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● Mining & Staking

Marathon gegen Riot: Wall Street straft die KI-Wette ohne Mieter

Am 16. Oktober stürzten beide Bitcoin-Miner ab, während Bitcoin hielt. Der Grund liegt im KI-Kredit, und Riots unterschriebener Mietvertrag schlägt Marathons Gigawatt ohne Großmieter.

Am 16. Oktober 2026 fasste ein einziger Handelstag die ganze Geschichte der beiden größten börsennotierten Bitcoin-Miner zusammen. Bitcoin selbst hielt sich: Der Kurs rutschte kurz unter 80.000 US-Dollar, kaufte sich aber binnen zwei Stunden wieder über 81.000 zurück und notierte bei rund 72.665 Euro (CoinGecko). Die Aktien von Marathon (Nasdaq: MARA) und Riot Platforms (Nasdaq: RIOT) taten das Gegenteil. MARA schloss 9,6 Prozent tiefer bei 7,53 US-Dollar (rund 6,80 Euro), RIOT 11,5 Prozent tiefer bei 13,72 US-Dollar (rund 12,35 Euro), beide dicht an ihren 52-Wochen-Tiefs (stockanalysis.com).

Das ist der Kern dessen, was 2026 mit diesen Unternehmen passiert ist. Lange galten sie als Hebelprodukte auf den Bitcoin-Kurs: steigt der Coin, steigen die Aktien, fällt er, fallen sie. Inzwischen handeln sie als etwas anderes, nämlich als fremdfinanzierte Entwickler von KI-Rechenzentren, deren Wert nicht mehr der Coin bestimmt, sondern die Finanzierungsbedingungen des KI-Booms. Genau hier läuft seit Wochen eine Neubewertung, die beide Aktien hart trifft, aber unterschiedlich.

Vor zwölf Monaten waren Marathon und Riot fast Zwillinge: zwei Bitcoin-Miner mit demselben Geschäft, beide nahe ihren Jahreshochs. Heute hat der Markt sie geteilt. Riot ist der Vermieter mit einem unterschriebenen 20-Jahres-Vertrag; Marathon ist der Betreiber mit Gigawatt-Plänen, aber ohne Großmieter. Diese Analyse zeigt, warum der Unterschied gerade jetzt über den Kurs entscheidet, in einer Phase, in der der KI-Kredit teurer wird, und was die Quartalszahlen Ende Oktober und die Fed-Sitzung am 28. Oktober daran ändern können.

Der 16. Oktober: Bitcoin hält, die Miner brechen ein

Der Tagesverlauf war lehrreich. Bitcoin fiel am Morgen kurz auf rund 79.800 US-Dollar und war binnen zwei Stunden zurück bei 82.500, Käufer griffen jeden Rücksetzer ab (CoinDesk). Zur gleichen Zeit stieg die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf 5,07 Prozent, und der Chipfertiger TSMC gab trotz guter Prognose nach, weil Zweifel an der Nachhaltigkeit der KI-Ausgaben aufkamen. Die Miner, die inzwischen die hochvolatile Variante genau dieses KI-Rechenzentrumstrends sind, fielen am stärksten.

Das ist kein Einzelfall. Schon im August fielen beide Aktien, als die zehnjährige Rendite in Richtung 4,7 Prozent kletterte, obwohl Bitcoin stieg. Bei 5,07 Prozent ist der Druck größer. Der Mechanismus dahinter: Beide Firmen bauen auf KI und Hochleistungsrechnen (HPC) um, finanziert mit Fremd- und Eigenkapital. Steigen die langfristigen Zinsen und zweifelt der Markt am KI-Investitionszyklus, sinkt der Barwert künftiger Mieteinnahmen, und der Wert noch nicht gebauter Kapazität fällt zuerst. Der Bitcoin-Kurs ist dabei fast Nebensache, wie auch der Blick auf den Uptober vor der Fed zeigt.

Kennzahl (Stand 16. Okt. 2026)Marathon (MARA)Riot Platforms (RIOT)
Schlusskurs7,53 USD (~6,80 EUR)13,72 USD (~12,35 EUR)
Tagesveränderung-9,6 %-11,5 %
Marktkapitalisierung~2,91 Mrd. USD (~2,62 Mrd. EUR)~5,15 Mrd. USD (~4,64 Mrd. EUR)
52-Wochen-Spanne6,66 bis 23,16 USD11,50 bis 30,32 USD
AnalystenkonsensBuy, Konsensziel 18,61 USD (15 Analysten)Strong Buy, Konsensziel 30,93 USD (22 Analysten)
Bitcoin-Bestand (Q2)~35.577 BTC11.380 BTC (5.821 verpfändet)
KI-Ankermieternoch keiner in relevanter GrößeAnthropic, 191 MW, 20 Jahre
Quellen: stockanalysis.com (Kurse, Marktwerte, Konsens), Unternehmensangaben Q2 2026. USD-Werte zu EUR mit rund 1,11 umgerechnet.

Ein Jahr vorher waren sie Zwillinge

Um zu verstehen, wie tief die Spaltung reicht, hilft ein Blick genau ein Jahr zurück. Am 6. Oktober 2025 markierte Bitcoin sein Rekordhoch von 126.198 US-Dollar (rund 113.700 Euro, Fortune). Marathon und Riot standen beide nahe ihren 52-Wochen-Hochs, und man konnte sie kaum auseinanderhalten: zwei Bitcoin-Miner mit ähnlicher Hashrate, ähnlicher Bilanzlogik, ähnlicher Story.

Dann kam der 10. Oktober 2025, der größte Liquidationstag der Kryptogeschichte: Über 19 Milliarden US-Dollar an gehebelten Positionen wurden in 24 Stunden ausgelöscht (CoinGecko). Von diesem Doppeltermin aus, Rekord und Crash, lässt sich ein ganzer Zyklus messen: Rekord, Einbruch, Zähigkeit, Erholung im dritten Quartal und nun das Oktober-Zittern rund um den KI-Kredit. Ein Jahr später steht Bitcoin rund 35 Prozent unter dem Hoch, und beide Aktien notieren nahe ihren Jahrestiefs. Doch während der Kurs beide zusammen nach unten zog, haben sich die Geschichten dahinter getrennt. Wie der Zyklus die Miner insgesamt durchgeschüttelt hat, zeichnet der Hashprice ein Jahr nach dem Rekord nach.

Wall Street spaltet die beiden: zwei Banken, ein Muster

In den zwei Wochen vor dem 16. Oktober lieferten zwei große Häuser das bisher deutlichste Urteil. JPMorgan-Analyst Richard Choe stufte Marathon gleich um zwei Stufen herab, von Overweight auf Underweight, und senkte das Kursziel von 13 auf 11 US-Dollar. Seine Begründung: Marathon behalte zwar das Land, überlasse den Aufbau der GPU-Flotte und der Rechenzentren aber Partnern, eine „capital-light strategy“; die Umwandlung über ein Joint Venture habe die Wertschöpfung verwässert. Andere Firmen böten „more direct growth and value accretion“ aus Rechenzentren. Zeitgleich hob JPMorgan den vertikal integrierten Rivalen IREN um zwei Stufen auf Overweight und das Ziel von 46 auf 65 US-Dollar an, weil IREN Land, Netzanschluss, Rechenzentren und GPU-Einkauf selbst kontrolliere und Rechenleistung direkt verkaufe (Yahoo Finance).

Wenige Tage später zog Morgan Stanley nach, senkte aber differenziert. Marathon fiel von 11 auf 10 US-Dollar Ziel bei Underweight, also praktisch kein Aufwärtspotenzial mehr. Riot behielt dagegen Overweight, trotz gesenktem Ziel von 43 auf 35,50 US-Dollar, was vom damaligen Kurs aus rund 110 Prozent Luft bedeutete. Die Bank nannte als Grund „changing valuations for pipeline sites as credit-market conditions for the AI trade evolve“: Höhere Zinsen trieben die Finanzierungskosten und drückten die Bewertung von Standorten, „that don’t yet have signed leases“, also ohne unterschriebene Mietverträge (Yahoo Finance).

Das Muster ist in beiden Noten dasselbe: Der Markt belohnt unterschriebene, kontrahierte Kapazität und bestraft spekulative, noch nicht vermietete Pipeline. Riot bleibt auf Overweight, weil sein größter Standort vermietet ist; Marathon fällt auf Underweight, weil seine Gigawatt bislang Planung ohne prominenten Mieter sind. Zu beachten ist: Der breite Analystendurchschnitt stuft MARA weiter als Buy ein, mit einem Konsensziel von 18,61 US-Dollar. Die beiden Downgrades sind also eine konträre Minderheitsmeinung, aber eine, die den Kurs gerade bewegt.

AnalystenhausMarathon (MARA)Riot Platforms (RIOT)
JPMorgan (R. Choe)Overweight auf Underweight, Ziel 13 auf 11 USDunverändert (IREN doppelt hochgestuft, Ziel 65 USD)
Morgan StanleyUnderweight, Ziel 11 auf 10 USDOverweight, Ziel 43 auf 35,50 USD
Bernstein (G. Chhugani)zuletzt Market Perform, rund 17 USDOutperform, rund 35 USD
Konsens (alle Analysten)Buy, 18,61 USD (15 Analysten)Strong Buy, 30,93 USD (22 Analysten)
Quellen: Yahoo Finance (JPMorgan, Morgan Stanley), cryptobriefing.com (Bernstein), stockanalysis.com (Konsens). Stand Mitte Oktober 2026.

Riots Wette: der unterschriebene Mietvertrag

Riots Modell ist das eines kapitalleichten Vermieters und Entwicklers. Das Herzstück ist ein 20-Jahres-Mietvertrag über 191 Megawatt kritische IT-Leistung am Standort Rockdale in Texas, laufend bis Juni 2048. Der offizielle 8-K-Text von Riot nennt den Mieter nur „one of the world’s leading frontier AI labs“; DataCenterDynamics und Bloomberg berichten übereinstimmend, dass es sich um Anthropic handelt. Der Basisumsatz liegt bei rund 9,1 Milliarden US-Dollar (etwa 8,2 Milliarden Euro), mit zwei Fünf-Jahres-Optionen bis zu rund 16 Milliarden; die kumulierte Netto-Betriebsmarge (NOI) beziffert Riot auf 7,3 bis 8,2 Milliarden US-Dollar, im Schnitt 365 bis 411 Millionen pro Jahr (SEC-Form-8-K).

Die ersten 96 Megawatt sollen bis Dezember 2027 live gehen, die vollen 191 bis Juni 2028; eine Zwischenfinanzierung über 573 Millionen US-Dollar von Morgan Stanley deckt die Anlaufkosten. Zusammen mit einem früheren Vertrag über 50 Megawatt mit AMD kommt Riot damit auf 241 Megawatt kontrahierte Kapazität und rund 9,8 Milliarden US-Dollar langfristig gesicherten Umsatz (Riot Platforms, Q2 2026). Vorstandschef Jason Les nannte den Abschluss „a defining moment in our evolution into a leading developer of large-scale data centers“. Dass Riot überhaupt so aggressiv auf Vermietung umschwenkte, geht auch auf den aktivistischen Investor Starboard Value zurück, der im Februar 2026 vorrechnete, 1,7 Gigawatt Leistung könnten mehr als 1,6 Milliarden US-Dollar Jahres-EBITDA bringen (CoinDesk).

Operativ sitzt Riot mit seinen texanischen Standorten Rockdale und Corsicana (Projekt „Ditto“) direkt am ERCOT-Netz, dessen Flexibilitätsprogramme zum zweiten Standbein geworden sind: Allein im zweiten Quartal 2026 verbuchte Riot rund 10 Millionen US-Dollar an Strom- und Demand-Response-Gutschriften, im ersten Halbjahr gut 31 Millionen (Riot Platforms). Wer bei Lastspitzen drosseln kann, verdient an der Flexibilität, und genau diese Fähigkeit macht die Flächen für einen KI-Mieter erst attraktiv.

Entscheidend für die aktuelle Neubewertung: Dieser Cashflow ist auf 20 Jahre mit einem benannten Gegenüber vertraglich fixiert, lässt sich also wie eine Immobilie finanzieren und bewerten. Gleichzeitig hat Riot seinen Bitcoin-Bestand bewusst klein gehalten, 11.380 BTC, davon 5.821 als Sicherheit verpfändet. Riot ist damit die wenig Bitcoin-abhängige, kontrahierte Variante. Die Kehrseite ist Konzentration: Ein einziger Großmieter trägt den Löwenanteil der Story, und der Bau muss termingerecht fertig werden. Wer wissen will, wer die gemietete Rechenleistung am Ende nachfragt, findet im Render-Netzwerk nach dem Rekordquartal ein Beispiel für die Nachfrageseite dieses GPU-Booms.

Marathons Wette: Gigawatt, aber ohne Großmieter

Marathon geht den entgegengesetzten Weg: selbst besitzen, selbst betreiben, dazu der größte Bitcoin-Schatz der Branche. Das Unternehmen hat sein Leistungsziel auf rund 4,8 Gigawatt angehoben (von zuvor etwa 2,2) und dafür unter anderem den Energieversorger Long Ridge gekauft, ein 505-Megawatt-Gaskraftwerk in Hannibal, Ohio, für rund 1,5 Milliarden US-Dollar, mit Abschluss in der zweiten Jahreshälfte 2026 (CoinDesk). Hinzu kommt ein Joint Venture mit Starwood Digital Ventures (rund 1 Gigawatt kurzfristig, Pfad über 2,5 Gigawatt) nach dem Prinzip „build-to-suit“, also kein Kapitaleinsatz vor einem unterschriebenen Mietvertrag.

Vorstandschef Fred Thiel hat Marathon zur „energy and digital infrastructure company“ umetikettiert, die überschüssige Energie in digitales Kapital verwandeln soll. Der Bitcoin-Bestand von rund 35.577 BTC ist das Pfund, mit dem das Unternehmen wuchert, aber auch sein Risiko: Am 10. Oktober verkaufte Marathon rund 81 Millionen US-Dollar an Bitcoin, selbst als andere Käufer den Rücksetzer nutzten. Vor allem aber fehlt der eine große Ankermieter, und das ist seit Monaten das Bärenargument. JPMorgan beschreibt Marathons Modell inzwischen genau als das Problem: partnergeführt, kapitalleicht, mit einer Joint-Venture-Struktur, die Wert an Partner abgibt, statt ihn selbst zu heben.

Darin steckt eine Ironie. Anfang 2026 galt Marathon noch als das vertikal integrierte, kraftwerksbesitzende Schwergewicht und Riot als der kapitalleichte Vermieter. Jetzt haben sich die Etiketten gedreht: Der Markt will entweder den unterschriebenen Mietvertrag (Riot) oder die volle vertikale Integration, die Rechenleistung direkt verkauft (IREN). Marathon sitzt dazwischen, mit Land, Partnern und einem riesigen Coin-Bestand, aber ohne das eine, wofür Investoren derzeit zahlen wollen: Gewissheit über künftige Mieteinnahmen.

DimensionRiot PlatformsMarathon (MARA)
GeschäftsmodellVermieter/Entwickler (kapitalleicht)Eigentümer/Betreiber + Treasury
KI-AnkerAnthropic, 191 MW, 20 Jahre, unterschriebennoch kein Großmieter
StromstrategieTexas (Rockdale, Corsicana), ERCOT-Demand-ResponseZiel ~4,8 GW, eigenes Gaskraftwerk (Long Ridge), Starwood-JV
Bitcoin-Treasurybewusst niedrig: 11.380 BTChoch: ~35.577 BTC
Finanzierung573 Mio. USD Zwischenfinanzierung, Investment-Grade-BackstopEigenkapital, Wandelanleihen, BTC-Verkäufe
Bewertungslinsekontrahierter NOI / Cap-Rate (wie Immobilie)mNAV / BTC-Bestand + spekulative KI-Option
Quellen: Riot Platforms und MARA Holdings (Q2 2026), SEC-Filings, CoinDesk.

Warum der KI-Kredit jetzt der entscheidende Preis ist

Der Umbau vom Miner zum KI-Rechenzentrum ist extrem kapitalintensiv. Reine Bitcoin-Mining-Infrastruktur kostet grob 0,7 bis 1 Million US-Dollar pro Megawatt; eine KI-taugliche Anlage mit Flüssigkühlung, Hochspannung und Redundanz liegt eher bei 8 bis 15 Millionen pro Megawatt. Diese Summen stemmt niemand aus dem laufenden Mining-Cashflow; sie werden mit Anleihen, Wandlern und Eigenkapital finanziert. Damit hängen beide Aktien an zwei Stellschrauben, die mit Bitcoin selbst wenig zu tun haben.

Erstens am risikolosen Zins. Die zehnjährige US-Rendite bei 5,07 Prozent ist der Diskontsatz, mit dem der Markt einen 20-Jahres-Mietvertrag abzinst; je höher er steht, desto weniger ist der künftige Cashflow heute wert. Zweitens, und das ist der frische Teil der Geschichte, an den KI-spezifischen Kreditbedingungen. Seit Wochen wächst die Sorge, der KI-Investitionszyklus könnte überhitzt sein: zirkuläre Lieferantenfinanzierung, die Frage, ob die Nachfrage der Hyperscaler dauerhaft trägt. Als am 16. Oktober TSMC trotz guter Zahlen nachgab, war das genau diese Sorge.

Der „neue Hashprice“ ist also nicht nur der Leitzins, das war die September-Geschichte, sondern konkret der Preis und die Verfügbarkeit von KI-Rechenzentrumskrediten. Ein unterschriebener 20-Jahres-Vertrag mit einem benannten KI-Labor ist auch in einer Kreditklemme finanzierbar; ein Gigawatt ungebauter Kapazität ohne Mieter ist eine Kaufoption, deren Wert verfällt, sobald der Kredit teurer wird. Genau dieser Unterschied trennte MARA und RIOT auf dem Kurszettel. Hinzu kommt: Der KI-Schwenk brachte den Minern 2025 und 2026 zunächst günstigeres Kapital (Anleihe-Aufschläge fielen von über 9 auf 6 bis 7 Prozent); eine Kreditsorge dreht genau diesen Rückenwind in Gegenwind.

Das gemeinsame Problem: Mining allein trägt nicht mehr

Beide Firmen schwenken aus demselben Grund auf KI um: Das reine Mining zahlt sich 2026 kaum noch aus. Der Hashprice, der Erlös pro Recheneinheit und Tag, pendelt um 40 US-Dollar pro PH/Tag, weit unter dem Rekord von über 60 aus dem Oktober 2025 (Hashrate Index). Laut dem Quartalsbericht von CoinShares lagen die gewichteten Barkosten der börsennotierten Miner im zweiten Quartal bei rund 75.500 US-Dollar je Bitcoin und damit zeitweise über dem Marktpreis; 15 bis 20 Prozent der älteren Flotte arbeiten an der Verlustgrenze.

Die handelnden Personen sagen es offen. Fred Thiel beschreibt Mining als „a zero-sum game. As more people add capacity, it gets harder for everybody else. Margins compress, and the floor is your energy cost“ und prophezeit: „By 2028, you’ll either be a power generator, be owned by one, or be partnered with one“ (CoinGeek). James Butterfill von CoinShares erwartet, dass einzelne Miner bis Ende 2026 bis zu 70 Prozent ihres Umsatzes aus KI ziehen, von rund 30 Prozent heute, und nennt die Lage eine der „most challenging“ Phasen der Branche (The Block).

Und JPMorgan-Analyst Nikolaos Panigirtzoglou verortet die Produktionskosten bei etwa 78.000 US-Dollar je Bitcoin; fällt der Kurs darunter, schalten teure Miner ab, die Hashrate sinkt, und die Schwierigkeit passt sich nach unten an (TFTC). Der KI-Schwenk ist für beide also keine Kür, sondern Überlebensstrategie. Die eigentliche Frage ist nur, welchen der beiden Schwenks der Markt finanzieren will.

Die Konkurrenz setzt den Maßstab

Marathon und Riot entscheiden nicht im luftleeren Raum. Über die gesamte börsennotierte Mining-Branche summieren sich die angekündigten KI- und HPC-Verträge laut CoinShares inzwischen auf mehr als 70 Milliarden US-Dollar. Der Konkurrent, an dem JPMorgan Marathon ausdrücklich misst, ist IREN: vertikal integriert, mit eigenem Land, Netzanschluss, Rechenzentren und GPU-Einkauf, dazu ein KI-Cloud-Vertrag mit Microsoft über rund 9,7 Milliarden US-Dollar, der die Firma vom Miner zum Neocloud-Anbieter macht (DataCenterDynamics).

Daneben gehen Core Scientific mit Colocation-Verträgen für große KI-Clouds, Hut 8, TeraWulf und Applied Digital alle denselben Weg. Genau diese Fülle erklärt die Härte der Neubewertung: Wenn ein halbes Dutzend Miner gleichzeitig zweistellige Milliardensummen für den Umbau aufnimmt, schaut der Kreditmarkt sehr genau hin, wer einen unterschriebenen Mieter vorweisen kann und wer nur eine Absichtserklärung. In diesem Umfeld ist Riots Anthropic-Vertrag ein Vorteil, und Marathons fehlender Anker ein Malus.

Die Rechnung, die man nicht vergleichen kann: cost-to-mine

Ein beliebter Fehler ist es, die „Kosten pro Bitcoin“ der beiden direkt gegenüberzustellen. Riot wies im zweiten Quartal 2026 Barkosten von 49.912 US-Dollar je Bitcoin aus, das waren 69,6 Prozent des Produktionswerts von 71.667; inklusive Abschreibung lag die Vollkostenrechnung bei 90.631 US-Dollar, also 126 Prozent des Produktionswerts (Riot Platforms, Q2 2026). Übersetzt: bar profitabel, nach handelsüblicher Rechnungslegung (GAAP) im selben Quartal defizitär.

Marathon nennt für dasselbe Quartal rund 38.690 US-Dollar, aber das ist eine engere Kennzahl: nur die eingekaufte Energie bei eigenem Strom zu etwa 0,04 US-Dollar je Kilowattstunde, nicht Riots breiter gefasste Barkosten. Die Zahlen sind schlicht nicht vergleichbar, weil jedes Unternehmen eine eigene Definition und Abschreibungspolitik nutzt. Der Unterschied zwischen bar profitabel und GAAP-defizitär steckt fast vollständig in der Abschreibung, und die ist, wie Riot selbst schreibt, ein nicht zahlungswirksamer Posten, der auch bei gedrosseltem Betrieb nicht vermeidbar ist. Wer die zugrunde liegende Effizienzschlacht verstehen will, findet sie im Duell Bitmain gegen MicroBT um jedes Joule.

Kennzahl (Q2 2026, je 1 BTC)Riot PlatformsMarathon (MARA)
Barkosten (ohne Abschreibung)49.912 USD38.690 USD (nur Energie, eigene Methodik)
Produktionswert je BTC71.667 USDnicht vergleichbar ausgewiesen
Vollkosten (inkl. Abschreibung)90.631 USD (126 % des Produktionswerts)nicht vergleichbar ausgewiesen
Aussagebar profitabel, nach GAAP defizitärZahl nicht mit Riot vergleichbar
Quellen: Riot Platforms (Q2 2026), MARA Holdings (Q2 2026). Unterschiedliche Definitionen, daher nicht direkt vergleichbar.

Bitcoin in der Bilanz: Schatz oder Klotz?

Beide Unternehmen bilanzieren ihre Bitcoin zum Zeitwert, Kursschwankungen laufen also direkt durch die Gewinn- und Verlustrechnung. Für Marathon ist das zentral: Jede Bewegung des Bitcoin-Kurses um 10.000 US-Dollar schlägt sich als nicht zahlungswirksamer Gewinn oder Verlust von rund 350 Millionen US-Dollar nieder (Trefis). Der Nettoverlust von 611 Millionen US-Dollar im zweiten Quartal bestand zum größten Teil aus einer solchen Abwertung von rund 343 Millionen, nicht aus dem operativen Geschäft.

Riot hat die Gegenentscheidung getroffen und seinen Bestand im Jahresverlauf abgebaut, um den Rechenzentrumsbau zu finanzieren. Mit 11.380 BTC ist seine Bilanz weit weniger vom Coin getrieben. Der Bitcoin-Schatz ist also selbst eine Form von Hebel: In einem Abschwung wie dem Oktober-Zittern, Bitcoin rund 35 Prozent unter dem Hoch, verstärken die Abwertungen Marathons Verluste; in einer Rally verstärken sie die Gewinne. Riot hat diesen Hebel bewusst herausgenommen und wird deshalb an der Börse stärker an seinem Mietvertrag als am Coin gemessen.

Zwei Bewertungsmodelle für zwei Unternehmen

Wenn zwei Firmen so unterschiedlich gebaut sind, braucht es zwei Bewertungslinsen. Riot lässt sich am ehesten über die Summe seiner Teile bewerten, mit dem kontrahierten NOI im Zentrum: Kapitalisiert man die 365 bis 411 Millionen US-Dollar Jahres-NOI aus dem Anthropic-Vertrag mit einem Satz von rund 8 Prozent, ergibt allein dieser Mietvertrag grob 4,6 bis 5,1 Milliarden US-Dollar Wert, dazu kommen das Mining-Geschäft und die weitere Pipeline, abzüglich Nettoschulden. Dieser Wert ist zinssensibel: Ein höherer Diskontsatz (zehnjährige Rendite 5,07 Prozent) drückt ihn, und genau das traf die Aktie. Bernstein hat sein Riot-Modell eigens um das KI-Geschäft erweitert und rechnet mit einem jährlich wiederkehrenden Umsatz von rund 457 Millionen US-Dollar aus dem Anthropic-Deal (Crypto Briefing).

Bei Marathon versagt die beliebte mNAV-Linse (Marktwert im Verhältnis zum Bitcoin-Bestand), weil der Großteil des Unternehmenswerts in Infrastruktur steckt, nicht in einem Coin-Aufschlag. Rechnet man nüchtern: rund 35.577 BTC mal etwa 81.000 US-Dollar ergeben rund 2,9 Milliarden US-Dollar, fast genau die aktuelle Marktkapitalisierung von 2,91 Milliarden. Anders gesagt bepreist der Markt das Eigenkapital gerade ungefähr mit dem reinen Coin-Bestand und setzt die Mining-Flotte plus die KI-Pipeline nahe null. So bärisch ist die Stimmung geworden.

Die Spannweite der Kursziele ist deshalb die eigentliche Nachricht. MARA trägt im Schnitt ein Buy mit 18,61 US-Dollar (15 Analysten), aber Morgan Stanley steht bei 10 und JPMorgan bei 11, beide Underweight. RIOT trägt ein Strong Buy mit 30,93 US-Dollar (22 Analysten), Morgan Stanley 35,50 Overweight, Bernstein rund 35 Outperform. Diese Streuung misst nichts anderes als die Uneinigkeit darüber, ob und zu welchem Preis die KI-Schwenks finanziert werden.

Die Q3-Abrechnung: was die Zahlen zeigen müssen

Der nächste harte Test steht unmittelbar bevor. Riot wird seine Zahlen zum dritten Quartal nach aktuellen Schätzungen Ende Oktober vorlegen, genannt wird der 29. Oktober; Marathon folgt voraussichtlich Anfang bis Mitte November. Beide Termine sind noch nicht offiziell bestätigt, der Zeitpunkt zählt aber weniger als der Inhalt.

Bei Riot schaut der Markt auf den Hochlauf des Rechenzentrumssegments (im zweiten Quartal 23,2 Millionen US-Dollar), auf den Baufortschritt beim Anthropic-Vertrag (96 Megawatt bis Dezember 2027) und darauf, ob die 573-Millionen-Zwischenfinanzierung günstig in langfristige Schulden überführt wird. Jedes Signal, dass der Zeitplan rutscht, träfe genau das, wofür Investoren zahlen. Bei Marathon geht es um das eine fehlende Teil: Gibt es Fortschritte in Richtung eines großen Ankermieters oder erster Starwood-Mietabschlüsse? Hält das Unternehmen die Kosten im Griff, und ist der Bitcoin-Bestand Puffer oder Belastung? Ein erster echter HPC-Mietvertrag würde die Geschichte drehen.

Dazwischen liegt die Fed-Sitzung am 28. Oktober. Die Märkte rechnen mehrheitlich mit einer Pause, die Wahrscheinlichkeiten reichen je nach Quelle von rund zwei Dritteln bis gut 80 Prozent, bei einer Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent und ohne neue Projektionen (Finance Calendar). Der eigentliche Hebel ist aber die zehnjährige Rendite bei 5,07 Prozent, die den Diskontsatz auf Riots Mietvertrag und die Finanzierungskosten beider Bauprogramme setzt. Ein dovisher Ton von Fed-Chef Kevin Warsh könnte den KI-Kreditdruck lösen, ein hawkisher ihn vertiefen.

Was das für Anleger im deutschsprachigen Raum heißt

Beide Titel sind an der Nasdaq notiert (MARA und RIOT) und über die meisten Broker in Deutschland und Österreich handelbar. Wichtig für die Einordnung: Es sind Aktien, keine Krypto-Assets. Sie fallen damit nicht unter die MiCA- und BaFin-Regeln für Kryptodienstleister. Die BaFin reguliert nach ihrem MiCAR-Merkblatt die Verwahrung und den Handel von Kryptowerten sowie deren Emittenten, nicht aber das Mining selbst und erst recht keine ausländischen Aktien (BaFin).

Die zugrunde liegende Tätigkeit, das Proof-of-Work-Mining, ist nach einer Stellungnahme der US-Börsenaufsicht SEC vom März 2025 kein Wertpapierangebot im Sinne des Howey-Tests (SEC). Steuerlich gilt: Gewinne aus US-Aktien werden als Kapitalerträge über die Abgeltungsteuer erfasst, anders als direkt gehaltene Kryptowährungen mit ihrer einjährigen Haltefrist; wie eng die Finanzverwaltung Kryptovermögen inzwischen nachverfolgt, zeigt der Blick auf DAC8 und die Krypto-Steuer 2026. Dazu kommt ein Währungsrisiko: Beide handeln in US-Dollar, der Euro-Ertrag hängt also auch am Wechselkurs EUR/USD, zuletzt rund 1,11. Dieser Beitrag ist Einordnung, keine Anlageberatung.

Fazit: der Markt bezahlt für Gewissheit, nicht für Gigawatt

Ein Jahr nachdem sie Zwillinge waren, hat der Markt ein Urteil gefällt, und der 16. Oktober hat es rot unterstrichen: In einer KI-Kreditsorge wird vertragliche Gewissheit belohnt (Riots unterschriebener 20-Jahres-Vertrag mit Anthropic) und spekulative Kapazität bestraft (Marathons Gigawatt ohne Mieter), unabhängig vom Bitcoin-Kurs. Das ist der Grund, warum beide Aktien an einem Tag einbrachen, an dem der Coin stieg.

Endgültig ist das Urteil nicht. Beide notieren weit unter den Konsenszielen, beide hängen daran, dass der KI-Ausbau tatsächlich finanziert wird, und beide tragen echtes Risiko: Riot die Abhängigkeit von einem einzigen Mieter, Marathon die Ausführung und die Verwässerung. Die Q3-Zahlen und die Fed am 28. Oktober werden zeigen, ob sich die Schere weiter öffnet oder wieder schließt. Für heute bleibt eine einfache Lehre: Die Miner sind keine Bitcoin-Wette mehr, sie sind eine Wette auf den Preis und die Verfügbarkeit von KI-Kredit geworden.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum fielen Marathon und Riot am 16. Oktober 2026, obwohl Bitcoin stabil blieb?

Beide handeln inzwischen als fremdfinanzierte Entwickler von KI-Rechenzentren, nicht als reine Bitcoin-Hebel. Steigende Zinsen (zehnjährige US-Rendite 5,07 Prozent) und Zweifel am KI-Investitionszyklus drückten die Bewertung ihrer Rechenzentren; MARA verlor 9,6 Prozent, RIOT 11,5 Prozent, während Bitcoin nahe 81.000 US-Dollar hielt.

Was ist der zentrale Unterschied zwischen Marathon und Riot?

Riot ist ein KI-Vermieter mit einem unterschriebenen 20-Jahres-Vertrag über 191 Megawatt (berichtet mit Anthropic) und rund 9,1 Milliarden US-Dollar Basisumsatz. Marathon ist ein Betreiber mit einem Ziel von rund 4,8 Gigawatt Leistung und dem größten Bitcoin-Bestand der Branche (rund 35.577 BTC), aber bisher ohne großen KI-Ankermieter.

Warum hat JPMorgan Marathon herabgestuft, Riot aber nicht?

JPMorgan-Analyst Richard Choe stufte MARA von Overweight auf Underweight (Ziel 11 US-Dollar) und nannte die partnergeführte, kapitalleichte Rechenzentrumsstrategie wertmindernd; gleichzeitig hob die Bank das vertikal integrierte IREN hoch. Morgan Stanley senkte zwar beide Kursziele, behielt Riot aber auf Overweight, weil dessen größter Standort bereits vermietet ist.

Wann berichten Marathon und Riot ihre Q3-Zahlen 2026?

Riot wird nach aktuellen Schätzungen Ende Oktober erwartet (genannt wird der 29. Oktober), Marathon Anfang bis Mitte November; beide Termine sind noch nicht offiziell bestätigt. Entscheidend wird bei Riot der Hochlauf des Rechenzentrumsgeschäfts, bei Marathon jedes Anzeichen eines großen KI-Mietvertrags.

Kann ich Marathon- und Riot-Aktien aus Deutschland kaufen, und wie werden sie besteuert?

Ja, beide sind an der Nasdaq notiert und über die meisten Broker handelbar. Es sind Aktien, keine Krypto-Assets, fallen also nicht unter die MiCA- und BaFin-Kryptoregeln, sondern unter die normale Besteuerung von Kapitalerträgen (Abgeltungsteuer); die Kurse stehen in US-Dollar, womit ein Währungsrisiko (EUR/USD) hinzukommt. Dies ist keine Anlageberatung.

Von Yuki Tanaka, Mining- und Staking-Redaktion, HOGE Wire. Kein Anlageurteil, keine Anlageberatung.

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