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● Mining & Staking

Energiemix 2026: Die grüne Zahl wird Pflicht, bleibt umstritten

2026 macht MiCA den Energiemix von Krypto zur Pflichtangabe. Doch drei Institute messen ihn mit drei Methoden und kommen auf Zahlen, die fast um den Faktor zwei auseinanderliegen.

Der Energieverbrauch von Bitcoin war jahrelang ein Streit um Bilder: rauchende Kohleschlote gegen saubere Wasserkraft, Klimasünder gegen Methanretter. 2026 hat sich die eigentliche Frage verschoben. Seit die Markets-in-Crypto-Assets-Verordnung (MiCA) voll greift und die verkürzte deutsche Übergangsfrist am 1. Juli 2026 ausgelaufen ist, ist der Strommix keine Marketingzahl mehr, sondern eine regulatorische Pflichtangabe. Wer in der EU Kryptowerte anbietet oder ein Whitepaper veröffentlicht, muss den Energieverbrauch des zugrunde liegenden Konsensmechanismus offenlegen.

Das Problem steckt in der Zahl selbst. Zwischen der niedrigsten seriösen Schätzung für Bitcoins Jahresstromverbrauch und der höchsten liegt beinahe der Faktor zwei. Sogar dieselbe Forschungsstelle in Cambridge meldete binnen 18 Monaten einen Sprung von 138 auf 190 Terawattstunden. Dieser Text handelt deshalb nicht davon, wie grün Bitcoin ist, sondern davon, wer das misst, warum die Ergebnisse so weit auseinanderklaffen und was ein Anleger in Frankfurt oder Wien davon tatsächlich nachprüfen kann. Am Ende steht ein unbequemer Befund: Bei Ethereum lässt sich die Antwort nachrechnen, bei Bitcoin bleibt sie eine Frage des Vertrauens.

Von der PR-Kennzahl zur gesetzlichen Pflicht

Bis vor Kurzem war der Anteil erneuerbarer Energie ein Argument in einer Debatte, das jede Seite nach Belieben zurechtbog. Miner warben mit selbst berechneten Nachhaltigkeitsquoten, Kritiker konterten mit eigenen Modellen, und ein neutraler Maßstab fehlte. MiCA hat das geändert. Die Verordnung verpflichtet Anbieter von Krypto-Dienstleistungen (CASPs) und Whitepaper-Emittenten, eine Reihe von Umwelt-Kennzahlen offenzulegen, deren Format die europäische Wertpapieraufsicht ESMA in technischen Regulierungsstandards festgelegt hat. Maßgeblich ist die Delegierte Verordnung (EU) 2025/422, die den Katalog der Indikatoren und die Berechnungsmethodik vorgibt.

In Deutschland wacht die BaFin über die Umsetzung. Ihr Merkblatt zu Kryptowerte-Dienstleistungen stellt klar, dass die Aufsicht die Dienstleister und Emittenten reguliert, nicht das Protokoll selbst; ein Miner in Texas fällt nicht unter MiCA, wohl aber die Handelsplattform in der EU, die den geschürften Bitcoin listet. Die Pflicht trifft also die Schnittstelle zum Anleger, und genau dort wird der Energiemix jetzt zur nachlesbaren Angabe im Whitepaper. Was das für die Praxis von Plattformen und Anlegern bedeutet, ordnet unsere Analyse zur MiCA-Umsetzung 2026 ein.

Der Haken: Eine Pflicht zur Offenlegung ist noch keine Pflicht zur Wahrheit. MiCA schreibt vor, dass eine Zahl genannt wird, und es legt fest, nach welcher Formel sie zu bilden ist. Ob diese Zahl die physikalische Realität an der Steckdose des Miners abbildet, ist eine ganz andere Sache. Um das zu verstehen, muss man wissen, wie überhaupt gemessen wird, und dabei zeigt sich schnell, dass es die eine Messung gar nicht gibt.

Drei Institute, drei Zahlen

Es gibt keine zentrale Stelle, die den Stromverbrauch des Bitcoin-Netzwerks abliest wie ein Zähler im Keller. Alle Zahlen sind Modelle. Drei Akteure dominieren die Debatte, und sie kommen mit unterschiedlichen Methoden zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die folgende Übersicht zeigt, wie weit die Ansätze auseinanderliegen, bevor wir sie einzeln durchgehen.

AkteurMethodeJüngste SchätzungKernaussage
Cambridge (CCAF)Bottom-up: Hardware und Effizienz plus Betreiberumfrage138 TWh (2025), vorläufig 190 TWh; 52,4 bis 59,4 Prozent CO2-armDer etablierte Mittelweg
Digiconomist (Alex de Vries)Top-down: ökonomisches Modell über die Miner-Erlöseüber 200 TWhDer Verbrauch wird systematisch unterschätzt
Daniel Batten (CH4 Capital)Eigene Standortdatenbank plus Methan-Verrechnungrund 52,6 Prozent nachhaltig, Netto-Emissionen niedrigerDie Standardbilanz überzeichnet den Schaden

Diese drei Zahlen sind nicht einfach Messfehler, die sich mitteln lassen. Sie beruhen auf unvereinbaren Grundannahmen darüber, was man überhaupt misst und wie man das Unbekannte schätzt. Wer die Debatte verstehen will, muss die drei Ansätze getrennt betrachten, denn erst dann wird sichtbar, dass die Uneinigkeit kein Zeichen von Schlamperei ist, sondern von echter methodischer Unschärfe.

Wie Cambridge von 138 auf 190 Terawattstunden sprang

Der am häufigsten zitierte Maßstab kommt vom Cambridge Centre for Alternative Finance (CCAF). Sein Index arbeitet bottom-up: Er schätzt, welche ASIC-Modelle mit welcher Effizienz (Joule pro Terahash) am Netz sind, rechnet das auf die gemessene Hashrate hoch und leitet daraus einen Verbrauchskorridor ab. Für den Strommix ergänzt Cambridge diese Technik seit 2025 um eine Umfrage unter den Betreibern.

Die im April 2025 veröffentlichte Cambridge-Studie bezifferte den Jahresverbrauch auf 138 TWh, rund 0,5 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs, bei Emissionen von 39,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent. Der nachhaltige Anteil lag bei 52,4 Prozent (42,6 Prozent Erneuerbare plus 9,8 Prozent Kernkraft), gegenüber 37,6 Prozent im Jahr 2022. Bemerkenswert war die Verschiebung bei den fossilen Quellen: Erdgas war mit 38,2 Prozent zur größten Einzelquelle aufgestiegen, während Kohle von 36,6 auf 8,9 Prozent abstürzte.

Nur acht Monate später präsentierte CCAF-Forschungsleiter Alexander Neumueller auf dem Energy Investors Forum in Dallas vorläufige Zahlen für ein zweites Berichtsjahr, und sie fielen deutlich anders aus. Der Verbrauch war laut diesem Update um 38 Prozent auf 190 TWh gesprungen, der CO2-arme Anteil auf 59,4 Prozent gestiegen, und Wasserkraft hatte Erdgas als größte Einzelquelle überholt. Die Emissionen legten langsamer zu als der Verbrauch, von rund 40 auf 48 Millionen Tonnen, ein Plus von 20 Prozent. Cambridge kündigte an, die zweite Ausgabe seines Berichts noch 2026 vorzulegen.

Neumueller begründet den Anspruch seines Teams damit, eine hartnäckige Datenlücke zu schließen, indem man auf direkte Praxisdaten statt auf abstrakte Annahmen setze. Genau hier liegt aber auch die Schwäche: Die Umfrage deckt nur 48 Prozent der Netzwerkaktivität ab, gestützt auf 49 Firmen aus 23 Ländern. Der Rest wird modelliert. Und der vielzitierte US-Anteil von 75,4 Prozent ist der von den Befragten gemeldete Anteil, nicht der tatsächliche globale Hashrate-Anteil der USA, der nach anderen Erhebungen niedriger liegt. Eine Zahl, die auf einer Teilstichprobe beruht, kann sich stark bewegen, sobald neue Betreiber antworten oder alte ausscheiden; der Sprung von 138 auf 190 TWh ist dafür das beste Beispiel.

Selbst innerhalb der Cambridge-Methode ist die Zahl kein Punkt, sondern ein Korridor. Das Modell kennt die installierte Hardware nicht exakt, sondern schätzt anhand von Verkaufszahlen, Effizienzklassen und der beobachteten Hashrate, welche Gerätegenerationen wahrscheinlich noch laufen. In der Realität hängen an denselben Rechenzentren alte und neue ASICs nebeneinander, manche gedrosselt, manche im Standby. Cambridge gibt seine Schätzung deshalb traditionell als Bandbreite mit oberer und unterer Grenze an, und der oft zitierte Einzelwert ist nur der wahrscheinlichste Punkt in diesem Band. Wer eine gerundete Zahl aus einer Schlagzeile übernimmt, verliert genau diese Unsicherheit aus dem Blick.

Digiconomists Gegenrechnung

Alex de Vries, Forscher an der Vrije Universiteit Amsterdam und Betreiber von Digiconomist, hält den Cambridge-Ansatz für zu optimistisch. Sein Bitcoin Energy Consumption Index geht nicht von der Hardware aus, sondern von der Ökonomie: Er nimmt an, dass Miner einen bestimmten Anteil ihrer Erlöse für Strom ausgeben, und leitet aus dem Gesamterlös des Netzwerks den Verbrauch ab. Dieses Top-down-Modell liefert seit Jahren höhere Werte; zuletzt lag der Index über 200 TWh und damit spürbar über Cambridges 190.

Welcher Ansatz stimmt? Beide haben eine innere Logik, und beide haben eine systematische Schlagseite. Cambridges Bottom-up-Methode unterschätzt tendenziell, weil sie annehmen muss, welche Geräte laufen, und veraltete oder ineffiziente Hardware leicht übersieht. Die Top-down-Methode von de Vries überschätzt tendenziell, weil sie unterstellt, dass Miner ihr Budget voll ausreizen, auch wenn viele bei niedrigen Kursen Geräte abschalten. Die Wahrheit liegt vermutlich in einem breiten Band dazwischen, und genau dieses Band ist das Problem für jede Pflichtangabe, die eine einzige Zahl verlangt.

Der Kern des Streits lässt sich an einem einfachen Gedankenexperiment festmachen. Fällt der Bitcoin-Kurs stark, sinkt der Erlös pro geschürftem Coin. Im ökonomischen Modell von de Vries sinkt damit rechnerisch auch der Verbrauch, weil weniger Budget für Strom übrig bleibt. Im Hardware-Modell von Cambridge bleibt der Verbrauch dagegen zunächst hoch, weil die Maschinen physisch weiterlaufen, bis ihr Betrieb wirklich defizitär wird. Genau in solchen Phasen laufen die beiden Indizes am weitesten auseinander. Die Differenz ist also kein Zufall, sondern eine direkte Folge davon, ob man den Verbrauch aus dem Geld oder aus dem Blech herleitet.

De Vries hat die Debatte zudem über den reinen Strom hinaus geweitet. Er verweist auf Nebenwirkungen, die keine der Mix-Prozentzahlen erfasst: den Wasserverbrauch durch Kühlung und den Wasserfußabdruck fossiler Kraftwerke sowie den Elektroschrott. In einer viel zitierten Arbeit schätzten de Vries und Kollegen den ASIC-Elektroschrott auf über 30.000 Tonnen pro Jahr bei einer durchschnittlichen Gerätelebensdauer von rund 1,3 Jahren. Diese Externalitäten sind real, aber ihre Kennzahlen sind ähnlich umstritten wie die Verbrauchszahl selbst, und sie tauchen in MiCA nur als optionale Angaben auf.

Battens Konter: Methan als Gutschrift

Am anderen Ende steht Daniel Batten, ehemaliger Softwareunternehmer und heute Investor mit Fokus auf Bitcoin und Klimadaten. Batten stützt sich auf eine eigene Datenbank der Mining-Standorte und kommt beim nachhaltigen Anteil auf etwa 52,6 Prozent, also nah an Cambridge und weit unter dem Alarmismus mancher Schlagzeilen. Sein eigentliches Argument setzt aber woanders an: bei der Bilanzierung.

Batten hält die übliche Emissionsrechnung für irreführend, weil sie einen Sonderfall ignoriert. Wenn Miner Methan verstromen, das sonst abgefackelt oder direkt in die Atmosphäre entwichen wäre, verhindern sie Emissionen, die weit klimaschädlicher sind als das entstehende CO2 (Methan hat über einen Zeitraum von 20 Jahren ein Vielfaches der Treibhauswirkung von CO2). In einer gemeinsamen Modellrechnung mit weiteren Autoren argumentiert Batten, dass Mining an Deponien und Ölfeldern netto Emissionen mindern kann. Seine Analysen auf der Bitcoin-Magazine-Autorenseite beziffern die aktuelle Methan-Verrechnung auf rund 5,5 Prozent der Netzwerkemissionen, mit Spielraum nach oben.

Man muss Batten nicht folgen, um den Punkt zu sehen: Selbst wenn sich alle auf einen Strommix einigten, bliebe strittig, wie man vermiedene Emissionen verbucht. Eine Kilowattstunde aus Deponiegas ist bilanziell etwas anderes als eine Kilowattstunde aus Wasserkraft, obwohl beide als förderlich für die Klimabilanz gelten können. Der Streit verlagert sich damit von der Frage, wie viel Strom fließt, zur Frage, welche Buchführung gilt, und die ist noch weniger genormt als die Verbrauchsschätzung.

Der wahre Streitpunkt: standortbasiert gegen marktbasiert

Der tiefste Riss verläuft nicht zwischen den Instituten, sondern durch die Klimabilanzierung selbst. Nach dem international gängigen Greenhouse Gas Protocol lässt sich der Strombezug auf zwei Arten verbuchen. Die standortbasierte Methode fragt: Welcher Strommix liegt physikalisch am Netz, an das der Miner angeschlossen ist? Die marktbasierte Methode fragt: Welche Zertifikate hat der Miner gekauft?

Dieser Unterschied ist der Hebel für fast jede grüne Behauptung. Ein Miner kann physisch Kohle- und Gasstrom aus dem texanischen Netz beziehen und trotzdem glaubhaft „100 Prozent erneuerbar“ ausweisen, indem er Herkunftsnachweise (in Europa Guarantees of Origin, in den USA Renewable Energy Certificates) in entsprechender Menge erwirbt. Die Elektronen ändern sich nicht, nur die Buchung. Ob solche Zertifikate zusätzliche erneuerbare Kapazität schaffen oder nur bestehende umetikettieren, ist eine Dauerdebatte der gesamten Unternehmenswelt, nicht nur des Minings.

In Europa hat dieser Zertifikatehandel einen eigenen Namen und einen eigenen Markt. Herkunftsnachweise werden getrennt vom physischen Strom gehandelt, sodass ein Erzeuger die grüne Eigenschaft seines Stroms an einen Abnehmer verkaufen kann, der ganz woanders sitzt. Das ist politisch gewollt und für viele Zwecke sinnvoll, doch für die Frage, welchen Strom ein bestimmter Miner tatsächlich verbraucht, ist es Nebel. Ein Miner kann Herkunftsnachweise für norwegische Wasserkraft halten und trotzdem an einem Netz hängen, das in der fraglichen Stunde überwiegend mit Gas lief. Beide Aussagen sind gleichzeitig wahr, und beide lassen sich belegen.

Für den Bitcoin-Mix heißt das: Eine gemeldete Nachhaltigkeitsquote ist ohne Angabe der Methode fast wertlos. Zwei Miner mit identischem physischem Strombezug können völlig verschiedene Zahlen ausweisen, je nachdem, ob sie standort- oder marktbasiert rechnen. MiCA verlangt Offenlegung, schreibt aber keine einheitliche, prüffeste Wahl dieser Methode über alle Angaben hinweg vor, und niemand liest den Zähler des Miners in Kasachstan gegen. Damit ist die Pflichtangabe zwar da, ihre Vergleichbarkeit bleibt aber brüchig.

Die Zeitfalle: Wann der Strom fließt, verschweigt die Jahreszahl

Eine einzige Nachhaltigkeitsquote pro Jahr blendet aus, wann ein Miner Strom zieht. Genau das ist bei flexiblen Lasten entscheidend. Ein Miner, der tagsüber überschüssigen Solarstrom aufnimmt und in der Spitzenlast abschaltet, hat ein völlig anderes Emissionsprofil als einer, der rund um die Uhr Grundlast aus einem Gasnetz bezieht, selbst wenn beide auf demselben Jahresmittel landen.

Die Klimabilanzierung kennt diese Unterscheidung als stündliches gegen jährliches Matching. Große Stromverbraucher wie Rechenzentren streiten seit Jahren darüber, ob es reicht, über das Jahr genug Grünstrom-Zertifikate zu kaufen, oder ob man Stunde für Stunde sauberen Strom nachweisen muss. Für Miner ist die Frage besonders scharf, weil ihre Abschaltbarkeit ihr stärkstes grünes Argument ist: Sie können in Sekunden herunterfahren, wenn das Netz knapp wird, und so erneuerbare Kapazität wirtschaftlich machen, die sonst abgeregelt würde. Eine Jahresprozentzahl macht genau diesen Vorteil unsichtbar, weil sie den flexiblen Lastfolger nicht vom starren Grundlastbezieher trennt.

MiCA verlangt keinen stündlichen Nachweis; die Pflichtangabe bleibt ein Jahresmittel. Wer ein Nachhaltigkeitsversprechen prüft, sollte deshalb nicht nur fragen, wie grün der Strom war, sondern wann er floss. Beide Fragen zusammen ergeben ein Bild, das eine einzelne Prozentzahl nie liefern kann.

Ethereum, der Fall, den man nachrechnen kann

Genau hier trennt sich Proof-of-Work von Proof-of-Stake, und der Unterschied ist nicht nur graduell, sondern grundsätzlich. Seit dem Merge im September 2022 sichert Ethereum sein Netzwerk nicht mehr über Rechenleistung, sondern über hinterlegtes Kapital. Ein Validator ist kein Hallenschrank voller ASICs, sondern im Kern ein gewöhnlicher Rechner mit einem Verbrauch in der Größenordnung weniger Glühbirnen.

Die Zahlen sind deshalb nicht Gegenstand eines Messkriegs, sondern schlicht ausrechenbar. Laut ethereum.org, gestützt auf Daten des Crypto Carbon Ratings Institute (CCRI), verbraucht das gesamte Netzwerk rund 0,0026 TWh pro Jahr, also etwa 2.601 Megawattstunden. Der Merge senkte den Stromverbrauch um mehr als 99,988 Prozent und den CO2-Fußabdruck um rund 99,992 Prozent (von etwa 11 Millionen auf 870 Tonnen CO2-Äquivalent). Vor dem Merge lag Ethereum bei geschätzten 21 TWh; danach im Bereich eines mittelständischen Betriebs.

MerkmalBitcoin (PoW)Ethereum (PoS)
Jahresverbrauch138 bis über 200 TWh (umstritten)rund 0,0026 TWh (2.601 MWh)
DatenquelleModelle plus Teilumfragezählbare Validatoren
Strommixstandortabhängig, unscharfVerbrauch so klein, dass der Mix nachrangig ist
Nachprüfbar?praktisch neinweitgehend ja

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Ethereum weniger verbraucht, sondern dass sich sein Verbrauch aus der Zahl der Validatoren und ihrem bekannten Stromprofil direkt herleiten lässt. Es gibt keine verborgene Hardwareflotte, deren Effizienz man raten müsste. Wer die Verifizierbarkeit von Rechenprozessen ernst nimmt, findet hier eine saubere Parallele zur breiteren Debatte darüber, wie sich Aussagen über nicht einsehbare Berechnungen beweisen lassen; wir haben das am Beispiel überprüfbarer KI-Modelle in unserer Analyse zu zk-ML beschrieben.

Für die Mining-Staking-Debatte hat das eine praktische Folge, die über die reine Ökobilanz hinausgeht. Weil sich der Energieverbrauch von Proof-of-Stake nahezu beweisen lässt, können Anbieter von Staking-Produkten und institutionelle Halter von Ether eine belastbare Nachhaltigkeitsaussage treffen, ohne sich auf umstrittene Schätzungen stützen zu müssen. Bei einem Bitcoin-Produkt bleibt jede grüne Aussage angreifbar; bei einem Ethereum-Produkt ist die Energiefrage praktisch entschieden. Diese Asymmetrie könnte sich in ESG-Mandaten niederschlagen, in denen der Nachweis zählt und nicht die Absicht. Der Streit um die Messung wird damit selbst zu einem Wettbewerbsfaktor zwischen den beiden größten Kryptowerten.

Die tückische Kennzahl pro Transaktion

Eine der Angaben, die MiCA oberhalb einer Verbrauchsschwelle verlangt, ist die Energieintensität, also der durchschnittliche Energieaufwand pro Transaktion. Das klingt anlegerfreundlich und ist doch die vielleicht irreführendste Kennzahl im ganzen Katalog.

Der Grund ist technischer Natur. Der Stromverbrauch von Bitcoin hängt an der Hashrate und am Blocktakt, nicht an der Zahl der Transaktionen. Ein Block verbraucht ungefähr gleich viel Energie, egal ob er 2.000 oder 4.000 Transaktionen enthält. Teilt man den Netzwerkverbrauch durch die Transaktionszahl, erhält man eine gewaltige Zahl, die suggeriert, jede einzelne Überweisung koste so viel Strom wie ein Haushalt in Wochen. Sinkt die Transaktionszahl, steigt die Kennzahl, obwohl sich am physischen Verbrauch nichts ändert. Ethereum warnt auf seiner eigenen Seite ausdrücklich vor dieser Logik: Eine Energieeinheit pro Transaktion unterstelle, dass weniger Transaktionen weniger Verbrauch bedeuteten, was aber nicht zutreffe.

Die Kennzahl wird noch schiefer, weil ein wachsender Teil der wirtschaftlichen Aktivität die Basiskette gar nicht mehr berührt. Zahlungen laufen über Layer-2-Netze wie Lightning, wo tausende Transaktionen zu einer einzigen On-Chain-Abrechnung gebündelt werden; wie das im Handel konkret aussieht, zeigt unser Bericht über Händler, die Bitcoin über Lightning annehmen. Wer den Netzverbrauch durch die On-Chain-Transaktionen teilt, ignoriert diese gebündelte Aktivität komplett und überzeichnet die Kennzahl damit doppelt. MiCA hat mit der Energieintensität also ausgerechnet eine Metrik in die Pflichtangabe gehoben, deren Aussagekraft Fachleute seit Jahren bestreiten.

Was MiCA konkret verlangt

Trotz dieser Schwächen ist die MiCA-Offenlegung ein Fortschritt, weil sie erstmals einen einheitlichen Rahmen setzt. Die Delegierte Verordnung staffelt die Indikatoren nach Bedeutung.

StufeKennzahlGilt für
Pflicht (immer)Gesamter Jahresstromverbrauch des Konsensmechanismus (kWh)jeden offenlegungspflichtigen Kryptowert
Pflicht ab SchwelleAnteil erneuerbarer Energie; Energieintensität je Transaktion; TreibhausgasemissionenMechanismen über 500.000 kWh pro Jahr
OptionalEnergiemix, Elektroschrott, Wasserverbrauch, Scope-3-Emissionenfreiwillige Zusatzangabe

Die eine immer verpflichtende Kennzahl ist der gesamte Jahresstromverbrauch des Konsensmechanismus in Kilowattstunden. Übersteigt dieser Verbrauch 500.000 kWh im Jahr, was auf Bitcoin und praktisch jede relevante Kette zutrifft, kommen der Anteil erneuerbarer Energie, die Energieintensität pro Transaktion und die Treibhausgasemissionen hinzu. Der eigentliche Strommix, der Elektroschrott, der Wasserverbrauch und die vorgelagerten Scope-3-Emissionen bleiben optionale Angaben, die ein Emittent machen kann, aber nicht muss.

Diese Staffelung erklärt, warum die Debatte weitergeht. Die Verordnung normiert vor allem das, was sich am ehesten schätzen lässt (den Bruttoverbrauch), und lässt das Strittigste (Mix und Buchführungsmethode) freiwillig. Für einen Emittenten ist das eine Einladung, die günstigste zulässige Darstellung zu wählen. Die Nachhaltigkeitsangabe reiht sich damit in die wachsende Compliance-Last unter MiCA ein, ohne die Grundfrage zu lösen: Sie erzwingt eine Zahl, aber nicht deren Beweisbarkeit.

Zwei Kontinente, zwei Richtungen: MiCA gegen SEC

Während die EU die Offenlegung verschärft, geht die USA den umgekehrten Weg. Die US-Börsenaufsicht SEC hatte im März 2024 eine Regel zur Klimaberichterstattung verabschiedet, die börsennotierte Unternehmen zu Angaben über Emissionen und Klimarisiken verpflichtet hätte. Nach Klagen wurde die Regel ausgesetzt und nie durchgesetzt. Im Mai 2026 schlug die Kommission vor, sie vollständig zurückzunehmen; die offizielle Mitteilung nennt die Regel einen dramatischen Übergriff über die gesetzliche Zuständigkeit der Behörde. Die Kommentarfrist endete Anfang August 2026; eine endgültige Rücknahme wird nicht vor Ende 2026 oder Anfang 2027 erwartet.

Für Krypto heißt das: Auf Bundesebene existiert in den USA derzeit keine verbindliche Klima- oder Energieoffenlegung für Kryptowerte, während sie in der EU verpflichtend ist. Diese Divergenz ist Teil eines größeren Musters, in dem sich die US-Aufsicht aus Feldern zurückzieht, die andere dann besetzen; wir haben das im SEC-Enforcement-Vakuum ausführlich beschrieben. Anleger sollten die Konsequenz kennen: Ein an einer US-Plattform gelistetes Produkt kann völlig legal ohne jede Energieangabe auskommen, ein in der EU angebotenes nicht.

Warum der Strommix so aussieht, wie er aussieht

Warum ist der Anteil fossiler Energie überhaupt so hoch, wenn erneuerbarer Strom oft billiger ist? Die Antwort liegt in der Ökonomie des Minings. Ein Miner sucht den billigsten verfügbaren Strom rund um die Uhr, und dieser findet sich häufig dort, wo Energie sonst verschwendet würde: abgeregelte Wasserkraft in Regenzeiten, abgefackeltes Erdgas an entlegenen Ölfeldern, überlastete Netze mit nächtlichem Stromüberschuss. Warum der Strompreis und der Standort über den Gewinn entscheiden, hat unsere Analyse zur Strom- und Standortstrategie im Detail durchgerechnet.

Diese Jagd nach der billigsten Kilowattstunde erklärt beide Seiten des Mixes. Sie treibt Miner in wasserkraftreiche Regionen und an Methanquellen, was den erneuerbaren Anteil und die vermiedenen Emissionen hebt. Sie treibt sie aber ebenso an günstigen Erdgasstrom in Texas, was den fossilen Anteil hochhält. Der Mix ist damit kein Bekenntnis, sondern ein Nebenprodukt der Standortwahl, und diese Standortwahl folgt dem Preis, nicht der Moral. Bei einem Bitcoin-Kurs von rund 68.000 Euro Anfang September 2026 ist die Marge vieler Miner groß genug, um auch teureren, saubereren Strom zu vertragen; fällt der Kurs, verschiebt sich die Standortwahl zurück zum billigsten, oft fossilen Angebot. Der Strommix schwankt also mit dem Kurs, ein weiterer Grund, warum eine einzelne Jahreszahl trügt.

Hinzu kommt die geografische Konzentration. Verlagert sich Hashrate von einer wasserkraftreichen Region in ein gasbasiertes Netz, ändert sich der globale Mix, ohne dass ein einziger Miner seine Überzeugung gewechselt hätte. Regenzeiten in Bergregionen, saisonale Netzengpässe und regulatorische Eingriffe verschieben die Landkarte des Minings laufend. Eine Jahreszahl mittelt über all diese Bewegungen und verdeckt, dass der Mix im Frühjahr anders aussehen kann als im Hochsommer. Für eine Pflichtangabe, die einmal im Whitepaper steht und dann monatelang gilt, ist das eine unbequeme Eigenschaft: Sie beschreibt einen Zustand, der sich schon geändert haben kann, bevor die Tinte trocken ist.

Was die Zahl für Miner, ETPs und Anleger bedeutet

Der Streit um die Messung ist kein akademisches Glasperlenspiel, sobald Geld daran hängt. Und es hängt zunehmend Geld daran. Institutionelle Anleger mit Nachhaltigkeitsvorgaben, Emittenten von Krypto-ETPs und Handelsplattformen brauchen eine belastbare Energieangabe, um ihre Produkte überhaupt anbieten oder in ESG-Mandate aufnehmen zu können. Ein „grünes“ Bitcoin-ETP, dessen Nachhaltigkeitsversprechen auf marktbasierten Zertifikaten fußt, verkauft ein anderes Produkt als eines, das physisch sauberen Strom nachweist, auch wenn beide dieselbe Prozentzahl im Whitepaper stehen haben.

Der europäische Markt für Krypto-Indexprodukte und börsengehandelte Papiere wächst, und mit ihm der Bedarf an vergleichbaren Nachhaltigkeitsdaten. Ein Vermögensverwalter, der ein Krypto-ETP in ein nachhaltig ausgerichtetes Portfolio aufnehmen will, braucht eine Zahl, die einer Prüfung standhält, nicht eine, die gut klingt. Genau hier trifft der Messkrieg auf die Praxis: Zwei Emittenten können denselben Basiswert abbilden und trotzdem sehr unterschiedliche Energieprofile ausweisen, je nach Methodik. Für den Endanleger ist das kaum zu durchschauen, und für den Vertrieb wird die Nachhaltigkeitsangabe damit zu einem Feld, auf dem sich Sorgfalt und Marketing schwer trennen lassen.

Damit wird der Messkrieg zum Greenwashing-Risiko. Wer eine Nachhaltigkeitsquote als Verkaufsargument nutzt, muss sie im Zweifel gegen eine Aufsicht verteidigen können, und die BaFin hat wiederholt betont, dass irreführende Nachhaltigkeitsaussagen unter die allgemeinen Wohlverhaltens- und Prospektregeln fallen. Für Anleger folgt daraus eine simple Prüfliste:

  • Nach welcher Methode wird der Mix berechnet, standort- oder marktbasiert?
  • Beruht die Zahl auf physischem Strombezug oder auf zugekauften Zertifikaten?
  • Welche Quelle wird genannt (Cambridge, Digiconomist, eigene Berechnung), und passt die Größenordnung dazu?
  • Wird die Energieintensität pro Transaktion als Verkaufsargument genutzt? Dann ist Vorsicht geboten.
  • Handelt es sich überhaupt um Proof-of-Work? Bei Proof-of-Stake ist die Frage weitgehend gegenstandslos.

Diese fünf Fragen trennen ein belastbares Nachhaltigkeitsversprechen von einer Marketingzahl. Keine davon lässt sich allein aus der gemeldeten Prozentzahl beantworten, was noch einmal zeigt, wie wenig eine nackte Zahl ohne Methodik wert ist.

Ausblick: Kann die grüne Zahl je beweisbar werden?

Die ehrliche Antwort lautet: für Proof-of-Work nur mit erheblichem Aufwand, und nie ganz. Der Grund ist strukturell. Der Stromvertrag eines Miners, der physische Netzanschluss und der reale Brennstoffmix liegen außerhalb der Blockchain und lassen sich nicht kryptografisch beweisen. Man kann sie nur bezeugen: durch Zähler, Audits, Zertifikate, Satellitendaten über Gasfackeln. Jede dieser Methoden ist angreifbar, und keine erzeugt die Art fälschungssicherer Gewissheit, die man von einer On-Chain-Transaktion gewohnt ist.

Die Branche experimentiert mit Antworten. Tokenisierte Herkunftsnachweise sollen Zertifikate handelbar und rückverfolgbar machen; Dritt-Attestierungen und standardisierte Audits sollen die Selbstauskunft ersetzen; einzelne Projekte arbeiten an Verfahren, die einen Nachweis über die Herkunft von Rechen- oder Stromleistung liefern, ohne den ganzen Betrieb offenzulegen. Das ist im Kern dasselbe Problem, das die überprüfbare Datenverarbeitung insgesamt umtreibt, nur mit Strom statt mit KI-Inferenz.

Regulatorisch dürfte der Druck eher zunehmen als nachlassen. Sobald erste Whitepaper mit konkreten Energiezahlen im Markt sind, werden Aufsicht, Wettbewerber und Nichtregierungsorganisationen sie miteinander vergleichen, und Abweichungen zwischen ähnlichen Produkten werden erklärungsbedürftig. Der wahrscheinlichste Weg zu mehr Verlässlichkeit führt deshalb nicht über eine bessere Formel, sondern über eine unabhängige Prüfung der gemeldeten Zahlen, so wie Finanzkennzahlen von Wirtschaftsprüfern testiert werden. Bis es einen solchen Standard für Energieangaben gibt, gilt für Anleger die alte Regel jeder Bilanz: Eine Zahl ohne Testat ist eine Behauptung, keine Tatsache.

Solange diese Werkzeuge nicht reif sind, bleibt die grüne Zahl eine Vertrauensangabe. Mit jeder neuen Umfragerunde wird die Datenbasis breiter, doch breiter heißt nicht beweisbar. Das eigentliche Fazit des Jahres 2026 ist deshalb kein Prozentwert, sondern eine Einsicht: Bei Ethereum ist der Energieverbrauch eine ausrechenbare Tatsache, bei Bitcoin bleibt er eine gut informierte Schätzung mit politischem Beigeschmack. MiCA hat die Schätzung zur Pflicht gemacht. Zur Wahrheit gemacht hat es sie nicht.

Häufig gestellte Fragen

Wie viel Strom verbraucht Bitcoin 2026?

Es gibt keine unstrittige Zahl. Das Cambridge Centre for Alternative Finance nannte in seiner Studie von 2025 rund 138 Terawattstunden pro Jahr und in einem vorläufigen Update Ende 2025 bereits 190 Terawattstunden. Der Digiconomist-Index von Alex de Vries liegt mit über 200 Terawattstunden noch höher. Die Spanne von rund 140 bis über 200 Terawattstunden spiegelt vor allem die unterschiedlichen Messmethoden wider, nicht Messfehler.

Wie hoch ist der Anteil erneuerbarer Energie beim Bitcoin-Mining?

Cambridge bezifferte den nachhaltigen Anteil aus Erneuerbaren und Kernkraft zunächst auf 52,4 Prozent und im jüngsten Update auf 59,4 Prozent, wobei Wasserkraft Erdgas als größte Einzelquelle überholte. Reine Erneuerbare ohne Kernkraft liegen niedriger. Die genaue Zahl hängt stark davon ab, ob standort- oder marktbasiert gerechnet wird.

Warum verbraucht Ethereum so viel weniger Energie als Bitcoin?

Ethereum ist mit dem Merge im September 2022 von Proof-of-Work auf Proof-of-Stake umgestiegen. Statt energiehungriger Rechenleistung sichert nun hinterlegtes Kapital das Netzwerk. Der Verbrauch sank um mehr als 99,98 Prozent auf rund 0,0026 Terawattstunden pro Jahr, einen Bruchteil des Bitcoin-Verbrauchs.

Was schreibt MiCA zur Offenlegung des Energieverbrauchs vor?

MiCA verlangt von Krypto-Dienstleistern und Whitepaper-Emittenten die Offenlegung von Nachhaltigkeitsindikatoren, die in der Delegierten Verordnung (EU) 2025/422 festgelegt sind. Immer verpflichtend ist der gesamte Jahresstromverbrauch des Konsensmechanismus. Ab 500.000 Kilowattstunden pro Jahr kommen der Anteil erneuerbarer Energie, die Energieintensität pro Transaktion und die Treibhausgasemissionen hinzu.

Warum ist die Energie pro Transaktion eine umstrittene Kennzahl?

Der Stromverbrauch von Bitcoin hängt an der Hashrate und am Blocktakt, nicht an der Zahl der Transaktionen. Ein Block verbraucht ungefähr gleich viel Energie, egal wie viele Transaktionen er enthält. Die Kennzahl pro Transaktion steigt sogar, wenn die Transaktionszahl fällt, obwohl sich physisch nichts ändert. Layer-2-Netze wie Lightning bündeln zudem viele Zahlungen außerhalb der Basiskette, was die Kennzahl weiter verzerrt.

Analyse von Jonas Krüger, HOGE Wire Mining- und Energie-Desk.

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