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● Macro & TradFi

Anleiherenditen 2026: Bitcoin und die Duration-Falle

Österreichs 100-Jahre-Anleihe verlor rund 76 Prozent, ohne einen einzigen Tag Zahlungsverzug. Warum sich Bitcoin wie das längste Anleihe-Papier der Welt verhält, wenn die Renditen 2026 ausreißen.

Im Juni 2020 verkaufte die Republik Österreich eine Anleihe, die erst am 30. Juni 2120 fällig wird, mit einem Kupon von 0,85 Prozent. Wer damals zeichnete, zahlte ungefähr den Nennwert. In der Anleihen-Rallye des Corona-Jahres kletterte der Kurs auf rund 139 Euro. Drei Jahre später, im Oktober 2023, notierte dasselbe Papier bei etwa 33 Euro: ein Minus von rund 76 Prozent, bei einem Schuldner mit einer der besten Bonitäten der Eurozone, ohne einen einzigen Tag Zahlungsverzug (Bloomberg).

Diese Jahrhundertanleihe ist heuer die lehrreichste Geschichte für jeden Krypto-Anleger. Denn Bitcoin, aktuell rund 54.392 Euro wert (CoinGecko), verhält sich in einem entscheidenden Punkt wie ein 100-Jahre-Papier: Es ist das Asset mit der längsten Duration im ganzen Markt. Wenn das lange Ende der Zinskurve ausreißt, und die 30-jährige US-Staatsanleihe rentiert heuer mit über 5,2 Prozent so hoch wie zuletzt vor fast zwei Jahrzehnten, wirkt genau der Mechanismus, der Österreichs Century Bond zerlegt hat, auch auf Krypto. Dieser Text betrachtet Anleiherenditen konsequent durch die Duration-Brille, mit Österreichs eigenen Jahrhundertanleihen als Spiegel.

Warum Österreichs Jahrhundertanleihe die beste Krypto-Lektion 2026 ist

Österreich war 2017 einer der ersten Staaten, die eine echte 100-Jahre-Anleihe im großen Stil platzierten. Das erste Papier mit Fälligkeit 2117 trägt einen Kupon von 2,1 Prozent und wurde über mehrere Aufstockungen auf rund sechs Milliarden Euro vergrößert. Der zweite Streich folgte im Juni 2020: die 0,85-Prozent-Anleihe mit Fälligkeit 2120, in einer Zeit historisch tiefer Zinsen 15 Mal aufgestockt, bis das Volumen bei rund 4,6 Milliarden Euro lag (Saxo). Beide galten als mustergültige Finanzierung: der Staat sicherte sich für ein Jahrhundert extrem billiges Geld.

Was dann geschah, ist inzwischen ein Lehrbuchfall. Als die EZB ihren Einlagensatz zwischen 2022 und 2023 von minus 0,5 auf 4 Prozent hievte, stürzte der Kurs der 2120er-Anleihe von seinem Hoch bei rund 139 Euro auf etwa 33 Euro ab. Kein Downgrade, keine Umschuldung, kein Zweifel an der Rückzahlung im Jahr 2120: nur der Zins. Wer 2020 zum Höchststand kaufte, saß auf einem Verlust von gut drei Vierteln, und das bei einem der sichersten Schuldner der Welt. Auch heute, mit einem langen Ende von rund 3,2 Prozent, notiert die 2120er noch immer bei etwa einem Drittel ihres Nennwerts (Investing.com).

Genau deshalb behandeln Strategen die Jahrhundertanleihe längst als reinen Fühler für das Durationsrisiko über alle Anlageklassen hinweg (Allocation Strategy). Und hier schließt sich der Kreis zu Krypto: Ersetzt man das Wort „100-Jahre-Anleihe“ durch „Vermögenswert ohne jeden Kupon und mit unbestimmtem Horizont“, hat man die Risikostruktur von Bitcoin fast wörtlich beschrieben.

Duration in zwei Sätzen: warum lange Anleihen so brutal fallen

Duration klingt technisch, ist im Kern aber simpel. Sie misst, wie stark der Kurs einer Anleihe reagiert, wenn sich die Rendite um einen Prozentpunkt bewegt. Faustregel: Ein Papier mit einer Duration von zehn Jahren verliert bei einem Renditeanstieg von einem Prozentpunkt grob zehn Prozent an Wert. Zwei Faktoren treiben die Duration nach oben, die lange Laufzeit und der niedrige Kupon. Beides trifft bei der 2120er-Anleihe zusammen: 100 Jahre Restlaufzeit, nur 0,85 Prozent Kupon. Ihre Duration lag bei über 40 Jahren, weshalb schon ein moderater Zinsanstieg den Kurs halbieren konnte.

Am anderen Ende der Skala stehen kurzlaufende Titel. Ein Schatzwechsel mit drei Monaten Laufzeit hat eine Duration von deutlich unter einem Jahr; steigen die Zinsen, verliert er kaum. Das ist der Grund, warum in einem Zinssturm die kurzen Papiere ein sicherer Hafen sind und die langen zur Falle werden. Wer die Logik einmal verinnerlicht hat, versteht sofort, warum zinslose, weit in die Zukunft gerichtete Vermögenswerte, von Wachstumsaktien über Gold bis Bitcoin, so empfindlich auf das lange Ende reagieren.

Konvexität: der zweite, unterschätzte Hebel

Duration allein erzählt nur die halbe Geschichte, denn sie ist eine gerade Linie durch eine gekrümmte Kursbeziehung. Diese Krümmung heißt Konvexität, und sie ist bei sehr langen, niedrig verzinsten Anleihen enorm. Konvexität wirkt in beide Richtungen: Fallen die Zinsen von einem tiefen Niveau, beschleunigen sich die Kursgewinne überproportional, genau das trieb die 2120er-Anleihe 2020 auf 139 Euro. Steigen die Zinsen aus dem Keller, ist der erste Schlag am heftigsten, danach flacht der Verlust ab. Die Konvexität erklärt also die brutale Achterbahn: erst der Melt-up, dann der Absturz.

Für Bitcoin ist die Konvexität mehr als eine Analogie. Krypto reagiert auf Liquiditäts- und Zinswenden reflexiv und nicht-linear: In einer Lockerungsphase explodieren die Kurse, in einer Straffung folgt der überproportionale Einbruch. Wer Bitcoin hält, hält faktisch ein hochkonvexes, ultralanges Instrument. Das ist die Chance und das Risiko in einem, und es ist der Grund, warum ein Portfolio nie allein am Preis, sondern immer an seiner Zinssensitivität gemessen werden sollte.

Der Bond-Markt 2026: das lange Ende reißt aus

Das Umfeld heuer ist das Gegenteil von 2020. Die 30-jährige US-Anleihe schloss Ende Juli bei 5,27 Prozent, dem höchsten Stand seit 2007, und hielt sich so lange über der Marke von 5 Prozent wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr (CNBC). Die zehnjährige rentiert bei 4,70 Prozent, nahe ihrem 19-Monats-Hoch von 4,75 Prozent, getrieben von neuen Inflationssorgen rund um den Energieschock im Nahen Osten (Trading Economics). In Europa liegt die zehnjährige deutsche Bundesanleihe bei rund 3,1 Prozent, Österreichs Pendant bei etwa 3,3 Prozent, nur einen Hauch über dem Bund (TradingView).

Satz / PapierNiveauBemerkung
Fed Funds (Obergrenze)3,75 %seit Juni gehalten (Warsh)
EZB-Einlagensatz2,25 %Juni-Erhöhung, September-Schritt erwartet
US 10Y4,70 %nahe 19-Monats-Hoch (4,75 %)
US 30Y5,27 %höchster Stand seit 2007
Bund 10Y3,1 %Euro-Benchmark
Österreich 10Y3,3 %knapp über dem Bund
Österreich-Anleihe 2120 (0,85 %)3,2 %Kurs rund ein Drittel des Nennwerts

Die Botschaft der Tabelle: Das kurze Ende hält die Notenbank fest, das lange Ende macht, was es will. Und dort, am langen Ende, entscheidet sich der Diskontsatz für alle langlaufenden Vermögenswerte, Bitcoin eingeschlossen. Die alten „Bond-Vigilantes“, also Anleger, die Regierungen über höhere Renditen für ausufernde Defizite abstrafen, sind zurück.

Warum das lange Ende steigt: Angebot, Defizite, Fiskaldominanz

Renditen am langen Ende steigen selten wegen der aktuellen Leitzinsen, sondern wegen Angebot und Risikoprämie. Die Staaten fluten den Markt mit Papier: Die USA finanzieren gewaltige Defizite, und US-Finanzminister Scott Bessent versucht, die Emission ans kurze Ende zu verlagern, um die teuren langen Laufzeiten zu entlasten. John Fath von BTG Pactual Asset Management warnt gegenüber Fortune, dieses Spiel funktioniere nur begrenzt, danach werde es, in seinen Worten, unverantwortlich. Ein Barclays-Team um Demi Hu ergänzt, dass ein zunehmend preissensibler Käuferkreis für dieselbe Menge Anleihen ein immer größeres Renditezugeständnis verlange.

Auch Österreich spielt in diesem Angebotsdruck mit. Die Bundesfinanzierungsagentur OeBFA plant für 2026 die Begebung von 43 bis 47 Milliarden Euro an Bundesanleihen, nach 45 Milliarden im Vorjahr (OeBFA). Dieses Papier muss in einen Markt, der wieder ein spürbares Term-Premium verlangt, also einen Aufschlag dafür, das Risiko langer Laufzeiten überhaupt zu tragen. Es ist exakt jenes Risiko, das die Jahrhundertanleihe verkörpert. Solange das Term-Premium positiv bleibt, kostet Duration wieder Geld, und das ist ein struktureller Gegenwind für alles, was lang ist.

Auktionen als Fiebermesser: bid-to-cover, tails und schwache Nachfrage

Wie gesund die Nachfrage nach Duration wirklich ist, verraten die Auktionen. Zwei Kennzahlen zählen. Erstens das bid-to-cover-Verhältnis, also Gebote geteilt durch Emissionsvolumen; ein Wert über 2,5 gilt als solide, unter 2,3 als weich. Zweitens der „tail“: Liegt die zugeteilte Rendite über der Markterwartung kurz vor der Auktion, mussten die Verkäufer die Käufer mit einem Extra-Zins ködern, ein Zeichen schwacher Nachfrage. Bei der 30-jährigen Auktion über 25 Milliarden Dollar am 13. August lag die Rendite bei 5,216 Prozent, dem höchsten Wert seit 2001 (Bloomberg).

Michal Stanczyk, Portfoliomanager für globale Anleihen bei Allspring Global Investments, brachte den entscheidenden Punkt gegenüber Fortune auf den Punkt: Man erwarte zwar, dass die Auktion ohne Probleme durchgehe, doch ein erfolgreiches Ergebnis dürfe nicht mit einer starken strukturellen Nachfrage nach Long-Duration-Assets verwechselt werden. Für Krypto ist das die Kernaussage: Wenn die Investoren, die vor 30-jähriger Duration zurückschrecken, ohnehin die marginalen Käufer von Risiko sind, dann steigt jener Diskontsatz, der auch Bitcoin bewertet, gleich mit. Ein Staat, der mehr zahlen muss, um Duration zu platzieren, verteuert die Duration für alle.

MOVE-Index: die Ruhe, die trügt

Neben dem Niveau der Renditen zählt ihre Schwankung. Der MOVE-Index ist der „VIX der Anleihen“: Er misst die erwartete Volatilität am US-Treasury-Markt. Als Orientierung gilt: unter 80 ruhig, 80 bis 120 erhöht, über 120 Stress (Charles Schwab). Bemerkenswert an 2026 ist, dass der MOVE über den Sommer in den niedrigen bis mittleren 70ern verharrte, also relativ ruhig, obwohl die Renditen auf 19-Jahres-Hochs kletterten. Der Anstieg war ein zähes Schleichen, keine Panik.

Das ist die eigentliche Gefahr. Ein Volatilitätsschock im Anleihemarkt ist grell und wird oft schnell wieder eingefangen. Ein leises, hartnäckiges Höherschleichen des Realzinses dagegen frisst sich still in die Bewertung langer Duration, ohne den scharfen Umschwung, der auf einen Vol-Spike häufig folgt. Krypto-Anleger sollten also nicht auf einen MOVE-Ausbruch als Alarmsignal warten. Der langsame Grind nach oben ist der korrosivere Prozess, und er läuft bereits.

Bitcoin als längste Duration der Welt

Jetzt wird die Brücke tragfähig. Bitcoin zahlt keinen Kupon, hat keine Fälligkeit und keine Cashflows; sein gesamter Wert liegt in einer unbestimmten, weit entfernten Zukunft. In der Sprache der Barwertrechnung heißt das: nahezu unendliche Duration. Jeder Basispunkt am Diskontsatz, sprich am Realzins, schlägt voll durch. Deshalb handelt Bitcoin über weite Strecken wie eine sehr lange Anleihe oder eine zinssensible Wachstumsaktie: geprügelt, wenn die Realzinsen steigen, befeuert, wenn sie fallen. Wer die Debatte um Realzinsen als Inflationsschutz verfolgt hat, kennt die Empfindlichkeit bereits; die Duration liefert die Mechanik dahinter.

Dieselbe Logik erklärt, warum Gold oft im Gleichschritt läuft: Auch das Edelmetall ist ein zinsloser, ultralanger Wertspeicher, dessen Attraktivität mit steigenden Realzinsen sinkt, wie unsere Analyse zu Gold und Bitcoin und ihren Käufern zeigt. Der Krypto-Investor Arthur Hayes, Mitgründer von BitMEX, dreht das Argument sogar ins Positive: Er argumentiert, dass steigende Anleiherenditen die Notenbanken früher oder später zu einem liquiditätsspendenden Rettungsmanöver zwingen, das am Ende Bitcoin zugutekomme (Yahoo Finance). Aus Sicht der Konvexität ist das schlüssig: Der Stress am langen Ende ist zugleich der Auslöser für die nächste Lockerung.

Das andere Ende der Kurve: Stablecoins als riesige T-Bill-Fonds

Die Pointe ist, dass Krypto an beiden Enden der Zinskurve wohnt. Während Bitcoin das lange Ende verkörpert, lebt die Geldschicht des Kryptomarkts am ganz kurzen. Stablecoin-Emittenten parken ihre Reserven in kurzlaufenden Staatsanleihen und Schatzwechseln, also praktisch in Geldmarktfonds. Tether hält inzwischen mehr US-Staatsanleihen als Deutschland, rund 141 Milliarden Dollar, davon etwa 83 Prozent in T-Bills, bei einem USDT-Volumen von rund 185 Milliarden Dollar (Traders Union).

Das erzeugt eine paradoxe Doppelstruktur. Auf der Asset-Seite ist Krypto maximal lang (Bitcoin), auf der Geld-Seite maximal kurz (Stablecoins). Hohe Kurzfristzinsen sind für die Emittenten ein Geschäft, denn sie kassieren die Rendite selbst, dürfen sie unter neuen Regeln aber nicht an die Halter weiterreichen. Für den Halter bedeutet das reale Opportunitätskosten: Er verdient null auf seinem Stablecoin, während ein Schatzwechsel rund 4 Prozent abwirft. Die folgende Tabelle ordnet die Bausteine nach ihrer Zinssensitivität.

Krypto-BausteinAnleihe-AnalogonDurationZins-Reaktion
Bitcoin100-Jahre-Nullkuponanleiheextrem langfällt bei steigenden Realzinsen
ETH, Altcoins, KI-Tokenlanglaufende Wachstumsanleihelang, gehebeltgleiche Richtung, verstärkt
Stablecoin-Reserven (USDT, USDC)Geldmarktfonds / T-Billssehr kurzprofitiert von hohen Kurzfristzinsen
Tokenisierte Staatsanleihen (BUIDL etc.)kurzlaufende StaatsanleihekurzRendite nahe am Leitzins

Korrelation oder Kausalität? Was die Renditen wirklich mit Bitcoin machen

Ein Warnhinweis gehört dazu: Der Zusammenhang zwischen Renditen und Bitcoin ist keine mechanische Formel. Es gab Phasen, in denen beide gemeinsam stiegen, etwa als Risikofreude und Liquidität stärker wogen als der Diskontsatz. Ende April 2026 erreichte die 30-jährige US-Rendite die 5-Prozent-Marke, während Bitcoin sich zäh hielt; Wochen später kletterten die kurzen und langen Sätze weiter, und Bitcoin stieg trotzdem, bevor sich beide wieder entkoppelten. Die Duration erklärt die Empfindlichkeit, aber nicht die Richtung.

Die Richtung setzt die Liquidität, also Geldmenge, Notenbankbilanz und globale Finanzierungsbedingungen. Wer allein aus steigenden Renditen ein Krypto-Signal ableitet, sitzt demselben Trugschluss auf, der auch beim Dollar-Index lauert, wie wir in DXY entzaubert gezeigt haben. Und die Korrelation selbst ist nicht stabil: Ob Bitcoin gerade als Risiko-Asset oder als Wertspeicher gehandelt wird, hängt vom Regime ab, ein Thema, das unsere Analyse zur Entkopplung von Bitcoin und Börsen genauer seziert. Die Duration-Brille ist ein starkes Werkzeug, aber nur eines von mehreren.

Notenbanken: Warsh, die EZB und Kochers Wachsamkeit

Am kurzen Ende sitzen die Notenbanken, und sie geben den Rahmen vor. In Washington führt seit Mai 2026 Kevin Warsh als 17. Fed-Vorsitzender das Ruder. Bei seinen ersten Sitzungen hielt der Offenmarktausschuss den Leitzins bei 3,50 bis 3,75 Prozent und verzichtete auffällig auf jede Forward Guidance, ein bewusster Bruch mit der Ära Powell; zugleich deutete das Gremium eine mögliche Erhöhung an, sollte der Inflationsschub rund um den Nahost-Krieg anhalten (CNN). Was die September-Wette für Bitcoin bedeutet, haben wir in Warshs Fed 2026 ausführlich analysiert.

Die EZB hob ihren Einlagensatz im Juni erstmals seit Jahren wieder an, von 2,0 auf 2,25 Prozent, und viele Ökonomen erwarten im September einen weiteren Schritt auf 2,50 Prozent; die marktbasierten Inflationserwartungen liegen bei rund 2,4 Prozent, über dem Ziel (Trading Economics). Österreichs Stimme im EZB-Rat ist seit 1. September 2025 Martin Kocher, der den bekannten Falken Robert Holzmann als Nationalbank-Gouverneur ablöste. Kocher hält die Juni-Erhöhung angesichts der Nahost-Risiken für notwendig, sieht aktuell keine Zweitrundeneffekte, mahnt aber erhöhte Wachsamkeit und betont, entschieden werde von Sitzung zu Sitzung (OeNB-Blog). Die nächsten Fixpunkte für das lange Ende: das Notenbank-Symposium in Jackson Hole vom 27. bis 29. August, mit Warshs erster Grundsatzrede als Chair, und die FOMC-Sitzung am 15. und 16. September (Kansas City Fed).

Carry, Yen und die Positionierung im langen Ende

In einer Welt hoher Zinsen wird Carry wieder zum Thema, also das Einstreichen der Zinsdifferenz zwischen Anlage und Finanzierung. Der prominenteste Carry-Trade, die Finanzierung in billigen Yen, gerät ins Wanken, während die Bank of Japan ihre Politik weiter normalisiert. Zieht sich diese Finanzierungsquelle zurück, verschwindet globale Liquidität, und langlaufende Risiko-Assets spüren es zuerst. Genau hier setzt auch Hayes’ These vom Yen-Rettungsanker an.

Für die Portfoliokonstruktion folgt daraus eine klare Haltung: Bitcoin gehört gedanklich in das Long-Duration-Segment, nicht in den Cash-Topf. Wer Carry- und Positionierungssignale lesen will, findet in der Terminmarktstruktur einen Kompass; unsere Untersuchung, ob die Futures-Basis den Markt voraussagt, zeigt, wie Carry und Erwartung dort zusammenlaufen. Die Duration-Brille und die Basis-Brille ergänzen einander: Die eine erklärt die Sensitivität, die andere die Finanzierung.

Was das für österreichische Anleger heißt: KESt, FMA und die Alternative

Für Anleger in Österreich hat die Zinswende eine sehr konkrete Kehrseite. Krypto-Gewinne unterliegen dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent nach Paragraph 27a EStG, und inländische Plattformen wie Bitpanda ziehen die KESt seit 1. Jänner 2024 automatisch ab. Auch Zinserträge aus Anleihen werden für Privatanleger mit 27,5 Prozent KESt belastet. Beaufsichtigt werden Krypto-Dienstleister von der FMA unter der EU-Verordnung MiCA, deren verkürzte Übergangsfrist am 1. Juli 2026 endet; Krypto-Derivate fallen dagegen unter MiFID II.

Die eigentliche Neuigkeit ist die Rückkehr der Opportunitätskosten. Jahrelang war der zinslose Bitcoin gegen zinslose Staatsanleihen angetreten; heute zahlt ein Bundesschatz oder eine kurze österreichische Bundesanleihe wieder einen echten, wenn auch versteuerten Ertrag. Und Vorsicht vor der Duration-Doppelung: Wer sowohl Bitcoin (maximale Duration) als auch lange Anleihen im Depot übergewichtet, ist gleich zweifach dem langen Ende ausgeliefert. Ein Barbell, also die Kombination aus sehr kurzer und sehr langer Duration bei möglichst wenig in der teuren Mitte, ist die naheliegende Antwort.

Baustein für österreichische AnlegerDurationRendite (vor Steuer)Steuer
Bundesschatz / kurze RAGBkurznahe Leitzins27,5 % KESt auf Zinsen
Österreich 10Ymittel bis langrund 3,3 %27,5 % KESt
Österreich-Anleihe 2120sehr langrund 3,2 %27,5 % KESt, hohes Kursrisiko
Bitcoin (via Bitpanda)„unendlich“kein Kupon27,5 % Sondersteuersatz, KESt-Abzug seit 2024

Fazit: die Duration-Brille aufsetzen

Österreichs Jahrhundertanleihe zeigt in Reinform, wie Durationsrisiko aussieht, wenn man es angreift: minus 76 Prozent bei Top-Bonität, allein wegen des Zinses. Bitcoin ist das längste Duration-Asset im Markt, und deshalb sind ein steiles langes Ende, ein positives Term-Premium und steigende Realzinsen echter Gegenwind. Doch die Richtung setzt am Ende die Liquidität, und genau der Stress im Anleihemarkt kann die nächste Lockerung säen, worauf Hayes zu Recht hinweist.

Praktisch heißt das: das lange Ende beobachten, die Auktionen und den MOVE-Index lesen, den Fahrplan der Notenbanken von Jackson Hole bis zur September-Sitzung ernst nehmen. Und für Anleger in Österreich gilt zusätzlich: die Duration im Depot bewusst steuern, die KESt einkalkulieren und ein AA-Rating nie mit Sicherheit verwechseln. Wer Anleiherenditen als reine Makro-Randnotiz abtut, übersieht den stärksten Hebel, der 2026 an Bitcoin zieht.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum reagiert Bitcoin auf Anleiherenditen, obwohl es keine Zinsen zahlt?

Bitcoin ist ein Long-Duration-Asset ohne laufende Erträge. Sein Barwert hängt fast vollständig vom Diskontsatz ab, also vom Realzins am langen Ende. Steigen die langfristigen Renditen, steigen der Diskontsatz und die Opportunitätskosten eines zinslosen Coins, was auf den Kurs drückt. Genau das ist der Duration-Zusammenhang.

Was ist Duration bei einer Anleihe einfach erklärt?

Duration misst, wie stark der Kurs einer Anleihe auf Zinsänderungen reagiert. Je länger die Laufzeit und je niedriger der Kupon, desto höher die Duration und desto heftiger die Kursausschläge. Österreichs 2120er-Anleihe mit 0,85 Prozent Kupon hat eine Duration von über 40 Jahren, weshalb ein Zinsanstieg sie so brutal traf.

Warum ist Österreichs 100-Jahre-Anleihe so stark gefallen?

Es war reines Zins- beziehungsweise Durationsrisiko, kein Kreditereignis. Als die EZB den Einlagensatz von minus 0,5 auf 4 Prozent anhob, fiel die niedrig verzinste 2120er-Anleihe von rund 139 auf etwa 33 Euro, ein Minus von rund 76 Prozent, obwohl an der Rückzahlung nie ein Zweifel bestand.

Wie werden Krypto-Gewinne in Österreich besteuert?

Krypto-Gewinne unterliegen dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent nach Paragraph 27a EStG. Inländische Plattformen wie Bitpanda ziehen die KESt seit 1. Jänner 2024 automatisch ab. Die FMA beaufsichtigt Krypto-Dienstleister unter MiCA, deren Übergangsfrist am 1. Juli 2026 endet.

Steigen die Zinsen 2026 weiter?

Das ist offen. Die Fed hält bei 3,50 bis 3,75 Prozent und schließt eine Erhöhung nicht aus, die EZB dürfte im September auf 2,50 Prozent erhöhen. Wichtige Termine sind Jackson Hole (27. bis 29. August) und die FOMC-Sitzung (15. bis 16. September). Das lange Ende treiben aber mehr das Angebot und das Term-Premium als die Leitzinsen.

Liam Brennan ist Redakteur für Makro und Märkte bei HOGE Wire und schreibt über die Schnittstelle von Anleihemärkten, Notenbankpolitik und Krypto.

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