Hashrate gegen Stake: Bitcoins und Ethereums Sicherheitsbudget
Bitcoin kauft Sicherheit als Fluss aus Strom und Hardware, Ethereum als Pfand aus gesperrtem Kapital. 2026 laufen die beiden Sicherheitsbudgets erstmals sichtbar auseinander.
Am 19. Oktober 2025 erreichte die Bitcoin-Hashrate mit rund 1.162 Exahash pro Sekunde ihren bisherigen Rekord, wie der Nachrichtendienst Yellow damals dokumentierte. Ein Jahr später, Anfang Oktober 2026, liegt sie rund 15 Prozent darunter und pendelt knapp unter der Marke von einem Zettahash (1.000 EH/s), während Miner Megawatt um Megawatt an Rechenzentren für künstliche Intelligenz abgeben. Auf Ethereum ist im selben Jahr das Gegenteil passiert: der Anteil des gestakten Ether ist weiter geklettert, auf rund 43,7 Millionen ETH oder knapp 36 Prozent des Umlaufs, wie der Live-Tracker validatorqueue.com ausweist.
Beide Netzwerke verkaufen im Kern dasselbe Produkt: die praktische Unumkehrbarkeit einmal bestätigter Transaktionen. Und beide bezahlen dafür ein Sicherheitsbudget. Nur bezahlen sie es auf grundverschiedene Weise, Bitcoin als laufenden Fluss aus Strom und Hardware, Ethereum als gesperrtes Pfand aus Kapital. 2026 ist das erste Jahr, in dem diese beiden Budgets sichtbar auseinanderlaufen. Dieser Text erklärt, wie Proof of Work und Proof of Stake Sicherheit einkaufen, was es kosten würde, jedes der beiden Netze anzugreifen, und warum die eine Kurve stockt, während die andere weiter steigt.
Zwei Netzwerke, ein Produkt: Endgültigkeit
Eine Blockchain ist nur so viel wert wie die Gewissheit, dass ein einmal eingetragener Block nicht nachträglich umgeschrieben wird. Genau diese Gewissheit ist das Produkt. Sie entsteht, indem das Erzeugen eines gültigen Blocks teuer gemacht wird, teuer genug, dass sich das Umschreiben der Geschichte für niemanden lohnt. Proof of Work und Proof of Stake lösen dieselbe Aufgabe mit entgegengesetzten Mitteln.
Bei Proof of Work steckt der Preis in physischer Arbeit: Miner verbrennen Strom in spezialisierten Chips (ASICs), um alle zehn Minuten einen Block zu finden. Wer die Kette umschreiben will, muss diese Arbeit schneller leisten als der gesamte Rest des Netzes, also mehr als die Hälfte der weltweiten Rechenleistung aufbringen. Bei Proof of Stake steckt der Preis in gebundenem Kapital: Validatoren hinterlegen Ether als Pfand und verlieren es (das sogenannte Slashing), wenn sie sich regelwidrig verhalten. Wer hier angreifen will, muss einen großen Teil des hinterlegten Kapitals selbst kontrollieren und riskiert, es zu verlieren. Das eine Budget ist eine Miete, das andere eine Kaution.
Dieser Unterschied klingt technisch, hat aber handfeste Folgen für die Frage, wie teuer Sicherheit ist, wie sie mit dem Kurs wächst und was nach einem Angriff passiert. Die folgende Tabelle fasst die beiden Modelle zusammen, bevor wir sie einzeln durchrechnen.
| Dimension | Bitcoin (Proof of Work) | Ethereum (Proof of Stake) |
|---|---|---|
| Was sichert das Netz | Rechenleistung (Hashrate) | Gesperrtes Kapital (gestaktes ETH) |
| Bezahlform | Fluss: Strom plus Hardware, laufend | Pfand: Kapital, gesperrt und slashbar |
| Budget-Logik | Miete, Block für Block neu | Kaution, einmal hinterlegt |
| Angriff bedeutet | mehr als 50 Prozent der Hashrate | Kontrolle über großen Anteil des Stakes |
| Nach dem Angriff | Hardware bleibt, Angriff wiederholbar | Pfand wird geslasht, Angreifer verliert Kapital |
| Naheliegendes Risiko | Konzentration der Mining-Pools | Konzentration der Staking-Anbieter |
Bitcoin zahlt als Fluss: das Budget, das jeder Block neu verbrennt
Bitcoins Sicherheitsbudget ist ein Strom, kein See. Alle zehn Minuten schüttet das Protokoll derzeit 3,125 BTC Blocksubvention plus Transaktionsgebühren aus. Über einen Tag sind das rund 450 BTC, über ein Jahr etwa 164.000 BTC. Bei einem Kurs von rund 72.800 Euro je Bitcoin (Stand 8. Oktober 2026, CoinGecko) entspricht das einem laufenden Budget von etwa 13 bis 14 Milliarden US-Dollar, umgerechnet rund 12 Milliarden Euro pro Jahr. Dieses Geld fließt nicht in einen Tresor, es wird in Strom und abgeschriebene Hardware umgesetzt und muss in jedem einzelnen Block aufs Neue aufgebracht werden.
Die sichtbare Spur dieses Budgets ist die Hashrate. Anfang Oktober 2026 schätzen die Tracker sie auf eine Spanne von rund 920 bis 1.000 Exahash pro Sekunde (CoinWarz meldete zuletzt Werte um 923 EH/s im Spot, der geglättete Sieben-Tage-Schnitt lag näher an 980 EH/s). Die Mining-Schwierigkeit steht bei 132,72 Billionen, nach einer nahezu unveränderten Anpassung Anfang Oktober; die nächste Neuberechnung steht Mitte Oktober an. Der Hashprice, also der Tagesumsatz je Petahash Rechenleistung, liegt bei rund 40 US-Dollar und damit nahe mehrjähriger Tiefs.
Entscheidend ist die Eigenschaft dieses Budgets: Es ist eine Miete. Das Netz besitzt seine Sicherheit nie, es mietet sie Block für Block. Stellt die Mehrheit der Miner die Maschinen ab, verschwindet die Sicherheit innerhalb weniger Stunden, weil die Arbeit nicht mehr geleistet wird. Genau deshalb ist es für Bitcoin existenziell, dass der Fluss nie versiegt, und genau deshalb ist die stockende Hashrate 2026 mehr als eine Randnotiz.
Ethereum zahlt als Pfand: das Budget, das gesperrt im Vertrag liegt
Ethereums Sicherheitsbudget ist ein See, kein Strom. Wer validieren will, hinterlegt Ether als Einsatz und erhält dafür eine Belohnung; wer betrügt oder grob nachlässig ist, verliert einen Teil des Einsatzes durch Slashing. Anfang Oktober 2026 sind rund 43,7 Millionen ETH hinterlegt, etwa 35,78 Prozent des gesamten Umlaufs, verteilt auf knapp 855.000 aktive Validatoren bei einer Rendite von rund 2,6 Prozent pro Jahr (validatorqueue.com).
Das eigentliche Sicherheitsmaß ist hier nicht die jährliche Ausschüttung von gut einer Million ETH, sondern der Wert, der im Vertrag gesperrt liegt und bei einem Angriff vernichtet werden kann. Bei einem ETH-Kurs von rund 2.210 Euro (Stand 8. Oktober 2026, CoinGecko) sind das knapp 97 Milliarden Euro, umgerechnet rund 108 Milliarden US-Dollar, die als Pfand im Netz liegen. Dieses Kapital wird einmal hinterlegt und bleibt liegen; es muss nicht in jedem Block neu aufgebracht werden. Darin steckt der Kern des Unterschieds: Bitcoin mietet Sicherheit, Ethereum verlangt eine Kaution.
Ein zweiter Punkt ist wichtig, weil er oft falsch gelesen wird: Die Zahl der Validatoren und die Menge des gestakten ETH entwickeln sich seit 2025 getrennt. Mit dem Pectra-Upgrade vom 7. Mai 2025 hob Ethereum die maximale wirksame Einlage je Validator von 32 auf 2.048 ETH an (Ethereum Foundation). Große Betreiber bündeln seither viele kleine Validatoren zu wenigen großen, weshalb die Validatorenzahl sinken oder stagnieren kann, während das gesperrte Kapital weiter steigt. Wer die Netzwerksicherheit messen will, schaut auf das gestakte ETH, nicht auf die Kopfzahl der Validatoren.
2026: zum ersten Mal laufen die Kurven sichtbar auseinander
Jahrelang wuchsen beide Budgets im Gleichschritt: mehr Hashrate hier, mehr gestaktes ETH dort, beide immer weiter nach oben. 2026 brach dieser Gleichlauf. Auf der Bitcoin-Seite verzeichnete das Netz im ersten Quartal den ersten Hashrate-Rückgang seit sechs Jahren (CoinDesk), und auch das dritte Quartal lag laut der Heatmap von Hashrate Index rund 8,7 Prozent unter dem Vorjahr. Die Mining-Schwierigkeit ist übers Jahr netto um etwa zwölf Prozent gefallen. Das Besondere daran: Es ist der erste Hashrate-Rückgang der Geschichte, der nicht erzwungen ist. 2018 und 2022 fiel die Hashrate, weil Miner pleitegingen; 2021 fiel sie, weil China das Mining verbot. 2026 fällt sie, weil Betreiber ihre Megawatt freiwillig an lukrativere KI-Rechenzentren vermieten.
Auf der Ethereum-Seite lief es umgekehrt. Der Anteil des gestakten Ether ist 2026 weiter gestiegen, von gut 34 Prozent zu Jahresbeginn auf knapp 36 Prozent im Oktober. Selbst als Anfang Oktober eine Abhebewelle die Austrittsschlange auf ein Jahreshoch trieb, blieb die Eintrittsschlange mit mehr als 1,38 Millionen ETH prall gefüllt: Es warten mehr Einleger auf einen Platz als Abspringer auf den Ausstieg. Die Nachfrage, Sicherheit zu stellen, übersteigt bei Ethereum weiterhin das Angebot an Plätzen. Die folgende Tabelle stellt beide Budgets im Oktober 2026 nebeneinander.
| Kennzahl | Bitcoin | Ethereum |
|---|---|---|
| Kurs (8. Okt. 2026) | rund 72.800 Euro | rund 2.210 Euro |
| Marktkapitalisierung | rund 1,46 Billionen Euro | rund 270 Milliarden Euro |
| Sicherheitsgröße | Hashrate rund 950 EH/s (nahe 1 ZH/s) | 43,7 Mio. ETH gestakt (35,78 % des Umlaufs) |
| Budget-Logik und Größe | Fluss, rund 13 bis 14 Mrd. USD pro Jahr | Pfand, rund 108 Mrd. USD Wert im Einsatz |
| Laufende Belohnung | Hashprice rund 40 USD je PH und Tag | rund 2,6 % Staking-Rendite pro Jahr |
| Trend 2026 | Hashrate rund 15 % unter Rekord, Difficulty netto rund minus 12 % | Stake-Anteil weiter gestiegen |
Was ein Bitcoin-Angriff kostet: die Acht-Milliarden-Dollar-Frage
Die bekannteste Zahl zu diesem Thema stammt von Campbell Harvey, Finanzprofessor an der Duke University. In einer Arbeit vom Oktober 2025 bezifferte er einen einwöchigen Angriff mit Mehrheits-Hashrate auf rund sechs Milliarden US-Dollar, aufgeschlüsselt in Hardware, Rechenzentrumsbau und Strom. In seinen Worten, wiedergegeben von crypto.news: „Hardware is the largest expenditure, about $4.6 billion at current prices. The data center build would require $1.34 billion and the electricity to run the hardware and maintain the data center about $0.13 billion per week.“ Das entspreche gerade einmal 0,26 Prozent des damaligen Netzwerkwerts.
Mitte 2026 verschärfte Harvey das Modell. Koppelt ein Angreifer den Angriff mit einer großen Short-Position auf Offshore-Derivatemärkten, finanziert sich der Angriff aus dem Kurssturz, den er selbst auslöst, statt sich aus Mining-Erträgen amortisieren zu müssen. Gegenüber Bitcoin.com News sagte Harvey: „The cost is about 50 basis points of the value of bitcoin“, und: „The difference today is the derivatives markets.“ Die reinen Kosten taxiert er damit auf rund acht Milliarden Dollar, also etwa ein halbes Prozent des Bitcoin-Werts.
Nicht alle teilen diese Sorge. Matt Prusak, Präsident von American Bitcoin Corp., hält die Rechnung für praxisfern. Gegenüber Bloomberg, zitiert nach crypto.news, sagte er: „My attitude is that economic feasibility kills the 51% thesis. I live in the real world, and I am not concerned.“ Sein Argument: So viel Hardware über Jahre hinweg zusammenzukaufen, ohne dass Börsen und Betreiber reagieren, sei unrealistisch. Hinzu kommt ein Detail, das die Angriffskosten-Erzählung bei Proof of Work schwächt: Nach dem Angriff besitzt der Angreifer die gekaufte Hardware weiterhin. Die vier bis fünf Milliarden Dollar für ASICs sind keine verbrannte Summe, sondern eine Investition, die sich weiterverkaufen oder erneut einsetzen lässt.
Was ein Ethereum-Angriff kostet: warum das Pfand teurer sein soll
Auf der Proof-of-Stake-Seite liefert der Ethereum-Forscher Justin Drake die am häufigsten zitierte Gegenrechnung. In einem Interview (wiedergegeben unter anderem von Bitget News) beziffert er einen Mehrheitsangriff auf Bitcoin auf rund zehn Milliarden Dollar, einen auf Ethereum dagegen auf rund 44,8 Milliarden, weil ein Angreifer die Kontrolle über 51 Prozent des damals etwa 34 Millionen ETH großen Einsatzes bräuchte. Da seither mehr Kapital gestakt wird, wäre die Zahl heute noch höher. Angriffe auf Bitcoin seien, so Drake, schlicht „much easier and less costly“ als auf Ethereum.
Der entscheidende Unterschied liegt für Drake aber nicht nur in der Summe, sondern in der sozialen Schicht (er nennt sie den „social layer“). Gelingt ein Angriff, kann die Gemeinschaft den Angreifer per Fork aus dem Netz werfen und sein Pfand durch Slashing vernichten. Bei Proof of Work überlebt die Hardware den Angriff, bei Proof of Stake stirbt das Kapital mit ihm. Ein erfolgreicher Angriff ist damit für den Angreifer tendenziell ein einmaliges, selbstzerstörerisches Manöver statt eines wiederholbaren.
Ehrlicherweise ist die Proof-of-Stake-Angriffsrechnung die unsicherere der beiden. Niemand kann 20 bis 50 Milliarden Euro ETH am Markt kaufen, ohne den Kurs massiv nach oben zu treiben; die statische Zahl unterschätzt die wahren Kosten eher. Zugleich hängt der nötige Anteil vom Angriffsziel ab: Rund ein Drittel des Stakes genügt, um die Finalität zu verzögern, für das Finalisieren einer manipulierten Kette braucht es mehr als zwei Drittel. Die folgende Tabelle ordnet die kursierenden Schätzungen ein, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass es Modellrechnungen mit unterschiedlichen Annahmen sind, keine Marktpreise.
| Quelle | Netzwerk | Geschätzte Kosten | Annahme und Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Campbell Harvey (2025) | Bitcoin | rund 6 Mrd. USD | Einwöchiger Angriff; Hardware 4,6, Rechenzentrum 1,34, Strom 0,13 Mrd.; 0,26 % des Netzwerts |
| Campbell Harvey (2026) | Bitcoin | rund 8 Mrd. USD | rund 50 Basispunkte; profitabel durch gleichzeitige Short-Position |
| Justin Drake | Bitcoin | rund 10 Mrd. USD | Vergleichsschätzung |
| Justin Drake | Ethereum | rund 44,8 Mrd. USD | 51 % von damals rund 34 Mio. gestaktem ETH; skaliert mit dem Einsatz |
Fluss gegen Pfand: der Unterschied, auf den es ankommt
Jetzt wird greifbar, warum die Fluss-gegen-Pfand-Unterscheidung mehr ist als eine Metapher. Bitcoins Budget ist eine externe Ressource, die laufend verbrannt wird; einmal in Wärme verwandelter Strom lässt sich nicht zurückholen. Ethereums Budget ist internes Kapital, das gesperrt liegt, aber abgezogen werden kann, wenn auch nur geordnet. Diese Beweglichkeit ist Stärke und Schwäche zugleich.
Anfang Oktober 2026 ließ sich das live beobachten. Nach einer Sicherheitsvorfall-Meldung vom 30. September zog die Wallet-Firma MetaMask vorsorglich rund 523.000 ETH aus Lido-Validatoren ab und rotierte die Validatorschlüssel; die betroffenen Validatoren mussten dafür austreten und sich neu anstellen. Die Austrittsschlange schoss daraufhin auf ein Jahreshoch von 850.736 ETH am 2. Oktober, mit einer Wartezeit von gut 13 Tagen, wie Cryptopolitan berichtete. Entscheidend ist, was ausblieb: ein Bank-Run. Das Churn-Limit von 256 ETH je Epoche je Richtung (rund 57.600 ETH pro Tag) wirkt wie ein Stoßdämpfer, der das Pfand nur tropfenweise freigibt.
Bei Bitcoin gibt es weder Austrittsschlange noch Churn-Limit, weil es nichts abzuheben gibt. Der Einsatz ist versunkene Hardware und verbrannter Strom; ein aussteigender Miner schaltet einfach ab, die Hashrate fällt sofort, aber es wartet niemand in einer Schlange. Damit haben beide Modelle gegensätzliche Krisenmuster: Ethereums Sicherheit kann in einer Panik abfließen, aber nur langsam und protokollgebremst; Bitcoins Sicherheit kann schnell kollabieren, wenn der Kurs unter die Stromkosten fällt, dafür ohne Vorwarnzeit. Das eine Risiko ist ein geordneter Rückzug, das andere ein plötzlicher Stillstand.
Konzentration ist die eigentliche Nahdistanz-Gefahr
Der brachiale 51-Prozent-Angriff ist das Lehrbuchszenario, aber nicht die realistische Sorge der nächsten Jahre. Realistischer ist Konzentration: dass zu wenige Akteure zu viel der sichernden Ressource kontrollieren. Beide Netze haben hier eine wunde Stelle, nur an unterschiedlicher Stelle.
Bei Bitcoin liegt sie bei den Mining-Pools. Laut dem Live-Tracker von Hashrate Index kontrolliert Foundry USA rund 27 Prozent der Hashrate, AntPool gut 20 und F2Pool knapp 18 Prozent; die drei größten Pools zusammen kommen auf gut 65 Prozent. Das klingt dramatischer, als es ist: Pools koordinieren Hashrate, die sie nicht besitzen. Die einzelnen Miner können ihre Maschinen binnen Minuten auf einen anderen Pool umlenken, wenn einer sich danebenbenimmt. Protokolle wie Stratum V2 und nicht-verwahrende Pools wie OCEAN geben zudem die Kontrolle über den Blockinhalt an die Miner zurück.
Bei Ethereum liegt die wunde Stelle bei den Staking-Anbietern. Lido bündelt rund 9,8 Millionen ETH, etwa 23 Prozent des gesamten Einsatzes und rund 62 Prozent des Liquid-Staking-Markts, auch wenn der Anteil vom Hoch von gut 32 Prozent im Jahr 2023 gefallen ist. Dazu kommen große Börsen als Verwahr-Staker. Die Gegenstrategie heißt Distributed Validator Technology (DVT): Verfahren, die den Schlüssel eines Validators auf mehrere unabhängige Betreiber aufteilen und so das Einzelbetreiber-Risiko senken. Warum ausgerechnet die Pectra-Konsolidierung diese Technik wichtiger macht, haben wir in der Analyse zur Validator-Konsolidierung und SSVs DVT ausgeführt. Die folgende Tabelle zeigt die Konzentration auf beiden Seiten.
| Akteur | Netzwerk | Anteil |
|---|---|---|
| Foundry USA | Bitcoin-Mining-Pool | rund 27 % |
| AntPool | Bitcoin-Mining-Pool | rund 20 % |
| F2Pool | Bitcoin-Mining-Pool | rund 18 % |
| Top 3 Pools zusammen | Bitcoin | rund 65 % |
| Lido (Anteil am Einsatz) | Ethereum-Staking | rund 23 % |
| Lido (Liquid-Staking-Markt) | Ethereum-Staking | rund 62 % |
Zyklisch gegen strukturell: warum die Budgets anders altern
Die beiden Sicherheitsbudgets altern nach verschiedenen Gesetzen. Bitcoins Budget hängt am Kurs und am Halving-Takt. Alle rund vier Jahre halbiert sich die Blocksubvention; beim nächsten Halving, erwartet 2028, fällt sie von 3,125 auf 1,5625 BTC je Block. Langfristig muss sich der Fluss deshalb von der Subvention zu den Transaktionsgebühren verlagern. Noch tragen die Gebühren nur einen niedrigen einstelligen Prozentsatz zur Blockbelohnung bei, der Rest ist frisch geschaffenes BTC. Ob ein Gebührenmarkt entsteht, der das wegfallende Angebot ersetzt, ist die große offene Frage über Bitcoins Sicherheit, und sie stellt sich bei jedem Halving aufs Neue, in diskreten Stufen.
Ethereums Budget kennt keine solche Klippe. Die Ausgabe neuer ETH an Validatoren folgt einer glatten Kurve, die mit der Menge des gestakten Kapitals steigt, und seit EIP-1559 verbrennt das Netz einen Teil der Gebühren wieder. In Phasen hoher Aktivität kann die Netto-Ausgabe sogar negativ werden, ETH wird dann knapper statt reichlicher. Das Budget passt sich also laufend an, ohne Stufen. Dafür hat es eine eigene Spannung: Je mehr ETH gestakt wird, desto niedriger die Rendite je Validator. Irgendwann konkurriert Staking mit anderen Verwendungen des Kapitals. Das eine Budget altert wie eine Treppe, das andere wie eine Rampe.
Wohin Megawatt und Kapital fließen: KI, Restaking und der Kampf ums Budget
Damit sind wir bei der eigentlichen Ursache der Divergenz von 2026. Bitcoins Hashrate-Wachstum stockt nicht, weil Miner das Interesse verloren hätten, sondern weil das marginale Megawatt und der marginale Dollar inzwischen ein lukrativeres Zuhause haben: Rechenzentren für künstliche Intelligenz. Börsennotierte Miner unterschreiben milliardenschwere Mietverträge mit KI-Anbietern, etwa Riot Platforms mit Anthropic über einen Deal mit einem Basiswert von 9,1 Milliarden Dollar (CoinDesk), und leiten Strom wie Kapital von neuen Rigs weg. Wer die Betriebswirtschaft dahinter verstehen will, findet sie in unserer Analyse Mining-Margen 2026: das Megawatt entscheidet; in Kurzform: über Gewinn oder Verlust entscheidet längst die Marge je Megawatt, nicht der Bitcoin-Kurs allein. Die Nachfrage nach Rechenkapazität, die diesen Wettbewerb anheizt, zeichnen wir im Leitfaden zur dezentralen Inferenz nach.
Ethereums Budget kämpft an einer anderen Front. Gestaktes ETH konkurriert nicht um Megawatt, sondern um Rendite: mit Restaking, mit Kreditprotokollen, mit jeder anderen Anlage, die mehr abwirft als die rund 2,6 Prozent Staking-Zins. Solange die Kombination aus Staking- und Restaking-Erträgen attraktiv bleibt, fließt Kapital hinein, und genau das ist 2026 passiert. Bezeichnend für dieses Umfeld: Beim MetaMask-Ausstieg Anfang Oktober ging der Markt davon aus, dass der große Teil des abgezogenen ETH ohnehin wieder neu angelegt wird. Der Kampf ums Bitcoin-Budget wird in Megawatt ausgetragen, der ums Ethereum-Budget in Basispunkten.
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