Der gläserne Markt: KI-Agenten und Insider auf Prognosemärkten
Auf Polymarket liegt jeder Trade offen. Genau diese Transparenz machte KI-Agenten zur Mehrheit und verwandelt den Markt zugleich in die am stärksten überwachte Wettarena der Kryptowelt.
Am 26. Februar 2026 nannte der On-Chain-Ermittler ZachXBT den Namen einer Krypto-Firma, der er systematischen Insiderhandel vorwarf: die Solana-Handelsplattform Axiom. Bemerkenswert war nicht nur die Enthüllung selbst, sondern was auf Polymarket geschah, bevor sie fiel. Der Prognosemarkt hatte einen eigenen Kontrakt darauf eröffnet, welches Unternehmen ZachXBT als Nächstes bloßstellen würde; zur Auswahl standen unter anderem Axiom, Pump.fun, Jupiter und Meteora. Rund 40 Millionen US-Dollar (etwa 35 Millionen Euro) an Volumen liefen durch diesen Markt, und kurz vor der Veröffentlichung kaufte ein Cluster frisch angelegter Wallets massiv Anteile auf Axiom auf. Zusammen verdienten sie mehr als eine Million Dollar, wie CoinDesk dokumentierte. Ein Markt, der gebaut wurde, um Insiderhandel zu enttarnen, wurde selbst zum Schauplatz von Insiderhandel.
Diese Episode ist mehr als eine Ironie. Sie zeigt das zentrale Paradox der Prognosemärkte im Jahr 2026 in einem einzigen Bild. Polymarket ist zugleich der transparenteste und der am stärksten überwachte Markt der Kryptowelt. Jede Order, jede Position, jede Auszahlung liegt auf der öffentlichen Blockchain offen. Genau diese Eigenschaft hat autonome KI-Agenten in kürzester Zeit zur Mehrheit unter den aktiven Wallets gemacht, und genau dieselbe Eigenschaft verwandelt den Markt in eine forensische Aufzeichnung, in der sich Insiderhandel im Nachhinein bis auf die einzelne Wallet nachverfolgen lässt. Sichtbarkeit ist hier Waffe und Beweismittel zugleich. Dieser Text handelt davon, wie ein gläserner Markt beides sein kann und warum das Erkennen einer verdächtigen Wette noch lange nicht bedeutet, sie zu verhindern.
Warum die offene Kette den KI-Agenten gehört
Ein Prognosemarkt ist für eine Software fast ein idealer Spielplatz. Der Handlungsraum ist klein und eindeutig: kaufen, verkaufen, halten, auf Ja oder Nein. Das Ergebnis ist objektiv und terminiert, denn irgendwann steht fest, ob ein Ereignis eingetreten ist. Der Markt ist rund um die Uhr geöffnet, per Programmierschnittstelle ansprechbar und produziert einen endlosen Strom öffentlicher Daten. Wo ein Mensch schläft, zögert oder emotional entscheidet, handelt ein Agent kühl und ununterbrochen. Es überrascht daher nicht, dass laut Analyseplattform LayerHub inzwischen mehr als 30 Prozent der aktiven Polymarket-Wallets von KI-Agenten gesteuert werden, wie CoinDesk im März 2026 berichtete.
Der bekannteste dieser Agenten heißt Polystrat und stammt von der Firma Valory, die an der Schnittstelle von Blockchain und Multi-Agenten-Systemen arbeitet und hinter dem Netzwerk Olas (vormals Autonolas) steht. Polystrat führte im ersten Monat über 4.200 Trades auf Polymarket aus und erzielte bei einzelnen Wetten Renditen von bis zu 376 Prozent. Auffälliger als die Spitzenwerte ist die Trefferquote: Mehr als 37 Prozent der Polystrat-Agenten wiesen einen positiven Saldo aus, gegenüber weniger als der Hälfte dieses Anteils bei menschlichen Teilnehmern. David Minarsch, Mitgründer und Chef von Valory, fasst das Prinzip nüchtern zusammen: „Polystrat ist ein autonomer KI-Agent, der rund um die Uhr im Auftrag seines menschlichen Nutzers auf Polymarket handelt“ (CoinDesk). Der Agent liest den Markt, nicht den Bauch.
Wichtig ist die Einschränkung, die Minarsch selbst macht: Ein Standardmodell einfach mit einer Marktfrage zu füttern, führe meist zu Ergebnissen, die kaum besser seien als ein Münzwurf. Der Vorsprung entsteht erst durch spezialisierte Arbeitsabläufe, durch das Kombinieren von Datenquellen und durch die schiere Disziplin des Dauerbetriebs. Für unsere Frage nach Transparenz ist entscheidend: Diese Agenten funktionieren nur, weil der Markt offen liegt. Sie speisen sich aus dem öffentlichen Orderfluss, aus den sichtbaren Preisbewegungen, aus jeder Wallet, die sich bewegt. Die Kette ist ihr Rohstoff.
Anatomie eines Prognosemarkts: warum jeder Trade offenliegt
Um das Paradox zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Mechanik. Auf Polymarket kauft man Anteile an einem Ausgang, etwa „Ja“ oder „Nein“, die zwischen null und einem Dollar notieren. Der Preis entspricht der vom Markt eingepreisten Wahrscheinlichkeit: Ein Anteil zu 0,63 Dollar bedeutet, dass der Markt 63 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit sieht. Diese Anteile sind Token auf der Blockchain Polygon, abgewickelt in der Stablecoin USDC. Tritt das Ereignis ein, wird der richtige Anteil zu einem Dollar eingelöst, der falsche verfällt auf null. Wer richtig lag, macht Gewinn; die Differenz zum Einstandspreis ist die Rendite.
Die Auflösung, also die Feststellung, was tatsächlich passiert ist, übernimmt bei Polymarket kein Gericht und keine Redaktion, sondern das optimistische Orakel des Protokolls UMA. Vereinfacht: Ein Vorschlagender behauptet unter Hinterlegung einer Sicherheit das Ergebnis, es folgt ein Einspruchsfenster von einigen Stunden bis wenigen Tagen, und bleibt der Vorschlag unbestritten, gilt er als wahr. Wird er angefochten, entscheidet eine Abstimmung der UMA-Token-Inhaber. Dieses Modell ist elegant und zugleich der wundeste Punkt des ganzen Systems, weil die Wahrheit hier durch wirtschaftliche Anreize hergestellt wird und nicht durch eine neutrale Instanz. Wer sich für die Debatte interessiert, ob maschinelle, nachprüfbare Verfahren solche Orakel ersetzen könnten, findet in unserer Analyse zu verifizierbarer KI und eigenen Blockchains den passenden Kontext.
Der zentrale Unterschied zu einer klassischen Börse oder einem lizenzierten Wettbüro ist die Sichtbarkeit. An einer regulären Börse liegt das Orderbuch bei einem Broker, Identitäten sind per KYC hinterlegt und der Öffentlichkeit verborgen, die Abwicklung läuft über eine Clearingstelle. Auf einem On-Chain-Prognosemarkt ist das Gegenteil der Fall: Das Orderbuch ist öffentlich, die Teilnehmer sind pseudonyme Wallet-Adressen, und jede Transaktion ist für immer nachlesbar. Diese radikale Offenheit macht denselben Datensatz für Handels-Agenten wertvoll und für Ermittler lesbar. Wer On-Chain-Daten als Analysewerkzeug schätzt, kennt das Prinzip bereits aus unserem Blick darauf, was die On-Chain-Daten über den Bitcoin-Kurs verraten.
| Ebene | Klassische Börse / lizenziertes Wettbüro | On-Chain-Prognosemarkt (Polymarket) |
|---|---|---|
| Orderbuch | privat beim Broker | öffentlich auf der Blockchain |
| Identität | KYC-Pflicht, verborgen | pseudonyme Wallet-Adresse |
| Abwicklung | Clearingstelle in Fiat | Smart Contract in USDC |
| Auflösung | Referenzstelle / Regelwerk | UMA-Optimistic-Oracle (Token-Abstimmung) |
| Nachvollziehbarkeit | verzögert, aggregiert | jede Order sofort und dauerhaft öffentlich |
Polystrat und Olas: der Bauplan des Wett-Agenten
Ein Wett-Agent besteht im Kern aus drei Teilen. Erstens ein Sprachmodell, das die Marktfrage interpretiert, Nachrichten und Daten einordnet und eine Wahrscheinlichkeit ableitet. Zweitens eine eigene Wallet, mit der der Agent selbstständig Transaktionen signiert. Drittens Werkzeuge und Schnittstellen, über die er Datenquellen abfragt und Orders platziert. Bei Olas ist dieser Bauplan zu einem kleinen Markt geworden: Handels-Agenten kaufen ihre Prognosen von spezialisierten „Mech“-Agenten, die Modelle, Daten und Programmierschnittstellen zu einer Wahrscheinlichkeit verdichten und dafür einen Mikrobetrag verlangen. Es ist eines der wenigen Beispiele einer echten Wirtschaft zwischen Maschinen, in der Software Software bezahlt.
Wichtig ist die Trennung zwischen der Qualität dieser Infrastruktur und dem Kurs des zugehörigen Tokens. Der OLAS-Token notiert laut CoinGecko bei rund 0,033 US-Dollar (etwa 0,029 Euro) und einer Marktkapitalisierung von etwa zehn Millionen Dollar; das liegt über 99 Prozent unter dem Hoch von Anfang 2024. Die Agenten-Token sind eingebrochen, während die Agenten selbst produktiver denn je handeln. Diese Divergenz zieht sich durch das gesamte KI-Krypto-Segment und ist eine der wichtigsten Lehren des Jahres: Ein funktionierendes Werkzeug und ein wertvoller Token sind zwei verschiedene Dinge. Die Modelle, die diese Agenten antreiben, laufen im Übrigen auf realer Rechenleistung, und die Frage, wo und wie vertraulich das geschieht, behandeln wir in unserer Analyse zu vertraulichem Rechnen auf fremden GPUs.
Man sollte sich von der Erfolgsgeschichte nicht täuschen lassen. Unabhängige Tests zeigen, dass die meisten Modelle auf Prognosemärkten kein leichtes Geld verdienen. Der Vorsprung von Polystrat entsteht aus Spezialisierung und aus dem systematischen Abgrasen der „langen Schwanzenden“ des Marktes, jener vielen kleinen, wenig beachteten Fragen, bei denen menschliche Aufmerksamkeit fehlt. Genau dort liest ein Agent den öffentlichen Datenstrom schneller und disziplinierter als jeder Mensch. Und genau dort beginnt auch das Problem, wenn ein Teil dieses Datenstroms nicht öffentlich, sondern gestohlen ist.
Vom gläsernen Markt zur Überwachungsmaschine
Weil jede Wette öffentlich ist, hat die Transparenz eine zweite Industrie hervorgebracht: die automatisierte Überwachung. Die bekannteste Plattform heißt Polysights und stammt von Tre Upshaw, einem 29-jährigen ehemaligen Memecoin-Händler aus Kanada. Polysights durchforstet die Kette nach Mustern, die auf Vorabwissen hindeuten: ungewöhnlich große Einsätze, sehr junge Konten, Einstiege zu extremen Quoten, hohe Konzentration auf einen Ausgang. Nach eigenen Angaben zählt der Dienst Zehntausende Nutzer. Upshaw sagte gegenüber Bloomberg einen Satz, der die Ambivalenz des ganzen Themas einfängt: „Insiderhandel beschleunigt letztlich nur die Wahrheit.“
Die Zahlen hinter dieser Beobachtung sind erheblich. Eine Auswertung von Bloomberg Businessweek prüfte rund 34.000 Transaktionen, die Polysights zwischen August 2025 und Juni 2026 als potenziellen Insiderhandel markiert hatte. Das Geschäft ist so lukrativ geworden, dass Polymarket den Dienst inzwischen selbst mitfinanziert. Es ist eine seltsame Konstellation: Die Plattform bezahlt die Werkzeuge, die ihre eigenen dunkelsten Trades ausleuchten. Das Aufspüren von Insidern auf Polymarket ist zu einem eigenständigen Geschäftszweig geworden.
Damit stehen KI-Agenten auf beiden Seiten des Marktes. Auf der einen Seite die Handels-Agenten, die Kursbewegungen ausnutzen und teils selbst räuberisch auf verdächtige Orderflüsse reagieren. Auf der anderen Seite die Überwachungs-Agenten, die genau diese Muster in Echtzeit klassifizieren. Der gläserne Markt hat ein automatisiertes Wettrüsten in Gang gesetzt, in dem Software die Trades anderer Software beobachtet. Für den Beobachter ist das faszinierend. Für den Regulator ist es eine Herausforderung, weil Sichtbarkeit eben nicht gleich Kontrolle ist.
Wenn die Falle zur Straftat wird: der Fall ZachXBT und Axiom
Zurück zur Episode vom Februar. Der Markt darauf, welche Firma ZachXBT als Nächstes benennen würde, ist ein Lehrstück, weil er alle Zutaten des Paradoxes bündelt. ZachXBT hatte am 23. Februar 2026 auf der Plattform X eine große Untersuchung angekündigt und mehreren Mitarbeitern eines Unternehmens vorgeworfen, über einen längeren Zeitraum interne Daten für Insiderhandel missbraucht zu haben. Drei Tage später fiel der Name Axiom, jene Solana-Handelsplattform, der vorgeworfen wurde, internen Zugriff auf die Wallet-Daten von Nutzern ausgenutzt zu haben.
In den Stunden vor der Enthüllung schoss der Anteil auf Axiom nach oben, getrieben von einem kleinen Kreis frisch angelegter Wallets. On-Chain-Analysten zufolge war ein Großteil der profitabelsten Adressen dieses Marktes mit mutmaßlichen Insidern verbunden, die zusammen weit mehr als eine Million Dollar Gewinn machten. Der bittere Kern: ZachXBT hatte Axiom vor der Veröffentlichung kontaktiert, wie es journalistischer Sorgfalt entspricht, wodurch das Wissen um die bevorstehende Enthüllung fast zwangsläufig in einen engen Kreis gelangte. Und weil Polymarket keine Identitätsprüfung verlangt, ließen sich die Profiteure zwar auf der Kette sehen, aber nicht ohne Weiteres benennen. Der Markt sah alles und konnte nichts verhindern. Das ist die reinste Form des Paradoxes: maximale Transparenz, minimale Durchsetzbarkeit.
Die ersten Strafverfahren: Ingenieur und Soldat
Dort, wo das Vorabwissen aus einer klaren Pflichtverletzung stammt, greift der Staat inzwischen hart durch. Zwei US-Fälle aus dem Jahr 2026 markieren einen Wendepunkt. Im April wurde ein US-Soldat angeklagt, dem vorgeworfen wird, mit geheimen Informationen über eine Operation zur Festnahme von Nicolás Maduro mehr als 404.000 Dollar (rund 352.000 Euro) auf Polymarket verdient zu haben; die Kanzlei Debevoise & Plimpton ordnet den Fall als Auftakt einer koordinierten Strategie von Justizministerium und Terminmarktaufsicht CFTC ein.
Nur wenige Wochen später, am 27. Mai 2026, folgte der bislang plakativste Fall. Das US-Justizministerium klagte den Google-Ingenieur Michele Spagnuolo an, der unter dem Pseudonym „AlphaRaccoon“ auf Polymarket handelte. Der Vorwurf: Er habe mit vertraulichen internen Informationen darauf gewettet, welche Personen auf Googles Liste der meistgesuchten Namen des Jahres 2025 („Year in Search“) auftauchen würden, und so 1,2 Millionen Dollar (etwa 1,05 Millionen Euro) verdient. Spagnuolo, seit über zwölf Jahren bei Google, kam gegen eine Kaution von 2,25 Millionen Dollar frei, wie CoinDesk berichtete. Es war die zweite koordinierte Aktion von Justizministerium und CFTC gegen einen Insider auf Prognosemärkten innerhalb weniger Wochen.
| Fall | Person / Alias | Vorwurf | Betrag | Stand |
|---|---|---|---|---|
| Militär-Fall | US-Soldat | geheime Einsatzinfos (Maduro) | > 404.000 USD (~352.000 EUR) | angeklagt April 2026 |
| Google-Fall | Michele Spagnuolo, „AlphaRaccoon“ | interne „Year in Search“-Daten | 1,2 Mio. USD (~1,05 Mio. EUR) | angeklagt 27. Mai 2026, 2,25 Mio. USD Kaution |
| ZachXBT / Axiom | anonyme Wallet-Cluster | Vorabwissen über Enthüllung | > 1 Mio. USD Gewinn | keine Anklage (kein KYC) |
Der Regulator und der Mythos vom erlaubten Insiderhandel
Die klarste Ansage kam von David Miller, dem Leiter der CFTC-Enforcement-Abteilung. In einem vielbeachteten Auftritt an der New York University Ende März 2026 räumte er mit einer verbreiteten Fehlannahme auf. Sinngemäß sagte er: „Es hat sich ein Mythos verbreitet, wonach Insiderhandel auf Prognosemärkten erlaubt, ja sogar erwünscht sei.“ Miller stellte klar, dass Event-Kontrakte Derivate im Sinne des US-Warenterminrechts (Commodity Exchange Act) sind und damit dessen Betrugsverbote gelten. Sein Versprechen, dokumentiert von der Kanzlei Morrison & Foerster: „Wir werden Insiderhandel auf Prognosemärkten aggressiv aufdecken, untersuchen und, wo angebracht, strafrechtlich verfolgen.“
Insiderhandel zählt seither zu den erklärten Enforcement-Prioritäten der Behörde, und die bereits erhobenen Anklagen zeigen, dass es nicht bei Worten bleibt. Für unsere Leser ist die zuständige Behörde wichtig: In den USA sind Prognosemärkte Event-Kontrakte und fallen damit unter die CFTC, nicht unter die Börsenaufsicht SEC; die SEC ist nur für die zugrunde liegenden Token wie UMA oder OLAS relevant. Wie schnell sich diese Zuständigkeitsfragen verschieben können, zeigt der Blick auf die USA nach dem Scheitern eines großen Krypto-Gesetzes, den wir in unserer Analyse zur SEC nach dem CLARITY-Aus nachzeichnen.
Warum Erkennung nicht Verhinderung ist
Hier liegt die eigentliche Pointe. Die juristische Grundlage für Insiderhandel im Terminrecht folgt der sogenannten Missbrauchstheorie: Strafbar ist, wer sich vertrauliche Informationen unter Bruch einer bestehenden Treue- oder Vertrauenspflicht gegenüber der Quelle aneignet und darauf handelt. Beim Google-Ingenieur und beim Soldaten ist diese Pflicht sonnenklar, der eine gegenüber seinem Arbeitgeber, der andere gegenüber der Armee. Doch was ist mit einem Kongressmitarbeiter, einem Journalisten vor der Veröffentlichung oder einem Lokalpolitiker, der ein Wahlergebnis früher kennt? Ohne greifbare Pflichtverletzung wird die Rechtslage grau, selbst wenn der Trade auf der Kette taghell sichtbar ist.
Dazu kommt die philosophische Eigenheit des Prognosemarkts: Er will Insider sogar. Ein Prognosemarkt ist ein Aggregator verstreuten Wissens, und ein Preis, der eine kommende Wahrheit früh einpreist, ist aus Sicht der Markttheorie ein gut funktionierender Markt. Genau das meint Upshaws Satz von der beschleunigten Wahrheit. Der Konflikt zwischen „der Markt soll Informationen einsammeln“ und „niemand darf gestohlene Informationen nutzen“ ist nicht sauber aufzulösen. Praktisch verschärft wird er durch fehlende Identitätsprüfung: Polymarket referierte zwar nach eigenen Angaben Dutzende verdächtige Wallets an die Strafverfolgung, doch pseudonyme, im Ausland betriebene Konten lassen sich sehen, aber schwer fassen. Erkennen ist billig geworden, Verhindern bleibt teuer. Zugleich reagieren räuberische Handels-Agenten auf jede sichtbare Verdachtsbewegung, was ein reflexives Wettrüsten befeuert, in dem Bots die Trades anderer Bots kopieren und kontern.
Deutschland und die EU: drei Regime, ein Verbot
Für deutsche Leserinnen und Leser ist die entscheidende Nachricht schnell erzählt: Polymarket ist in Deutschland gesperrt. Ohne Erlaubnis nach dem Glücksspielstaatsvertrag behandeln die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) und die Landesbehörden unlizenzierte Wetten auf Ereignisse als illegales Glücksspiel. Doch das Glücksspielrecht ist nur eine von drei Rechtsordnungen, die einen Prognosemarkt in der EU gleichzeitig erfassen können, und diese Mehrgleisigkeit ist der Grund, warum das Thema so schwer zu greifen ist.
Aus Sicht des Kapitalmarktrechts sind binäre Ereignis-Kontrakte, die als Finanzinstrumente gelten, Derivate im Sinne der Richtlinie MiFID II. Und hier liegt die schärfste deutsche Kante: Die BaFin hat den Vertrieb binärer Optionen an Privatkunden per Allgemeinverfügung dauerhaft verboten, gestützt auf Artikel 42 der Verordnung MiFIR und in Kraft seit dem 2. Juli 2019. Die Behörde begründet das mit gravierenden Anlegerschutzbedenken und verweist auf Verlustquoten von 74 bis 87 Prozent bei Privatanlegern; das Dokument ist weiterhin auf der BaFin-Website abrufbar. Auf europäischer Ebene hat die Aufsichtsbehörde ESMA im Sommer 2026 daran erinnert, dass binäre Ereignis-Kontrakte, die als Finanzinstrument einzustufen sind, unter das bestehende Verbot binärer Optionen fallen, unabhängig davon, wie das Produkt vermarktet wird.
Die dritte Ordnung ist die Krypto-Regulierung MiCAR. Sie erfasst Krypto-Dienstleister (CASPs) und die Token selbst, etwa UMA oder OLAS, nicht aber die Wette als solche. Die BaFin fasst diese Aufteilung in ihrem Merkblatt zu Kryptowerte-Dienstleistungen zusammen: Reguliert werden Anbieter und Instrumente, nicht das Protokoll an sich. Ein dezentraler, erlaubnisfrei zugänglicher Markt sitzt damit oft außerhalb des Aufsichtsperimeters, ein Muster, das wir aus dem DeFi-Bereich kennen und in unserer Analyse zu MiCA und der dezentralen Finanz ausführlich beschrieben haben.
| Regime | Zuständig (DE / EU) | Was es erfasst | Folge für Polymarket & Co. |
|---|---|---|---|
| Glücksspielrecht (GlüStV) | GGL + Länder | unlizenzierte Wetten auf Ereignisse | illegales Glücksspiel, Geoblocking in DE |
| MiFID II / Finanzinstrumente | BaFin / ESMA | Event-Kontrakte als (binäre) Derivate | Retail-Verbot binärer Optionen (Art. 42 MiFIR) |
| MiCAR | BaFin / ESMA | Krypto-Dienstleister und Token | Erlaubnispflicht für Anbieter, nicht für die Wette |
Insiderhandel europäisch gedacht: MAR, MiCA und die BaFin
Wie würde ein europäischer Regulator einen Insider-Trade auf einem Prognosemarkt einordnen? Der Bezugsrahmen wäre nicht das US-Warenterminrecht, sondern das europäische Marktmissbrauchsrecht. Soweit ein Ereignis-Kontrakt ein Finanzinstrument ist, greift die Marktmissbrauchsverordnung (MAR) mit ihrem Verbot von Insidergeschäften und Marktmanipulation; die BaFin ist hier die nationale Aufsicht. Für reine Krypto-Werte hat MiCAR mit ihrem Titel gegen Marktmissbrauch ein paralleles Regime geschaffen, das Insiderhandel und Manipulation auch dort untersagt, wo klassische Finanzinstrumente nicht vorliegen. In beiden Fällen setzt der Tatbestand jedoch, ähnlich wie in den USA, an Insiderinformationen und an einer missbräuchlichen Verwendung an.
Die praktische Hürde ist in Europa dieselbe wie in den USA, nur mit einem zusätzlichen Bremsklotz: Weil Polymarket in Deutschland ohnehin gesperrt ist, sind die deutschen Nutzerzahlen offiziell gering, und die Durchsetzung gegen pseudonyme Wallets im Ausland bleibt mühsam. Die europäische Antwort läuft daher weniger über die Verfolgung einzelner Trades als über den Zugang: Wer Privatkunden in der EU bedienen will, braucht eine Erlaubnis, und ohne diese Erlaubnis bleibt der Marktzugang gesperrt. Das ist ein stumpfes, aber wirksames Werkzeug. Es verhindert nicht den Insiderhandel als solchen, sondern hält den regulierten Retail-Markt von der offenen Kette fern, so wie es das Verbot binärer Optionen seit Jahren tut.
Steuer und Haftung: der Mensch hinter dem Agenten
Ein KI-Agent hat keine Rechtspersönlichkeit und keine Steuernummer. Gewinne, die ein Agent auf einem Prognosemarkt erzielt, werden daher demjenigen zugerechnet, der ihn betreibt, also dem Menschen oder dem Unternehmen hinter der Wallet. Für Privatpersonen in Deutschland ist der Ausgangspunkt Paragraf 23 des Einkommensteuergesetzes: Krypto-Werte gelten als anderes Wirtschaftsgut, Veräußerungen innerhalb eines Jahres sind steuerpflichtig, es gilt eine Freigrenze von 1.000 Euro, und die Haltefrist von einem Jahr kann bei privatem Handel zur Steuerfreiheit führen. Da ein Prognosemarkt-Kontrakt in aller Regel in weniger als einem Jahr aufgelöst wird, dürften die meisten Gewinne im steuerpflichtigen Bereich liegen.
Der eigentliche Fallstrick ist die Gewerblichkeit. Ein Agent, der rund um die Uhr Tausende Trades ausführt, sieht nach Hochfrequenzhandel aus, und ein solches Muster kann dazu führen, dass das Finanzamt die Tätigkeit als gewerblich einstuft. Dann entfallen die Vorteile der privaten Vermögensverwaltung, es droht Gewerbesteuer, und die Ein-Jahres-Regel greift nicht mehr. Auch haftungsrechtlich landet alles beim Prinzipal: Handelt der Agent regelwidrig oder auf Basis unrechtmäßig beschaffter Informationen, verantwortet das der Betreiber, nicht die Software. Wer einen autonomen Wett-Agenten laufen lässt, sollte das mit derselben Sorgfalt tun wie ein eigenes Handelsbuch, inklusive Protokollierung und klarer Grenzen.
Institutionelles Geld trifft auf ein Regel-Vakuum
Während die Aufsicht noch um Begriffe ringt, ist das große Geld längst da. Die Intercontinental Exchange (ICE), Mutterkonzern der New York Stock Exchange, hat insgesamt rund zwei Milliarden Dollar in Polymarket investiert, zunächst eine Milliarde im Oktober 2025 bei einer Bewertung von etwa acht Milliarden Dollar und später eine weitere Tranche von 600 Millionen, wie die Pressemitteilung von ICE dokumentiert. Bemerkenswert ist die These dahinter: ICE geht es erklärtermaßen um die Daten und die Infrastruktur, um Stimmungsindikatoren für die Finanzmärkte, nicht um das Wetten selbst. Der Konzern wird globaler Distributor der Ereignis-Daten von Polymarket.
Analysten sehen den Sektor mittelfristig weiter auf einem steilen Wachstumspfad, mit Prognosen, die von einer Vervielfachung des Volumens ausgehen. Der kurzfristige Verlauf ist allerdings holprig. Im August 2026 fiel das kombinierte Volumen von Kalshi und Polymarket um 14,5 Prozent auf 45,33 Milliarden Dollar (rund 39,5 Milliarden Euro), der erste Rückgang seit einem Jahr, ausgelöst vor allem durch das Auslaufen der Fußball-Weltmeisterschaft. Auf Kalshi entfielen davon 37,17 Milliarden, auf Polymarket 8,16 Milliarden Dollar, wie The Block vermeldete. Wichtig zur Einordnung: Kalshi ist eine von der CFTC regulierte, zentrale Börse mit Identitätsprüfung und ist gerade nicht der gläserne On-Chain-Markt; die hier beschriebene radikale Transparenz ist das spezifische Merkmal von Polymarkets Bauweise.
Die Spannung ist offensichtlich: Ein Markt mit ungelösten Insider-Regeln wird institutionalisiert, bevor die Regeln stehen. Für die ICE-These von den wertvollen Daten ist das kein Widerspruch, denn ein transparenter, von Bots gespeister Markt liefert ein reiches Signal. Für den Anlegerschutz ist es ein Problem, weil dasselbe Signal Insidern denselben Vorsprung verschafft. Auch der native UMA-Token, dessen Halter über strittige Auflösungen abstimmen, bleibt mit einer Marktkapitalisierung im zweistelligen Millionenbereich ein erstaunlich kleiner Wert. Die wirtschaftliche Macht über die Wahrheit liegt damit in einem erstaunlich kleinen Markt.
Ausblick: Kann ein gläserner Markt je fair sein?
Die ehrliche Antwort lautet: nur teilweise, und nie durch Technik allein. Die Transparenz der Kette ist nicht das Problem, sie ist neutral. Sie beschleunigt gute wie schlechte Informationen, sie nährt Handels-Agenten wie Überwachungs-Agenten, sie macht Betrug sichtbar, ohne ihn zu stoppen. Was fehlt, ist die Brücke zwischen sichtbarer Adresse und verantwortlicher Person, und genau diese Brücke wollen dezentrale Märkte per Konstruktion nicht bauen. Die drei plausiblen Entwicklungspfade schließen sich nicht aus. Erstens strengere Auflösung: nachprüfbare, festgeschriebene Verfahren, bei denen Kriterien und Modell schon bei Markteröffnung feststehen, könnten wenigstens Manipulation am Ergebnis erschweren. Zweitens gezielte Strafverfolgung dort, wo eine klare Pflichtverletzung vorliegt, wie in den Fällen Spagnuolo und Van Dyke. Drittens Zugangsregeln, wie sie die EU längst anwendet, die den regulierten Retail-Markt vom erlaubnisfreien Markt trennen.
Für deutsche Anleger bleibt der Rat pragmatisch: Der direkte Zugang zu Polymarket ist gesperrt, ein Umgehen der Geoblocks bewegt sich in der Grauzone bis Illegalität, und die steuerliche wie haftungsrechtliche Verantwortung liegt immer beim Menschen hinter der Wallet, auch wenn eine Software handelt. Interessanter als das Mitwetten ist ohnehin die Beobachtung: Prognosemärkte sind zum Testfeld dafür geworden, wie sich autonome Software in echten Märkten verhält, wenn jede ihrer Handlungen öffentlich ist. Der gläserne Markt zeigt uns in Echtzeit, was Transparenz kann und was sie nicht kann. Er kann jede Wette beleuchten. Fair machen kann er sie nicht von allein.
Häufig gestellte Fragen
Ist Insiderhandel auf Prognosemärkten wie Polymarket legal?
Nein, entgegen einem verbreiteten Mythos ist er es nicht. In den USA behandelt die Terminmarktaufsicht CFTC Event-Kontrakte als Derivate, für die die Betrugsverbote des Commodity Exchange Act gelten. Strafbar ist Insiderhandel vor allem dann, wenn jemand vertrauliche Informationen unter Bruch einer Treue- oder Vertrauenspflicht nutzt, wie in den ersten US-Anklagen gegen einen Google-Ingenieur und einen Soldaten. Ohne eine solche greifbare Pflichtverletzung bleibt die Rechtslage jedoch oft grau.
Kann man Polymarket aus Deutschland legal nutzen?
Polymarket ist in Deutschland gesperrt, weil keine Erlaubnis nach dem Glücksspielstaatsvertrag vorliegt und die Behörden unlizenzierte Ereignis-Wetten als illegales Glücksspiel einordnen. Zusätzlich hat die BaFin den Vertrieb binärer Optionen an Privatkunden dauerhaft verboten. Der Zugang über technische Umgehungen bewegt sich in der Grauzone bis zur Illegalität; etwaige Gewinne bleiben in Deutschland steuerlich relevant.
Warum handeln so viele KI-Agenten auf Prognosemärkten?
Weil das Umfeld für Software ideal ist: ein kleiner, klarer Handlungsraum, ein objektives und terminiertes Ergebnis, Betrieb rund um die Uhr und ein offener, per Schnittstelle abfragbarer Datenstrom. Laut CoinDesk werden bereits über 30 Prozent der aktiven Polymarket-Wallets von Agenten gesteuert, und spezialisierte Agenten wie Polystrat schneiden messbar besser ab als menschliche Händler.
Wie wird Insiderhandel auf einer öffentlichen Blockchain entdeckt?
Weil jede Order und jede Position on-chain öffentlich ist, durchsuchen Analysedienste wie Polysights die Kette nach verdächtigen Mustern: ungewöhnlich große Einsätze, sehr junge Konten, Einstiege zu extremen Quoten und hohe Konzentration auf einen Ausgang. Bloomberg wertete rund 34.000 so markierte Transaktionen aus. Das Entdecken ist einfach geworden; das Verhindern und Zuordnen zu einer realen Person bleibt schwierig, da die Konten pseudonym sind.
Was passiert steuerlich, wenn ein KI-Agent für mich handelt?
Der Agent hat keine eigene Rechtspersönlichkeit, daher werden Gewinne dem Betreiber der Wallet zugerechnet. In Deutschland gilt Paragraf 23 EStG mit Ein-Jahres-Frist und einer Freigrenze von 1.000 Euro. Da Prognosemarkt-Kontrakte meist binnen eines Jahres auflösen, sind Gewinne in der Regel steuerpflichtig. Hochfrequenter Dauerbetrieb kann außerdem zur Einstufung als gewerbliche Tätigkeit führen, mit Gewerbesteuer und Verlust der privaten Haltefrist-Vorteile.
Von Marcus Okafor, Senior Editor bei HOGE Wire, mit Fokus auf KI-Krypto, Marktinfrastruktur und Regulierung.