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● Mining & Staking

Mining-Pools 2026: das Geschäftsmodell hinter dem Block

Mining-Pools sind keine Wohltäter, sondern Versicherer der Varianz. Wie Betreiber wirklich verdienen, warum die Gebühren gegen null fallen und weshalb Stratum V2 das Geschäft umbaut.

Ein Mining-Pool sieht von außen aus wie ein technischer Dienst: Rechenleistung rein, Bitcoin raus. In Wahrheit ist ein Pool ein Finanzunternehmen. Er verkauft seinen Kunden ein einziges, teuer erkauftes Produkt, nämlich planbares Einkommen, und übernimmt dafür ein Risiko, das ein einzelner Miner allein kaum tragen könnte. Wer verstehen will, warum drei Firmen zusammen fast 60 Prozent aller Bitcoin-Blöcke bauen, warum die Gebühren seit Jahren gegen null fallen und warum 2026 mit SBI Crypto ein etablierter Betreiber einfach den Stecker zog, sollte den Pool nicht als Software begreifen, sondern als Bilanz. Dieser Text seziert die Ökonomie hinter der Hashrate: wie Pool-Betreiber tatsächlich Geld verdienen, warum das Geschäft konsolidiert und weshalb ein Protokoll-Upgrade namens Stratum V2 das wertvollste Aktivum der Branche bedroht.

Die Kulisse dazu liefert ein angespannter Markt. Bitcoin notiert Anfang September 2026 bei rund 67.500 Euro (etwa 78.600 US-Dollar), gut 37 Prozent unter dem Rekord von 126.080 US-Dollar vom 6. Oktober 2025, wie die Kursdaten von CoinGecko zeigen. Die Netzwerk-Hashrate liegt laut Hashrate Index bei rund 936 EH/s, die Difficulty stieg am 6. September zum achten Mal in diesem Jahr, um 1,31 Prozent auf 127,45 Billionen, während der Hashprice binnen eines Monats um gut 22 Prozent auf knapp 40 US-Dollar (etwa 34 Euro) pro PH/s und Tag zulegte, wie news.bitcoin.com berichtet. In diesem Umfeld entscheidet nicht die Romantik der Dezentralisierung über das Überleben eines Pools, sondern seine Marge.

Warum es Pools überhaupt gibt: das Varianz-Problem

Bitcoin belohnt genau einen Gewinner pro Block. Alle zehn Minuten im Durchschnitt findet irgendein Miner weltweit den passenden Hash und kassiert die aktuelle Blockbelohnung von 3,125 BTC, derzeit rund 211.000 Euro, plus die Transaktionsgebühren. Für ein einzelnes Gerät ist das eine Lotterie mit brutalen Quoten. Ein handlicher Bitaxe Gamma mit 1,2 TH/s hat laut einer Auswertung von Million Miner pro Tag eine Chance von etwa eins zu 5,5 Millionen, im statistischen Mittel also nur alle rund 15.000 Jahre einen Block. Selbst ein moderner Großrechner mit 270 TH/s wartet im Erwartungswert Jahrzehnte auf seinen Treffer.

Der Pool löst genau dieses Problem. Er bündelt die Rechenleistung tausender Geräte, sodass die Gruppe regelmäßig Blöcke findet, und verteilt den Ertrag anteilig nach eingereichter Arbeit. Aus einem seltenen Jackpot wird ein stetiger Gehaltsscheck. Genau diese Umwandlung, von Varianz in Planbarkeit, ist das eigentliche Produkt eines Pools. Der Miner zahlt dafür nicht nur eine Gebühr, sondern akzeptiert auch, dass ein Dritter zwischen ihn und die Blockchain tritt. Wie aus der frühen Hobby-Lotterie ein industrieller Sektor mit fast einem Zettahash Rechenleistung wurde, zeichnet unsere Analyse zum Wachstum der Hashrate nach.

Wer die Ökonomie der Pools verstehen will, beginnt hier: Der Wert eines Pools bemisst sich daran, wie gut und wie günstig er Unsicherheit in ein verlässliches Einkommen verwandelt. Alles Weitere, die Gebührenmodelle, die Konzentration, der Streit um Stratum V2, ist Konsequenz dieses einen Geschäfts. Ein Pool ist im Kern kein Rechenzentrum, sondern eine Versicherung gegen Pech.

Der Pool als Versicherer: wer die Varianz trägt

Das Auszahlungsmodell entscheidet, wer das Pech frisst. Es ist der wichtigste betriebswirtschaftliche Hebel eines Pools, denn es verteilt genau jenes Varianzrisiko, das den Miner überhaupt erst in den Pool getrieben hat. Historisch begann alles mit Pay Per Share (PPS): Der Betreiber zahlt dem Miner einen festen Betrag pro eingereichtem Anteil und übernimmt das gesamte Glücksspiel selbst. Findet der Pool zwei Wochen keinen Block, zahlt er trotzdem. Das ist bequem für den Miner, aber ruinös für einen unterkapitalisierten Betreiber.

Heute dominiert Full Pay Per Share (FPPS). Es funktioniert wie PPS, verteilt aber zusätzlich einen geglätteten Durchschnitt der Transaktionsgebühren. Auch hier trägt der Betreiber die Varianz und braucht dafür Reserven, weshalb FPPS zum Standard der großen Industriefarmen wurde, die verlässliche Einnahmen für ihre Kreditgeber brauchen. Am anderen Ende steht Pay Per Last N Shares (PPLNS): Hier bezahlt der Pool nur, wenn er wirklich einen Block findet, und der Miner trägt die Schwankung selbst. Die Gebühr ist niedriger, die Auszahlung ungleichmäßig, und das Modell bestraft das sogenannte Pool-Hopping. Dazwischen liegen Mischformen wie PPS+ sowie das nicht verwahrende TIDES-Modell des Anbieters Ocean.

ModellWer trägt die VarianzWas wird bezahltGebührCharakter
PPSBetreibernur Subventionhochältestes Modell, kaum noch verbreitet
FPPSBetreiberSubvention plus Gebührenhoch (2 bis 4 Prozent)Industriestandard großer Farmen
PPS+gemischtSubvention fest, Gebühren realmittel bis hochKompromiss
PPLNSMinernur bei gefundenem Blockniedrigbestraft Pool-Hopping, schwankt
TIDESMinerdirekt aus der coinbaseniedrig bis mittelnicht verwahrend (Ocean)
SOLOMineralles oder nichtsniedrigLotterie über Pool-Infrastruktur

Der entscheidende Punkt: FPPS ist ein Kapitalgeschäft. Ein Pool, der garantierte Auszahlungen verspricht, muss eine Bilanz vorhalten, die auch eine Pechsträhne von mehreren Tagen überbrückt. Diese Reserve kostet Geld, rechtfertigt die höhere Gebühr und trennt seriöse Betreiber von riskanten. Genau deshalb ist die Wahl des Auszahlungsmodells keine technische Fußnote, sondern die erste Frage jeder Pool-Bilanz.

Wie Pool-Betreiber wirklich Geld verdienen

Die sichtbare Einnahmequelle ist die Pool-Gebühr, üblicherweise null bis vier Prozent der Auszahlung. Doch wer nur auf die Gebühr schaut, versteht das Geschäft nicht. Der Analyst von Hashrate Index beschreibt moderne Pools treffend als weit mehr als bloße Endpunkte für Hashrate, nämlich als „coordination and control hubs“, als Liquiditätsplätze und Risikomanager. In dieser Rolle verdienen Betreiber an mehreren Stellen gleichzeitig.

  • Gebühren: der offene Aufschlag auf jede Auszahlung, bei FPPS-Pools meist zwei bis zweieinhalb Prozent.
  • Transaktionsgebühren: bei einfachen PPS-Varianten bleiben die realen Blockgebühren teils beim Betreiber, während der Miner nur den geglätteten Durchschnitt sieht.
  • Float: zwischen dem Blockfund und der Auszahlung liegt das Guthaben der Miner beim Pool; auf diesem Bestand lässt sich Zins oder Rendite erwirtschaften.
  • Kunden-Trichter: ein Pool kann Miner an eine konzerneigene Börse, ein Verwahrangebot oder einen Kreditdesk weiterleiten.
  • Hardware, Firmware und Standort-Services: Verkauf und Vermittlung von ASICs, eigene Firmware und Rechenzentrumsdienste.
  • Derivate: Terminkontrakte auf den Hashprice, mit denen der Pool Miner absichert und selbst eine Marge verdient.

Diese Vielfalt erklärt eine sonst paradoxe Beobachtung: Warum kann ein Pool null Prozent Gebühr verlangen und trotzdem existieren? Weil die Gebühr nur die Spitze der Ertragskette ist. Ein Nullgebühren-Pool ist fast immer ein Loss-Leader, dessen Betreiber an anderer Stelle im Konzern verdient, sei es durch Hardware, eine Börse oder schlicht durch die strategische Kontrolle über einen großen Anteil der Hashrate. Der Pool ist dann kein Profitcenter, sondern ein Türöffner.

Der Fee-Krieg: der Wettlauf gegen null

Das prominenteste Beispiel liefert der Marktführer selbst. Foundry USA, die Mining-Tochter der Digital Currency Group, startete 2019 und bot seinen Pool jahrelang gratis an. Erst im April 2023, mitten in der Finanzkrise des Mutterkonzerns nach der Insolvenz der DCG-Kreditsparte Genesis, führte Foundry gestaffelte Gebühren ein, wie Bitcoin Magazine damals berichtete. Bis dahin hatte der Pool ohne sichtbare Gebühr mehr als 30 Prozent der Netzwerk-Hashrate an sich gezogen. Die Botschaft war unmissverständlich: Wer tief genug in der Wertschöpfungskette steht, kann den Pool selbst als Verlustbringer führen und Marktanteil kaufen.

Das Ergebnis ist ein struktureller Preisverfall. Die Vergleichsübersicht von D-Central (Stand August 2026) zeigt Gebühren, die sich in einer engen Spanne drängen und für die großen FPPS-Pools bei rund zweieinhalb Prozent liegen, während der Marktführer effektiv gegen null tendiert. Für kleinere Betreiber ohne Konzern im Rücken ist das existenzbedrohend: Sie tragen dasselbe Varianzrisiko, müssen dieselben Reserven vorhalten, dieselbe Compliance stemmen, aber können den Gratis-Preiskampf des Marktführers nicht mitgehen.

PoolBetreiberModellGebühr (Richtwert)Verwahrend
Foundry USADigital Currency GroupFPPSeffektiv nahe 0 Prozent (institutionell)ja
AntPoolBitmainFPPS+ / PPLNSca. 2,5 Prozent / 1,5 Prozentja
F2PoolF2Pool GlobalFPPS / PPS+ca. 2,5 Prozentja
ViaBTCViaBTC GroupPPS+ / PPLNS / SOLO4 / 2 / 1 Prozentja
LuxorLuxor TechnologyFPPSca. 0,7 bis 2 Prozent (gestaffelt)ja
Braiins (ehem. Slush)Braiins / Satoshi LabsFPPS / PPLNSca. 2 Prozent / 0 Prozentja
Oceanunabhängig (Luke Dashjr u. a.)TIDESca. 0 bis 2 Prozent (1 Prozent mit DATUM)nein

Ein Fee-Krieg, den der Größte mit dem Rücken eines Konglomerats führt, kennt nur einen Ausgang: Konsolidierung. Wer nicht quersubventionieren kann, muss entweder eine Nische besetzen (Transparenz, Nicht-Verwahrung, regionale Nähe) oder das Feld räumen.

Vertikale Integration: wem die großen Pools gehören

Kaum ein bedeutender Pool ist ein eigenständiges Geschäft. Fast alle sind ein Knoten in einer größeren Wertschöpfungskette, und genau diese Integration erklärt, warum sie den Preiskampf überleben. Foundry gehört zum Krypto-Konglomerat DCG und flankiert den Pool mit Hardware-Vermittlung, Firmware und Standortdiensten. AntPool gehört dem weltgrößten ASIC-Hersteller Bitmain: Wer die Maschinen baut, kann deren Rechenleistung bequem in den eigenen Pool lenken. F2Pool ist unabhängig geblieben und punktet mit technischer Reife und früher Merge-Mining-Erfahrung.

Das vielleicht lehrreichste Modell ist ViaBTC. Gründer Haipo Yang baute 2016 zuerst den Pool und startete 2017 unter demselben Dach die Börse CoinEx. Der Pool dient dort ausdrücklich als Trichter: Er zieht Miner an, die ihre frisch geschürften Coins dann bequem an die konzerneigene Börse weiterleiten, wie ViaBTC in einer Erklärung zum CoinEx-Ökosystem selbst beschreibt. Der Pool verdient wenig an Gebühren, aber viel an dem Handelsvolumen, das er der Börse zuführt. MARA Pool wiederum gehört dem börsennotierten Miner MARA Holdings und ist reine Selbstversorgung: Das Unternehmen baut seine eigenen Blöcke, spart die externe Gebühr und behält die volle Belohnung. Luxor schließlich verkauft nicht den Pool, sondern den gesamten Stack aus Firmware, Derivaten und Energie-Software.

PoolEigentümerIntegrationsmodell
Foundry USADigital Currency Group (USA)Konglomerat: Hardware-Brokerage, Firmware, Standort-Services
AntPoolBitmain (Hersteller)Hersteller-Integration: verkauft ASICs, bindet deren Hashrate
ViaBTCViaBTC GroupTrichter zur eigenen Börse CoinEx
MARA PoolMARA Holdings (börsennotiert)Selbst-Mining: eigene Blöcke, keine externe Gebühr
LuxorLuxor Technology (Seattle)Full-Stack: Pool, Firmware, Derivate, Energie
Binance PoolBinanceBörsen-Ökosystem
Oceanunabhängig (Dashjr, Bitcoin Mechanic)nicht verwahrend, Fokus Dezentralisierung

Die Konsequenz ist paradox: Die vermeintliche Basisschicht des Bitcoin-Minings, der Pool, ist in Wahrheit meist nur das Vorzimmer eines Hardware-Herstellers, einer Börse oder eines Fondsvehikels. Wer den Pool besitzt, besitzt den Zugang zu den Minern, und dieser Zugang ist mehr wert als jede Gebühr.

Die Konzentration: drei Pools, ein Risiko

Weil die Ökonomie Skalengröße belohnt (mehr Hashrate glättet die Varianz und senkt den Reservebedarf pro Terahash), zieht das Geschäft strukturell zur Konzentration. Anfang September 2026 zeigt die Rangliste von Hashrate Index das Ergebnis: Die drei größten Pools bauen zusammen rund 59 Prozent aller Blöcke, und schon Foundry und AntPool kommen gemeinsam auf gut 44 Prozent.

PoolAnteilHashrate
Foundry USA25,0 Prozent214,9 EH/s
AntPool19,0 Prozent163,7 EH/s
F2Pool14,8 Prozent126,7 EH/s
SpiderPool8,7 Prozent74,7 EH/s
ViaBTC8,0 Prozent68,8 EH/s
SecPool6,3 Prozent53,7 EH/s
MARA Pool5,3 Prozent45,3 EH/s
Luxor4,2 Prozent36,1 EH/s
Binance Pool2,2 Prozent18,5 EH/s
BTC.com1,4 Prozent11,8 EH/s

In der Sprache der Dezentralisierung heißt diese Kennzahl Nakamoto-Koeffizient: die kleinste Zahl von Akteuren, die zusammen mehr als die Hälfte der Rechenleistung kontrollieren. Für Bitcoins Pools liegt sie seit Monaten bei drei. Man braucht also nur Foundry, AntPool und F2Pool an einen Tisch, um über die Mehrheit der Blockproduktion zu verfügen. Die Analyse von Spark zeigt, dass eine Handvoll Pools den Großteil der Blockinhalte bestimmt.

Wichtig ist die richtige Sorge. Ein klassischer 51-Prozent-Angriff, bei dem ein Kartell Transaktionen rückgängig macht, wäre wirtschaftlicher Selbstmord und ist unwahrscheinlich. Die realistische Gefahr ist subtiler: die Auswahl der Transaktionen. Wer den Block baut, entscheidet, welche Zahlungen hineinkommen, und kann einzelne Adressen aussperren. Genau hier setzt die Debatte um Stratum V2 an, und genau hier steht das wertvollste Aktivum der Betreiber auf dem Spiel.

Konsolidierung 2026: warum SBI Crypto aufgab

Wie fragil das Pool-Geschäft am unteren Ende ist, führte 2026 ein prominenter Rückzug vor. SBI Crypto, die Mining-Sparte des japanischen Finanzkonzerns SBI Holdings, stellte seinen öffentlichen Pool zum 31. Juli 2026 dauerhaft ein, wie CoinDesk berichtete. Betroffen waren rund 2,2 Prozent der Netzwerk-Hashrate, in der Größenordnung des elftgrößten Pools; die Kunden wurden an Braiins und Luxor verwiesen. Ein etablierter Konzern mit tiefen Taschen entschied schlicht, dass sich der öffentliche Pool-Betrieb nicht mehr lohnt.

Die Rechnung dahinter ist die Summe dieses Artikels. Ein mittelgroßer Pool trägt volles Varianzrisiko, muss Reserven vorhalten, konkurriert gegen einen Marktführer, der effektiv gratis anbietet, und schleppt zugleich die wachsende regulatorische Last eines Finanzdienstleisters mit sich. Wenn die Gebühr gegen null tendiert, die Fixkosten aber nicht, bleibt für den Betreiber ohne eigenen Hardware- oder Börsenmotor kaum Marge. SBI hatte diese Motoren an anderer Stelle (der Konzern kaufte etwa die Börse Bitbank und hatte 2025 einen Sicherheitsvorfall in der Mining-Sparte verarbeitet) und zog die betriebswirtschaftlich naheliegende Konsequenz.

Der Fall SBI ist kein Einzelfall, sondern das Muster. Die Ökonomie des Pool-Geschäfts drängt kleine und mittlere Anbieter aus dem Markt und treibt die Hashrate zu den wenigen Betreibern, die entweder quersubventionieren oder eine echte Nische verteidigen. Konsolidierung ist damit kein Betriebsunfall, sondern die logische Folge eines Geschäfts, in dem Skalengröße fast alles ist.

Das Gegenparteirisiko: wenn der Pool nicht zahlt

Die Kehrseite der Versicherer-Rolle ist ein Risiko, das viele Miner übersehen: Ein verwahrender FPPS-Pool hält permanent Guthaben, das eigentlich den Minern gehört, und legt es als Reserve an. Diese Bilanz ist das Fundament der garantierten Auszahlung, aber sie ist eben auch das Gegenparteirisiko des Miners. Wenn der Betreiber die Reserve schlecht verwaltet, wird der planbare Gehaltsscheck zum Totalausfall.

Der Lehrfall heißt Poolin. Der einst zweitgrößte Pool fror im September 2022 die Auszahlungen von Bitcoin und Ether ein und verwies auf Liquiditätsprobleme, wie Bitcoinist festhielt. Zuvor hatte Poolin einen Teil seiner Mittel in DeFi-Renditejagd gesteckt und stellte die Bitcoin-Auszahlung anschließend von FPPS auf PPLNS um, verschob das Varianzrisiko also zurück auf die Miner. Übersetzt heißt das: Der Pool hatte den Float seiner Kunden verspekuliert und konnte die versprochene Versicherungsleistung nicht mehr erbringen.

Aus dieser Erfahrung erklärt sich der Reiz nicht verwahrender Modelle. Oceans TIDES-System schreibt die Auszahlung direkt in die coinbase-Transaktion des gefundenen Blocks; der Pool hält also gar kein Kundenguthaben, das er verlieren oder einfrieren könnte. Der Preis dafür ist eine unregelmäßigere Auszahlung, weil kein Betreiber mehr die Varianz glättet. Es ist derselbe Zielkonflikt wie am Anfang, nur unter neuem Vorzeichen: Der Miner tauscht das Ausfallrisiko einer fremden Bilanz gegen die Rückkehr der eigenen Varianz. Wer echte Vertrauensminimierung schätzt, kennt diesen Handel bereits aus anderen Ecken des Ökosystems, etwa von der vertrauensarmen Brücken-Architektur für Bitcoin-L2s.

Stratum V2: der Angriff auf das wertvollste Aktivum

Das kostbarste Gut eines Pool-Betreibers steht in keiner Bilanz: die Kontrolle über den Blockinhalt. Unter dem alten Protokoll Stratum V1 baut der Pool die Blockvorlage und schickt sie den Minern, die nur noch Rechenleistung darauf werfen. Wer die Vorlage baut, wählt die Transaktionen, kassiert im Zweifel die lukrativsten Gebühren zuerst und sitzt an einem potenziellen Zensur- und Erpressungshebel. Wie viel dieser Hebel wert ist, zeigt sich, seit gebührenstarke Anwendungen wie Bitcoin Runes um Platz im Block konkurrieren: Die Auswahl der Vorlage ist bares Geld.

Stratum V2 greift genau hier an. Über das Job-Declaration-Verfahren baut der Miner seine eigene Blockvorlage mit eigenem Full Node, während der Pool nur noch die Auszahlung glättet und die coinbase validiert. Im Mai 2026 trat ein Bündnis aus sieben Pools mit rund 75 Prozent der Hashrate der Stratum-V2-Arbeitsgruppe bei, darunter Foundry, AntPool, F2Pool, SpiderPool, MARA, Block Inc. und DMND, wie CoinDesk meldete. AntPool-Chef Andy Zhou erklärte gegenüber news.bitcoin.com, man sei „proud to support the broader adoption of Stratum V2“, ein offener Standard ermögliche gemeinsame Fortschritte bei „efficiency, security, and decentralization“. Laut denselben Tests erreichen Miner über schnellere Vorlagen und bessere Gebührenauswahl bis zu 7,4 Prozent mehr Ertrag.

Für das Geschäftsmodell ist das eine Zäsur. Wenn der Miner die Vorlage baut, verliert der Pool sein Alleinstellungsmerkmal und schrumpft zur reinen Auszahlungs- und Varianz-Infrastruktur, also zu einem austauschbaren Versorger, dessen Gebühr noch weiter unter Druck gerät. Dass ausgerechnet die größten Betreiber diesen Standard mittragen, ist bemerkenswert. Den ersten Block mit echter Job Declaration schürfte im Juni 2026 der V2-native Pool DMND gemeinsam mit dem Miner GoMining, Block 955.318. DMND-Chef Alejandro De La Torre sagte gegenüber TFTC: „A miner just mined the first Stratum V2 block to power their own product end to end.“ GoMining-Chef Mark Zalan ergänzte: „For years, mining pools have determined which transactions are included in Bitcoin blocks.“

Ocean, DATUM und das nicht verwahrende Modell

Nicht jeder Weg zur dezentralen Blockproduktion führt über neue Firmware. Der Pool Ocean, im November 2023 vom Bitcoin-Core-Entwickler Luke Dashjr und dem Betreiber Bitcoin Mechanic gestartet und mit einer von Block-Chef Jack Dorsey angeführten Startfinanzierung von 6,2 Millionen US-Dollar ausgestattet, verfolgt einen anderen Ansatz. Sein Werkzeug DATUM (Decentralized Alternative Templates for Universal Mining) lässt den Miner die Vorlage lokal auf einem eigenen Full Node bauen, funktioniert aber auf bestehender Stratum-V1-Firmware, verlangt also kein ASIC-Update. DATUM handelt Eleganz gegen sofortige Einsetzbarkeit.

Dashjr fasste den Effekt im April 2026 auf X so zusammen: Statt zweier Blöcke desselben Pools entstünden Blöcke zweier unabhängiger Miner, „exactly the same as if they weren’t using any pool at all“. Genau das ist der Punkt: Ocean will den Pool als Machtzentrum überflüssig machen und ihn auf die eine Funktion reduzieren, die der Miner wirklich braucht, das Glätten der Varianz. Das Geschäftsmodell dahinter ist nicht Kontrolle, sondern Transparenz und Nicht-Verwahrung, verkauft an eine ideologisch motivierte Kundschaft.

Die Ironie der Geschichte: Der allererste Mining-Pool, das 2010 von Marek Palatinus gegründete Slush Pool, ist heute unter dem Namen Braiins einer der lautstärksten Verfechter von Stratum V2 und baute die dazugehörige offene Firmware. Die Branche kehrt damit an ihren Ausgangspunkt zurück, an dem der Pool ein Dienst am Miner war und kein Gatekeeper. Ob dieser Rückbau gelingt, entscheidet weniger die Technik als die Frage, ob genug Betreiber freiwillig auf ihr wertvollstes Aktivum verzichten.

Zensur als Geschäfts- und Rechtsrisiko

Dass die Kontrolle über den Blockinhalt nicht nur Chance, sondern auch Haftungsrisiko ist, führte F2Pool vor. Der Entwickler 0xB10C dokumentierte, dass der Pool zeitweise Transaktionen von OFAC-sanktionierten Adressen herausfilterte, den Block also nach US-Sanktionslisten kuratierte. F2Pool-Mitgründer Chun Wang bestätigte den Filter zunächst offensiv, schaltete ihn nach heftiger Kritik aber wieder ab und begründete das laut The Miner Mag damit, ein zensurresistentes System müsse auf Protokollebene funktionieren und nicht vom Gewissen einzelner Teilnehmer abhängen, bis die Community einen breiteren Konsens erreiche.

Für einen Betreiber ist das ein doppeltes Dilemma. Filtert er nicht, riskiert er den Zorn von Aufsehern, die von einem regulierten Finanzakteur Sanktionstreue erwarten. Filtert er, macht er sich zum politischen Akteur, untergräbt Bitcoins zentrales Verkaufsargument und schafft einen Präzedenzfall, der ihn erst recht angreifbar macht. Solange ein einzelner Operator den Blockinhalt bestimmt, ist er ein Flaschenhals, an dem Zensur ansetzen kann, ob durch Behörden oder durch eigene Entscheidung. Genau dieser Flaschenhals verschwindet, wenn Stratum V2 oder DATUM die Vorlage an tausende Miner zurückgeben: Es gibt dann keinen einzelnen Adressaten mehr, dem man Filterung befehlen könnte. Die Dezentralisierung der Blockproduktion ist damit auch eine Strategie der Haftungsvermeidung.

Regulierung: BaFin, MiCA und die Verwahrfrage

Für deutsche und europäische Leser stellt sich die naheliegende Frage: Ist das alles überhaupt reguliert? Die kurze Antwort lautet, dass das Mining selbst und der reine Pool-Betrieb in der EU keine erlaubnispflichtige Finanzdienstleistung sind. BaFin und die europäische Verordnung MiCA regulieren Krypto-Dienstleister und Emittenten, nicht das Protokoll oder die Rechenarbeit; das geht aus dem Merkblatt der BaFin zu Kryptowerte-Dienstleistungen hervor. Warum die Lizenz aber erst der Anfang ist und laufende Aufsicht, DORA und AMLA die eigentliche Last bilden, zeigt unsere Analyse zur MiCA-Umsetzung.

Die längere Antwort ist heikler und trifft genau das Geschäftsmodell. Sobald ein Pool Kundenguthaben verwahrt, wie es jeder verwahrende FPPS-Pool tut, rückt er in die Nähe der Verwahr-Regeln, die MiCA für Krypto-Dienstleister vorsieht. Der Fall Poolin zeigt, warum Aufseher hier genau hinschauen: Ein Betreiber, der fremdes Geld hält und in Renditejagd steckt, ist funktional ein Schattenbankier. Nicht verwahrende Modelle wie Oceans TIDES umgehen dieses Problem konstruktiv, indem sie nie ein Guthaben halten. Ergänzend gilt: Derivate auf die Hashrate, also die Hashprice-Terminkontrakte, mit denen Pools wie Luxor Marge machen, sind Finanzinstrumente unter MiFID II und nicht unter MiCA.

Jenseits Europas hat vor allem die US-Börsenaufsicht für Klarheit gesorgt. Ihre Abteilung Corporation Finance stellte im März 2025 fest, dass Proof-of-Work-Mining, ausdrücklich einschließlich der Teilnahme an einem Mining-Pool, keine Wertpapiertransaktion ist, weil die Belohnung aus der eigenen Rechenleistung stammt und nicht aus der unternehmerischen Anstrengung eines Dritten; nachzulesen in der Erklärung der SEC. Ein breiterer Interpretationsbeschluss vom März 2026 dehnte diese Sicht auf Staking, Wrapping und Airdrops aus. Wie die Behörde ihre Fälle finanziert und antreibt, beleuchtet unsere Analyse zur Prämien-Maschine hinter dem SEC-Enforcement.

Was das Geschäftsmodell für Bitcoin bedeutet

Fügt man die Teile zusammen, ergibt sich ein klares Bild. Die Ökonomie des Pool-Geschäfts, Varianzkapital plus dünne Gebühren plus Skalenvorteile, drängt strukturell zur Zentralisierung. Große Pools glätten die Varianz billiger, subventionieren die Gebühr aus angrenzenden Geschäften und drücken kleinere Anbieter aus dem Markt; der Rückzug von SBI Crypto ist die sichtbare Spitze dieses Trends. Ohne Gegenkraft läuft Bitcoins Blockproduktion auf eine Handvoll Betreiber zu, mit einem Nakamoto-Koeffizienten von drei.

Die Gegenkraft ist gerade erst angetreten, und sie zielt präzise auf die Bilanz der Betreiber. Stratum V2 und DATUM entwerten das wertvollste Aktivum des Pools, die Kontrolle über den Blockinhalt, und reduzieren ihn auf einen austauschbaren Versorger. Nicht verwahrende Modelle nehmen ihm das Float-Geschäft und damit das Gegenparteirisiko. Und am äußersten Rand erinnert die kleine, aber wachsende Solo-Mining-Szene daran, dass es auch ganz ohne Betreiber geht: Immer wieder findet ein einzelner Bastler mit einem Gerät für ein paar hundert Euro einen ganzen Block im Wert von über 200.000 Euro, ein Lottogewinn, der zeigt, dass das Netzwerk niemandem gehört.

Die wahrscheinlichste Zukunft liegt dazwischen. Pools verschwinden nicht, denn die Varianz verschwindet nicht; solange Miner planbares Einkommen brauchen, brauchen sie einen Glätter. Aber die Rolle des Pools schrumpft vom Machtzentrum zum Dienstleister. Wer 2026 in Mining-Infrastruktur investiert oder einen Pool wählt, sollte deshalb weniger auf die beworbene Gebühr achten als auf die eigentliche Frage: Wovon lebt dieser Betreiber wirklich, und was passiert mit seiner Marge, wenn die Miner ihre Blöcke bald selbst bauen?

Häufig gestellte Fragen

Wie verdienen Mining-Pools Geld?

Die sichtbare Einnahmequelle ist die Pool-Gebühr von null bis vier Prozent der Auszahlung. Dazu kommen weniger sichtbare Quellen: einbehaltene Transaktionsgebühren, der Zinsvorteil auf noch nicht ausgezahlte Guthaben (Float), das Weiterleiten von Kunden an eine konzerneigene Börse, der Verkauf von Hardware und Firmware sowie Derivate auf die Hashrate. Pools mit null Prozent Gebühr sind fast immer Loss-Leader, die anderswo im Konzern verdienen.

Was ist der Unterschied zwischen FPPS und PPLNS?

Bei FPPS (Full Pay Per Share) trägt der Betreiber die Varianz und zahlt den Miner auch dann aus, wenn der Pool länger keinen Block findet; das verlangt Reserven und rechtfertigt eine höhere Gebühr. Bei PPLNS trägt der Miner die Varianz und wird nur bezahlt, wenn der Pool einen Block findet; die Gebühr ist niedriger, die Auszahlung schwankt stärker, und Pool-Hopping wird bestraft.

Ist ein Mining-Pool in Deutschland reguliert?

Das Mining selbst und der reine Pool-Betrieb sind in der EU keine erlaubnispflichtige Finanzdienstleistung. BaFin und MiCA regulieren Krypto-Dienstleister und Emittenten, nicht das Protokoll. Sobald ein Pool jedoch Kundenguthaben verwahrt, kann er in die Nähe der Verwahr-Regeln geraten, und Derivate auf die Hashrate fallen unter MiFID II, nicht unter MiCA.

Warum ist die Pool-Konzentration ein Problem?

Anfang September 2026 kontrollierten die drei größten Pools zusammen rund 59 Prozent der Hashrate, und schon zwei von ihnen bauen fast die Hälfte aller Blöcke; der Nakamoto-Koeffizient liegt bei drei. Die größere Gefahr ist nicht ein 51-Prozent-Angriff, sondern die Auswahl der Transaktionen: Unter dem alten Stratum V1 bestimmt der Betreiber, was in den Block kommt, und kann damit einzelne Zahlungen zensieren.

Was ändert Stratum V2 am Geschäftsmodell?

Stratum V2 gibt den Bau der Blockvorlage über das Job-Declaration-Verfahren an den Miner zurück, während der Pool nur noch auszahlt und die Varianz glättet. Damit verliert der Betreiber sein wertvollstes Aktivum, die Kontrolle über den Blockinhalt, und wird zur austauschbaren Auszahlungs-Infrastruktur; Tests zeigen für Miner bis zu 7,4 Prozent mehr Ertrag.

Von Yuki Tanaka, Redaktion Mining und Infrastruktur, HOGE Wire.

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