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● Markets

Von Bitcoin bis zum Öl: die Risikokurve des Perp-Funding

Die Funding-Rate ist keine Zahl, sondern eine Kurve: Sie steigt von Bitcoin über Memecoins bis zum Öl. Am Rand wartet in Österreich eine zweite Kurve, der Fiskus bis 55 Prozent.

Als die Funding-Rate der Bitcoin-Perpetuals Anfang Oktober binnen zwei Tagen von rund 3 auf etwa 10 Prozent annualisiert sprang, lasen viele das als ein einziges Signal: Die Longs werden gierig. Bitcoin war in derselben Zeit von etwa 83.500 auf 86.500 US-Dollar gestiegen, umgerechnet rund 75.000 Euro, und das offene Interesse an den Futures kletterte laut CoinDesk von 626.000 auf etwa 653.000 BTC. Doch die eine Zahl, die auf jedem Dashboard prangt, verschweigt das Wesentliche. Funding ist keine Zahl. Funding ist eine Kurve. Und diese Kurve wird steiler, je weiter man sich vom ruhigen Kern des Marktes entfernt: hinaus zu den Altcoins, den Memecoins, den tokenisierten Aktien und schließlich zum Rohöl. Für den österreichischen Anleger verläuft am Rand dieser Kurve noch eine zweite, die kaum jemand einzeichnet: die des Fiskus.

Funding ist keine Zahl, sondern eine Kurve

Der Mechanismus ist überall derselbe. Ein Perpetual, der ewige Terminkontrakt, hat anders als ein klassischer Future kein Verfallsdatum. Damit sein Preis nicht beliebig vom Kassapreis abdriftet, zahlen Longs und Shorts einander in festen Abständen eine Gebühr, die Funding-Rate. Steht der Perp über dem Spot, zahlen die Longs an die Shorts; steht er darunter, ist es umgekehrt. Die Formel der meisten Börsen lautet im Kern: ein Prämienindex plus eine festgeklammerte Zinskomponente. Deribit etwa verzichtet ganz auf eine separate Zinskomponente und arbeitet mit einem Totband, während Hyperliquid stündlich abrechnet, den Orakelpreis statt des Mark-Preises verwendet und die Rate bei vier Prozent pro Stunde deckelt.

Der rechnerische Grundwert ist bescheiden: 0,01 Prozent alle acht Stunden ergeben annualisiert rund elf Prozent. Entscheidend ist aber nicht die Formel, sondern wo man steht. Höhe, Vorzeichen und vor allem die Schwankung dieser Zahlung unterscheiden sich von Markt zu Markt dramatisch. Bei Bitcoin ist Funding eine sanfte Leine. Bei einem Memecoin ist es ein Sturm. Wer Funding liest, muss zuerst wissen, an welcher Stelle der Kurve er sich befindet; die nackte Prozentzahl auf dem Bildschirm sagt für sich genommen wenig. Dieser Text wandert die Kurve ab, vom liquiden Kern bis zum Rohstoffrand, und zeigt an jeder Station, was die Rate dort wirklich bedeutet.

Dass sich diese Frage überhaupt für so viele Märkte stellt, ist selbst eine Nachricht. Der Perpetual hat sich binnen eines Jahrzehnts vom Nischenprodukt einer einzelnen Börse zum meistgehandelten Instrument der gesamten Kryptowelt entwickelt; längst übersteigt das Volumen der ewigen Terminkontrakte den Spothandel um ein Vielfaches, und auf vielen Plattformen ist der Perp der eigentliche Preisfindungsort, dem der Kassamarkt nur noch folgt. Mit dieser Verbreitung ist das Funding von einer technischen Fußnote zu einem der wichtigsten Stimmungs- und Kostensignale des Marktes geworden. Wer es lesen kann, liest nicht nur eine Gebühr, sondern die Positionierung des gesamten gehebelten Geldes auf einen Blick.

Der ruhige Kern: Bitcoin und Ethereum

Am unteren Ende der Kurve liegen Bitcoin und Ethereum. Hier sind die Orderbücher tief, und ein Heer von Arbitrageuren hält den Perp am Spot: Wer den Kassapreis kauft und den teureren Perp leer verkauft, kassiert das Funding weitgehend risikolos und drückt die Prämie damit zugleich zusammen. Das Ergebnis ist eine Rate, die in normalen Zeiten einstellig bis niedrig zweistellig annualisiert bleibt und immer wieder zum Mittel zurückkehrt. Der Sprung von 3 auf 10 Prozent Anfang Oktober, den CoinDesk-Autor James Van Straten dokumentierte, ist genau das: ein warmer, aber keineswegs extremer Kernwert. Er zeigt, dass frisches Long-Geld mit Hebel in den Markt kam, nicht dass das System kippt.

Dass der Kern so zuverlässig zum Mittel zurückfindet, ist kein Zufall, sondern das Werk der Cash-and-Carry-Arbitrage. Steigt das Funding, wird der Trade, long Spot und short Perp, attraktiver, zieht Kapital an und drückt die Prämie wieder herunter. Je tiefer das Buch, desto schneller dieser Rückkopplungseffekt. Genau deshalb bleibt Bitcoin-Funding selbst in einer Rally meist im überschaubaren Bereich, während es am dünnen Ende der Kurve tagelang festhängen kann.

Die Gattung ist jung. Die Börse BitMEX erfand den Perpetual Swap im Mai 2016, und Mitgründer Arthur Hayes beschrieb die Idee später im Essay Adapt or Die ganz praktisch: Man habe ein Produkt ohne Verfall gesucht, um die Liquidität auf einen einzigen Kontrakt zu bündeln. Das Funding war der Trick, der das möglich machte. Läge der Perp über acht Stunden im Schnitt ein Prozent über dem Spot, zahlten die Longs genau dieses eine Prozent an die Shorts; der Anreiz, den Preis wieder an den Spot heranzuziehen, ist eingebaut. „A product that looked and felt like margin trading would remove the need to answer many questions from confused clients“, schrieb Hayes über das Kalkül dahinter. Am Kern funktioniert dieser Lehrbuchmechanismus bis heute zuverlässig.

Warum dieselbe Münze an zwei Börsen verschieden kostet

Schon am Kern zeigt sich die erste Tücke: Dasselbe Bitcoin kostet an verschiedenen Börsen unterschiedlich viel Funding. Der Quartalsbericht von BitMEX für das zweite Quartal 2026 rechnete vor, dass Hyperliquid auf Bitcoin annualisiert rund 14,6 Prozent Funding abwarf, während Binance bei etwa 7,4 Prozent lag; ein Aufschlag von gut sieben Prozentpunkten bei Bitcoin und gut fünf bei Ethereum, und das an 95 beziehungsweise 89 Prozent der Tage einseitig zulasten der Longs. Senior Research Analyst Shang Wu erklärt den Unterschied mit dem Publikum: „Hyperliquid’s traders skew retail, on-chain and long-biased, degen traders that are happy to pay up for leverage, which pushes its funding higher“.

Ganz so eindeutig ist die Lage freilich nicht. Cooper Duschang, Research Associate bei Coin Metrics, kommt in der Ausgabe 368 von State of the Network über ein längeres Fenster zu einem anderen Schluss: „While more volatile, over the last six months, Hyperliquid-BTC has the second lowest funding rate for long traders“. Im Schnitt sei Hyperliquids Rate sogar die zweitniedrigste der untersuchten Börsen, dafür aber 1,95-mal so schwankend wie bei Binance und 3,32-mal so schwankend wie bei Deribit. Beide Messungen widersprechen sich nur scheinbar: On-chain läuft das Funding nicht zwingend höher, aber heißer und sprunghafter.

Für den Leser folgt daraus eine simple, oft übersehene Regel: Schon die Wahl der Börse verschiebt die Kurve. Dieselbe Richtungswette kann auf der einen Plattform doppelt so viel laufenden Zins kosten wie auf der anderen, ohne dass sich an der eigentlichen Marktmeinung etwas ändert. Streuung ist also nicht nur eine akademische Kennzahl, sondern eine Kostenentscheidung, die vor dem Trade fällt, nicht danach.

Raus aus dem Kern: Altcoins und die Grenzen der Arbitrage

Verlässt man Bitcoin und Ethereum, dünnt das Kapital aus, das die Kurve flach halten könnte. Genau hier setzt die akademische Erklärung an. Das BIS-Arbeitspapier 1087 zum Crypto Carry von Maik Schmeling, Andreas Schrimpf und Karamfil Todorov zeigt, dass der Carry, also die laufende Rendite aus Funding und Basis, im Schnitt zweistellig ausfällt und in Spitzen gegen 60 Prozent pro Jahr laufen kann. Zwei Kräfte treiben ihn: kleinere, trendfolgende Anleger, die gehebeltes Long-Engagement suchen, und das begrenzte Arbitragekapital, das wegen Margin- und Regulierungsfriktionen nicht beliebig dagegenhält.

Die unbequeme Pointe der Autoren lautet, dass ein hoher Crypto Carry künftige Kursstürze vorhersagt. Je höher man auf der Kurve klettert, desto höher der Carry, und desto fragiler der Markt. Altcoin-Funding ist im Regelfall höher, einseitiger und träger als am Kern; die Leine, die den Perp am Spot hält, ist länger und reißt leichter. Das macht den Bereich zugleich lukrativ und gefährlich, je nachdem, auf welcher Seite man sitzt. Wer delta-neutral long Spot und short Perp fährt, erntet den Carry als Rendite. Wer schlicht mit Hebel long ist, bezahlt ihn als Miete, Periode für Periode, bis die Richtung aufgeht oder die Position liquidiert wird.

Diese Zweiteilung erklärt, warum dieselbe hohe Rate für zwei Marktteilnehmer das genaue Gegenteil bedeutet. Für den Carry-Händler ist ein einseitig positives Funding ein Gehaltszettel, den die überfüllte Long-Seite ihm Periode für Periode ausstellt. Für den gehebelten Optimisten ist exakt dieselbe Zahlung eine schleichende Erosion, die seine These auf Zeit setzt. Je weiter außen auf der Kurve, desto größer diese Schere, und desto mehr Geld wandert still von den Ungeduldigen zu den Geduldigen. Genau diese Umverteilung, nicht die Kursbewegung selbst, ist der Kern dessen, was Funding eigentlich transportiert.

Memecoins: wenn Funding auf Manipulation trifft

Am dünnen Ende der Kurve verliert die Funding-Rate fast ihre Bedeutung, weil ein anderes Risiko sie überlagert. Ein Lehrstück lieferte der Memecoin FARTCOIN. Wie CoinDesk-Autor Shaurya Malwa am 9. April 2026 dokumentierte, baute ein Akteur über zwei Wallets eine Long-Position von 145,24 Millionen Token auf, per TWAP zu rund 0,248 und 0,205 US-Dollar. Der Preis lief zunächst nach oben, dann stürzte er in einer einzigen Stundenkerze um 50 Prozent ab, von 0,2519 auf 0,1244 US-Dollar. Der Initiator verlor dabei rund drei Millionen US-Dollar. Nur eine Woche zuvor hatte ein Exploit beim Drift-Protokoll über 270 Millionen US-Dollar bewegt und dabei 4,1 Millionen US-Dollar in FARTCOIN abgezogen.

Der Hebel, den ein TWAP-Auftrag hier ausnutzt, ist die Zeit: Eine große Order wird in viele kleine zerlegt und über Minuten verteilt, um den Preis langsam zu schieben, ohne das dünne Buch sofort zu sprengen. In einem liquiden Markt verpufft ein solcher Versuch an der Masse der Gegenorders. In einem Memecoin-Buch mit nur wenigen Millionen Dollar Tiefe genügt dagegen ein einzelner entschlossener Akteur, um den Kurs erst nach oben zu hebeln und die Nachzügler anschließend im Absturz zu begraben. Das Funding sendet in solchen Phasen zwar Extremwerte, aber es ist Symptom, nicht Ursache; die eigentliche Gefahr steckt in der Tiefe des Buches.

Hier ist das Orderbuch so flach, dass eine einzige Adresse den Preis treiben kann, und dünn genug, dass der Sicherungsmechanismus der Börse eingreifen muss. Funding ist in diesem Markt nur noch Nebengeräusch; das eigentliche Risiko sitzt in der Marktstruktur selbst. Wer am Kern von liquiden Büchern verwöhnt ist, unterschätzt, wie schnell ein solcher Markt den Boden unter einer gehebelten Position wegziehen kann. Dieselbe Dynamik, nur langsamer, trifft auch viele kleinere Altcoin-Perps, und sie steht im Zentrum unserer Analyse dazu, wie überfüllte Positionen selbst zur Zielscheibe werden.

ADL, die Zwangsschließung der Gegenseite

Der FARTCOIN-Fall endete mit einem Mechanismus, den die wenigsten Kernmarkt-Anleger je zu Gesicht bekommen: dem Auto-Deleveraging, kurz ADL. Als die Long-Position liquidiert wurde und weder Orderbuch noch Versicherungsfonds den Verlust auffangen konnten, schloss Hyperliquid zwangsweise profitable Gegenpositionen. Zwei Short-Wallets wurden glattgestellt, 4,75 Millionen Token mit 512.522 US-Dollar Gewinn und 15 Millionen Token mit 336.599 US-Dollar Gewinn, zusammen rund 849.000 US-Dollar, und das ohne Gebühren. Die Shorts hatten recht behalten, wurden aber dennoch aus ihrer Position gedrängt, bevor sie den vollen Gewinn mitnehmen konnten.

ADL ist die ehrlichste Form der verteilten Verlustübernahme: Statt dass die Börse ein Loch in der Bilanz sozialisiert, zahlt die erfolgreichste Gegenseite. Am Kern, wo Bücher tief und Versicherungsfonds dick sind, kommt es praktisch nie dazu. Je weiter draußen auf der Kurve, desto realer wird es. Für den Perp-Händler bedeutet das eine unangenehme Wahrheit: Rechthaben schützt nicht vor Zwangsschließung, wenn die Gegenpartei pleitegeht und die Liquidität fehlt. Die hohe, sprunghafte Funding-Rate am Rand ist damit nur die sichtbare Spitze eines Risikos, dessen gefährlichster Teil, das plötzliche Verschwinden der Gegenseite, gar nicht im Funding steckt.

Tokenisierte Aktien: Funding erbt die Dividende

Ein Stück weiter draußen liegt ein Bereich, den es vor zwei Jahren noch gar nicht gab: Perpetuals auf tokenisierte Aktien. Über Hyperliquids Standard HIP-3 können Entwickler eigene Märkte aufsetzen, wenn sie 500.000 HYPE hinterlegen, nach damaligem Kurs rund 25 Millionen US-Dollar. Sie betreiben dann ihr eigenes Orakel, setzen die Hebelgrenzen und behalten laut CoinGecko die Hälfte der Handelsgebühren. Der mit Abstand größte Betreiber, Trade.xyz, stellt über 90 Prozent des gesamten HIP-3-Open-Interest und bietet 24/7-Perps auf Tesla, Apple, Nvidia und Amazon sowie einen synthetischen Nasdaq-Index an; die Lizenz für das S&P-500-Kürzel hat er sich ebenfalls gesichert. Ende März 2026 lag das offene Interesse in HIP-3 bei über 1,43 Milliarden US-Dollar, mehr als 35 Prozent des Hyperliquid-Handelsvolumens.

Funding muss hier Dinge einpreisen, die es am Krypto-Kern nicht gibt: Dividenden, Handelszeiten und die Kurslücken über Nacht, wenn die Aktie geschlossen ist, der Perp aber weiterläuft. Steht ein Quartalsbericht an oder zahlt der Basiswert eine Dividende, muss die Rate diese Erwartung abbilden, sonst klafft eine Lücke zwischen Perp und Referenz. Die Rate wird damit zum Mischpreis aus Kryptofinanzierung und klassischer Aktienlogik, und am Wochenende, wenn die Wall Street schläft, der Perp aber handelt, kann sie sich von jeder realen Referenz lösen.

Für den Anleger ist das mehr als eine Kuriosität. Ein Perpetual auf eine Aktie verpackt ein vertrautes Risiko in ein unvertrautes Gewand: Man handelt die Kursidee von Tesla oder Nvidia, trägt aber zusätzlich das Funding, das Orakel des Betreibers und die Lücken, die entstehen, wenn die echte Börse längst geschlossen hat. Was wie ein bequemer Zugang rund um die Uhr zur Wall Street aussieht, ist in Wahrheit ein Derivat auf ein Derivat, mit allen Zusatzrisiken, die weiter außen auf unserer Kurve liegen. Der Reiz des Produkts und seine Tücke sind hier dasselbe: Es bringt die Aktie in die Kryptowelt, samt deren Mechanik.

Dazu kommt ein Klumpenrisiko: Wenn ein einziger Betreiber über 90 Prozent eines Marktes stellt und sein eigenes Orakel führt, ist „erlaubnisfrei“ eher Etikett als Realität. Fällt dieser Betreiber aus oder liefert sein Orakel einen falschen Preis, hängt daran der gesamte Markt. Wie der Carry von den Perps zu den Aktien wandert und wer ihn auf der anderen Seite einsammelt, haben wir am Beispiel beschrieben, wie Ethena die Basis zu den Aktien bringt.

Prädiktionsmärkte: die Ecke ganz ohne Funding

Noch eine Stufe weiter liegt der jüngste und seltsamste Winkel, und er ist gerade deshalb lehrreich, weil er kein Funding kennt. Hyperliquids HIP-4, seit dem 2. Mai 2026 auf dem Mainnet und zuerst über den Marktplatz Outcomexyz für Bitcoin-Kursprognosen gestartet, handelt vollbesicherte Kontrakte, die zu einem festen Termin bei 0 oder 1 abgerechnet werden, je nachdem, ob ein Ereignis eintritt. Wer eine Ja-Position bei 0,60 kauft, gewinnt 0,40, wenn das Ereignis eintritt, und verliert höchstens seinen Einsatz. Weil diese Kontrakte verfallen, brauchen sie keine Funding-Rate.

Das klärt, wofür Funding überhaupt da ist. Es ist der Preis dafür, dass ein Kontrakt niemals ausläuft. Wo ein Verfallstag existiert, zieht die Konvergenz den Preis automatisch zum Spot oder zum Abrechnungswert, und Funding erübrigt sich. Wo keiner existiert, muss die periodische Zahlung diese Arbeit übernehmen. Die Prädiktionsmärkte sind damit so etwas wie die Nulllinie der Kurve: maximale Struktur, kein laufender Hebelzins. Sie zeigen im Umkehrschluss, warum das Funding am Perpetual nie ganz verschwinden kann.

Das Öl am Ende der Kurve: minus 531 Prozent

Ganz außen hat das Funding längst die Kryptowelt verlassen. BitMEX führt ein Perpetual auf WTI-Rohöl, und dessen Funding fiel im Quartalsbericht während des Index-Rolls im April 2026 auf annualisiert rund minus 531 Prozent. Dieser Extremwert hatte nichts mit Stimmung zu tun; er war eine mechanische Verzerrung aus der Backwardation des Ölmarktes, bei der der nähere Kontrakt teurer ist als der fernere. Während der US-Iran-Zuspitzung Ende Februar 2026 übersprang das Volumen des Öl-Perps zeitweise sechs Milliarden US-Dollar pro Woche.

Für die Risikokurve ist das die wichtigste Lektion am äußersten Rand: Hier kann das Vorzeichen des Funding reine Mechanik sein, nicht das Votum einer Menge. Wer minus 531 Prozent als „alle sind bärisch auf Öl“ liest, begeht einen Kategorienfehler. Dieselbe Zahl, die am Bitcoin-Kern Positionierung misst, misst am Rohstoffrand den Rollzyklus. Funding ist überallhin gewandert, von Bitcoin über Aktien bis zum Öl, aber es hat an jeder Station die Eigenheiten des Basiswertes geerbt, und mit ihnen dessen Verzerrungen.

Das ist keine Randnotiz für Exoten. Es ist die Verallgemeinerung des ganzen Textes: Funding misst nicht überall dasselbe. Am Kern ist es Stimmung, bei Altcoins Knappheit an Arbitrage, bei Memecoins Marktstruktur, bei Aktien Dividende und Handelszeit, bei Rohstoffen der Kalender des Terminmarktes. Eine einzige Kennzahl, fünf verschiedene Bedeutungen.

Die Kurve lesen: Niveau, Steigung, Streuung

Wer Funding richtig lesen will, achtet auf drei Größen statt auf eine. Das Niveau sagt, wie warm der Markt insgesamt ist. Die Steigung zeigt, wie viel heißer das dünne Ende gegenüber dem Kern läuft; ein Kern bei 10 Prozent mit Memecoins jenseits der 100 und einem Öl-Perp bei minus 531 ist eine normale, steile Kurve. Und die Streuung misst, wie weit die Börsen beim selben Basiswert auseinanderliegen, also die 14,6 gegen 7,4 Prozent zwischen Hyperliquid und Binance. Erst diese drei Größen zusammen ergeben ein Bild.

Legt man diese Brille an die aktuelle Lage an, ergibt sich ein stimmiges Bild. Ein Kern, der von 3 auf 10 Prozent klettert, während Bitcoin steigt, ist gesunder, nachfragegetriebener Long-Appetit, kein Alarm. Gefährlich würde es erst, wenn dieselbe Steigung auch das dünne Ende erfasste, wenn also Altcoins und Memecoins gleichzeitig in Extremwerte liefen und die Streuung zwischen den Börsen aufriss. Dann verwandelt sich die ganze Kurve von einer Leine in eine gespannte Feder, und ein einziger scharfer Rücksetzer reicht, um sie über Kaskaden von Liquidationen zu entladen. Die einzelne Prozentzahl am Kern verrät davon nichts; die Form der Kurve verrät alles.

Praktisch lässt sich das in drei Fragen gießen. Erstens: Ist die Rate hoch, weil die Richtung überfüllt ist, oder nur, weil der Basiswert strukturelle Eigenheiten hat? Zweitens: Ist sie an einer Börse ein Ausreißer oder marktweit? Drittens: Passt das Vorzeichen zur Kursbewegung, oder laufen Preis und Funding auseinander, wie beim Öl-Roll? Wer diese drei Fragen stellt, bevor er eine Funding-Zahl interpretiert, vermeidet die häufigsten Fehlschlüsse. Die folgende Übersicht fasst zusammen, wie sich Funding entlang der Kurve typischerweise verhält und welches Risiko jeweils dominiert.

SegmentTypisches FundingHauptrisikoBeispiel
Kern (BTC, ETH)Einstellig bis niedrig zweistellig p.a., kehrt zum Mittel zurückÜberfüllte Longs, Squeeze3 auf 10% Anfang Oktober
AltcoinsHöher, einseitiger, trägerDünne Arbitrage, hoher CarryBIS: Carry bis gegen 60% p.a.
MemecoinsExtrem und sprunghaftManipulation, ADLFARTCOIN: 50% in einer Kerze
Tokenisierte Aktien (HIP-3)Erbt Dividende, Handelszeiten, GapsBetreiber- und OrakelkonzentrationTrade.xyz: über 90% des HIP-3-OI
Rohstoffe (z. B. Öl)Mechanisch verzerrt durch Roll und BackwardationFehldeutung als StimmungWTI-Perp: rund minus 531% p.a.

Ein Teil dieser Streuung entsteht bereits im Rechenweg, der sich je nach Handelsplatz unterscheidet. Die Grundzüge im Vergleich:

BörseIntervallZinskomponenteBesonderheit
Binance, Bybit8 Stundenrund 0,01%/Periode, Klammer bei 0,05%der Standard der großen CEX
OKX8 Stundenfix, stündlicher Wechsel bei Erreichen der Grenzegewichteter gleitender Durchschnitt
Deribitlaufend, als 8h ausgewiesenkeine separate ZinskomponenteTotband um 0,025%
Hyperliquidstündlich0,01%/8h (rund 11% p.a. an Shorts)Orakelpreis statt Mark-Preis, Cap 4%/Stunde
dYdX v4stündlichper Governance einstellbarPrämie geteilt durch 8 plus Zins

In Österreich ist Hebel ein CFD, kein Krypto

Für den österreichischen Anleger kommt an dieser Stelle ein Punkt dazu, der auf keiner Funding-Kurve steht, aber über sie entscheidet. Spot-Krypto fällt unter die MiCA-Verordnung; die FMA lizenziert und beaufsichtigt die Krypto-Dienstleister, die CASPs, zu denen auch der heimische Platzhirsch Bitpanda zählt. Ein Perpetual ist aber kein Spot. Es ist ein Derivat und damit ein Finanzinstrument unter MiFID II, das die FMA als Marktaufsicht beaufsichtigt, nicht unter MiCA. Diese Unterscheidung klingt technisch, hat aber handfeste Folgen für Hebel, Schutzrechte und Steuer.

In ihrer Mitteilung vom 24. Februar 2026 stellte die ESMA klar, dass Krypto-Perpetuals als CFDs gelten. Für Privatanleger heißt das: Der Hebel ist auf 2:1 begrenzt, verglichen mit 30:1 bei großen Währungspaaren, 20:1 bei Indizes und 5:1 bei Einzelaktien. Dazu kommen verpflichtende Margin-Glattstellung, Schutz vor einer Nachschusspflicht und Risikowarnungen. Und, besonders pikant für unser Thema: Die Aufsicht betont ausdrücklich, dass der Funding-Mechanismus an dieser Einstufung nichts ändert. Genau jene Zahlung, um die sich dieser Artikel dreht, ist also auch der rechtliche Dreh- und Angelpunkt.

Hebel rückt damit regulatorisch näher ans Glücksspiel als ans Sparbuch, eine Parallele, die wir mit Blick auf Krypto-Casinos und den Esport schon einmal gezogen haben. Der 2:1-Deckel gilt allerdings nur für regulierte Anbieter mit EU-Zugang. Die hohen Hebel, die das heiße Funding am Rand der Kurve überhaupt erst erzeugen, leben auf Offshore-Plattformen, die sich der FMA entziehen, und genau dort sitzt auch das steuerliche Problem.

Die zweite Kurve: der Fiskus bis 55 Prozent

Nun zur zweiten Kurve, die kaum jemand einzeichnet. Sie betrifft die Steuer, und sie verläuft erstaunlich parallel zur Funding-Risikokurve. Spot-Krypto aus dem Neubestand, also ab dem 1. März 2021 erworben, unterliegt in Österreich dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent; seit dem 1. Jänner 2024 ziehen inländische Plattformen die Kapitalertragsteuer automatisch ab. Bei Krypto-Derivaten sieht die Sache anders aus. Laut dem Steuerleitfaden von Blockpit unterliegen Futures und Perpetuals nicht dem begünstigten Sondersteuersatz, sondern dem progressiven Einkommensteuertarif, und der reicht bis zu 55 Prozent, fällig bei Schließung der Position.

Damit steilt sich für den österreichischen Trader eine zweite Kurve auf: Je weiter er sich vom Spot zum gehebelten Perpetual bewegt, desto höher nicht nur das Marktrisiko, sondern auch die Steuerlast, von pauschalen 27,5 auf bis zu 55 Prozent. Hinzu kommt, dass es bei Offshore-Anbietern keinen automatischen Abzug gibt; die Deklaration liegt vollständig beim Anleger. Die FMA zählte Ende 2025 neun lizenzierte CASPs im Land, darunter Bitpanda, Bybit und KuCoin, und rät Verbrauchern in einer Aussendung vom 3. Juni 2026 ausdrücklich, vor der Nutzung die Zulassung des Anbieters zu prüfen. Wer das heiße Funding am Rand jagt, zahlt also potenziell doppelt: am Markt und beim Finanzamt.

 Spot-KryptoKrypto-Derivate (Perps, CFDs)
RechtsrahmenMiCA, CASP-Aufsicht durch die FMAMiFID II, Finanzinstrument, FMA als Marktaufsicht
Max. Hebel (Privat)kein Hebel (Kassamarkt)2:1 (ESMA-CFD-Grenze für Krypto)
Steuersatz27,5% Sondersteuersatz (§27b EStG)progressiver Tarif bis zu 55% bei Schließung
Quellensteuerautomatischer KESt-Abzug seit 1. Jänner 2024keine, Selbstdeklaration (v. a. Offshore)

Funding gegen die Fed: der Blick auf den 28. Oktober

Bleibt die Frage, gegen welchen Maßstab sich ein Funding von 10 Prozent überhaupt misst. Denn Funding ist nicht nur Stimmung, sondern auch ein Preis, der mit dem risikolosen Zins konkurriert. Die US-Notenbank hob ihren Leitzins im September auf knapp vier Prozent an, die erste Erhöhung seit 2023. Die nächste Entscheidung fällt am 27. und 28. Oktober, wobei der Markt überwiegend mit einer Pause rechnet und die Dezember-Sitzung offenlässt. Liegt Bargeld risikolos bei rund vier Prozent, schrumpft die reale Prämie dafür, mit Hebel long zu sein, schneller als die nackte Zahl vermuten lässt.

Ein Rechenbeispiel macht das greifbar. Wer 10 Prozent Funding auf die volle Position zahlt, dabei aber nur ein Fünftel davon als Margin hinterlegt, verliert auf das eingesetzte Eigenkapital gerechnet ein Vielfaches, bevor sich der Kurs überhaupt bewegt hat; vier Prozent risikolos auf der Seitenlinie sind in dieser Rechnung nicht Beiwerk, sondern der Gegner. Eine straffere Fed hebt die Hürde für die gesamte Kurve an, vom Kern bis zum Rand. Wer wissen will, wie dieser Kalender die Positionierung vor der Sitzung formt, findet das in unserem Fahrplan vor dem 28. Oktober; wie der starke Dollar zusätzlich auf die Risikobereitschaft drückt, haben wir mit Blick auf das 18-Monats-Hoch des DXY beschrieben. Für die Risikokurve gilt am Ende dasselbe wie für jede ihrer Stationen: Die eine Zahl erzählt selten die ganze Geschichte.

Häufige Fragen

Was ist eine Funding-Rate bei Perpetuals?

Die Funding-Rate ist eine periodische Zahlung zwischen Long- und Short-Positionen, die den Preis eines Perpetual-Kontrakts an den Kassapreis bindet. Da ein Perpetual kein Verfallsdatum hat, ersetzt diese Zahlung die Konvergenz, die bei klassischen Futures der Verfall erledigt. Steht der Perp über dem Spot, zahlen die Longs an die Shorts, und umgekehrt. Der rechnerische Grundwert von 0,01 Prozent alle acht Stunden entspricht annualisiert rund elf Prozent.

Warum ist das Funding bei Memecoins höher als bei Bitcoin?

Weil das Arbitragekapital, das den Perp am Spot hält, mit sinkender Liquidität abnimmt. Bei Bitcoin drücken tiefe Bücher und viele Arbitrageure die Rate schnell zum Mittel zurück; bei Memecoins ist das Buch dünn, die Positionierung einseitig long und der Carry hoch. Das BIS-Papier 1087 zeigt, dass ein hoher Carry zugleich ein Warnsignal ist, weil er künftige Kursstürze vorhersagt.

Was ist Auto-Deleveraging (ADL)?

ADL ist der Notmechanismus einer Börse, wenn eine Liquidation nicht über Orderbuch und Versicherungsfonds gedeckt werden kann. Dann schließt die Börse zwangsweise die profitabelsten Gegenpositionen, um das System solvent zu halten. Im FARTCOIN-Fall traf es zwei Short-Wallets, die zusammen rund 849.000 US-Dollar Gewinn realisierten, obwohl sie eigentlich weiter hätten laufen wollen. Am liquiden Kern kommt ADL praktisch nie vor, am dünnen Rand der Kurve dagegen schon.

Wie werden Krypto-Perpetuals in Österreich besteuert?

Anders als Spot-Krypto, das mit dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent besteuert wird, gelten Krypto-Derivate wie Futures und Perpetuals laut Steuerleitfäden als Einkünfte, die dem progressiven Einkommensteuertarif unterliegen; dieser reicht bis zu 55 Prozent und wird bei Schließung der Position fällig. Einen automatischen KESt-Abzug wie bei inländischen Spot-Plattformen gibt es hier nicht, die Deklaration liegt beim Anleger. Dies ist keine Steuerberatung; im Zweifel hilft eine Fachperson.

Wie hoch darf der Hebel auf Krypto-Perpetuals in der EU sein?

Für Privatanleger bei regulierten Anbietern liegt die Grenze bei 2:1, da die ESMA Krypto-Perpetuals als CFDs einstuft. Zum Vergleich: Bei großen Währungspaaren sind 30:1 erlaubt, bei Indizes 20:1 und bei Einzelaktien 5:1. In Österreich beaufsichtigt die FMA diese Produkte unter MiFID II, nicht unter MiCA. Die sehr hohen Hebel, die man aus dem Marketing mancher Börsen kennt, gelten nur auf Offshore-Plattformen ohne EU-Zulassung.

Liam Brennan schreibt für HOGE Wire über Derivate, Marktstruktur und die Regulierung der Krypto-Märkte.

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