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● Mining & Staking

Marathon vs. Riot: Q3-Zahlen als Nagelprobe der KI-Wette

Marathon und Riot legen am 3. und 4. November ihre Q3-Zahlen vor. Nach einem Jahr auseinanderlaufender Kurse entscheidet dieses Quartal, ob die Fundamentaldaten die KI-Wette tragen.

Anfang November, innerhalb von weniger als 48 Stunden, entscheidet sich, ob eine der meistdiskutierten Wetten im Bitcoin-Mining trägt. MARA Holdings (Nasdaq: MARA) wird seine Zahlen zum dritten Quartal 2026 voraussichtlich am 3. November nach US-Börsenschluss vorlegen, Riot Platforms (Nasdaq: RIOT) hat offiziell für den 4. November um 8:00 Uhr Ostküstenzeit eingeladen. Zwei Berichte, nicht einmal einen Tag auseinander, von zwei Unternehmen, die vor einem Jahr noch fast austauschbar waren und heute an der Börse wie zwei verschiedene Branchen behandelt werden.

Der Zeitpunkt ist aufgeladen. Bitcoin ist zum Wochenbeginn unter 80.000 USD (rund 72.300 EUR) gerutscht, auf den tiefsten Stand seit Juli, während die Märkte auf die Zinsentscheidung der US-Notenbank am 28. Oktober warten. Beide Aktien gehen angeschlagen in die Berichtswoche: MARA notiert nahe seinem 52-Wochen-Tief, Riot hat seit Anfang Oktober rund ein Drittel seines Kurswerts verloren. Für Anleger im DACH-Raum, die beide Titel über US-Broker halten, ist dieses Quartal die erste echte Nagelprobe. Bestätigen die Fundamentaldaten die auseinandergelaufenen Kurse, oder hat der Markt zu früh geurteilt?

Zwei Berichte in 48 Stunden: der Fahrplan

Riots Termin steht fest. Das Unternehmen hat am 20. Oktober zur Telefonkonferenz am 4. November vor Börsenstart eingeladen, die Zahlen kommen also am frühen Morgen desselben Tages. MARAs Termin gilt nach dem gewohnten Rhythmus als wahrscheinlich für den 3. November nach Handelsschluss; nach Daten von MarketBeat erwarten Analysten einen Verlust von rund 0,39 USD je Aktie bei etwa 183 Mio USD Umsatz. Zur Einordnung: Im Vorjahresquartal verbuchte MARA minus 0,32 USD je Aktie bei 252 Mio USD Umsatz, der Umsatz schrumpft also weiter, obwohl die Maschinen mehr Bitcoin schürfen.

Dass die beiden größten börsennotierten Bitcoin-Miner der USA praktisch zeitgleich berichten, macht den direkten Vergleich unvermeidlich. Und er fällt in eine Woche, in der ein zweites Ereignis die Bühne teilt: Am Mittwoch, dem 28. Oktober, verkündet die Fed um 20:00 Uhr MEZ ihren Zinsentscheid. Für kapitalintensive Rechenzentrumsbauer, zu denen sich beide Unternehmen entwickeln, sind die Finanzierungskonditionen inzwischen genauso wichtig wie der Bitcoin-Kurs. Die Berichtswoche liefert damit drei Signale auf einmal: wie profitabel das Mining noch ist, wie weit der Umbau zur KI-Infrastruktur gediehen ist und zu welchen Kapitalkosten dieser Umbau finanziert wird.

Ein Jahr Divergenz, jetzt die Abrechnung

Vor einem Jahr, als Bitcoin am 6. Oktober 2025 sein Allzeithoch bei rund 126.000 USD markierte, waren MARA und Riot zwei Varianten derselben Idee: börsennotierte Rechenfabriken, deren Aktien im Gleichschritt mit dem Bitcoin-Kurs stiegen und fielen. Seither haben sie sich getrennt. Riot unterschrieb im August einen langfristigen KI-Mietvertrag und wird seither als Rechenzentrumsentwickler mit planbaren Mieteinnahmen gehandelt. MARA setzt weiter auf einen eigenen Gigawatt-Ausbau, einen der größten Bitcoin-Bestände der Branche und die Aussicht, beides später in KI-Kapazität umzumünzen, bisher aber ohne den entscheidenden Mietvertrag.

Die Kurse zeichnen diese Spaltung nach. Am Markt ist Riot mit rund 5 Mrd USD inzwischen fast doppelt so viel wert wie MARA mit grob 2,7 Mrd USD, obwohl MARA deutlich mehr Rechenleistung und ein Vielfaches an Bitcoin hält. Die folgende Momentaufnahme zeigt den Stand kurz vor den Zahlen.

Kennzahl (Stand ~23.-27. Okt. 2026)MARA HoldingsRiot Platforms
Aktienkurs~7 USD (Schluss 23.10.: 7,02)~13 USD (Schluss 23.10.: 12,53)
Marktkapitalisierung~2,7 Mrd USD (386,3 Mio Aktien)~5,0 Mrd USD (375,3 Mio Aktien)
52-Wochen-Spanne6,66 bis 23,45 USD11,50 bis 30,32 USD
Analysten-Kursziel (Schnitt)~18 USD~30 USD (Spanne 19 bis 42)
Q3-Bericht3. Nov. (erwartet, nach Schluss)4. Nov. (bestätigt, 8:00 ET)
Bitcoin-Bestand~35.600 BTC~11.380 BTC
Quellen: MarketBeat, stockanalysis.com, Riot- und MARA-Pflichtmitteilungen. Kursziele gerundet.

Hinzu kommt der Zustand, in dem beide Titel in die Berichtssaison gehen. Der Oktober war für Miner-Aktien hart: Mitte des Monats verloren MARA und Riot an einem einzigen Handelstag jeweils rund 9 bis 11 Prozent, obwohl der Bitcoin-Kurs an jenem Tag kaum nachgab. Über den Monat gerechnet fiel Riot von rund 19 USD Anfang Oktober auf etwa 13 USD, MARA von knapp 10 auf rund 7 USD. Beide nähern sich damit wieder ihren 52-Wochen-Tiefs, was die Fallhöhe der Quartalszahlen erhöht: Enttäuschungen treffen auf ohnehin nervöse Anleger, positive Überraschungen dagegen auf viele Leerverkäufer, die zur Deckung gezwungen werden könnten.

Woran man Marathons Zahlen misst

Bei MARA lohnt es sich, den Bericht in drei Ebenen zu lesen, die leicht durcheinandergeraten. Die erste ist die Schlagzeile: Gewinn oder Verlust je Aktie. Diese Zahl wird in diesem Quartal fast vollständig von der Neubewertung des Bitcoin-Bestands bestimmt und sagt wenig über das operative Geschäft aus. Die zweite Ebene ist genau dieses operative Geschäft: Wie viel Bitcoin wurde geschürft, zu welchen Stromkosten, und wie entwickelt sich der Umsatz aus dem reinen Mining. Die dritte Ebene ist die strategische: Gibt es endlich einen KI-Mietvertrag, und wie weit ist der Umbau der Standorte.

Im zweiten Quartal lieferte MARA auf der operativen Ebene durchaus solide Zahlen. Das Unternehmen produzierte 2.422 Bitcoin, mehr als Riot, und meldete eine energetisierte Rechenleistung von 70,3 EH/s, ebenfalls deutlich über dem Rivalen. Der Umsatz fiel dennoch um 27 Prozent auf 174,9 Mio USD, weil der Bitcoin-Kurs im Jahresvergleich tiefer lag. Unter dem Strich stand ein Nettoverlust von 611,3 Mio USD, wie aus dem Aktionärsbrief zum zweiten Quartal hervorgeht. Genau dieser Verlust ist das beste Beispiel dafür, warum die Schlagzeile in die Irre führt.

Der Bitcoin-Bestand als Gewinnhebel

Seit 2025 schreiben die US-Bilanzregeln vor, dass Kryptobestände zum Marktwert anzusetzen sind und jede Wertänderung direkt durch die Gewinn-und-Verlust-Rechnung läuft, auch wenn kein einziger Coin verkauft wurde. Für ein Unternehmen, das wie MARA einen der größten Bitcoin-Bestände der Branche hält, bedeutet das: Die Quartalszahl ist zu einem erheblichen Teil eine Wette auf den Bitcoin-Kurs, verpackt als Ergebnis. Im zweiten Quartal zog eine unrealisierte Abwertung von 343 Mio USD das Ergebnis tief ins Minus, im ersten Quartal war es ein Minus von rund einer Milliarde.

Im dritten Quartal kehrt sich dieser Mechanismus um. Bitcoin stieg von rund 58.500 USD zum Ende des zweiten Quartals auf 83.554 USD zum 30. September, ein Plus von gut 43 Prozent und das beste Quartal für Bitcoin seit Anfang 2024. Rechnerisch bedeutet das bei rund 35.600 Bitcoin im Bestand einen unrealisierten Buchgewinn in der Größenordnung von 0,9 Mrd USD, der nun als Gewinn statt als Verlust durch die Bücher läuft. Dieselbe Bilanzregel, die MARA im ersten Halbjahr zweistellige Milliardenverluste bescherte, könnte die Schlagzeile zum dritten Quartal also kräftig ins Plus drehen.

Hier liegt die Falle für den schnellen Leser. Die Analystenschätzung von rund minus 0,39 USD je Aktie bildet im Kern das operative Mining-Geschäft ab, nicht die volatile Bitcoin-Neubewertung, die viele Analysten gar nicht modellieren. Es ist deshalb gut möglich, dass MARA eine stark positive GAAP-Zahl ausweist und gleichzeitig operativ kaum Geld verdient. Wer die Aktie beurteilen will, sollte die Schlagzeile um den Bitcoin-Effekt bereinigen und auf die Stromkosten je geschürftem Coin, den Mining-Umsatz und die Fortschritte beim KI-Umbau schauen. Zur Erinnerung: MARA kaufte Mitte September 1.292 Bitcoin zu durchschnittlich rund 76.300 USD hinzu und trennte sich Anfang Oktober wieder von Beständen im Wert von etwa 81 Mio USD, ein Hin und Her, das die Treasury-Strategie selbst zum Diskussionspunkt macht.

Marathons fehlender Mieter

Die eigentliche Frage an MARA hat mit Bitcoin nichts zu tun. Sie lautet: Kommt endlich ein Ankermieter? MARAs Strategie ist die eines vertikal integrierten Eigentümer-Betreibers. Das Unternehmen will seine Standorte selbst besitzen, die Stromversorgung kontrollieren und die Rechenzentren erst dann teuer ausbauen, wenn ein Mieter unterschrieben hat (Build-to-Suit). Das Stromziel wurde zuletzt auf rund 4,8 Gigawatt angehoben, unter anderem gestützt auf den geplanten Kauf des Gaskraftwerks Long Ridge in Ohio (505 Megawatt, rund 1,5 Mrd USD). Dieser Kauf hängt allerdings noch an der Genehmigung der US-Regulierungsbehörde FERC, die das Management vor Jahresende erwartet.

Nur fehlt bislang der Kunde. Bis Ende Oktober 2026 hat MARA keinen großen KI-Mieter unter Vertrag. Das Management hat gemeinsam mit dem Finanzpartner Starwood Capital, der Vorarbeiten wie Prüfung, Genehmigungen, Stromanbindung und Mietersuche übernimmt, nach Angaben von Blockspace mindestens zwei Abschlüsse bis Jahresende in Aussicht gestellt. Ein 2-Gigawatt-Projekt in Texas wurde präsentiert, Mieter gibt es auch dort noch keinen. Die Nachfrage nach KI-Rechenleistung, die den gesamten Umbau antreibt, ist unbestritten hoch und zeigt sich quer durch den Sektor, etwa an den Kämpfen um GPU-Kapazität, die wir im Kontext von Akashs Wechsel zu Solana beschrieben haben. Die Frage ist nicht, ob es Nachfrage gibt, sondern ob MARA sie an seinen eigenen Standorten einfangen kann, bevor den Anlegern die Geduld ausgeht.

MARA-Chef Fred Thiel hat die Logik hinter dem Ausbau wiederholt auf einen Satz gebracht. Mining sei ein Nullsummenspiel, in dem der Boden der Marge die eigenen Energiekosten seien; und weiter, gegenüber CoinGeek: „By 2028, you’ll either be a power generator, be owned by one, or be partnered with one.“ In dieser Lesart ist der Gigawatt-Ausbau kein Selbstzweck, sondern die Eintrittskarte in ein Geschäft, in dem Strom und nicht Hashrate die knappe Ressource ist. Der dritte Quartalsbericht muss zeigen, dass aus dieser These konkrete Verträge werden.

Woran man Riots Zahlen misst

Bei Riot ist die Leseanleitung eine andere, weil die entscheidende Frage für Riot bereits beantwortet ist. Das dritte Quartal ist das erste vollständige Quartal nach der Unterzeichnung des KI-Ankervertrags im August, und damit die erste Gelegenheit zu prüfen, ob der Umbau in den Zahlen ankommt. Drei Positionen verdienen besondere Aufmerksamkeit: der Umsatz des noch jungen Rechenzentrumssegments, die Baufortschritte am Großprojekt sowie die Finanzierung, mit der Riot den Umbau stemmt.

Im zweiten Quartal setzte sich Riots Umsatz von 174,2 Mio USD (plus 14 Prozent) bereits aus drei Teilen zusammen: 113,7 Mio USD aus dem Bitcoin-Mining, 23,2 Mio USD aus dem Rechenzentrumsgeschäft und 37,3 Mio USD aus dem Ingenieursegment. Das nicht aus dem Mining stammende Geschäft war mit über 60 Mio USD erstmals wesentlich, wie die Zahlen zum zweiten Quartal zeigen. Unter dem Strich stand ein Nettoverlust von 237,2 Mio USD, ebenfalls stark vom Bitcoin-Effekt geprägt, aber nur ein gutes Drittel von MARAs Verlust. Firmenchef Jason Les nannte den Vertragsabschluss „a defining moment in our evolution into a leading developer of large-scale data centers.“ Im dritten Quartal muss sich zeigen, ob das Rechenzentrumssegment seinen Umsatz steigert und wie schnell die Baukosten anziehen.

Zwei weitere Zeilen verdienen bei Riot Aufmerksamkeit. Erstens die Finanzierung: Die 573 Mio USD von Morgan Stanley sind nur eine Zwischenlösung, der eigentliche Investitionsbedarf für den KI-Ausbau liegt nach Analystenschätzungen bei gut 2 Mrd USD. Der Markt wird genau hinsehen, ob Riot diese Zwischenfinanzierung durch langfristiges Kapital ablöst und zu welchen Konditionen. Zweitens die Netzdienste: Riot verdient in Texas an der Drosselung, indem es bei Spitzenlast Leistung ins Netz zurückgibt. Im zweiten Quartal brachte das Gutschriften von gut 10 Mio USD, im ersten Halbjahr rund 31 Mio USD, die die Mining-Stromkosten spürbar senken. Diese Gutschriften sind ein Puffer, den MARA in dieser Form nicht hat.

Der Anthropic-Vertrag in Zahlen

Der Vertrag, der Riots Neubewertung ausgelöst hat, ist in seiner Dimension bemerkenswert. Es handelt sich um einen 20-jährigen Mietvertrag über 191 Megawatt kritische IT-Leistung mit Laufzeit bis Juni 2048. Die vertraglich zugesagte Basis liegt bei rund 9,1 Mrd USD, mit zwei je fünfjährigen Verlängerungsoptionen bis zu etwa 16,1 Mrd USD. Riot beziffert den kumulierten Netto-Betriebsgewinn (NOI) auf 7,3 bis 8,2 Mrd USD, also grob 365 bis 411 Mio USD pro Jahr. Geliefert wird gestaffelt: 96 Megawatt bis Dezember 2027, die vollen 191 Megawatt bis Juni 2028. Für die Zwischenfinanzierung hat Morgan Stanley eine Fazilität über 573 Mio USD bereitgestellt.

Den Mieter bezeichnet Riot in seinen Pflichtmitteilungen nur als führendes KI-Labor; mehrere Medien, darunter CNBC, berichten übereinstimmend, dass es sich um Anthropic handelt. Zusammen mit einem früheren Abschluss mit dem Chiphersteller AMD über 50 Megawatt kommt Riot auf 241 Megawatt kontrahierte Leistung und rund 9,8 Mrd USD zugesagten Umsatz. Bernstein-Analyst Gautam Chhugani hob Riot nach dem Abschluss auf ein Kursziel von 35 USD und bezifferte den jährlich wiederkehrenden Umsatz aus dem Vertrag auf rund 457 Mio USD, wie Crypto Briefing berichtete.

Dass Riot diesen Weg überhaupt eingeschlagen hat, geht auch auf äußeren Druck zurück. Der aktivistische Investor Starboard Value forderte das Unternehmen in einem Brief vom Februar auf, seine Stromkapazität für KI zu nutzen, und rechnete vor, dass 1,7 Gigawatt mehr als 1,6 Mrd USD Jahres-EBITDA und bis zu 21 Mrd USD an Wert bringen könnten. Riot nahm daraufhin mehrere Verwaltungsräte mit Rechenzentrumserfahrung an Bord. Die Q3-Zahlen sind nun der erste Beleg, ob diese Rechnung in der Praxis aufgeht.

Diese Planbarkeit hat eine Kehrseite: Klumpenrisiko. Riots Ankervertrag hängt an einem einzigen Mieter, und je größer der Anteil der Mieteinnahmen am Gesamtgeschäft wird, desto stärker steht und fällt die Bewertung mit dessen Bonität. Zur Einordnung lohnt der Blick auf den Sektor: Nach Daten von CoinShares haben börsennotierte Miner inzwischen KI- und HPC-Verträge im kumulierten Volumen von über 70 Mrd USD unterschrieben, von Core Scientific über Hut 8 bis TeraWulf. Der Wettlauf um KI-Mieter ist also kein Zweikampf, sondern ein Branchenphänomen, und Riots Vertrag ist groß, aber nicht einzigartig.

Strategie-Vergleich: Eigentümer gegen Vermieter

Die beiden Unternehmen lösen dasselbe Problem auf entgegengesetzte Weise. MARA will alles selbst besitzen, vom Kraftwerk bis zur Serverhalle, und trägt dafür hohe Investitionen und das volle Betriebsrisiko. Riot gibt sich kapitalleichter und positioniert sich als Entwickler und Vermieter, der die Fläche und den Strom bereitstellt und das teure IT-Innenleben dem Mieter überlässt. Beide Modelle haben ihren Preis. MARAs Variante verspricht höhere Margen, falls die Mieter kommen, Riots Variante liefert planbare Zahlungen, bindet das Unternehmen aber an einen einzigen großen KI-Kunden.

Der eigentliche Kampfplatz ist der Strom. Needham-Analyst John Todaro bringt es gegenüber CoinGeek auf den Punkt: „The revenue per megawatt and EBITDA margins are far higher for HPC and AI colocation than for mining.“ Wer ein Megawatt an ein KI-Rechenzentrum vermietet, verdient ein Vielfaches dessen, was dasselbe Megawatt im Mining einbringt. Deshalb ist für beide die entscheidende Ressource nicht mehr die Hashrate, sondern gesicherte, bezahlbare Leistung. Die folgende Tabelle stellt die Strategien gegenüber.

DimensionMARA HoldingsRiot Platforms
Geschäftsmodellvertikal integrierter Eigentümer-Betreiberkapitalleichter Entwickler und Vermieter
Stromstrategieeigene Erzeugung (Long Ridge 505 MW Gas), Ziel ~4,8 GWkontrahiert plus Netzdienste (ERCOT), ~1,7 GW, Corsicana bis 756 MW
Bitcoin-Bestand~35.600 BTC (Treasury im Zentrum)~11.380 BTC (bewusst Bitcoin-leicht)
KI-Ankermieterkeiner (Ziel: mindestens zwei bis Jahresende)Anthropic, 191 MW, bis 9,1 Mrd USD
BewertungslogikBitcoin-Wette plus KI-Optionkontrahierte Mietzahlungen (NOI)
Quellen: Riot- und MARA-Pflichtmitteilungen, CoinDesk, Blockspace.

Die Mining-Zahlen richtig lesen

Wenn beide Berichte vorliegen, werden viele zuerst auf die Kosten je geschürftem Bitcoin schauen. Vorsicht ist geboten, denn diese Kennzahl ist nicht nach einheitlichem Standard definiert und zwischen den Unternehmen kaum vergleichbar. MARA nennt für das zweite Quartal rund 38.690 USD, aber das ist eine enge Zahl, die im Kern nur den Strompreis an den eigenen Standorten abbildet. Riot weist mit rund 49.912 USD Barkosten (ohne Abschreibung) scheinbar schlechtere Werte aus, nutzt aber eine breitere Definition. Rechnet man bei Riot die Abschreibung hinzu, steigen die Kosten auf 90.631 USD je Bitcoin, das entspricht rund 126 Prozent des Produktionswerts. Mit anderen Worten: Im selben Quartal war Riots Mining auf Barbasis profitabel und nach den vollen Bilanzkosten defizitär.

Genau diese Abschreibung ist der Unterschied zwischen einem Quartal, das bar Geld verdient, und einem, das nach GAAP Verlust macht. Sie ist gebundenes, versunkenes Kapital und lässt sich, anders als der Stromverbrauch, nicht abschalten, wenn der Kurs fällt. Ein zweiter Stolperstein ist die Rechenleistung. MARAs 70,3 EH/s sind energetisiert, zählen also auch angesteckte, aber nicht unbedingt rechnende Maschinen; die tatsächlich produzierten 2.422 Bitcoin im Quartal sind der ehrlichere Maßstab. JPMorgan-Stratege Nikolaos Panigirtzoglou taxiert die Vollkosten der Branche auf rund 78.000 USD je Bitcoin und beschreibt den Selbstkorrektur-Mechanismus gegenüber TFTC so: „When bitcoin trades below its production cost, higher-cost miners power down, the hashrate declines, and difficulty adjusts lower.“

Kennzahl (Q2 2026, zuletzt berichtet)MARA HoldingsRiot Platforms
Kosten je BTC (bar, ohne Abschreibung)~38.690 USD (enge Definition)~49.912 USD
Kosten je BTC (inkl. Abschreibung)Methodik-Ausreißer, nicht vergleichbar~90.631 USD (~126 % des Produktionswerts)
produzierte Bitcoin2.4221.587
Rechenleistung70,3 EH/s (energetisiert)44,4 EH/s (eingesetzt)
Quellen: MARA-Aktionärsbrief Q2, Riot-Q2-Mitteilung. Kostenkennzahlen sind nicht GAAP-standardisiert.

Der Netz-Hintergrund: Hashprice, Difficulty, Hashrate

Das dritte Quartal war für die Miner operativ freundlicher als die Flaute im Sommer, doch zum Quartalsende drehte sich der Wind. Die Mining-Schwierigkeit (Difficulty) sprang bei der Anpassung Mitte Oktober um 5,92 Prozent auf 140,58 Billionen, den höchsten Stand seit Anfang März und nur noch rund 10 Prozent unter dem Rekord vom Oktober 2025. Dahinter steht eine Rechenleistung, die mit etwa 1.101 EH/s wieder die Marke von einem Zettahash pro Sekunde erreicht hat, weil kühleres Wetter die sommerliche Drosselung beendete und ein höherer Kurs stillgelegte Kapazität zurückbrachte. Wer die nächste Anpassung abschätzen will, findet die Mechanik in unserem Leitfaden zur Vorhersage der Bitcoin-Difficulty.

Die Folge spürt jeder Miner direkt am Hashprice, der Kennzahl für den täglichen Umsatz je Recheneinheit. Er fiel laut Hashrate Index von über 40 USD je PH pro Tag Anfang Oktober auf rund 36 USD gegen Monatsende, weil die höhere Difficulty und der Kursrückgang den Ertrag je Maschine zusammendrückten. Für die Berichtswoche heißt das: Die Mining-Erlöse stehen wieder unter Druck, was den Umbau zur KI-Infrastruktur für beide Unternehmen dringlicher macht. James Butterfill von CoinShares schätzt, dass einzelne Miner bis Jahresende bis zu 70 Prozent ihres Umsatzes aus KI beziehen könnten, nach rund 30 Prozent heute, und nennt die aktuelle Lage gegenüber The Block eine der herausforderndsten Phasen seit dem Halving. Die Blocksubvention liegt weiter bei 3,125 Bitcoin, das nächste Halving folgt 2028.

Für die Q3-Zahlen selbst ist es wichtig, Quartal und Gegenwart zu trennen. Das dritte Quartal war mit einem Plus von gut 43 Prozent Bitcoins bestes seit Anfang 2024, und der Hashprice lag über weite Strecken des Quartals über den Sommertiefs; die Mining-Erlöse dürften im Quartalsvergleich also eher besser aussehen. Der Druck aus dem Oktober, höhere Difficulty und ein Hashprice zurück bei 36 USD, gehört dagegen ins laufende vierte Quartal und wird vor allem den Ausblick prägen, nicht die Zahlen, über die am 3. und 4. November berichtet wird.

Die Fed als Nebenschauplatz, der zum Hauptereignis wird

Einen Tag vor MARAs Zahlen entscheidet die Fed. Die Märkte preisen laut CME FedWatch mit rund 90 Prozent Wahrscheinlichkeit eine Zinspause ein, also einen Verbleib der Spanne bei 3,75 bis 4,00 Prozent. Spannender als die Entscheidung selbst ist der Ausblick: Für die Dezember-Sitzung rechnet die Mehrheit bereits wieder mit einer Anhebung. Für zwei Unternehmen, die sich in kapitalintensive Rechenzentrumsbauer verwandeln, ist das keine Randnotiz.

Die Kapitalkosten sind der neue Hashprice. In den vergangenen Monaten fielen beide Aktien mehrfach, wenn die Renditen langlaufender US-Anleihen stiegen, selbst wenn der Bitcoin-Kurs gleichzeitig zulegte. Der Grund ist die Logik der Bewertung: Riots über 20 Jahre kontrahierte Mietzahlungen bis 2048 verhalten sich wie eine lange Anleihe, ihr Barwert sinkt, wenn der Markt höhere Zinsen auf Dauer erwartet. MARA trifft es doppelt, über den Abzinsungssatz auf den künftigen Wert seiner Projekte und über die Refinanzierung seiner Wandelanleihen. Der Ton der Notenbank kann die beiden Titel kurzfristig deshalb stärker bewegen als jede einzelne Zeile der Quartalsberichte.

Was das für Anleger im DACH-Raum heißt

Beide Titel sind an der Nasdaq notiert. Wer sie aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz über einen US-fähigen Broker hält, trägt neben dem Branchenrisiko ein Währungsrisiko, denn Kurse und Geschäft laufen in US-Dollar, während das eigene Depot in Euro oder Franken rechnet. Bei einem Euro-Dollar-Kurs um 1,10 und einem Bitcoin-Preis um 72.300 EUR schlägt jede Dollar-Bewegung direkt auf die Euro-Rendite durch. Das ist kein Nebenaspekt: Ein Teil der jüngsten Schwankungen beider Aktien war schlicht Dollar-Bewegung, nicht Unternehmensnachricht.

Regulatorisch ist die Lage für die Miner selbst entspannt. BaFin und die EU-Verordnung MiCA regulieren Kryptodienstleister wie Handelsplätze und Verwahrer sowie die Emittenten von Kryptowerten, nicht aber das Proof-of-Work-Mining als solches, das keine lizenzpflichtige Finanzdienstleistung ist (Grundlage ist das BaFin-Merkblatt zu Kryptowerte-Dienstleistungen). Für MARA und Riot als börsennotierte Emittenten ist die zuständige Aufsicht die US-Börsenaufsicht SEC, die im März 2025 klargestellt hat, dass Mining auf öffentlichen Netzen kein Wertpapiergeschäft ist. Die regulatorische Grauzone verschiebt sich derzeit an anderer Stelle, etwa bei Airdrops und Token, wie der SEC-Streit nach 140 Briefen zeigt.

Ein letzter lokaler Punkt betrifft die Frage, warum dieses Geschäft fast ausschließlich in den USA und nicht in Mitteleuropa stattfindet. Der Grund ist der Strompreis. Selbst der effizienteste heutige ASIC braucht bei einem Hashprice um 36 USD Strom für höchstens rund 14 Cent je Kilowattstunde, um profitabel zu laufen; deutscher Industriestrom kostet mit 22 bis 23 Cent deutlich mehr. Die folgende Tabelle zeigt die Grenzkosten je Maschine. Anders als beim Proof-of-Stake, wo die Sicherheit über gebundenes Kapital und Rendite entsteht und der Heim-Validator ein realistisches Modell ist (siehe unseren Leitfaden zum Ethereum Solo Staking), ist profitables Bitcoin-Mining in Deutschland praktisch ausgeschlossen.

ASIC (Effizienz)Break-even-Strompreis bei Hashprice ~36 USD
Antminer S23 (9,5 J/TH)~0,143 EUR/kWh
Antminer S21 XP (13,5 J/TH)~0,101 EUR/kWh
Antminer S21 Pro (15 J/TH)~0,091 EUR/kWh
WhatsMiner M60S (18,5 J/TH)~0,074 EUR/kWh
Antminer S19 XP (21,5 J/TH)~0,063 EUR/kWh
Antminer S19j Pro (29,5 J/TH)~0,046 EUR/kWh
Break-even = Hashprice / (24 x J/TH), umgerechnet bei EUR/USD ~1,10. Deutscher Industriestrom liegt bei rund 0,22 bis 0,23 EUR/kWh.

Drei Szenarien für die Berichtswoche

Nach einem Jahr, in dem der Markt die Divergenz vorweggenommen hat, treffen die beiden Berichte nun auf harte Zahlen. Grob lassen sich drei Verläufe skizzieren.

  • Die Divergenz bestätigt sich. Riots Rechenzentrumsumsatz wächst, die Bauarbeiten bleiben im Zeitplan, und MARA meldet dank der Bitcoin-Neubewertung eine positive Schlagzeile, aber weiterhin keinen Mieter. Der Markt liest das als Bestätigung für Riot und als Geduldsprobe für MARA; der Bewertungsabstand bleibt oder wächst.
  • MARA überrascht. Das Unternehmen unterschreibt einen Ankermieter oder stellt einen unmittelbar bevorstehenden Abschluss in Aussicht, oder die FERC gibt Long Ridge frei. Von einem 52-Wochen-Tief aus hätte eine solche Nachricht den größten Hebel.
  • Riot enttäuscht. Die Baukosten laufen heißer als erwartet, oder der Markt sorgt sich stärker um die Abhängigkeit von einem einzigen KI-Mieter und steigende Zinsen. Dann schmilzt Riots Aufschlag gegenüber MARA.

Über allem schwebt die Fed. Ein betont restriktiver Ton am Mittwoch könnte beide Aktien unabhängig von ihren Zahlen belasten, weil er die Kapitalkosten des gesamten Umbaus erhöht. Für Leser, die mitverfolgen wollen, lohnt sich der Blick auf drei Dinge: bei MARA die Trennung von Bitcoin-Effekt und operativem Geschäft sowie jedes Signal zu einem Mietvertrag, bei Riot der Umsatz des Rechenzentrumssegments und der Stand der Finanzierung. Die Wette ist dieselbe geblieben, nur wird sie ab dieser Woche zum ersten Mal anhand belastbarer Fundamentaldaten bewertet statt anhand von Erwartungen.

Häufig gestellte Fragen

Wann berichten Marathon und Riot ihre Q3-Zahlen 2026?

MARA Holdings wird seine Zahlen voraussichtlich am 3. November 2026 nach US-Börsenschluss vorlegen, Riot Platforms hat offiziell für den 4. November 2026 um 8:00 Uhr Ostküstenzeit eingeladen. Beide Termine liegen damit nicht einmal einen Tag auseinander.

Warum könnte Marathon trotz Verlustprognose einen Gewinn ausweisen?

MARA bewertet seine rund 35.600 Bitcoin zum Marktwert, und Wertänderungen laufen direkt durch die Gewinn-und-Verlust-Rechnung. Im dritten Quartal stieg Bitcoin von etwa 58.500 auf 83.550 USD, sodass dieselbe Bilanzregel, die im ersten Halbjahr Milliardenverluste verursachte, diesmal rechnerisch einen hohen Gewinnbeitrag liefert. Die Analystenschätzung von rund minus 0,39 USD je Aktie bildet vor allem das operative Mining-Geschäft ab, nicht diese Neubewertung.

Was ist der Anthropic-Vertrag von Riot wert?

Riot hat einen 20-jährigen Mietvertrag über 191 Megawatt kritische IT-Leistung bis Juni 2048 abgeschlossen. Die Basis liegt bei rund 9,1 Mrd USD Vertragsumsatz, mit zwei Verlängerungsoptionen bis zu etwa 16,1 Mrd USD. Den Mieter nennt Riot offiziell nur ein führendes KI-Labor; mehrere Medien berichten, dass es sich um Anthropic handelt.

Hat Marathon einen KI-Ankermieter?

Nein. Bis Ende Oktober 2026 hat MARA keinen großen KI-Mieter unter Vertrag. Das Management stellt gemeinsam mit dem Partner Starwood mindestens zwei Abschlüsse bis Jahresende in Aussicht, unterschrieben ist bislang aber keiner. Genau dieser fehlende Mieter ist der Kern der Baisse-These rund um die Aktie.

Welche Rolle spielt die Fed-Sitzung am 28. Oktober?

Die Märkte preisen mit rund 90 Prozent Wahrscheinlichkeit eine Zinspause ein (Spanne 3,75 bis 4,00 Prozent), rechnen für Dezember aber mehrheitlich mit einer weiteren Anhebung. Für kapitalintensive Rechenzentrumsbauer sind die Finanzierungskosten entscheidend, deshalb kann der Ton der Notenbank die beiden Aktien kurz vor den Zahlen stärker bewegen als der Bitcoin-Kurs.

Von Yuki Tanaka, Redaktion Mining und Staking, HOGE Wire. Dieser Beitrag ist eine journalistische Einordnung und keine Anlageberatung.

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