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● Mining & Staking

Hashrate-Wachstum 2026: der Engpass heißt Silizium

Am 19. September springt Bitcoins Difficulty um rund vier Prozent, die Hashrate wächst wieder. Die eigentliche Grenze aber setzen nicht Preis oder Strom, sondern Chips und Fabriken.

Am Freitag, den 19. September 2026, passt das Bitcoin-Netzwerk gegen 8 Uhr morgens (UTC) seine Mining-Schwierigkeit zum nächsten Mal an, und die Schätzungen deuten auf einen Sprung von rund vier Prozent nach oben, auf grob 132 bis 133 Billionen (CoinWarz). Das wäre der stärkste Aufwärtsschritt seit dem Plus von gut sieben Prozent Ende Juni. Zeitgleich ist Bitcoin am Donnerstag um mehr als sechs Prozent auf etwa 81.200 US-Dollar (rund 70.700 Euro) gestiegen (CoinGecko). Beide Zahlen erzählen dieselbe Geschichte: Nach einem Jahr Stillstand ist im Netzwerk wieder Rechenleistung dazugekommen. Eine steigende Difficulty ist nichts anderes als der harte, nachträgliche Beweis, dass die Hashrate in den vergangenen zwei Wochen real gewachsen ist.

Die spannendere Frage ist, wie weit dieses Wachstum tragen kann. Ein Jahr lang drehte sich die Debatte um Preis und Strom: Springt der Kurs, lohnt sich das Mining wieder, kommen die Maschinen zurück. Das stimmt, greift aber zu kurz. Denn die eigentliche Obergrenze für das Hashrate-Wachstum liegt nicht an der Börse und nicht am Stromzähler, sondern in einer Handvoll Chipfabriken in Taiwan und Südkorea. Wer verstehen will, ob Bitcoin den Weg zurück über ein Zettahash und weiter zu zwei Zettahashes schafft, muss die Lieferkette der Rechenleistung anschauen: drei Firmen, die die Maschinen entwerfen, zwei Auftragsfertiger, die die Chips ätzen, und einen wachsenden Konkurrenten um genau diese Fertigung, der KI heißt.

Der Difficulty-Sprung vom 19. September, kurz erklärt

Bitcoin misst seine eigene Rechenleistung nicht direkt. Niemand steht mit einem Zähler an den Maschinen, weil die Miner anonym und über den ganzen Globus verteilt sind. Stattdessen leitet das Protokoll die Hashrate indirekt ab: Alle 2.016 Blöcke, im Schnitt also etwa alle zwei Wochen, vergleicht das Netzwerk, wie schnell die Blöcke tatsächlich gefunden wurden, mit dem Zielwert von zehn Minuten pro Block. War das Schürfen zu schnell, kamen also zu viele Maschinen dazu, dreht das Protokoll die Schwierigkeit nach oben. War es zu langsam, senkt es sie. Diese Difficulty ist die einzige harte, nicht geschätzte Zahl im ganzen Mining-Kosmos, und genau deshalb ist ein Retarget das ehrlichste Signal, das wir über das Hashrate-Wachstum bekommen.

Ein geschätzter Anstieg von rund vier Prozent bedeutet also schlicht: In der laufenden Zwei-Wochen-Periode wurden die Blöcke im Mittel etwas schneller als alle zehn Minuten gefunden, weil ungefähr vier Prozent mehr Rechenleistung am Netz war als in der Periode zuvor. Das ist keine Marketing-Zahl, sondern ein physikalischer Abgleich mit der Realität. JPMorgan-Analyst Nikolaos Panigirtzoglou beschreibt den Mechanismus in seiner klassischen, negativen Richtung so: „Wenn Bitcoin unter seinen Produktionskosten handelt, schalten teurere Miner ab, die Hashrate sinkt, und die Difficulty passt sich nach unten an.“ Im September 2026 läuft dieselbe Rückkopplung erstmals seit Langem wieder vorwärts: Der Kurs steigt, das Mining wird lukrativer, Maschinen gehen ans Netz, und die Schwierigkeit zieht an.

Einzuordnen ist das vor dem Hintergrund eines schwachen Jahres. Über 2026 hinweg stehen bislang acht Erhöhungen gegen zehn Senkungen, netto liegt die Difficulty rund zwölf Prozent unter dem Januar-Niveau von etwa 146 Billionen und noch immer rund achtzehn Prozent unter ihrem Allzeithoch von knapp 156 Billionen aus dem November 2025 (Bitcoin.com News). Ein einzelner Vier-Prozent-Schritt kehrt diesen Trend nicht um. Er zeigt aber, dass die Kurve wieder nach oben zeigt, und wirft damit die Frage auf, wie viel Luft nach oben überhaupt noch da ist. Wir haben diese Stagnation vor wenigen Tagen ausführlich seziert (ein Jahr nach der Zettahash); hier geht es um die Frage dahinter, nämlich woher die Rechenleistung physisch kommt.

Datum 2026VeränderungSchwierigkeit danach
14. Juni-10,09 %124,93 Bio.
27. Juni+7,15 %133,87 Bio.
11. Juli-5,00 %127,17 Bio.
25. Juli-0,74 %126,23 Bio.
8. August+0,99 %127,48 Bio.
23. August-1,31 %125,81 Bio.
5. September+1,31 %127,45 Bio.
19. September (Schätzung)~ +4 %~ 132,5 Bio.
Bitcoin-Difficulty-Anpassungen 2026 (Werte nach der jeweiligen Anpassung). Quelle: CoinWarz. Die 19.-September-Zahl ist eine Schätzung und schwankt je nach Blockzeit.

Zwei Wege, die Hashrate zu vergrößern

Bevor wir zur Lieferkette kommen, lohnt ein Blick auf die Einheit selbst. Hashrate zählt, wie viele Rateversuche (Hashes) das gesamte Netzwerk pro Sekunde unternimmt, um den nächsten gültigen Block zu finden. Die Zahlen sind astronomisch, deshalb klettert man die Vorsilben-Leiter hinauf: von Kilo über Mega, Giga, Tera und Peta bis Exa und schließlich Zetta. Ein Zettahash pro Sekunde (ZH/s) sind tausend Exahash (EH/s) oder eine Eins mit einundzwanzig Nullen an Rateversuchen, jede Sekunde. Zum Vergleich: Bitcoin bewegt sich derzeit im Bereich von grob 915 Exahash im Sieben-Tage-Mittel, mit Tagesspitzen, die im September wieder an die Marke von tausend Exahash gekratzt haben.

EinheitHashes pro SekundeEinordnung
1 kH/s1.000CPU der Frühzeit (2009)
1 MH/s1 Millionfrühe Grafikkarten
1 GH/s1 Milliardeerste ASICs (2013)
1 TH/s1 Billionein heutiger Consumer-Miner
1 PH/s1 Billiardeeine kleine Mining-Farm
1 EH/s1 Trillionein großer Pool-Betreiber
1 ZH/s1 Trilliarde (1.000 EH/s)das gesamte Netzwerk im Oktober 2025
Die Einheiten-Leiter der Hashrate. Jede Stufe ist tausendmal so groß wie die vorige.

Entscheidend ist nun, dass es genau zwei Wege gibt, diese Gesamtzahl zu vergrößern. Erstens: mehr Maschinen anschließen. Zweitens: bessere Maschinen einsetzen, die pro Watt mehr Hashes schaffen. Der erste Weg braucht zusätzlichen Strom, der zweite koppelt das Wachstum vom Stromverbrauch ab. In beiden Fällen aber gilt dieselbe unbequeme Wahrheit: Sowohl die neue Maschine als auch die effizientere Maschine ist am Ende ein Chip, und dieser Chip kommt aus einer Halbleiterfabrik. Man kann Rechenleistung nicht drucken. Jedes zusätzliche Exahash muss zuerst als Silizium-Wafer belichtet, in Chips zersägt, auf Platinen gelötet und in ein Gehäuse geschraubt werden. Das ist der Punkt, an dem das Hashrate-Wachstum aufhört, eine reine Preisfrage zu sein, und zu einer Industriefrage wird.

Die Lieferkette einer Hashrate: vom Wafer zum EH/s

Die Kette hat vier Glieder, und jedes davon ist ein potenzielles Nadelöhr. Am Anfang steht das Chipdesign: Firmen wie Bitmain, MicroBT und Canaan entwerfen die anwendungsspezifischen Schaltkreise (Application-Specific Integrated Circuits, kurz ASICs), die nichts anderes können als SHA-256-Hashes zu berechnen, das aber millionenfach effizienter als eine Grafikkarte. Das zweite Glied ist die eigentliche Fertigung. Die Designer besitzen selbst keine Fabriken; sie geben ihre Baupläne an einen Auftragsfertiger (eine Foundry) wie TSMC in Taiwan oder Samsung in Südkorea. Erst dort werden die Chips auf hauchdünne Silizium-Scheiben belichtet, auf Fertigungsstufen, die in wenigen Nanometern gemessen werden.

Das dritte Glied ist die Montage: fertige Chips auf Hashboards setzen, Kühlung, Netzteil, Steuerung und Gehäuse ergänzen, testen, verpacken. Das vierte Glied ist der Betrieb, also der eigentliche Miner, der die Maschine kauft, an einen Standort mit billigem Strom stellt und einem Pool anschließt. In der öffentlichen Debatte dreht sich fast alles um dieses letzte Glied, den Miner. Doch die Geschwindigkeit, mit der die Hashrate wachsen kann, wird zu einem großen Teil im zweiten Glied entschieden, in der Foundry. Eine moderne Halbleiterfabrik kostet zweistellige Milliardenbeträge und braucht Jahre Vorlauf. Es gibt weltweit nur eine Handvoll Betriebe, die an der Spitze mithalten. Und wer einen Chip für den Prozess von TSMC entworfen hat, kann ihn nicht einfach über Nacht bei Samsung fertigen lassen: Ein solcher Wechsel bedeutet laut Branchenanalysen ein Redesign von zwölf bis achtzehn Monaten. Diese Trägheit ist der Grund, warum sich Hashrate-Wachstum nicht beliebig beschleunigen lässt, egal wie hoch der Bitcoin-Kurs steigt.

Drei Firmen bauen die Maschinen der Welt

Das erste Glied der Kette ist erschreckend eng besetzt. Praktisch die gesamte Rechenleistung, die Bitcoin absichert, stammt aus dem Design dreier chinesischer Unternehmen. Nach einer im Frühjahr 2025 veröffentlichten Erhebung des Cambridge Centre for Alternative Finance entfielen rund 82 Prozent des Weltmarkts auf Bitmain (Antminer), etwa 15 Prozent auf MicroBT (WhatsMiner) und rund zwei Prozent auf Canaan (AvalonMiner), zusammen also fast der komplette Markt (Cointelegraph). Diese Konzentration ist historisch gewachsen: Bitmain gibt es seit 2013, MicroBT trat 2016 als ernstzunehmender Herausforderer an, und beide haben über Jahre einen Vorsprung bei Design und Fertigungsverträgen aufgebaut, den Neueinsteiger nur schwer aufholen. Wie sich dieses Duopol im Detail bekriegt, mit Preis-, Effizienz- und Liefer-Fehden, haben wir gesondert beleuchtet (Bitmain gegen MicroBT).

Für das Hashrate-Wachstum bedeutet diese Enge zweierlei. Zum einen ist die Angebotsseite sehr steuerbar: Ändern zwei oder drei Firmen ihre Produktionsplanung, ändert sich das Tempo, mit dem neue Rechenleistung entstehen kann. Zum anderen sitzt das gesamte Design-Know-how in einem einzigen Land, das sein eigenes Mining seit 2021 offiziell verboten hat. Genau daraus entsteht eine der größten Ironien der Branche.

HerstellerProduktreiheMarktanteil (ca.)Auftragsfertiger
BitmainAntminer~ 82 %TSMC
MicroBTWhatsMiner~ 15 %Samsung
CanaanAvalonMiner~ 2 %Samsung
Marktanteile laut Cambridge Centre for Alternative Finance (via Cointelegraph). Die Zuordnung der Auftragsfertiger folgt Branchenanalysen und kann je nach Chip-Generation variieren.

Die Ironie: China verbietet das Mining und baut die Maschinen

Seit dem Verbot von 2021 hat sich das physische Schürfen aus China weitgehend in die USA verlagert. Nach dem jüngsten globalen Hashrate-Atlas von Hashrate Index entfallen rund 37 Prozent der weltweiten Rechenleistung auf die Vereinigten Staaten, gefolgt von Russland mit knapp 17 Prozent und China selbst mit noch rund zwölf Prozent halb legalem Restbetrieb (Hashrate Index). Doch während die Maschinen anderswo laufen, werden sie fast alle in China entworfen. China exportiert also die Hardware, mit der der Rest der Welt eine Technologie betreibt, die es sich innerhalb der eigenen Grenzen verboten hat.

Für die USA, den heutigen Schwerpunkt des Minings, ist das eine unbequeme Abhängigkeit. Das Land stellt rund 37 bis 38 Prozent der Hashrate, also grob 400 Exahash, importiert aber praktisch die gesamte Spezialhardware, die diese Dominanz überhaupt erst ermöglicht. Solange die Handelsbeziehungen ruhig sind, fällt das nicht auf. Sobald Zölle und Beschlagnahmungen ins Spiel kommen, wird aus der Abhängigkeit ein Wachstumsrisiko, das mit Preis oder Strom nichts zu tun hat. Dazu gleich mehr.

TSMC, Samsung und der Kampf um die Wafer

Steigt man ein Glied tiefer, wird das Nadelöhr noch schmaler. Die drei Designer besitzen keine Fabriken, sondern verteilen sich auf im Wesentlichen zwei Auftragsfertiger. Bitmain lässt seine Chips traditionell bei TSMC in Taiwan belichten, MicroBT und Canaan haben sich stärker an Samsung in Südkorea gebunden. Das klingt nach Diversifizierung, ist aber trügerisch, denn beide Foundries kämpfen an derselben Front: um Kapazität auf den fortschrittlichsten Fertigungsstufen. Und dort ist Bitcoin nicht der wichtigste Kunde, nicht einmal ein wichtiger. Die knappste Kapazität, die modernsten Prozesse im Bereich von wenigen Nanometern, ist über Monate im Voraus an die Großabnehmer der Chipwelt vergeben, an Apple, an Nvidia und an die Hyperscaler, die den KI-Boom befeuern.

Das ist der Kern dessen, was manche Analysten inzwischen den Silizium-Engpass des Minings nennen: Nicht Strom ist der nächste harte Deckel für das Hashrate-Wachstum, sondern der Zugang zu Wafern. Ein Antminer der S21-Reihe wird auf einer TSMC-Fertigungsstufe im Bereich von fünf Nanometern gefertigt, die noch effizientere kommende Generation zielt auf einen fortschrittlicheren Prozess. Genau diese fortschrittlichen Prozesse sind aber jene, um die sich die KI-Industrie reißt. Jeder Wafer, der zu einem KI-Beschleuniger wird, ist ein Wafer, der nicht zu einem Hashboard wird. Der Wettlauf zwischen Bitcoin und KI wird also gern über Megawatt erzählt, spielt sich aber genauso in der Auftragsfertigung ab.

Dass KI dabei die dickere Brieftasche hat, ist kein Geheimnis. Needham-Analyst John Todaro bringt es mit Blick auf die Rechenzentren auf den Punkt: „Der Umsatz pro Megawatt und die EBITDA-Margen sind bei HPC- und KI-Colocation deutlich höher als beim Mining.“ Was für Strom gilt, gilt sinngemäß für Fertigungskapazität: Wer pro Einheit mehr verdient, kann im Zweifel mehr bieten. Dieselbe Nachfrage nach Rechenleistung, die dezentrale GPU-Marktplätze wie Akash antreibt, drückt indirekt auf den Nachschub an Mining-Chips.

Warum die S23-Generation die Kurve noch nicht anhebt

Man könnte einwenden: Selbst wenn weniger Maschinen gebaut werden, sind die neuen doch viel effizienter, also müsste die Hashrate trotzdem klettern. Das stimmt im Prinzip, doch 2026 zeigt sich ein feiner, wichtiger Unterschied zwischen dem Ersetzen und dem Erweitern. Die aktuelle Speerspitze, der Antminer S23 Hydro, unterbietet mit rund 9,5 bis 9,7 Joule pro Terahash erstmals in einer Serienmaschine die Schwelle von zehn Joule und liefert dabei etwa 560 Terahash Rechenleistung (CoinDesk). Das ist ein technischer Sprung. Nur landet er derzeit oft nicht als zusätzliche Kapazität im Netz, sondern ersetzt ältere Geräte in bestehenden Farmen.

Genau das beschreibt die zitierte CoinDesk-Analyse als bemerkenswerte Verschiebung: In früheren Zyklen wurden große Effizienz-Upgrades in Bärenmärkten getimt, um vor dem Halving gerüstet zu sein. Diesmal fiel der Start der S23-Reihe in eine Phase, in der der Bitcoin-Kurs zwar hoch stand, die Rentabilität der Miner aber nicht mithielt. Die Folge: Statt das Netzwerk zu vergrößern, dienen der S23 Hydro und ähnliche Rigs vor allem dazu, bestehende Flotten aufzurüsten. Alte, ineffiziente Maschinen gehen vom Netz, während die neuen ihren Platz einnehmen. Netto bleibt die Hashrate dann flach, obwohl im Hintergrund kräftig modernisiert wird.

Jamie Redman von Bitcoin.com News hat für die aktuelle Stagnation eine bemerkenswerte Diagnose. Trotz eines um mehr als zwanzig Prozent gestiegenen Hashprice bewegte sich die Hashrate zuletzt kaum, und Redman schreibt dazu: „Die flache Hashrate deutet darauf hin, dass die Miner sich sehr vorsichtig weiterentwickeln, und sie stoßen womöglich an Hardware-Grenzen.“ Hardware-Grenzen: Das ist genau die Silizium-Frage. Selbst bei steigenden Erlösen wächst die Rechenleistung nur so schnell, wie neue Maschinen physisch verfügbar werden.

Maschine (Jahr)RechenleistungEffizienz
Antminer S9 (2016)13,5 TH/s~ 98 J/TH
Antminer S19 XP (2022)140 TH/s~ 21,5 J/TH
Antminer S21 XP (2024/25)270 TH/s~ 13,5 J/TH
WhatsMiner M70S (2025)~ 220 TH/s~ 13,5 J/TH
Antminer S23 Hydro (2026)~ 560 TH/s~ 9,5 J/TH
Effizienzkurve der ASICs: rund zehnfach bessere Joule-pro-Terahash-Werte in einem Jahrzehnt. Quellen: Bitmain (S21 XP), CoinDesk/theminermag und Hersteller-Tracker.

Der Zoll-Schock: wo die Maschinen gebaut werden dürfen

Über die knappe Fertigung legt sich seit 2025 eine zweite Schicht: die Handelspolitik. Weil fast alle ASICs aus China stammen oder aus chinesisch kontrollierten Werken in Südostasien, sind sie direkt von der Zoll-Eskalation zwischen den USA und China betroffen. Der aktuelle Zollsatz auf chinesische Importe liegt bei rund 25 Prozent, zwischenzeitlich lag er sogar über hundert Prozent (Cointelegraph). Für ein Gerät, dessen Wirtschaftlichkeit ohnehin an dünnen Margen hängt, macht ein solcher Aufschlag den Unterschied zwischen Kaufen und Abwarten aus.

Die Geschichte hat bereits handfeste Kapitel. Im November 2024 hielt der US-Zoll die Lieferung tausender Bitmain-ASICs zurück; erst im März 2025 wurden rund 10.000 beschlagnahmte Geräte wieder freigegeben. Als Reaktion auf den Zolldruck kündigten Bitmain, MicroBT und Canaan an, Produktions- beziehungsweise Montagelinien in die USA zu verlegen, und Bitmain eröffnete Anfang 2026 seine erste Fertigung auf US-Boden. Wichtig ist dabei die Einschränkung, dass Montage nicht dasselbe ist wie Fertigung: Die eigentlichen Chips entstehen weiter in Taiwan und Südkorea, in den USA werden sie vorerst nur zusammengebaut. Das mildert die Zölle, löst die eigentliche Silizium-Abhängigkeit aber nicht.

Für das Hashrate-Wachstum ist der Zollstreit deshalb eine dritte, von Preis und Strom unabhängige Variable. Verteuern Zölle die Maschinen um ein Viertel oder mehr, verschiebt sich die Rentabilitätsschwelle nach oben, und weniger Betreiber ordern Nachschub. Zugleich verändern die neuen US-Montagelinien und Gesetzesinitiativen, die eine heimische Mining-Lieferkette fördern sollen, langfristig die Landkarte, wo Rechenleistung überhaupt entstehen darf. Wachstum ist eben nicht nur eine Frage der Nachfrage nach Hashrate, sondern auch der Politik, die den Zugang zur Hardware regelt.

Effizienz als heimlicher Wachstumsmotor

Trotz aller Engpässe gibt es einen Wachstumshebel, der auch dann wirkt, wenn kein einziges neues Megawatt ans Netz geht: die Effizienz. Die Effizienzkurve der ASICs ist eine der steilsten der gesamten Elektronik. Ein Antminer S9 aus dem Jahr 2016 brauchte rund 98 Joule für ein Terahash, ein S23 Hydro nur noch etwa 9,5 Joule, also rund ein Zehntel. Wer eine Farm mit gleichbleibendem Stromkontingent von alten auf neue Maschinen umrüstet, vervielfacht ihre Hashrate, ohne mehr Strom zu ziehen. Genau in diesem Sinn kann Bitcoins Rechenleistung wachsen, während der Energieverbrauch stagniert, ein Argument, das in der Nachhaltigkeitsdebatte oft untergeht.

Der Haken ist, dass auch dieser Hebel an der Foundry hängt. Bessere Joule-pro-Terahash-Werte kommen fast ausschließlich aus feineren Fertigungsstufen, und feinere Stufen sind exakt die knappe, umkämpfte Kapazität aus dem vorigen Abschnitt. Die Effizienz kann das Hashrate-Wachstum also vom Stromnetz entkoppeln, nicht aber vom Silizium. Solange die modernsten Prozesse an KI vergeben sind, kommt auch der Effizienzfortschritt beim Mining langsamer voran, als es die reine Ingenieurskunst erlauben würde. Damit wird verständlich, warum der Rekordstand von 1.162 Exahash aus dem Oktober 2025 nicht einfach im Vorbeigehen übertroffen wird: Beide Wachstumswege, mehr Maschinen und bessere Maschinen, laufen durch dasselbe Nadelöhr.

Was das für Bitcoins Sicherheit bedeutet

Hashrate ist nicht nur eine Wachstumszahl, sondern Bitcoins Schutzwall. Je mehr Rechenleistung ehrliche Miner beisteuern, desto teurer wird ein Angriff auf die Mehrheit der Hashrate, mit dem sich Transaktionen theoretisch zurückdrehen ließen. Grob geschätzt bezahlt das Netzwerk seine Miner derzeit mit rund 13 Milliarden US-Dollar pro Jahr (etwa 11 Milliarden Euro), errechnet aus Hashprice mal Hashrate. Das ist der Preis, den ein Angreifer im Prinzip überbieten müsste. Duke-Forscher Campbell Harvey beziffert die Kosten eines einwöchigen Mehrheitsangriffs inzwischen auf rund acht Milliarden US-Dollar und ordnet das ein: „Die Kosten liegen bei etwa fünfzig Basispunkten des Bitcoin-Werts“, wobei der eigentliche Unterschied zu früher die Derivatemärkte seien, über die sich ein Angriff refinanzieren ließe.

Praktiker halten das Szenario dennoch für unrealistisch. Matt Prusak, Chef von American Bitcoin, entgegnet trocken: „Meine Haltung ist, dass die wirtschaftliche Machbarkeit die 51-Prozent-These erledigt.“ Sein Argument: Wer über Jahre so viel Hardware anhäuft, treibt Preise und Difficulty in die Höhe, und Börsen frören verdächtige Aktivität längst ein. Die interessantere Frage, die unsere Silizium-Perspektive aufwirft, ist eine andere. Nicht die Angriffssicherheit ist der wunde Punkt, denn die Rechenleistung verteilt sich über tausende Betreiber weltweit. Verwundbar ist die Lieferkette dahinter: Wenn drei Firmen fast alle Maschinen entwerfen und zwei Fabriken sie fertigen, hängt das künftige Wachstum der Sicherheit an einer erstaunlich schmalen Basis. Eine ausführliche Diskussion, wer Bitcoin überhaupt angreifen könnte, führen wir separat (die 51-Prozent-Frage).

Die Rückkopplung aus Preis, Hashprice und Maschinen

Kehren wir zum aktuellen Moment zurück. Der Kurssprung dieser Woche, ein Plus von mehr als sechs Prozent auf gut 81.000 US-Dollar, ist Teil einer Erholung, die der Markt seit dem Fed-Zinsschritt vom September verdaut (warum der Kurs steigt). Ein höherer Kurs hebt den Hashprice, also die tägliche Miner-Einnahme je Petahash, und dieser ist zuletzt um über zweiundzwanzig Prozent auf rund 39,63 US-Dollar je Petahash und Tag geklettert. Mehr Erlös lockt abgeschaltete Maschinen zurück ans Netz, die Hashrate steigt, und die Difficulty zieht mit der üblichen Verzögerung von etwa zwei Wochen nach, was wir am 19. September sehen werden.

Doch diese Rückkopplung kann nur so schnell drehen, wie Maschinen verfügbar sind. Reaktivierte, bereits vorhandene Rigs lassen sich in Tagen anschließen; echtes, neues Wachstum über den bisherigen Bestand hinaus braucht neue Hardware, und die kommt aus der beschriebenen, verstopften Kette. Hinzu kommt, dass dasselbe Kapital, das früher in neue Miner floss, heute oft in KI-Infrastruktur wandert. CoinShares-Analyst James Butterfill spricht von „einer der schwierigsten Phasen“ für Miner und schätzt, dass börsennotierte Schürfer bis Ende 2026 bis zu 70 Prozent ihrer Erlöse aus KI ziehen könnten, gegenüber rund 30 Prozent heute; branchenweit summieren sich die angekündigten KI- und HPC-Verträge auf über 70 Milliarden US-Dollar. Jeder dieser Dollar, der in KI-Rechenzentren fließt, fehlt bei der Bestellung neuer Hashboards.

Kennzahl (18. September 2026)Wert
Bitcoin-Kurs~ 81.200 USD / ~ 70.700 EUR
Marktkapitalisierung~ 1,63 Bio. USD
Difficulty127,45 Bio. (nächste Anpassung ~19. Sep., geschätzt +4 %)
Hashrate (7-Tage-Mittel)~ 915 EH/s (Spitzen bis ~ 1.000 EH/s)
Hashprice~ 39,63 USD/PH/Tag (~ 34,50 EUR), +22 % ggü. Vormonat
Rekord-Hashrate1.162 EH/s (19. Oktober 2025)
Sicherheitsbudget (grob)~ 13 Mrd. USD/Jahr (~ 11 Mrd. EUR)
Momentaufnahme des Netzwerks. Quellen: CoinGecko, CoinWarz, Hashrate Index, Bitcoin.com News; Sicherheitsbudget aus Hashprice mal Hashrate abgeleitet.

Der Weg zu zwei Zettahashes ist auch eine Fab-Frage

CoinShares hat für Ende 2026 eine Hashrate von 1,8 Zettahash und für das erste Quartal 2027 volle zwei Zettahash prognostiziert, allerdings unter der ausdrücklichen Bedingung, dass sich der Bitcoin-Kurs bis dahin wieder Richtung 100.000 US-Dollar bewegt. In der öffentlichen Lesart ist dieser Pfad damit vor allem eine Preiswette: Kommt der Kurs, kommt die Hashrate. Unsere Silizium-Perspektive fügt eine zweite, oft übersehene Bedingung hinzu. Selbst bei perfektem Preis müssen die zusätzlichen mehreren hundert Exahash physisch gebaut werden, und zwar in einem Zeitfenster von Monaten. Das setzt voraus, dass Bitmain, MicroBT und Canaan genug Wafer-Kontingente ergattern, dass die Zölle nicht erneut eskalieren und dass KI der Mining-Branche genug Fertigungskapazität übrig lässt.

Ein historischer Präzedenzfall mahnt zur Vorsicht. Während des Chip-Engpasses 2021 schnellten die ASIC-Preise von rund 30 auf 80 bis 100 US-Dollar je Terahash hoch, und die Lieferzeiten dehnten sich auf ein halbes Jahr. Damals war es reine Nachfrage, die die Preise trieb; heute käme im Ernstfall eine strukturelle Foundry-Knappheit hinzu, weil KI die Spitzenkapazität blockiert. Der Weg zu zwei Zettahashes läuft deshalb nicht nur über die Börse, sondern auch über eine Warteschlange in Taiwan. Wer die Prognose von CoinShares ernst nimmt, sollte die Auslastung der Auftragsfertiger genauso im Blick behalten wie den Kurs. Die Nachfrageseite dieser Rechenleistung, samt der Frage, wer die Chips liefert, treibt inzwischen ganze KI-Ökosysteme an, von GPU-Marktplätzen bis zu Ansätzen, ein KI-Modell auf fremden GPUs vertraulich zu berechnen.

Deutschland, Europa und die importierte Rechenleistung

Aus deutscher und europäischer Sicht hat die Silizium-Frage einen doppelten Beigeschmack. Erstens: Europa spielt beim industriellen Bitcoin-Mining praktisch keine Rolle, weder als Standort noch als Hersteller. Es gibt keine nennenswerte europäische ASIC-Fertigung, und die hohen Industriestrompreise machen das Schürfen hierzulande unrentabel. Deutscher Industriestrom lag zuletzt bei rund 22 Cent je Kilowattstunde und damit unter den höchsten in der EU, während wettbewerbsfähiges Mining Strompreise deutlich unter zehn Cent braucht. Die Rechenleistung, die anderswo entsteht, wird also mit Maschinen aus Asien und Energie aus Nordamerika oder dem Nahen Osten erzeugt; Europa ist an dieser Wertschöpfung kaum beteiligt.

Zweitens: Aufsichtsrechtlich ist Mining in Deutschland ein blinder Fleck, und zwar bewusst. Die BaFin beaufsichtigt nach ihrem Merkblatt zu Kryptowerte-Dienstleistungen die Verwahrung, den Handel und die Vermittlung von Kryptowerten, also die Dienstleister rund um die Coins (BaFin). Das Schürfen selbst ist keine erlaubnispflichtige Finanzdienstleistung, und auch die EU-Verordnung MiCA regelt Emittenten und Dienstleister, nicht aber das Proof-of-Work-Verfahren oder die Herstellung der Hardware. Für deutsche Anleger heißt das: Wer auf das Thema Hashrate-Wachstum setzen will, tut das faktisch über Mining-Aktien und Hardware-Hersteller, deren Schicksal maßgeblich an einer Lieferkette hängt, die keine europäische Behörde kontrolliert.

Worauf 2026 und 2027 zu achten ist

Wer das Hashrate-Wachstum künftig nicht nur über den Kurs, sondern über die Angebotsseite lesen will, hat eine überschaubare Beobachtungsliste. Sie verbindet die Netzwerk-Signale mit den industriellen Signalen, die üblicherweise auseinandergehalten werden.

  • Die Difficulty-Anpassungen: Mehrere positive Retargets in Folge sind der sauberste Beweis, dass echtes Wachstum zurückkehrt, nicht nur reaktivierte Altmaschinen.
  • Der Auslieferungsplan der S23-Generation und ihrer Konkurrenten von MicroBT und Canaan: Gehen die effizienten Maschinen in neue Kapazität oder nur in Flottentausch.
  • Die Auslastung der führenden Auftragsfertiger und deren Zuteilung an KI-Kunden: Je enger die Spitzenkapazität, desto langsamer der Effizienzfortschritt beim Mining.
  • Die US-China-Zollpolitik und der Ausbau der US-Montagelinien: Jede Eskalation verteuert die Maschinen, jede Verlagerung verschiebt die Landkarte.
  • Die KI- und HPC-Vertragsvolumina der börsennotierten Miner: Sie zeigen, wie viel Kapital und wie viele Megawatt dem Mining dauerhaft entzogen werden.
  • Der CoinShares-Pfad zu 1,8 und 2 Zettahash: Er ist nur einlösbar, wenn Preis, Fertigung und Energie gleichzeitig mitspielen.

Die Kernbotschaft bleibt: Das Hashrate-Wachstum ist 2026 keine reine Nachfragegeschichte mehr. Der Preis öffnet die Tür, doch hindurch passen nur so viele Maschinen, wie eine sehr enge, geopolitisch aufgeladene Lieferkette liefern kann. Fred Thiel, Chef des Großminers MARA, formuliert das langfristige Bild drastisch: „Bis 2028 wirst du entweder ein Stromerzeuger sein, einem gehören oder mit einem verbündet sein.“ Man könnte den Satz um ein Glied verlängern: Und du wirst darauf angewiesen sein, dass irgendwo eine Foundry noch Wafer für dich übrig hat.

Häufig gestellte Fragen

Warum wächst Bitcoins Hashrate 2026 kaum noch?

Weil das Wachstum an mehreren Fronten gleichzeitig gebremst wird. Der Preisverfall bis Mitte 2026 machte alte Maschinen unrentabel, KI-Rechenzentren kaufen denselben Strom und dasselbe Kapital, und neue, effizientere ASICs ersetzen vor allem alte Hardware, statt das Netzwerk zu vergrößern. Analysten wie Jamie Redman verweisen zusätzlich auf Hardware-Grenzen: Die Chipfertigung kann nicht beliebig schnell neue Rechenleistung liefern.

Wer stellt die Maschinen her, die Bitcoins Hashrate erzeugen?

Drei chinesische Firmen dominieren den Markt: Bitmain (Antminer), MicroBT (WhatsMiner) und Canaan (AvalonMiner). Laut einer Cambridge-Studie entfielen zuletzt rund 82 Prozent auf Bitmain, etwa 15 Prozent auf MicroBT und rund 2 Prozent auf Canaan, zusammen also fast der gesamte Weltmarkt. Die eigentlichen Chips lassen sie bei Auftragsfertigern wie TSMC und Samsung fertigen.

Was bedeutet der Difficulty-Anstieg am 19. September 2026?

Die Mining-Schwierigkeit passt sich alle 2.016 Blöcke automatisch an, um die Zehn-Minuten-Blockzeit zu halten. Ein geschätzter Anstieg von rund vier Prozent auf etwa 132 bis 133 Billionen ist der harte Beweis, dass in den zwei Wochen davor real mehr Rechenleistung ans Netz ging. Es wäre der stärkste Aufwärtsschritt seit Ende Juni.

Konkurrieren KI-Rechenzentren mit Bitcoin-Mining um Chips?

Ja, auf mehreren Ebenen. KI-Beschleuniger und Mining-ASICs entstehen bei denselben Auftragsfertigern auf denselben fortschrittlichen Fertigungsstufen, und die knappste Kapazität ist oft schon an Großkunden wie Apple und Nvidia vergeben. Zusätzlich buhlen beide um Strom und Kapital, weshalb viele Miner ihre Megawatt inzwischen lieber an KI vermieten, als neue Rechenleistung aufzubauen.

Gefährdet die Chip-Konzentration Bitcoins Dezentralität?

Sie ist ein realer Schwachpunkt. Wenn drei Firmen fast alle Maschinen entwerfen und zwei Fabriken sie fertigen, hängt das Wachstum der Rechenleistung an einer sehr schmalen Lieferkette. Für die Angriffssicherheit selbst bleibt Bitcoin robust: Ein Angriff auf die Mehrheit der Hashrate kostet laut Duke-Forscher Campbell Harvey rund acht Milliarden US-Dollar, und die Rechenleistung ist über tausende Betreiber verteilt, selbst wenn die Maschinen aus wenigen Werken stammen.

Von Marcus Okafor, Redaktion Bitcoin und Mining, HOGE Wire.

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