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● Mining & Staking

Marathon vs. Riot: Riots KI-Anker verschiebt die Wette

Riot hat den KI-Anker gelandet, den Marathon seit Monaten sucht. Die Q2-Zahlen 2026 zeigen, wie unterschiedlich die beiden größten Bitcoin-Miner ihre Wette auf Rechenzentren spielen.

Sechs Wochen können in diesem Marktzyklus über eine ganze Investmentthese entscheiden. Anfang Juli lautete das nüchterne Fazit fast jeder Analyse zu den beiden größten börsennotierten Bitcoin-Minern der USA, MARA Holdings (früher Marathon Digital) und Riot Platforms, ungefähr so: Der Umbau vom reinen Miner zum Betreiber von KI-Rechenzentren läuft, aber entschieden ist noch nichts. Am 5. und 6. August 2026 legten beide Unternehmen ihre Zahlen zum zweiten Quartal vor. Mit ihnen kam ein Ereignis, das die Karten neu mischt: Riot hat den Anker-Großmieter gelandet, den die gesamte Branche seit Monaten sucht.

Der Moment, in dem sich die Wette drehte

Riot unterzeichnete einen Leasingvertrag über 20 Jahre und 191 Megawatt kritischer IT-Leistung mit, so die offizielle Formulierung, einem der weltweit führenden Frontier-KI-Labore. Der Vertrag soll über die Grundlaufzeit rund 9,1 Milliarden US-Dollar (etwa 7,9 Milliarden Euro) einbringen, mit zwei Verlängerungsoptionen von je fünf Jahren sogar bis zu rund 16,1 Milliarden US-Dollar (rund 14 Milliarden Euro), wie das Unternehmen in seiner Quartalsmitteilung darlegte. Das ist genau die Art von verankertem Großkunden, deren Fehlen bei den Minern bis vor Kurzem als wichtigster Baustein der Baisse-These galt.

Die Symbolik ist erheblich. Über Monate stand im Raum, ob Bitcoin-Miner überhaupt in der Lage sind, ihre Stromverträge, ihr Netzwissen und ihre Grundstücke in belastbare Mietverträge mit den Schwergewichten der KI-Welt zu verwandeln, oder ob das nur eine Erzählung für die Aktienkurse bleibt. Riots Abschluss ist der bislang deutlichste Beleg, dass der Schwenk real werden kann. Und er kam ausgerechnet von jenem der beiden Rivalen, der als der diszipliniertere, weniger vertikal integrierte galt. MARA, der größere Miner mit der aggressiveren Infrastrukturstrategie, hat einen vergleichbaren Ankermieter in dieser Größenordnung bislang nicht vermeldet.

Alle Umrechnungen in diesem Text nutzen der Einfachheit halber einen Kurs von rund 1,15 US-Dollar je Euro (Stand 14. August 2026, Trading Economics). Bitcoin selbst notierte an diesem Tag bei rund 62.800 US-Dollar, also etwa 54.600 Euro (Fortune), und damit rund die Hälfte unter dem Rekordhoch von knapp 126.200 US-Dollar (rund 110.000 Euro) vom Oktober 2025. Dieser Preisrückgang ist der eigentliche Grund, warum beide Miner ihre Geschäftsmodelle so hektisch umbauen.

Zwei Schwergewichte, zwei Strategien

MARA Holdings und Riot Platforms sind die beiden größten an der Nasdaq notierten Bitcoin-Miner. Beide sind seit Jahren im Geschäft, beide haben den Absturz der Mining-Margen 2026 hautnah erlebt, und beide haben denselben Ausweg gewählt: Sie wollen einen Teil ihrer riesigen Stromkapazitäten für Künstliche Intelligenz und High-Performance-Computing (HPC) vermieten oder selbst betreiben. Doch die Wege dorthin unterscheiden sich grundlegend, und genau diese Differenz macht den Vergleich so lehrreich.

MARA unter Vorstandschef Fred Thiel verfolgt eine Strategie der vertikalen Integration. Das Unternehmen kauft Kraftwerke, sichert sich eigene Stromerzeugung und will als Anbieter kompletter digitaler Infrastruktur auftreten, vom Megawatt bis zum fertigen Rechenzentrum. Der Leitgedanke: Wer die Energie besitzt, besitzt die entscheidende Ressource. Riot unter Jason Les setzt dagegen stärker auf Kapitaldisziplin und ein Vermietermodell. Statt selbst Kraftwerke zu betreiben, baut Riot seine texanischen Standorte zu Rechenzentren um und verpachtet Kapazität an Ankermieter wie den Chiphersteller AMD und nun an ein Frontier-KI-Labor.

Wichtig für das Verständnis der Quartalszahlen: Beide Unternehmen bilanzieren ihre Bitcoin-Bestände zum Marktwert, und Wertänderungen laufen direkt durch die Gewinn- und Verlustrechnung. In einem Quartal mit fallendem BTC-Kurs erzeugt das gewaltige Buchverluste, selbst wenn das operative Geschäft solide läuft. Wer die Ergebnisse liest, muss deshalb operative Kennzahlen und bilanzielle Bewertungseffekte strikt auseinanderhalten.

Das zweite Quartal 2026 im direkten Vergleich

Die nackten Zahlen zeigen eine paradoxe Symmetrie: Beide Miner setzten im zweiten Quartal fast exakt gleich viel um, rund 174 Millionen US-Dollar, und beide schrieben hohe Nettoverluste. Doch die Zusammensetzung dieser Umsätze und die Größe der Verluste erzählen zwei sehr verschiedene Geschichten.

Kennzahl (Q2 2026)MARA HoldingsRiot Platforms
Umsatz gesamt174,9 Mio. USD174,2 Mio. USD
davon Nicht-Mining (RZ + Engineering)im Aufbau60,5 Mio. USD
Nettoverlust611,3 Mio. USD237,2 Mio. USD
Ergebnis je Aktie-1,60 USD-0,68 USD
Produzierte Bitcoin2.4221.587
Bitcoin-Bestand (30.6.)35.57711.380
Hashraterund 70 EH/s (energisiert)44,4 EH/s (eingesetzt)
Stromportfolio (Ziel)rund 4,8 GWrund 1,7 GW plus Ausbau
Quellen: Riot Platforms, MARA Q2-Bericht. Hashrate-Kennzahlen sind nicht identisch definiert.

MARA blieb der größere Miner: 2.422 produzierte Bitcoin (ein Plus von acht Prozent gegenüber dem Vorquartal, im Schnitt 26,6 BTC pro Tag) und eine energisierte Hashrate von rund 70 Exahash pro Sekunde, laut eigenen Angaben ein Zuwachs von 22 Prozent im Jahresvergleich (Investing.com). Riot kam auf 1.587 Bitcoin und eine eingesetzte Hashrate von 44,4 EH/s per 30. Juni. Ein Detail für Genaue: Energisierte Hashrate zählt auch angeschlossene, aber nicht durchgehend laufende Maschinen mit und überzeichnet die tatsächliche Produktion tendenziell, weshalb MARAs Vorsprung bei der reinen Förderung kleiner ausfällt, als es die Hashrate-Differenz vermuten lässt.

Der entscheidende Unterschied steht in der Umsatzzusammensetzung. Bei Riot stammten bereits 60,5 Millionen US-Dollar aus Nicht-Mining-Geschäft: 23,2 Millionen aus dem neuen Rechenzentrumssegment und 37,3 Millionen aus dem Engineering-Geschäft (elektrische Anlagen). Das Mining selbst steuerte 113,7 Millionen bei. Bei MARA ist das Nicht-Mining-Geschäft noch nicht material; hier dominiert weiterhin das reine Schürfen. Riots Diversifikation ist also nicht nur eine Ankündigung, sie taucht bereits in der Erfolgsrechnung auf.

Riots Coup: 20 Jahre, 191 Megawatt und ein Frontier-KI-Labor

Der Leasingvertrag ist das Herzstück der Riot-Story. Über die 20-jährige Grundlaufzeit bis Juni 2048 rechnet Riot mit rund 9,1 Milliarden US-Dollar Vertragserlös, mit den beiden Fünf-Jahres-Optionen bis zu 16,1 Milliarden. Der geschätzte kumulierte Netto-Betriebsgewinn (NOI) liegt bei 7,3 bis 8,2 Milliarden US-Dollar über die Grundlaufzeit, im Schnitt also rund 320 bis 360 Millionen Euro pro Jahr. Die Auslieferung erfolgt gestaffelt: 96 Megawatt bis Dezember 2027, die vollen 191 Megawatt bis Juni 2028. Zur Zwischenfinanzierung stellte Morgan Stanley eine Fazilität über 573 Millionen US-Dollar (rund 500 Millionen Euro) bereit.

Zusammen mit dem AMD-Vertrag über 50 Megawatt kommt Riot damit auf 241 Megawatt vertraglich gebundene Rechenzentrumskapazität und rund 9,8 Milliarden US-Dollar (etwa 8,5 Milliarden Euro) langfristig kontrahierten Erlös, aufgeteilt auf zwei Mieter. Vorstandschef Jason Les nannte den Abschluss in der Mitteilung „einen entscheidenden Moment in unserer Entwicklung zu einem führenden Entwickler großskaliger Rechenzentren“ und verwies auf die bereits gesicherten Finanzmittel, um die Kapazität auszubauen. Der Umbau vom Miner zum Infrastrukturbetreiber ist damit für Riot kein Zukunftsversprechen mehr, sondern eine unterschriebene Verpflichtung mit festem Zeitplan.

Offiziell nennt Riot den Mieter nur „eines der weltweit führenden Frontier-KI-Labore“. Mehrere Medien berichteten jedoch übereinstimmend, dass es sich um Anthropic handelt, das Unternehmen hinter der KI-Assistentin Claude. Der Branchendienst DataCenterDynamics und eine Bloomberg-Meldung nannten Anthropic als Vertragspartner unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen. Riot selbst hat den Namen nicht bestätigt. Für die Einordnung ist die Identität weniger wichtig als die Bonität: Ein kapitalstarkes, schnell wachsendes KI-Labor als Ankermieter über 20 Jahre ist genau das, was aus einem Miner-Grundstück eine berechenbare Cashflow-Maschine machen kann, sofern der Mieter zahlungsfähig bleibt.

Marathons Gegenwette: 4,8 Gigawatt und eigene Kraftwerke

MARA hat den einen großen Mietvertrag noch nicht, verfolgt dafür aber eine strukturell andere, kapitalintensivere Strategie. Das Unternehmen baut sein Stromportfolio auf ein Ziel von rund 4,8 Gigawatt aus, mehr als eine Verdopplung der bisherigen Kapazität, und positioniert sich als vertikal integrierter Anbieter digitaler Infrastruktur (Blockchain.news). Kernstück ist die im April 2026 angekündigte Übernahme von Long Ridge Energy, einem kombinierten Gaskraftwerk mit 505 Megawatt in Ohio, für rund 1,5 Milliarden US-Dollar (etwa 1,3 Milliarden Euro). Damit besitzt MARA nicht nur Rechenzentren, sondern auch die Stromerzeugung dahinter.

Die Logik dahinter formulierte Fred Thiel bereits vor einiger Zeit unmissverständlich. Mining sei ein Nullsummenspiel, sagte er dem Fachdienst CoinGeek: „Bis 2028 werden Sie entweder selbst ein Stromerzeuger sein, einem gehören oder mit einem verbündet sein. Die Tage, in denen man als Miner einfach am Netz hängt, sind gezählt“. Genau diese Überzeugung erklärt, warum MARA lieber ein Gaskraftwerk kauft, als nur Fläche zu vermieten. Auf der Telefonkonferenz zum zweiten Quartal sagte Thiel zudem, die Nachfrage potenzieller HPC-Kunden über die Partnerschaft mit dem Immobilienkonzern Starwood sei „größer als ursprünglich erwartet“ ausgefallen.

Der Preis dieser Strategie ist Geduld. Vertikale Integration bindet mehr Kapital und produziert erst dann Erlöse, wenn die eigenen Rechenzentren tatsächlich vermietet oder betrieben werden. MARA hält zudem mit 35.577 Bitcoin (Wert rund 2,1 Milliarden US-Dollar, etwa 1,8 Milliarden Euro, zum Quartalsende) die deutlich größere Kriegskasse an eigenen Coins. Das ist Chance und Klumpenrisiko zugleich: Steigt Bitcoin, wächst der Puffer; fällt der Kurs, schlägt das voll auf die Bilanz durch, wie das zweite Quartal drastisch zeigte.

Warum beide Miner Milliardenverluste schreiben

Auf den ersten Blick wirken die Nettoverluste alarmierend: 611,3 Millionen US-Dollar (rund 530 Millionen Euro) bei MARA, 237,2 Millionen (rund 206 Millionen Euro) bei Riot. Doch der größte Treiber ist buchhalterischer Natur. Bei MARA gingen rund 343 Millionen US-Dollar auf einen unrealisierten Marktwertverlust auf digitale Vermögenswerte zurück, also auf die Neubewertung der eigenen Bitcoin-Bestände zum gesunkenen Kurs. Es ist kein Zahlungsabfluss, sondern eine Bewertungsanpassung. Bei Riot wirkte derselbe Mechanismus: Das bereinigte EBITDA drehte von plus 495,3 Millionen im Vorjahresquartal auf minus 69,7 Millionen, fast ausschließlich wegen der Bitcoin-Neubewertung.

Diese Bilanzierungsregel macht die Quartalsergebnisse beider Firmen teilweise zu einer verkappten Bitcoin-Wette. In Quartalen mit steigendem BTC-Kurs verwandeln sich dieselben Bestände in gewaltige Buchgewinne, wie das positive Vorjahres-EBITDA von Riot belegt. Anleger, die nur auf die Verlustzeile schauen, ziehen deshalb schnell die falschen Schlüsse. Aussagekräftiger sind operative Größen wie Umsatz, produzierte Bitcoin, Kosten je Coin und, zunehmend, die vertraglich gesicherten Rechenzentrumserlöse. Wer den Zusammenhang zwischen Margendruck, Bitcoin-Preis und dem Ausweg über KI vertiefen möchte, findet in unserer Analyse zum dritten großen Miner-Shakeout die längere historische Linie.

Die Mining-Ökonomie: Hashprice, Difficulty und die Kostenklemme

Um zu verstehen, warum beide Unternehmen überhaupt umbauen, hilft ein Blick auf die Grundrechnung des Minings. Die zentrale Kennzahl ist der Hashprice, also der tägliche Umsatz je Petahash Rechenleistung. Mitte August 2026 lag er bei rund 32 US-Dollar pro PH und Tag, laut dem Hashrate Index etwa halb so hoch wie ein Jahr zuvor. Bei diesem Niveau arbeitet ein erheblicher Teil der weltweiten Flotte nahe oder unter der Gewinnschwelle. Die Netzwerk-Hashrate hielt sich bei knapp 900 EH/s, die Mining-Schwierigkeit (Difficulty) bei rund 127 Billionen.

Die entscheidende Unterscheidung ist die zwischen Cash-Kosten und Vollkosten. Riots Quartalsbericht liefert dafür ein sauberes Rechenbeispiel: Die Kosten, um einen Bitcoin zu schürfen, lagen ohne Abschreibungen bei 49.912 US-Dollar, mit Abschreibungen bei 90.631 US-Dollar. Das entspricht 126,5 Prozent des Produktionswerts je Coin, der sich daraus auf rund 71.600 US-Dollar errechnet. Im Klartext: Auf Basis der laufenden Barkosten mint Riot profitabel, nach GAAP inklusive Abschreibungen ist dasselbe Bitcoin ein Verlustgeschäft. Wie man solche Kennzahlen richtig einordnet und welche Fallstricke Miner-Bilanzen bergen, haben wir in unserem Leitfaden zu Miner-Margen ausführlich erklärt.

Mining-Ökonomie Q2 2026WertAnmerkung
Hashpricerund 32 USD / PH / Tagetwa 50 Prozent unter Vorjahr
Netzwerk-Hashrateknapp 900 EH/svolatil, tagesabhängig
Difficultyrund 127 Bio.nächste Anpassung Ende August
Riot: Cash-Kosten je BTC49.912 USDohne Abschreibungen
Riot: Vollkosten je BTC90.631 USD126,5 Prozent des Produktionswerts
Riot: Produktionswert je BTCrund 71.600 USDrechnerisch abgeleitet
MARA: Kosten je BTC (eigene Methodik)38.690 USDnicht direkt mit Riot vergleichbar
Quellen: Hashrate Index, Riot, MARA. Kosten-Methodiken der Miner sind nicht standardisiert.

MARAs ausgewiesene Kosten je Coin von 38.690 US-Dollar wirken auf den ersten Blick niedriger, sind aber wegen einer anderen Abschreibungspolitik und der schieren Flottengröße nicht direkt mit Riots Zahl vergleichbar. Ein sektorweiter Referenzpunkt: Laut dem CoinShares Mining Report arbeiteten zuletzt rund 15 bis 20 Prozent der globalen Flotte unrentabel. Genau dieser Druck treibt die Konsolidierung und den KI-Schwenk.

Der KI-Schwenk: warum ein Megawatt für KI mehr einbringt

Warum überhaupt der ganze Aufwand? Weil ein Megawatt Strom, das in KI-Rechenzentren steckt, schlicht mehr abwirft als dasselbe Megawatt im Bitcoin-Mining. John Todaro, Analyst bei Needham, brachte es gegenüber CoinGeek auf den Punkt: „Der Umsatz je Megawatt und die EBITDA-Margen sind bei HPC und KI-Colocation deutlich höher als beim Mining“. Mining-Erlöse schwanken mit Bitcoin-Kurs und Hashprice und werden alle vier Jahre durch das Halving halbiert; ein 20-Jahres-Mietvertrag mit einem KI-Labor liefert dagegen planbare, indexierte Zahlungen.

Wie schnell diese Verschiebung geht, illustriert eine Prognose von James Butterfill, Forschungschef bei CoinShares. Er erwartet, dass große Miner bis Jahresende bis zu 70 Prozent ihrer Erlöse aus KI beziehen könnten, gegenüber rund 30 Prozent heute. Riots Quartal mit 60,5 Millionen US-Dollar Nicht-Mining-Umsatz ist ein erster Schritt in diese Richtung. Der Engpass ist dabei weniger die Nachfrage als der Strom selbst: Rechenzentren für KI-Training brauchen stabile, hochverfügbare Leistung, aufwendige Kühlung und schnelle Netzanschlüsse.

Damit rückt der Wettbewerb um Strom ins Zentrum. Miner sitzen auf begehrten Netzanschlüssen und Flächen, konkurrieren nun aber mit Hyperscalern und KI-Laboren um dieselben Kilowattstunden. Wer eigene Erzeugung besitzt (MARAs Ansatz) oder langfristige Stromverträge und flexible Lastprogramme nutzt (Riots texanische Standorte im ERCOT-Netz, die im ersten Halbjahr 31,1 Millionen US-Dollar an Stromgutschriften einbrachten), hat einen strukturellen Vorteil. Wie sich Mining, Abwärmenutzung und der Hunger der KI nach Energie überlagern, beleuchten wir gesondert im Energiemix 2026.

Marathon und Riot sind nicht allein

Der Schwenk zur KI ist kein Zweikampf, sondern ein Wettlauf der gesamten Branche. Börsennotierte Bitcoin-Miner haben inzwischen KI- und HPC-Verträge im kumulierten Volumen von über 70 Milliarden US-Dollar angekündigt (Investing.com). Riots 9,1-Milliarden-Deal ist also kein Ausreißer, sondern Teil einer Welle, in der Schürf-Farmen zu Rechenzentren umgewidmet werden.

Die Rivalen liefern die Vergleichsmaßstäbe. Beim Betreiber Core Scientific sicherte sich der Chipkonzern AMD 529 Megawatt über 15-Jahres-Verträge im Volumen von mehr als 14 Milliarden US-Dollar (TechTimes); zusätzlich vermietet Core Scientific Kapazität an den KI-Cloud-Anbieter CoreWeave. Auch Hut 8 und TeraWulf haben große Teile ihrer Kapazität in langfristige KI-Rechenzentrumsverträge umgewandelt, statt allein auf schwankende Mining-Erlöse zu setzen.

Der Markt belohnt diese Umbauten teils spektakulär: Hut 8, TeraWulf und Core Scientific legten 2026 jeweils mehr als 90 Prozent zu, weil Investoren die planbaren, langfristigen Mietverträge (im Fachjargon Triple-Net-Leases) höher bewerten als volatile Schürf-Einnahmen (Investing.com). Genau in diesem Kontext sind Riots Aufwertung und MARAs Zurückhaltung an der Börse zu lesen: Wer den Ankermieter unter Dach und Fach hat, wird als Infrastrukturwert gehandelt; wer vor allem schürft, bleibt eine reine Bitcoin-Wette.

Was die Börse sagt: Kurse, Analysten und die Bewertungslücke

Der Kapitalmarkt hat sich bereits ein Urteil gebildet, und es fällt eindeutiger aus, als die spiegelbildlichen Umsätze vermuten lassen. Riot notierte Mitte August um 19,21 US-Dollar (rund 16,70 Euro) und lag damit im laufenden Jahr trotz eines volatilen Umfelds gut 50 Prozent im Plus, auf Zwölfmonatssicht sogar rund 66 Prozent (GuruFocus). MARA dagegen dümpelte bei rund 9,56 US-Dollar (etwa 8,30 Euro) nahe der unteren Spanne der vergangenen Monate, bei einer Marktkapitalisierung von rund 3,5 Milliarden Euro (StockAnalysis).

Nach den Quartalszahlen hoben mehrere Analysten ihre Kursziele für Riot an; das Haus B. Riley bestätigte seine Kaufempfehlung mit Verweis auf den Rockdale-Vertrag. Bei MARA ist das Bild gespaltener: Morgan Stanley hob das Kursziel zwar auf 6 US-Dollar an, blieb aber bei „Underweight“, während der Konsens von 13 Analysten laut einer Erhebung im Schnitt weiter bei „Buy“ und einem Ziel um 18 US-Dollar lag. Diese Spannbreite spiegelt die Unsicherheit: MARAs Wette ist größer und potenziell lukrativer, aber sie ist eben noch nicht durch einen unterschriebenen Ankermieter validiert.

DimensionVorneBegründung
Mining-Skala (Hashrate)MARArund 70 gegen 44 EH/s
Bitcoin-ProduktionMARA2.422 gegen 1.587 BTC
Bitcoin-ReservenMARA35.577 gegen 11.380 BTC
Verankerter KI-GroßmieterRiot20-Jahres-Vertrag, 191 MW
Vertraglich gesicherte RZ-ErlöseRiotrund 9,8 Mrd. USD
Eigene StromerzeugungMARALong-Ridge-Gaskraftwerk
Aktienkurs 2026Riotdeutlich vor MARA
Qualitative Einordnung der Redaktion auf Basis der Q2-2026-Berichte; keine Anlageempfehlung.

Die Bewertungslücke ist der Kern der aktuellen Geschichte: Der kleinere, disziplinierte Vermieter Riot wird höher belohnt als der größere, kapitalintensive Integrator MARA, weil Riot den Beweis geliefert hat, den MARA noch schuldig bleibt. Ob das dauerhaft so bleibt, hängt davon ab, ob MARA seinerseits einen Großmieter gewinnt oder ob sich vertikale Integration in einem Umfeld knappen Stroms als der überlegene Ansatz erweist.

So kommen deutsche Anleger an die Aktien

Beide Unternehmen sind an der US-Technologiebörse Nasdaq gelistet und damit auch für Anleger aus dem deutschsprachigen Raum zugänglich. Wer investieren möchte, hat im Wesentlichen diese Wege:

  • Direktkauf über einen Broker mit US-Zugang, in US-Dollar an der Nasdaq.
  • Kauf über deutsche Handelsplätze wie Xetra, Tradegate oder Gettex, notiert in Euro (mit teils höheren Spreads und Wechselkursrisiko).
  • Thematische ETFs oder ETPs mit Mining-Bezug, die ein Bündel von Miner-Aktien abbilden und Einzeltitelrisiko streuen.
  • Hebel- und Zertifikateprodukte; hier gilt es, das Basisinformationsblatt genau zu lesen und die Totalverlust-Gefahr einzupreisen.

Regulatorisch ist die Lage klar umrissen. MARA und Riot sind bei der US-Börsenaufsicht SEC registriert und veröffentlichen dort ihre Quartalsberichte (10-Q) und Ad-hoc-Meldungen (8-K). Die SEC stellte im März 2025 in einer Erklärung ihrer Abteilung Corporation Finance klar, dass Proof-of-Work-Mining auf öffentlichen, erlaubnisfreien Netzwerken kein Wertpapierangebot im Sinne des Howey-Tests darstellt. Für die Aktien der Miner gilt hingegen normales US-Wertpapierrecht.

Und die BaFin? Für die Miner-Aktien selbst ist die deutsche Aufsicht nicht zuständig; das ist Sache der SEC. Die europäische Krypto-Verordnung MiCA wiederum regelt Krypto-Dienstleister (CASPs) und die Emission von Krypto-Werten, nicht aber das Mining als Tätigkeit oder ausländische Aktien, wie die BaFin in ihrem Merkblatt zu Kryptowerte-Dienstleistungen erläutert. Für deutsche Anleger bedeutet das vor allem eines: Sie tragen ein Währungsrisiko (US-Dollar) und halten faktisch eine gehebelte Wette auf Bitcoin und den Ausbau von KI-Infrastruktur zugleich. Wer stattdessen breiter am Krypto-Aktienmarkt teilhaben will, findet in der zweiten Welle der Krypto-ETFs mögliche Alternativen.

Die Risiken: wo beide Wetten scheitern können

So verlockend die KI-Erzählung klingt, die Umsetzung ist alles andere als garantiert. Die wichtigsten Bruchstellen im Überblick:

  • Ausführungsrisiko: Ein KI-Rechenzentrum zu bauen ist anspruchsvoller als Miner aufzustellen. Riots volle 191 Megawatt sollen erst bis Juni 2028 stehen; jede Verzögerung bei Bau, Netzanschluss oder Kühlung kostet Erlös.
  • Klumpenrisiko Einzelmieter: Ein Großteil von Riots künftigen Rechenzentrumserlösen hängt an einem einzigen KI-Labor. Gerät dieser Mieter in Schwierigkeiten oder ändert seine Kapazitätsplanung, trifft das Riot hart.
  • Bilanz und Verschuldung: Der Umbau ist kapitalhungrig. Zwischenfinanzierungen, Wandelanleihen und mögliche Kapitalerhöhungen können Aktionäre verwässern oder die Zinslast erhöhen.
  • Bitcoin-Preis: Beide bewerten ihre BTC-Bestände über die Erfolgsrechnung. Ein weiterer Kursrutsch belastet die Ergebnisse und den Finanzierungsspielraum unmittelbar.
  • Strom und Regulierung: Netzengpässe, steigende Strompreise oder lokale Widerstände gegen große Rechenzentren können Zeitpläne und Margen kippen.

Hinzu kommt ein struktureller Punkt: Die Miner treten im KI-Geschäft gegen etablierte Rechenzentrumsbetreiber und Hyperscaler an, die über mehr Erfahrung mit Colocation, Service-Level-Vereinbarungen und Betrieb verfügen. Der Vorteil der Miner liegt fast ausschließlich in Strom und Standort, nicht im Betrieb. Ob dieser Vorteil ausreicht, um dauerhaft hochwertige KI-Mieter zu halten, ist die offene Frage hinter der gesamten Branche.

Der Stresstest 2028: das nächste Halving

Über allem schwebt ein fester Termin: das nächste Bitcoin-Halving im Jahr 2028, das die Blocksubvention von aktuell 3,125 auf 1,5625 BTC halbiert. Für reine Miner bedeutet das eine schlagartige Halbierung des wichtigsten Umsatzhebels, sofern der Bitcoin-Preis oder die Transaktionsgebühren das nicht ausgleichen. Genau dieser Countdown ist der eigentliche Grund für die Hektik: Wer bis 2028 kein zweites Standbein aufgebaut hat, gerät bei stagnierendem Kurs in existenzielle Not.

Zugleich besitzt das Bitcoin-Netzwerk einen eingebauten Stabilisator. Fällt der Preis unter die Produktionskosten der teuersten Miner, schalten diese ab, die Hashrate sinkt, und die Difficulty passt sich nach unten an, was die verbliebenen Miner entlastet. JPMorgan-Analyst Nikolaos Panigirtzoglou beschrieb diesen Mechanismus so: „Wenn Bitcoin unter seinen Produktionskosten handelt, fahren höherkostige Miner herunter, die Hashrate sinkt, und die Difficulty passt sich nach unten an“ (tftc.io). Wie diese Selbstregulierung im Detail funktioniert, erklärt unser Beitrag zur Mining-Schwierigkeit.

Für den Vergleich Marathon gegen Riot heißt das: Das KI-Geschäft ist nicht nur eine Wachstumsfantasie, sondern eine Versicherung gegen den Halving-Schock. Der Miner, der bis 2028 den größeren, verlässlicheren Anteil planbarer Rechenzentrumserlöse aufgebaut hat, geht mit dem robusteren Geschäftsmodell in den nächsten Zyklus. Nach heutigem Stand liegt Riot bei dieser Absicherung vorn, MARA bei der schieren Kapazität, die es noch zu monetarisieren gilt.

Fazit: ein erster Sieger, aber kein entschiedenes Spiel

Das zweite Quartal 2026 hat die Marathon-gegen-Riot-Wette nicht beendet, aber es hat ihr eine erste Richtung gegeben. Riot hat als Erster geliefert, was die Branche beweisen musste: einen echten, langfristigen Ankermieter aus der KI-Welt, unterlegt mit Finanzierung und Zeitplan. Der Markt honoriert das mit einer klaren Kursdivergenz. MARA bleibt der größere Miner mit der ambitionierteren, aber noch unbewiesenen Vision der vollständigen vertikalen Integration.

Entschieden ist damit nichts. MARAs 4,8-Gigawatt-Portfolio und eigene Stromerzeugung könnten sich in einer Welt knapper Energie als der wertvollere Ansatz erweisen, sobald ein großer Mietvertrag folgt. Riots Modell wiederum steht und fällt mit der Bonität und Kapazitätsplanung seines Ankermieters. Für Anleger im deutschsprachigen Raum bleibt beides eine Hochrisiko-Wette auf zwei Dinge zugleich: den Bitcoin-Preis und die Fähigkeit ehemaliger Miner, sich in glaubwürdige KI-Infrastrukturbetreiber zu verwandeln. Das nächste Kapitel schreiben die Quartale bis 2028.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen MARA (Marathon) und Riot Platforms?

Beide sind die größten börsennotierten Bitcoin-Miner der USA und bauen zu KI-Rechenzentren um. MARA ist der größere Miner und setzt auf vertikale Integration mit eigener Stromerzeugung, etwa dem Kauf eines Gaskraftwerks. Riot ist etwas kleiner, dafür stärker diversifiziert und verfolgt ein Vermietermodell, das im zweiten Quartal 2026 mit einem 20-Jahres-Vertrag über 191 Megawatt einen großen KI-Ankermieter landete.

Wer ist der Mieter hinter Riots Milliarden-KI-Deal?

Riot nennt den Vertragspartner offiziell nur ein führendes Frontier-KI-Labor. Mehrere Medien wie DataCenterDynamics und Bloomberg berichteten unter Berufung auf Insider, dass es sich um Anthropic handelt, das Unternehmen hinter der KI-Assistentin Claude. Riot selbst hat den Namen bislang nicht bestätigt.

Warum machen MARA und Riot trotz Umsatz Milliardenverluste?

Der Hauptgrund ist buchhalterisch. Beide Miner bewerten ihre Bitcoin-Bestände zum Marktwert, und Kursverluste laufen direkt durch die Gewinn- und Verlustrechnung. Im zweiten Quartal 2026 fiel der Bitcoin-Preis, was allein bei MARA einen unrealisierten Buchverlust von rund 343 Millionen US-Dollar auslöste. Es handelt sich überwiegend um Bewertungseffekte, nicht um echte Zahlungsabflüsse.

Sind MARA- oder Riot-Aktien 2026 die bessere Wahl?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten und ist keine Anlageempfehlung. Der Markt bevorzugte 2026 klar Riot, dessen Aktie deutlich zulegte, weil das Unternehmen mit dem KI-Ankermieter den Umbau bereits belegt hat. MARA bietet mehr Mining-Skala und größere Bitcoin-Reserven, muss den entscheidenden Großmieter aber noch gewinnen. Beide Titel sind hochvolatil und stark vom Bitcoin-Preis abhängig.

Wie können deutsche Anleger in Bitcoin-Mining-Aktien investieren?

Über einen Broker mit Zugang zur US-Börse Nasdaq lassen sich MARA und Riot direkt in US-Dollar kaufen. Alternativ notieren beide an deutschen Handelsplätzen wie Xetra oder Tradegate in Euro, und thematische ETFs oder ETPs bündeln mehrere Miner-Aktien. Zu beachten sind Währungsrisiko, hohe Volatilität und die enge Kopplung an den Bitcoin-Kurs.

Von Yuki Tanaka, HOGE Wire. Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung und keine Anlage- oder Steuerberatung.

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