Futures-Basis: Contango, Backwardation und der Basis-Trade
Die Futures-Basis zeigt, wie teuer die Zukunft gehandelt wird. Wir erklären Contango, Backwardation und den Cash-and-Carry-Trade, mit Blick auf Wien und die FMA.
Wer Krypto-Derivate handelt, stolpert früher oder später über einen Begriff, der harmlos klingt und trotzdem den halben Markt erklärt: die Futures-Basis. Sie misst den Abstand zwischen dem Preis eines Terminkontrakts und dem Kassakurs (Spot) desselben Vermögenswerts. Aus dieser einen Differenz lesen Profis ab, ob der Markt gierig oder ängstlich ist, wie teuer Hebel gerade sind und ob sich der berühmte Cash-and-Carry-Trade überhaupt rechnet.
Anfang Dezember 2025 lieferte die Basis ein Lehrstück. Der annualisierte Aufschlag der Bitcoin-Futures an der CME rutschte auf minus 2,35 Prozent, die tiefste Backwardation seit dem Zusammenbruch von FTX im November 2022, wie CoinDesk berichtete. Bitcoin notierte damals bei rund 61.000 US-Dollar (etwa 57.000 Euro). Ein halbes Jahr später, Anfang Juli 2026, sieht die Welt schon wieder anders aus. Grund genug, die Mechanik von Grund auf zu erklären.
Was die Futures-Basis ist und warum sie zählt
Die Basis ist einfach definiert: Futures-Preis minus Spot-Preis. Kostet ein Bitcoin am Kassamarkt 70.000 Euro und der in drei Monaten fällige Terminkontrakt 71.400 Euro, beträgt die Basis 1.400 Euro oder 2 Prozent. Weil Kontrakte unterschiedliche Laufzeiten haben, rechnen Händler die Basis auf ein Jahr hoch (annualisiert), um vergleichbare Werte zu erhalten. Aus 2 Prozent auf drei Monate werden so grob 8 Prozent pro Jahr.
Zum Verfallstag müssen Future und Spot zusammenlaufen, denn dann wird der Kontrakt zum Referenzkurs abgerechnet. Die CME nutzt dafür ihren regulierten CME CF Bitcoin Reference Rate, ein einzelner Kontrakt steht für 5 Bitcoin. Genau diese Konvergenz macht die Basis handelbar: Wer die Differenz einsperrt, kassiert sie, sobald sich beide Preise am Ende treffen. Ökonomisch ist das nichts anderes als der Carry, den man aus dem Zins- und Rohstoffhandel kennt.
Contango, Backwardation und die Signale des Marktes
Liegt der Future über dem Spot, spricht man von Contango. Das ist der Normalzustand in einem freundlichen Markt: Anleger zahlen einen Aufschlag dafür, ohne vollen Kapitaleinsatz long positioniert zu sein, und dieser Aufschlag spiegelt Finanzierungskosten sowie schlichten Optimismus. Liegt der Future unter dem Spot, herrscht Backwardation. Dann ist die Nachfrage nach Absicherung oder nach Short-Positionen so groß, dass die Zukunft billiger gehandelt wird als die Gegenwart.
Historisch tauchte tiefe Backwardation bei Krypto fast immer an oder nahe lokalen Tiefs auf, etwa im November 2022, mehrfach 2023 und zuletzt Ende 2025. Die Analyse von CoinDesk sprach von „vorsichtiger Preisbildung und schwächeren Erwartungen“ statt akuter Nachfrage am Spotmarkt. Für antizyklische Anleger ist eine negative Basis daher weniger ein Alarmsignal als ein Hinweis, dass bereits viel Hebel aus dem System gespült wurde. Den Verlauf der annualisierten CME-Basis dokumentiert etwa CryptoQuant laufend.
Der Cash-and-Carry-Trade Schritt für Schritt
Der klassische Basis-Trade heißt Cash-and-Carry und ist im Kern marktneutral. Der Händler kauft den Basiswert am Spotmarkt und verkauft gleichzeitig den teureren Future in gleicher Höhe. Ob Bitcoin danach steigt oder fällt, spielt für das Ergebnis kaum eine Rolle: Der Gewinn auf der einen Seite gleicht den Verlust auf der anderen aus. Verdient wird allein an der Basis, die bis zum Verfall auf null schrumpft.
- Spot kaufen: 1 Bitcoin zu 70.000 Euro.
- Future verkaufen: einen Drei-Monats-Kontrakt zu 71.400 Euro.
- Warten bis zum Verfall: Beide Preise laufen zusammen.
- Auflösen: Die eingesperrten 1.400 Euro bleiben, egal wo der Kurs steht.
Der Haken steckt in den Kosten. Kapital ist gebunden, es fallen Handels- und Finanzierungsgebühren an, und die annualisierte Basis muss diese Kosten übersteigen, damit unter dem Strich etwas bleibt. Deshalb ist der Trade in ruhigen Phasen mit hohem Contango attraktiv und in nervösen Phasen kaum der Mühe wert. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat die Strategie in ihrem Arbeitspapier zum Crypto Carry ausführlich seziert.
Perpetual Futures: die Basis ohne Verfallstag
Der mit Abstand meistgehandelte Krypto-Kontrakt hat gar keinen Verfallstag: das Perpetual Future. Weil ohne Fälligkeit die natürliche Konvergenz fehlt, sorgt ein Funding-Mechanismus für die Kopplung an den Spot. Alle acht Stunden fließt eine Zahlung zwischen Longs und Shorts. Ist das Funding positiv (der Perp handelt über Spot, also Contango), zahlen die Longs an die Shorts. Ist es negativ (Backwardation), zahlen die Shorts an die Longs.
Damit ist das Funding die Echtzeit-Variante der Basis. Ein Basis-Trade lässt sich auch hier bauen: Spot long, Perp short, und der Händler kassiert das positive Funding, solange es fließt. Aktuelle Sätze über alle Börsen hinweg bündelt etwa CryptoQuant. Der Nachteil liegt auf der Hand: Das Funding kann jederzeit drehen, und aus einer verlässlichen Einnahme wird dann eine laufende Zahlung.
Die Basis heute: von der Backwardation zurück ins Contango
Der Weg von Ende 2025 bis heuer im Sommer zeigt die ganze Bandbreite. Im Mai 2025 lag die annualisierte CME-Basis noch bei rund 10 Prozent. Dann kippte die Stimmung: Zwischen November 2025 und Februar 2026 fiel Bitcoin von über 100.000 auf knapp 60.000 US-Dollar (grob 93.000 auf 56.000 Euro), und die Basis rutschte in die erwähnte Backwardation. Seit dem Frühjahr kehren die Zuflüsse zurück, und mit ihnen ein moderates Contango.
| Zeitraum | CME-Basis (annualisiert) | Marktphase | Auslöser |
|---|---|---|---|
| Mai 2025 | rund +10 % | Contango | stetige ETF-Zuflüsse |
| Anfang Dezember 2025 | minus 2,35 % | Backwardation | Ausverkauf, Deleveraging |
| Q1 2026 | um 0 bis leicht positiv | Stabilisierung | Rückkehr der Zuflüsse |
| Anfang Juli 2026 | +5 bis +7 % (Richtwert) | moderates Contango | Erholung ohne Euphorie |
Zur Einordnung: Auf den Zyklushochs von 2021 schoss die annualisierte Basis zeitweise über 30 Prozent, ein Zeichen extremer Gier. Davon ist der Markt heuer weit entfernt. Die folgende Übersicht zeigt Richtwerte für verschiedene Instrumente, jeweils annualisiert und mit Stand Anfang Juli 2026. Diese Werte bewegen sich ständig, geben aber die Größenordnung wieder.
| Instrument | Typ | Basis/Funding p. a. (Richtwert) | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| BTC CME 3-Monats-Future | mit Fälligkeit | +5 bis +7 % | reguliert, USD-Notierung |
| BTC Offshore 3-Monats-Future | mit Fälligkeit | +7 bis +9 % | höher, dafür Gegenparteirisiko |
| BTC Perpetual | Funding, alle 8 h | leicht positiv | dreht schnell |
| ETH CME 3-Monats-Future | mit Fälligkeit | +6 bis +8 % | meist über BTC |
| ETH Perpetual | Funding, alle 8 h | leicht positiv, volatil | höhere Schwankung |
Wie der Spot-ETF den Basis-Trade industrialisiert hat
Seit dem Start der Spot-Bitcoin-ETFs im Jänner 2024 hat der Basis-Trade eine neue Dimension. Der ETF liefert institutionellen Adressen ein reguliertes, liquides Spot-Bein, das sich sauber gegen einen Short-Future an der CME stellen lässt. Genau das lässt sich in den Positionsdaten ablesen: Hebelfinanzierte Fonds bauten ihre Netto-Short-Position in CME-Bitcoin-Futures deutlich aus, ein klassischer Fingerabdruck des Cash-and-Carry, wie die CME in OpenMarkets darlegt.
Damit die beiden Beine auf den Cent zusammenpassen, hat die CME eigene Werkzeuge geschaffen. Der Basis Trade at Index Close (BTIC) erlaubt es, den Future exakt relativ zum Schlussreferenzkurs auszuführen. Bis Anfang Mai 2026 waren die kumulierten Netto-Zuflüsse in US-Spot-Bitcoin-ETFs laut CoinDesk auf 58,72 Milliarden US-Dollar geklettert, trotz kräftiger Abflüsse im vorangegangenen Winter.
Wo Österreicher die Basis handeln können
Für Anlegerinnen und Anleger in Österreich zerfällt der Basis-Trade in zwei regulatorische Welten. Das Spot-Bein, also der reale Bitcoin oder Ether, fällt unter die EU-Verordnung MiCA und wird von Anbietern mit Zulassung als Kryptowerte-Dienstleister angeboten. Das Future-Bein dagegen ist ein Finanzinstrument nach MiFID II, also ein ganz anderes Regelwerk. Beide Regime beaufsichtigt in Österreich die Finanzmarktaufsicht (FMA).
Seit dem 1. Juli 2026 ist das keine Formsache mehr. Mit diesem Stichtag endete die MiCAR-Übergangsfrist; nur noch zugelassene Anbieter dürfen Krypto-Dienstleistungen in der EU erbringen und bewerben, eine Verlängerung hat die ESMA ausgeschlossen, wie broker-test.at zusammenfasst. Bis Ende Juni hatte die FMA zehn Anbieter zugelassen, darunter Bitpanda. Ob eine Börse sauber lizenziert ist, verrät die Unternehmensdatenbank der FMA.
Für das Future-Bein kommt hinzu: Gehebelte Krypto-Derivate für Kleinanleger sind in der EU streng reguliert, mit Hebelobergrenzen und Verlustwarnpflichten. Ein voll ausgebauter Cash-and-Carry über CME-Kontrakte bleibt in der Praxis eher etwas für professionelle oder gut kapitalisierte Adressen; schon der Kontraktwert von 5 Bitcoin sprengt die meisten Privatdepots.
Steuer: KESt, Derivate und die 27,5-Prozent-Frage
Steuerlich ist der Basis-Trade in Österreich kein Selbstläufer, weil seine zwei Beine unterschiedlich behandelt werden. Realisierte Gewinne aus Kryptowährungen unterliegen seit der ökosozialen Steuerreform 2022 dem besonderen Steuersatz von 27,5 Prozent, unabhängig von der Behaltedauer. Inländische Dienstleister wie Bitpanda ziehen die Kapitalertragsteuer (KESt) seit 2024 automatisch ab und führen sie an das Finanzamt ab.
Das Future- oder Perpetual-Bein zählt dagegen zu den Einkünften aus Derivaten. Auch dafür gilt grundsätzlich der Satz von 27,5 Prozent, allerdings behält keine ausländische Krypto-Börse österreichische KESt ein. Solche Gewinne müssen Anleger selbst über die Veranlagung in FinanzOnline erklären. Weil die beiden Beine gegenläufig sind, heben sich Gewinn und Verlust oft weitgehend auf; ein Verlustausgleich innerhalb der Kapitaleinkünfte ist möglich, unterliegt aber Grenzen. Wer größere Volumina fährt, sollte das mit einer Steuerberaterin oder einem Steuerberater durchrechnen.
Risiken: Wenn die Basis kippt
Marktneutral heißt nicht risikofrei. Das erste Risiko ist die Basis selbst: Dreht sie ins Negative, während man auf der falschen Seite sitzt, wird aus der Einnahme eine laufende Belastung. Dazu kommt das Margin-Risiko. Fällt der Spot stark, kann das Short-Future-Bein Nachschuss verlangen, bevor der Gewinn aus dem Spot-Bein verfügbar ist; wer dann nicht liquide genug ist, wird zwangsliquidiert, obwohl die Position rechnerisch ausgeglichen war.
Hinzu kommt das Gegenparteirisiko der Börse, die schmerzhafte Lektion aus dem FTX-Kollaps. Und die schiere Größe des Derivatemarkts verstärkt die Ausschläge: Laut Daten von Grayscale wurden im ersten Halbjahr 2025 Krypto-Perpetuals im Volumen von 10,17 Billionen US-Dollar gehandelt, gegenüber nur 3,06 Billionen am Spotmarkt. Kippt die Stimmung, entladen sich diese Hebel in Kaskaden, und genau dann rutscht die Basis in die tiefe Backwardation wie Ende 2025. Die offenen Positionen lassen sich etwa bei CoinGlass verfolgen.
Fazit: Die Basis als Fieberthermometer
Die Futures-Basis ist kein Nischenindikator, sondern das Fieberthermometer des Krypto-Markts. Hohes Contango steht für Gier und teure Hebel, Backwardation für Angst und oft die Nähe eines Bodens. Für Anleger in Österreich lohnt der Blick auf annualisierte Basis und Funding gleich doppelt: als Stimmungsmesser und, für die Mutigen mit Kapital, als mögliche Renditequelle. Anfang Juli 2026 steht die Basis im moderaten Contango, weit weg von der Euphorie früherer Zyklen, aber klar erholt von der Panik des Vorwinters. Wer investiert, sollte Kosten, Steuer und vor allem die Gegenpartei nüchtern einrechnen.
Von der Markt-Redaktion, HOGE Wire.