPKH/P2WSH)bc1q…BIP 141 / BIP 1732017ECDSA
Taproot (P2TR)bc1p…BIP 341 / BIP 3502021Schnorr (BIP 340)
Postquantensicher (in Entwicklung)noch nicht festgelegtBIP 360 (Entwurf, Merge Februar 2026)noch nicht aktiviertnoch offen, BIP 360 selbst führt noch keine neuen Signaturen ein

Wichtig zu betonen: Kein älteres Format wird durch ein neueres automatisch ungültig. Legacy-, SegWit- und Taproot-Adressen funktionieren parallel und werden das auf absehbare Zeit auch weiterhin tun, unabhängig davon, wie der Streit um BIP-110 ausgeht.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Taproot bei Bitcoin genau?

Taproot ist ein Bündel aus drei Bitcoin Improvement Proposals (BIP 340, 341 und 342), die am 14. November 2021 gemeinsam aktiviert wurden. Es führte Schnorr-Signaturen, das Adressformat P2TR, erkennbar am Präfix bc1p, sowie die Skriptsprache Tapscript ein und ermöglicht dadurch effizientere Mehrfachsignaturen, mehr Privatsphäre bei komplexen Skripten und, als Nebeneffekt, auch Anwendungen wie Ordinals-Inschriften.

Was unterscheidet eine bc1p-Adresse von einer bc1q-Adresse?

bc1q-Adressen nutzen klassisches SegWit (BIP 141 und 173) mit ECDSA-Signaturen, eingeführt 2017. bc1p-Adressen nutzen Taproot (BIP 341 und 350) mit Schnorr-Signaturen (BIP 340) und unterstützen zusätzlich MAST für versteckte Skriptbedingungen. Beide Formate bleiben parallel gültig, welches Format eine Wallet verwendet, entscheidet allein die Software, nicht das Bitcoin-Protokoll selbst.

Wie hat Taproot Ordinals und Inscriptions überhaupt ermöglicht?

Tapscript (BIP 342) reserviert bislang ungenutzte Opcodes als automatisch gültige OP_SUCCESS-Felder, um künftige Soft Forks zu erleichtern. Kombiniert mit dem Witness Discount aus SegWit, der Witness-Daten nur zu einem Viertel ihres Gewichts anrechnet, konnte Entwickler Casey Rodarmor damit ab Januar 2023 über eine als Envelope bekannte Konstruktion beliebige Dateien direkt in Bitcoin-Transaktionen einbetten, deutlich günstiger als zuvor möglich.

Was ist BIP-110, und wird es aktivieren?

BIP-110 ist ein vom pseudonymen Entwickler Dathon Ohm vorgeschlagener, zeitlich auf ein Jahr befristeter Soft Fork, der neue Datenspeicher-Transaktionen wieder stärker einschränken soll. Die Miner-Signalisierung lag Mitte Juli 2026 bei unter einem Prozent, weit entfernt von der notwendigen 55-Prozent-Schwelle, und große Pools wie Foundry und Antpool zeigten keine Zustimmungstendenz. Ohne einen deutlichen Umschwung bis zum verpflichtenden Signalisierungsfenster im August 2026 läuft der Vorschlag Anfang September 2026 automatisch aus, ohne Konsequenzen für bereits bestehende Bitcoin.

Macht Taproot Bitcoin anfälliger für Quantencomputer?

Taproot-Adressen legen den öffentlichen Schlüssel bereits bei ihrer Erstellung offen, nicht erst beim Ausgeben, wie es bei älteren Formaten üblich ist. Das vergrößert theoretisch das Zeitfenster für einen künftigen Quantenangriff, auch wenn heute noch kein Computer existiert, der dazu tatsächlich in der Lage wäre. Vorschläge wie BIP-360 und BIP-361 arbeiten an einer schrittweisen Absicherung, die Details dazu haben wir in unseren vertiefenden Artikeln zum Thema Taproot und Quantenrisiko separat behandelt.

Ein Beitrag der HOGE Wire Redaktion, Bitcoin- und Layer-1-Desk.

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