Als Spielen ein Job war: Aufstieg und Fall der Axie-Scholaren
Mit Axie Classic endet das Spiel, das Play-to-Earn erfand und Hunderttausende zu Vollzeit-Spielern machte. Ein Rückblick auf ein Modell, das kam, kollabierte und heute KI-Daten liefert.
Am 10. September 2026 verschwanden die Quests von Axie Classic vom sogenannten Bounty Board. Kein Feuerwerk, keine große Ansage: Sky Mavis stellt die aktive Entwicklung seines ältesten Spiels ein und übergibt die Zukunft der Community, wobei das Unternehmen selbst einräumt, die Details seien noch nicht geklärt (blockchaingamer.biz). Ein leiser Abschied für ein Spiel, das vor fünf Jahren für Hunderttausende Menschen kein Zeitvertreib war, sondern eine Einkommensquelle.
Axie Classic ist der Ort, an dem der Begriff „Play-to-Earn“ Fleisch bekam. Und mit ihm entstand ein ganzes Arbeitsmodell: das „Scholarship“. Wer sich die teuren NFT-Kreaturen nicht leisten konnte, lieh sie sich von Managern und Gilden und teilte die erspielten Token. Auf den Philippinen, in Venezuela, Argentinien und Indonesien ersetzte das zeitweise einen Lohn. Dann brach alles zusammen.
Das Ende von Classic ist ein guter Moment für einen Kassensturz. Wie funktionierte das Stipendienmodell wirklich? Wen hat es aus der Armut gehoben, wen hat es verbrannt? Warum konnte die Rechnung nie aufgehen? Und was wurde aus den Gilden, von denen eine, Yield Guild Games, heuer ihren Spiele-Arm zusperrte und nun die Verhaltensdaten ihrer Spieler an KI-Labore verkauft? Dieser Text zieht Bilanz über eine der ungewöhnlichsten Wirtschaftsgeschichten, die das Krypto-Gaming hervorgebracht hat.
Ein leiser Abschied für ein lautes Spiel
Der Fahrplan des Rückzugs ist unspektakulär. Die letzte gewertete Saison, Season 16, lief vom 12. August bis zum 2. September 2026; am 10. September fielen die Classic-Quests aus dem Belohnungssystem. Danach pausiert Sky Mavis die regulären Seasons und die Entwicklungsarbeit und will die Verantwortung für Richtung und Zukunft des Spiels an die Axie-Community übergeben. Ob Classic quelloffen wird, wie eine Governance aussieht, wer weiterentwickelt und wie das Ganze finanziert wird: All das bleibt offen (blockchaingamer.biz). Wir haben den Stichtag und das parallel laufende KI-Bauwettbewerb-Experiment bereits in unserem Bericht zum Ronin-Stichtag eingeordnet.
Der Kontrast könnte kaum größer sein. Dasselbe Spiel, das auf dem Höhepunkt Millionen Menschen täglich anzog, wird nun wie ein altes Familienauto in der Garage abgestellt. Die drei Token des Ökosystems, RON, AXS und der Belohnungstoken SLP, notieren allesamt mehr als 98 Prozent unter ihren Rekordständen. Bevor wir zu den heutigen Kursen kommen, lohnt der Blick zurück auf das, was dieses Spiel für so viele Menschen einmal bedeutete.
Was ein Scholarship wirklich war
Der Ausgangspunkt war eine Eintrittsbarriere. Um Axie Infinity zu spielen, brauchte man drei Axies, kleine NFT-Kämpfer, deren Preis 2021 auf mehrere Hundert Dollar pro Team stieg. Genau jene Menschen, die das kleine Einkommen am dringendsten brauchten, konnten sich den Einstieg also nicht leisten. Das Scholarship löste dieses Problem mit einer simplen Leihkonstruktion: Ein „Manager“ oder eine Gilde besaß die Axies, ein „Scholar“ spielte damit, und die erspielten SLP-Token wurden geteilt.
Der übliche Verteilungsschlüssel lautete 70 Prozent für den Scholar, 20 Prozent für den betreuenden Manager und 10 Prozent für die Gilde (Cointelegraph). Yield Guild Games, kurz YGG, industrialisierte dieses Prinzip. Die 2020 gegründete Gilde kaufte im großen Stil NFTs, um sie neuen Spielern ohne Vorabkosten zur Verfügung zu stellen, und baute darum herum ein Netz aus regionalen Unter-Gilden und Community-Managern auf.
In der Praxis fühlte sich das für viele weniger nach Spiel und mehr nach Schichtarbeit an: tägliche SLP-Ziele, Discord-Kanäle mit Anwesenheitskontrolle, Manager mit Tabellenkalkulationen voller Kontostände. Aus dem „Spielen“ war ein Job geworden, mit Quoten, Vorgesetzten und einer Gewinnbeteiligung, die verdächtig nach einem Lohnzettel aussah, nur ohne Arbeitsvertrag, ohne Kündigungsschutz und ohne Sozialversicherung.
Die Zahlen eines beispiellosen Booms
Das Wachstum war explosiv. YGG zählte im Februar 2021 gerade einmal 241 Scholaren; ein Jahr später, im Februar 2022, waren es rund 20.700, ein Zuwachs von etwa 8.500 Prozent (Cointelegraph). Allein im Februar 2022 erspielten diese Scholaren rund 26,4 Millionen SLP; die 70 Prozent, die an sie ausgeschüttet wurden, entsprachen 18,4 Millionen SLP oder damals etwa 360.000 US-Dollar.
YGG war dabei nur die sichtbarste Spitze. Nach Angaben von Sky Mavis waren zeitweise rund 60 bis 65 Prozent aller Axie-Spieler Scholaren, und allein auf den Philippinen existierten bis März 2022 über 520 Play-to-Earn-Gilden (KrASIA). Das gesamte Spiel erreichte auf seinem Höhepunkt Ende 2021 rund 2,7 Millionen tägliche Nutzer (Rest of World). Die folgende Tabelle fasst die Dimension des Booms zusammen.
| Kennzahl | Wert | Zeitpunkt / Quelle |
|---|---|---|
| YGG-Scholaren | 241 auf ~20.700 (+~8.500 %) | Feb 2021 bis Feb 2022 |
| Ertragssplit Scholar / Manager / Gilde | 70 % / 20 % / 10 % | Standardmodell |
| An Scholaren ausgeschüttet | 18,4 Mio SLP (~360.000 $) | Februar 2022 |
| Anteil Scholaren an allen Spielern | ~60 bis 65 % | Angabe Sky Mavis |
| Play-to-Earn-Gilden Philippinen | über 520 | März 2022 |
| Tägliche Nutzer (Höhepunkt) | ~2,7 Millionen | Ende 2021 |
Cabanatuan, die Pandemie und ein Ausweg
Der eigentliche Motor war die Pandemie. Als die Lockdowns Ende 2020 die Wirtschaft lahmlegten, verloren gerade auf den Philippinen viele Menschen ihre Jobs. Axie Infinity kam in diesem Moment wie gerufen: In philippinischen Städten, allen voran im vielzitierten Cabanatuan, wurde das Spiel zur Notlösung für ganze Familien. Berichte aus jener Zeit beschreiben Tricycle-Fahrer, Großmütter und Studierende, die statt zur Arbeit an den Bildschirm gingen. In manchen Haushalten teilten sich mehrere Personen Konten und Schichten, damit möglichst durchgehend gespielt und verdient werden konnte; wer keine eigenen Axies besaß, fand über einen Manager oder eine Gilde Anschluss.
Die Verdienste waren für lokale Verhältnisse zunächst außergewöhnlich. In den ersten Wochen konnten Spieler bis zu 400 Dollar verdienen, das Zwei- bis Dreifache des örtlichen Mindestlohns; auf dem absoluten Höhepunkt sprachen einzelne Berichte von bis zu 2.000 Dollar im Monat (Rest of World). Für Menschen, die zuvor mit ein paar Dollar am Tag auskamen, war das lebensverändernd. Dass ein Großteil dieser Wertschöpfung aus Ländern des globalen Nordens in den globalen Süden floss, war Teil der Faszination; wo weltweit gehandelt und verdient wird, haben wir zuletzt in unserer Geografie des Krypto-Volumens nachgezeichnet.
Diese Aufstiegsgeschichte hatte allerdings von Anfang an einen Konstruktionsfehler eingebaut, den in der Euphorie kaum jemand sehen wollte. Er lag nicht im Verhalten der Spieler, sondern in der Mathematik des Belohnungstokens selbst.
Manager, Scholaren und die Frage nach der Arbeit
Wer die Ökonomie verstehen will, muss die Menschen dahinter kennen. Rest of World dokumentierte etwa Juan Samitier, einen 22-jährigen Argentinier, der rund 4.500 Dollar investierte, etwa 50 Scholaren betreute und auf dem Höhepunkt pro Scholar bis zu 700 Dollar im Monat verdiente. Einer seiner Spieler, der 21-jährige Santiago Saavedra aus Buenos Aires, saß sechs Stunden täglich am Spiel; den späteren SLP-Absturz nannte er schlicht einen harten Schlag (Rest of World). Auf den Philippinen berichteten Medien von Managern, die mit 200 Scholaren zeitweise bis zu 600.000 Pesos am Tag umsetzten, während die Spieler selbst, oft Oberstufenschüler, auf etwa 450 Pesos täglich kamen (KrASIA).
Genau hier stellte sich die Frage, die bis heute nachhallt: War das Arbeit? Der Manager stellte Kapital und Betriebsmittel (die Axies), der Scholar seine Zeit und seine Klicks; ein fixer Prozentsatz wanderte nach oben. Das ist die Grundstruktur eines Beschäftigungsverhältnisses, nur eben ohne dessen Schutzmechanismen. Wo die Grenze zwischen Spiel, Anlage und Erwerbsarbeit verläuft, ist keine akademische Spitzfindigkeit, sondern hat handfeste steuerliche Folgen, wie der Blick auf Österreich später zeigen wird. Was in einer Volkswirtschaft überhaupt als bezahlte Arbeit zählt, beschäftigt derzeit auch die Notenbanken; siehe dazu unsere Analyse zum US-Jobbericht vor dem Fed-Entscheid.
Die Gilde als Finanzprodukt
YGG war am Ende weit mehr als ein Verleiher von NFTs; die Gilde wurde selbst zu einer Art Finanzinstitution. Sie sammelte Risikokapital ein, brachte einen eigenen Token heraus und gliederte sich in regionale Unter-DAOs, sogenannte subDAOs, die jeweils eigene Spiele und Weltregionen abdeckten. Aus der Nachbarschaftshilfe, bei der ein Bekannter seine überzähligen Axies verlieh, war ein durchkapitalisiertes Geschäftsmodell mit mehreren Ebenen geworden, komplett mit Investoren, Quartalszielen und einer eigenen Community-Marke.
Der Ton der Branche war entsprechend euphorisch. Als YGG im Februar 2022 die Marke von 20.700 Scholaren meldete, erklärte Colin Goltra, damals globaler Chief Operating Officer der Gilde: „This is only the first of the many milestones that we want to achieve for YGG.“ (Das ist erst der erste von vielen Meilensteinen, die wir für YGG erreichen wollen.) Dass die Tagesverdienste der Scholaren zu diesem Zeitpunkt längst unter dem Mindestlohn lagen, passte nicht recht in diese Erzählung vom unaufhaltsamen Aufstieg.
Immerhin sah man die Klumpenrisiken. Mitgründerin Beryl Chavez Li räumte die Schwächen der Tokenökonomie ein und verwies darauf, dass YGG bereits in 47 weitere Spiele investiert habe, um die Abhängigkeit vom einen großen Titel zu verringern (KrASIA). Genau diese Verschachtelung erklärt aber auch, warum der spätere Absturz so tief ging: Als SLP fiel, verdampften nicht nur die Löhne der Spieler, sondern gleichzeitig der Wert der NFT-Bestände und des Gilden-Tokens.
Strukturell ähnelte das Ganze einer Mischung aus Franchise und Leiharbeit. Ganz oben die Gilde mit dem Kapital und dem Markennamen, in der Mitte die Manager, die Flotten von Konten betreuten und neue Spieler anlernten, ganz unten die Scholaren, die die eigentlichen Stunden ablieferten. Jede Ebene behielt ihren Anteil, und je weiter unten jemand stand, desto weniger blieb hängen. Solange die Kurse stiegen, störte diese Schieflage niemanden; als sie fielen, zeigte sich, dass ausgerechnet die Menschen mit dem geringsten Polster jene Zeit investiert hatten, die sich am schnellsten als wertlos herausstellte.
Warum die Rechnung nicht aufgehen konnte
Der Kern des Problems war die Tokenökonomie von SLP. Der Token hatte keine Obergrenze: Spieler schöpften ihn durch Spielen und für die Zucht neuer Axies, verbrannt wurde er vor allem beim Züchten. Solange ständig neue Spieler nachströmten, die Axies brauchten und dafür SLP verbrannten, hielt sich der Preis. Doch sobald das Wachstum stockte, wurde deutlich mehr SLP erzeugt als vernichtet, und ein Token, von dem es immer mehr gibt und für den die Nachfrage sinkt, kann im Kurs nur fallen.
Der Spieleökonom Lars Doucet brachte es auf den Punkt: „Play-to-earn is not a sustainable business model if you have more money leaving the economy than is being put into it.“ (Play-to-Earn ist kein tragfähiges Geschäftsmodell, wenn mehr Geld die Ökonomie verlässt, als hineinkommt.) Das Analysehaus Naavik rechnete schon damals vor, dass die Tagesverdienste der Scholaren bereits ab August 2021 unter den philippinischen Mindestlohn gefallen waren (KrASIA). Die Struktur war damit von einer unangenehmen Nähe zu einem Schneeballsystem: Der Verdienst der frühen Teilnehmer hing daran, dass immer neue, spätere Teilnehmer Kapital nachschossen.
Dieses Muster, bei dem die zuletzt Eingestiegenen das Risiko tragen, ist im Krypto-Sektor kein Einzelfall; es zieht sich von spekulativen Meme-Coins bis zu hochverzinsten Farming-Programmen. Wo ein Investment auf dieser Risikokurve steht, ordnen wir in unserem Beitrag über die Risikokurve des Fundings ein.
Der Kollaps in Zahlen
Der Absturz kam dann schnell und brutal. SLP fiel von rund 0,35 bis 0,40 Dollar im Juli 2021 auf etwa 0,02 Dollar im März 2022, ein Minus von über 94 Prozent (CoinDesk). Sky Mavis zog im Februar 2022 die Notbremse: Mit dem „Season 20“-Update wurden die SLP-Ausschüttungen für Abenteuermodus und Tagesquests auf null gesetzt, von zuvor über 130 Millionen SLP, was die tägliche Neuausgabe um 56 Prozent senkte. Die Entwickler formulierten die Lage ungewöhnlich drastisch: „The Axie economy requires drastic and decisive action now or we risk total and permanent economic collapse.“ (Die Axie-Ökonomie braucht jetzt drastische und entschlossene Maßnahmen, sonst riskieren wir einen totalen und dauerhaften wirtschaftlichen Zusammenbruch.)
Für die Menschen an der Basis kam das zu spät. Bis April 2022 waren die Einnahmen vieler YGG-Scholaren auf rund 20 Dollar im Monat gefallen (Rest of World). Zuerst gingen die Argentinier, ab Jänner 2022, dann folgten Venezolaner und Filipinos. Und mitten in diese Abwärtsspirale platzte am 23. März 2022 der Bridge-Hack: Angreifer, die das FBI später der nordkoreanischen Lazarus-Gruppe zuordnete, entwendeten rund 620 Millionen Dollar aus der Ronin-Bridge, entdeckt wurde der Diebstahl erst sechs Tage später. Die täglichen Nutzerzahlen, einst bei 2,7 Millionen, sackten in der Folge auf einen Bruchteil ab. Die Chronologie:
| Zeitpunkt | Ereignis |
|---|---|
| Juli 2021 | SLP-Hoch bei rund 0,35 bis 0,40 $ |
| August 2021 | Scholar-Tagesverdienst fällt unter den philippinischen Mindestlohn |
| Jänner 2022 | Erste Scholaren (Argentinien) steigen aus |
| Februar 2022 | Notfall-Emissionsschnitt (Season 20); SLP bei rund 0,01 bis 0,02 $ |
| März 2022 | Ronin-Bridge-Hack über rund 620 Mio $ |
| April 2022 | YGG-Scholaren verdienen im Schnitt nur noch rund 20 $ pro Monat |
Wer am Ende den Schwarzen Peter hielt
Ein ehrlicher Rückblick muss auch die Verteilungsfrage stellen. Wer gewann, und wer blieb auf den Verlusten sitzen? Am härtesten traf es die spät Eingestiegenen. Rest of World beschrieb etwa einen vietnamesischen Manager, der einen Bankkredit aufgenommen hatte, um Axies zu kaufen, und beim Absturz Gefahr lief, das Haus der Familie zu verlieren (Rest of World). Wer nahe dem Höhepunkt mit geliehenem Geld einstieg, kaufte teure NFTs, deren Wert danach verfiel, und erspielte Token, deren Kurs gleichzeitig kollabierte, ein doppelter Verlust.
Auf der anderen Seite standen die frühen Teilnehmer, das Studio und seine Kapitalgeber. Sky Mavis hatte im Oktober 2021, also nahe dem Zenit, eine von Andreessen Horowitz angeführte Finanzierungsrunde über 152 Millionen Dollar bei einer Bewertung von rund drei Milliarden Dollar eingesammelt. Wer früh SLP verkaufte, Axies zum Höchstpreis abstieß oder AXS mit Gewinn realisierte, kam gut heraus. Es ist dieses Gefälle, die Verlagerung von Risiko und Verlust auf die zuletzt und am wenigsten vermögend Eingestiegenen im globalen Süden, das die schärfsten Kritiker des Modells bis heute anführen. Manche sprachen von einer digitalen Form der Ausbeutung, bei der Zeit und Aufmerksamkeit der Ärmsten in Wertpapiere für Wohlhabende verwandelt würden; andere hielten dagegen, dass viele Familien in der Pandemie real und unmittelbar profitierten, solange das Geld floss. Beide Beobachtungen stimmen zugleich, und genau das macht die Bilanz so unbequem.
Was aus den Gilden wurde: YGG 3.0 und der Sprung zur KI
Damit zur wohl aufschlussreichsten Wendung des Jahres 2026. Yield Guild Games, die einst größte Play-to-Earn-Gilde, hatte sich nach dem Absturz zunächst zum Spiele-Publisher umgebaut. Doch dieser Arm, YGG Play, wurde jetzt eingestellt: zum 1. August 2026, verbunden mit dem Abbau von rund 35 Stellen (bei acht zusätzlichen Wochen Abfindung und Vermittlungshilfe). Die Titel LOL Land, im Mai 2025 gestartet und laut Bericht bis Oktober 2025 mit über 4,5 Millionen Dollar Umsatz, sowie Waifu Sweeper werden abgeschaltet (Decrypt).
Die neue Ausrichtung nennt YGG „YGG 3.0“, und sie ist bemerkenswert: Die Gilde will künftig Verhaltensdaten aus dem Spielverhalten ihrer Community, also Entscheidungen von Spielern, an KI-Labore verkaufen, damit diese ihre Modelle trainieren, und ihre Mitglieder in Daten- und Trainingsaufgaben vermitteln. Die Kriegskasse von rund 20,6 Millionen Dollar (Stand erstes Quartal 2026) soll dem Umbau eine Reichweite von etwa vier Jahren geben. Mitgründer Gabby Dizon nannte den Schritt „a heavy decision, but it is a market decision, not a product decision“ (eine schwere Entscheidung, aber eine Markt-, keine Produktentscheidung).
Die Symbolik ist schwer zu übersehen. Dieselbe Organisation, die Menschen im globalen Süden NFTs verlieh, damit sie durch Spielen Krypto verdienen, vermittelt ihre Community nun an die KI-Industrie, damit sie durch Datenarbeit verdient. Aus „Play-to-Earn“ wird, etwas zugespitzt, „Klicken fürs Modelltraining“. Dass zugleich künstliche Intelligenz auch die nächsten Axie-Spiele bauen soll, zeigt der parallele Vibeathon-Wettbewerb, den wir gesondert beleuchtet haben. Die Frage, wer am Ende den Wert einer solchen Arbeit einstreicht, stellt sich damit ein zweites Mal, nur mit neuen Vorzeichen.
Auch Axie selbst hat Play-to-Earn begraben
Nicht nur die Gilden haben ihr Modell überdacht, auch Sky Mavis hat aus dem Kollaps gelernt. Das Studio spricht heute lieber von „Own-to-Earn“ als von „Play-to-Earn“: Belohnt werden soll nicht mehr das stumpfe Farmen, sondern Besitz und Engagement. In der gewerteten Origins-Variante lässt sich seit Anfang 2026 kein SLP mehr erspielen (BitPinas); AXS wandert Richtung Ausgeben und Staken, ein neuer, gebundener Belohnungstoken namens bAXS soll das Farm-and-Dump-Verhalten eindämmen, und Landsysteme wie Terrariums machen die Sammlung selbst zur Renditequelle.
Mitgründer Jeff „Jihoz“ Zirlin fasste die Lehre bei der Ethereum-Migration in einem Satz zusammen: „You get what you incentivise.“ (Man bekommt, was man anreizt.) Quelle ist die Berichterstattung zum L2-Hardfork (blockchaingamer.biz). Bezeichnend ist die Kluft zwischen Firma und Token: Sky Mavis schrieb zuletzt wieder schwarze Zahlen, während die Kurse am Boden kleben, ein Unternehmen kann sich also erholen, während seine Token die Narben der Vergangenheit weitertragen.
Die Token heute: RON, AXS und SLP
Wie ernüchternd der Abstand zu den Boomjahren ist, zeigt ein Blick auf die aktuellen Kurse (Stand 11. September 2026, CoinGecko). RON notiert bei 0,05027 US-Dollar beziehungsweise 0,04310 Euro, mit einer Marktkapitalisierung von rund 38,8 Millionen Dollar (etwa 33,3 Millionen Euro) und einem 24-Stunden-Handelsvolumen von nur rund 537.000 Dollar; das sind gut 98,9 Prozent unter dem Rekord von 4,45 Dollar aus dem März 2024 (CoinGecko). AXS steht bei 0,9172 Dollar (0,7875 Euro) mit rund 160 Millionen Dollar Marktkapitalisierung, rund 99,4 Prozent unter dem Allzeithoch von 164,90 Dollar (CoinGecko).
Am symbolträchtigsten ist SLP, jener Token, der einst das Einkaufsgeld philippinischer Familien war: 0,0006214 Dollar, also Bruchteile eines Cents, rund 99,8 Prozent unter dem Hoch von 0,3997 Dollar aus dem Juli 2021 (CoinGecko). Zusammengerechnet bringt das gesamte Token-Trio des Ökosystems heute rund 221 Millionen Dollar (etwa 190 Millionen Euro) auf die Waage, ein Bruchteil dessen, was AXS allein 2021 wert war. Bezeichnend ist auch die Dünne des Handels: Bei RON entspricht das Tagesvolumen nur rund 1,4 Prozent der Marktkapitalisierung, ein Markt also, in dem schon vergleichsweise kleine Orders den Kurs spürbar bewegen.
| Token | Kurs (USD / EUR) | Marktkapitalisierung | Abstand zum Rekord |
|---|---|---|---|
| RON | 0,05027 $ / 0,04310 € | ~38,8 Mio $ (~33,3 Mio €) | ~ -98,9 % |
| AXS | 0,9172 $ / 0,7875 € | ~160 Mio $ (~137 Mio €) | ~ -99,4 % |
| SLP | 0,0006214 $ / 0,0005330 € | ~22,5 Mio $ (~19,3 Mio €) | ~ -99,8 % |
Was das steuerlich für Österreich heißt
Angenommen, jemand in Österreich würde heute nach dem alten Scholar-Muster spielen: Wie behandelt das Finanzamt solche Einnahmen? Der Ausgangspunkt ist die Ökosoziale Steuerreform von 2022, die Kryptowährungen als eigene Kategorie in Paragraf 27b EStG verankerte. Laufende Krypto-Belohnungen aus Staking, Lending oder eben Play-to-Earn gelten grundsätzlich als Einkünfte aus Kapitalvermögen und unterliegen dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent, den inländische Plattformen seit 1. Jänner 2024 automatisch als KESt einbehalten (Blockpit).
Hier wird die Arbeitsfrage von vorhin steuerlich scharf. Wer nur gelegentlich spielt, bleibt im Bereich der Kapitaleinkünfte mit den günstigen 27,5 Prozent. Wer aber organisiert, regelmäßig und mit klarer Gewinnabsicht agiert, ein Vollzeit-Scholar, oder erst recht ein Manager, der Dutzende Konten betreibt, kann als Gewerbebetrieb eingestuft werden. Dann greift nicht der Sondersteuersatz, sondern der progressive Einkommensteuertarif von bis zu 55 Prozent (crypto-tax.at). Das österreichische Steuerrecht würde ein Leben vom Spielen also mit einiger Wahrscheinlichkeit als Arbeit behandeln, nicht als Kapitalanlage.
Zu unterscheiden sind davon die Axies selbst: Als NFTs zählen sie nicht als Kryptowährung im Sinne von Paragraf 27b, sondern als sonstige Wirtschaftsgüter nach Paragraf 31 EStG, für die nach einem Jahr Behaltefrist Steuerfreiheit gilt. Aufsichtsrechtlich beaufsichtigt die FMA unter der EU-Verordnung MiCA die Krypto-Dienstleister (Börsen, Verwahrer), nicht das Spiel oder das Protokoll selbst; die verlängerte MiCA-Übergangsfrist für Österreich endete am 1. Juli 2026 (FMA). Nach den ESMA-Leitlinien vom 19. März 2025 kann ein Gaming-Token zudem als Finanzinstrument unter MiFID II gelten, wenn er hybride Merkmale wie Gewinnbeteiligung oder echte Stimmrechte trägt.
Was von Play-to-Earn bleibt
Es wäre zu einfach, das Kapitel Scholarship nur als Warnung abzuhaken. Die Grundidee war nicht falsch: Axie hat bewiesen, dass digitaler Besitz und ein globales Mikroeinkommen technisch möglich sind, und es hat Millionen Menschen im globalen Süden an Krypto herangeführt, die sonst nie damit in Berührung gekommen wären. Der Fehler lag darin, das Verdienen zum eigentlichen Produkt zu machen. Ein Spiel, dessen Hauptreiz die Auszahlung ist, zieht Farmer und Bots an, nicht Spieler, und kollabiert, sobald der Zufluss neuen Geldes versiegt.
Genau das meint auch YGG-Mitgründer Gabby Dizon, wenn er heute sagt, Nachhaltigkeit entstehe, „when you focus on your spenders rather than chasing TVL or airdrop hunters“ (wenn man sich auf die Zahler konzentriert, statt Kapitalzuflüssen oder Airdrop-Jägern hinterherzulaufen), zitiert in einer Branchenrunde zu nachhaltigen Web3-Spielen (blockchaingamer.biz). Die stille Übergabe von Axie Classic an die Community ist insofern das ehrlichste Ende, das dieses Spiel bekommen konnte: kein Knall, sondern ein Auslaufen.
Und doch bleibt ein Nachhall, der unbequem ist. Dieselbe Bevölkerung, die einst SLP farmte, könnte über YGG 3.0 nun Daten für KI-Modelle beschriften. Die Technologie ändert sich, die zugrunde liegende Frage bleibt dieselbe: Wer trägt das Risiko, und wer streicht den Wert ein, wenn Menschen aus ärmeren Regionen ihre Zeit in die digitale Ökonomie der reicheren einspeisen? Spricht ein Modell, das Menschen als Datenlieferanten für KI-Systeme einspannt, am Ende dieselben Regionen an wie einst die Scholarships, dann wiederholt sich womöglich ein Muster, nur unter dem freundlicheren Etikett des technologischen Fortschritts. Axie Classic hat darauf keine endgültige Antwort gegeben. Aber es hat die Frage, lauter als jedes andere Spiel zuvor, überhaupt erst gestellt.
Häufig gestellte Fragen
Was war ein Axie-Scholarship?
Ein Scholarship war eine Leihvereinbarung. Weil man für Axie Infinity drei teure NFT-Kreaturen brauchte, stellten Manager oder Gilden diese Axies kostenlos bereit, und der Spieler (der Scholar) teilte die erspielten SLP-Token mit ihnen. Üblich war ein Split von 70 Prozent für den Scholar, 20 Prozent für den Manager und 10 Prozent für die Gilde. Auf dem Höhepunkt 2021 ersetzte das für viele Menschen im globalen Süden ein reguläres Einkommen.
Warum ist Play-to-Earn bei Axie gescheitert?
Der Belohnungstoken SLP hatte kein Angebotslimit; Spieler schöpften ihn schneller, als das Spiel ihn wieder verbrannte. Sobald das Wachstum neuer Spieler nachließ, fiel der Kurs, und mit ihm die Einkommen: Ab August 2021 lagen die Tagesverdienste vieler Scholaren unter dem philippinischen Mindestlohn. Ein Notfall-Eingriff Anfang 2022 kam zu spät.
Wird Axie Classic komplett abgeschaltet?
Nein, aber Sky Mavis stellt die aktive Entwicklung ein und übergibt das Spiel der Community. Die letzte gewertete Saison endete am 2. September 2026, die Classic-Quests verschwanden am 10. September vom Bounty Board. Wie Governance, Finanzierung oder ein möglicher Open-Source-Schritt aussehen, ist offen; Sky Mavis sagt selbst, die Details seien noch nicht geklärt.
Was macht Yield Guild Games heute?
Die einst größte Play-to-Earn-Gilde hat ihren Spiele-Publishing-Arm YGG Play zum 1. August 2026 eingestellt, rund 35 Stellen gestrichen und richtet sich neu auf die KI-Datenökonomie aus: Sie will Verhaltensdaten aus Spielen an KI-Labore verkaufen und Spieler in Daten- und Trainingsaufgaben vermitteln. Mitgründer Gabby Dizon nennt das eine Markt-, keine Produktentscheidung.
Wie werden Play-to-Earn-Einnahmen in Österreich besteuert?
Laufende Krypto-Belohnungen (Staking, Lending, Play-to-Earn) gelten als Einkünfte aus Kapitalvermögen und werden grundsätzlich mit dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent erfasst; inländische Plattformen behalten die KESt seit 1. Jänner 2024 automatisch ein. Wer allerdings organisiert, regelmäßig und mit Gewinnabsicht spielt, kann als Gewerbebetrieb eingestuft werden, dann greift der progressive Tarif von bis zu 55 Prozent.
Priya Reddy berichtet für HOGE Wire über Gaming, Web3 und die Ökonomie digitaler Welten.