Bitcoin nach dem Options-Verfall: echte Rally oder Short Squeeze?
Der 15,9-Milliarden-Dollar-Optionsverfall vom 25. September ist vorbei, der mechanische Rückenwind der Händler fehlt. Steht Bitcoins Rally auf echter Nachfrage oder nur auf einem Short Squeeze?
Am Morgen des 26. September wachte der Bitcoin-Markt in einer ungewohnten Lage auf. Einen Tag zuvor, am 25. September um 08:00 Uhr UTC, verfielen Optionen im Nennwert von rund 15,9 Milliarden US-Dollar auf der Börse Deribit, einer der größten Quartalsverfälle des Jahres. Der Kurs war zuvor auf ein Achtmonatshoch geklettert, getragen auch von einem mechanischen Rückenwind, der mit dem Verfall verschwindet. Nun muss sich zeigen, worauf die Rally wirklich steht.
Bitcoin notierte am Freitagmorgen bei rund 84.000 US-Dollar, umgerechnet etwa 73.800 Euro, nachdem die Notierung Anfang der Woche bis auf gut 87.000 US-Dollar gestiegen war. Für Anlegerinnen und Anleger stellt sich damit die Frage, die jede Erholung nach einem großen Verfall begleitet: War das eine echte Rally, getragen von neuer Nachfrage, oder nur ein Short Squeeze und ein Hedging-Effekt, der jetzt in sich zusammenfällt?
Dieser Beitrag ordnet die Lage ein und erklärt zugleich das Handwerkszeug dahinter: wie ein Quartalsverfall funktioniert, warum die 15,9-Milliarden-Zahl kleiner ist, als sie klingt, was Dealer-Hedging mit dem Kurs macht und woran man eine belastbare Rally von einer mechanischen unterscheidet. Es ist eine Momentaufnahme eines volatilen Marktes, keine Anlageberatung.
Der Markt am Morgen danach: die nackten Zahlen
Vor jeder Interpretation steht die Bestandsaufnahme. Laut CoinDesk handelte Bitcoin am 26. September in einer engen Spanne zwischen rund 83.200 und 85.200 US-Dollar, die Marktkapitalisierung lag bei knapp 1,69 Billionen US-Dollar. Das Wochenhoch vom 21. September bei 87.381 US-Dollar (etwa 75.500 Euro) war das höchste Niveau seit acht Monaten, das erste Mal seit Januar, dass der Kurs so weit oben stand. Von dort ging es bis zum Wochenende leicht zurück.
Wichtig für die Einordnung: Trotz der Rally steht Bitcoin weiterhin rund ein Drittel unter seinem Rekordhoch von 126.198 US-Dollar, das am 6. Oktober 2025 markiert wurde. Der Aufschwung im September war also eine Erholung innerhalb eines noch jungen Aufwärtstrends, keine Rückkehr zu alten Höchstständen. Die Bitcoin-Dominanz, der Anteil von Bitcoin an der gesamten Kryptomarktkapitalisierung, verharrte bei rund 57 Prozent; das große Kapital rotierte noch nicht in Altcoins.
| Kennzahl | Stand 26. September 2026 |
|---|---|
| Bitcoin-Kurs | rund 84.000 US-Dollar (ca. 73.800 Euro) |
| Marktkapitalisierung | rund 1,69 Billionen US-Dollar |
| 24-Stunden-Spanne | 83.230 bis 85.208 US-Dollar |
| Achtmonatshoch (21. September) | 87.381 US-Dollar (ca. 75.500 Euro) |
| Abstand zum Rekordhoch | rund 33 Prozent unter 126.198 US-Dollar (6. Oktober 2025) |
| Bitcoin-Dominanz | rund 57 Prozent |
| EUR/USD-Wechselkurs | rund 1,139 (Zwei-Monats-Tief des Euro) |
Was am 25. September verfiel: Anatomie eines Quartalsverfalls
Ein Quartalsverfall ist der Termin, an dem die vierteljährlich laufenden Optionskontrakte gleichzeitig auslaufen. Weil ein großer Teil des Bitcoin-Optionshandels über Deribit läuft, bündelt dieser Termin viel Positionierung auf einen Schlag. Am 25. September verfielen laut CoinDesk Bitcoin-Optionen im Nennwert von rund 15,9 Milliarden US-Dollar, dazu Ethereum-Optionen über etwa 2,1 Milliarden. Das entsprach rund 37 Prozent des gesamten offenen Interesses von etwa 43,5 Milliarden US-Dollar an der Börse, also mehr als ein Drittel aller offenen Kontrakte.
Warum gerade der Quartalstermin so viel Gewicht hat, liegt an der Struktur des Marktes. Neben täglichen und wöchentlichen Optionen bündeln die vierteljährlichen Kontrakte die langfristige Positionierung großer Adressen, von Fonds über Handelshäuser bis zu vermögenden Privatpersonen. Läuft ein solcher Termin aus, müssen viele Marktteilnehmer entscheiden, ob sie ihre Wetten auf den nächsten Quartalskontrakt verschieben, den sogenannten Rollover, oder ganz aussteigen. Dieser Übergang verändert die Positionierung der Händler auf einen Schlag und ist deshalb oft mit erhöhter Schwankung in den Stunden rund um den Verfall verbunden. Je stärker das offene Interesse auf wenige Ausübungspreise konzentriert ist, desto größer der Effekt, weil die Absicherungsgeschäfte an diesen Marken gehäuft auftreten.
Zwei Kennzahlen prägen die Lesart. Das Put/Call-Verhältnis lag bei 0,69, das heißt, auf jede Verkaufsoption (Put) kamen deutlich mehr Kaufoptionen (Call); der Markt war also überwiegend auf steigende Kurse gesetzt. Der Nennwert der Calls betrug rund 9,4 Milliarden US-Dollar, von denen etwa 55 Prozent im Geld lagen, ihr Ausübungspreis also unter dem Marktkurs. Der sogenannte Max Pain, der Kurs, bei dem in Summe die meisten Optionen wertlos verfallen und die Käufer den größten Verlust erleiden, lag bei 75.000 US-Dollar (etwa 65.900 Euro). Die Theorie besagt, dass Kurse zum Verfall hin manchmal zu diesem Punkt tendieren; es ist eine Faustregel, kein Naturgesetz.
Luuk Strijers, Chef von Deribit, bezeichnete den Termin als „einen der größten des Jahres“ und betonte, das September-Buch sei „call-lastig“ geblieben. Sein Kollege Jean-David Péquignot, Chief Commercial Officer der Börse, verwies auf eine dichte Staffelung von Puts zwischen 60.000 und 75.000 US-Dollar, die eine Art „mehrschichtigen Unterstützungsboden“ bilde. Anders gesagt: Nach oben lagen die großen Wetten bei 85.000 bis 100.000 US-Dollar, nach unten sollte ein Netz aus Puts den Fall bremsen.
| Kennzahl zum Verfall (25. September) | Wert |
|---|---|
| Verfallendes Volumen (Bitcoin) | rund 15,9 Milliarden US-Dollar |
| Zusätzlich Ethereum-Optionen | rund 2,1 Milliarden US-Dollar |
| Anteil am offenen Interesse | rund 37 Prozent (von ca. 43,5 Mrd. US-Dollar) |
| Put/Call-Verhältnis | 0,69 (mehr Calls als Puts) |
| Nennwert der Calls | rund 9,4 Milliarden US-Dollar |
| Anteil der Calls im Geld | rund 55 Prozent |
| Max Pain | 75.000 US-Dollar (ca. 65.900 Euro) |
| Konzentrierte Call-Strikes | 85.000 bis 100.000 US-Dollar |
| Put-Unterstützung | 60.000 bis 75.000 US-Dollar |
Warum 16 Milliarden Dollar kleiner sind, als sie klingen
Die Zahl 15,9 Milliarden macht Schlagzeilen, aber sie beschreibt den Nennwert der auslaufenden Kontrakte, nicht das Geld, das den Besitzer wechselt. Wie ein Beitrag von crypto.news nüchtern feststellt, muss man drei Dinge trennen: das offene Interesse (alle offenen Positionen), den inneren Wert (nur der Betrag, um den Optionen im Geld liegen) und den tatsächlichen Zahlungsstrom bei Abrechnung.
Nur rund ein Drittel des gesamten Buchs lag überhaupt im Geld; der große Rest verfiel wertlos und löst keinerlei Zahlung aus. Wer eine Call-Option mit Ausübungspreis 100.000 US-Dollar hält, während Bitcoin bei 84.000 notiert, bekommt nichts. Hinzu kommt, dass professionelle Marktteilnehmer ihre Positionen laufend absichern. Die Gewinne und Verluste sind zum Verfallszeitpunkt also längst großteils verrechnet. Der eigentliche Abrechnungsmoment bewegt den Kurs deshalb selten so heftig, wie die Milliardenzahl suggeriert. Wichtiger als der Knalleffekt am Verfallstag ist, was mit den Absicherungsgeschäften in den Tagen davor und danach passiert.
Ein anschauliches Beispiel macht den Unterschied greifbar: Der Nennwert einer Position sagt nichts über ihren tatsächlichen Gewinn oder Verlust aus. Ein Fonds, der Calls im Nennwert von einer Milliarde US-Dollar hält, aber nur eine kleine Kursbewegung eingefangen hat, realisiert nur einen Bruchteil dieser Summe. Der Rest ist Buchgröße, keine Zahlung. Genau deshalb ist die Schlagzeilenzahl vor allem ein Maß für Aktivität und Positionierung, nicht für Kapital, das am Verfallstag wirklich den Besitzer wechselt. Wer den Verfall verstehen will, schaut auf die Absicherungsströme in den Tagen um den Termin, nicht auf die eindrucksvolle Nennwertsumme in der Überschrift. Diese Unterscheidung trennt nüchterne Marktanalyse von Panikmache.
Dealer-Hedging: der mechanische Rückenwind, der jetzt fehlt
Hier liegt der Kern der Geschichte. Wenn Privatanleger und Fonds massenhaft Call-Optionen kaufen, stehen auf der anderen Seite die Market Maker, die diese Calls verkaufen. Sie sind damit „short“ auf Volatilität und müssen sich absichern, um nicht auf offenen Risiken sitzen zu bleiben. Steigt der Kurs, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass ihre verkauften Calls ausgezahlt werden müssen. Um neutral zu bleiben, kaufen sie Bitcoin am Spotmarkt hinzu. Genau dieses Nachkaufen verstärkt die Aufwärtsbewegung; Händler nennen es Absicherung im negativen Gamma, für den Kurs wirkt es wie ein selbstverstärkender Schub.
Umgekehrt gilt: Befänden sich die Händler in der entgegengesetzten Lage, also long im Gamma, würden sie in die Stärke hinein verkaufen und in die Schwäche hinein kaufen, was Kursbewegungen dämpft statt sie zu verstärken. Im September dominierte die erste Variante, weil das Buch klar call-lastig war. Für den Kurs bedeutet das eine erhöhte Empfindlichkeit nach oben: Schon kleine Impulse konnten sich über die Absicherungskäufe der Market Maker zu größeren Bewegungen aufschaukeln, solange die Kontrakte liefen. Dieser Verstärkereffekt ist keine Verschwörung, sondern schlichte Risikosteuerung; er erklärt aber, warum Rallys in der Nähe großer Verfallstermine manchmal kräftiger ausfallen, als es die Nachrichtenlage allein rechtfertigen würde.
Strijers von Deribit brachte es auf den Punkt: Die Absicherung kurzer Call-Positionen habe „wahrscheinlich zum Aufwärtsimpuls beigetragen“, während sich Bitcoin durch die Spanne von 80.000 bis 87.000 US-Dollar arbeitete. Das ist die unbequeme Nachricht für Optimisten: Ein Teil des Anstiegs auf das Achtmonatshoch war kein Ausdruck frischer Überzeugung, sondern die Nebenwirkung einer Absicherungsmechanik.
Mit dem Verfall am 25. September löst sich dieser Rückenwind auf. Die verkauften Calls laufen aus, die zugehörigen Absicherungspositionen werden abgebaut, und der Kauf, der den Kurs stützte, entfällt. Deshalb ist der Morgen danach so aussagekräftig: Erst jetzt zeigt sich, ob der Markt ohne die Krücke der Händlerabsicherung nach oben tendiert oder ob ihm die Luft ausgeht. Der Rücksetzer von gut 87.000 auf rund 84.000 US-Dollar ist ein erster, noch harmloser Hinweis darauf, dass ein Teil des Schubs mechanisch war.
Echte Rally oder Short Squeeze? Die Gretchenfrage
Ein Short Squeeze entsteht, wenn Anleger auf fallende Kurse gewettet haben und der Markt gegen sie läuft. Steigt der Kurs, werden ihre Positionen zwangsweise glattgestellt, was zusätzliche Käufe auslöst und den Kurs weiter treibt, bis die Wetten auf fallende Kurse abgeräumt sind. Danach fehlt der Treibstoff, und die Bewegung kippt oft ebenso schnell, wie sie kam. Genau dieses Muster prägte einen Teil des September-Anstiegs: Der Wochengewinn von rund 13 Prozent bis zum 21. September ging mit spürbaren Liquidationen von Short-Positionen einher, wie das Fachportal Crypto Times dokumentierte.
Wie unterscheidet man beide Kräfte im Nachhinein? Ein reiner Short Squeeze hinterlässt typische Spuren: sprunghafte Liquidationen, ein kurzes Überschießen des Kurses und eine ebenso schnelle Rückkehr, sobald die erzwungenen Käufe abgearbeitet sind. Echte Nachfrage dagegen zeigt sich in stetigen Zuflüssen und in einem Kurs, der Rücksetzer verteidigt, statt sie zu beschleunigen. Der bisherige Rückgang von rund 87.000 auf 84.000 US-Dollar verlief geordnet und ohne Kaskade erzwungener Verkäufe, was eher gegen einen reinen Squeeze spricht. Ein endgültiges Urteil erlauben aber erst die Handelstage nach dem Verfall, wenn sich zeigt, ob frische Käufer die Lücke füllen, die das auslaufende Dealer-Hedging hinterlässt.
Die entscheidende Frage lautet also: War der Anstieg im Kern ein Squeeze plus Dealer-Hedging, beides Mechaniken, die sich erschöpfen, oder trug ihn echte Nachfrage von Käuferinnen und Käufern, die Bitcoin halten wollen? Die ehrliche Antwort ist selten schwarz oder weiß. Ein Squeeze kann der Funke sein, echte Nachfrage der Treibstoff. Um die Mischung einzuschätzen, hilft nur der Blick auf mehrere unabhängige Datenquellen: die Kette, die Zuflüsse in börsengehandelte Fonds und die makroökonomische Großwetterlage. Die nächsten Abschnitte prüfen beide Thesen, erst die Argumente der Bullen, dann die der Bären.
Die Bullen-Argumente: Spot-Nachfrage, ETF-Zuflüsse, On-Chain
Für die These der echten Rally sprechen vor allem drei Beobachtungen. Erstens die Kette selbst. Nach Analysen von CryptoQuant, aufbereitet unter anderem von FXStreet, schloss Bitcoin am 22. September erstmals seit März 2023 über seinem 365-Tage-Durchschnitt (rund 80.000 bis 83.000 US-Dollar). Diese gleitende Linie hat seit 2019 jeden Bullenmarkt korrekt angezeigt. Entscheidend: Der Ausbruch ging mit einem Anstieg des Spot-Handelsvolumens um rund 60 Prozent einher. Nachfrage, die im Spotmarkt entsteht, gilt als tragfähiger als eine, die nur aus Hebelprodukten kommt.
Julio Moreno, Forschungschef bei CryptoQuant, nannte den nachhaltigen Ausbruch über den 365-Tage-Durchschnitt die „letzte quantitative Bedingung“, um den Übergang in einen Bullenzyklus zu bestätigen. Der hauseigene Bull Score, ein zusammengesetzter Zyklusindikator, stand bei 80 und damit klar im positiven Bereich. Wenn Bull Score, Zyklusindikator und der 365-Tage-Durchschnitt in dieselbe Richtung zeigen, so das Haus, sei die Bestätigung stärker als jedes Einzelsignal. Zugleich mahnte CryptoQuant, laut The Block, Rücksetzer innerhalb eines jungen Bullenmarkts seien normal.
Zweitens die börsengehandelten Fonds. Die US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten sechs Handelstage in Folge Zuflüsse, in Summe rund 2,84 Milliarden US-Dollar zwischen dem 17. und 24. September, wie The Cryptonomist berichtete. Der 21. September brachte mit knapp 999 Millionen US-Dollar den stärksten Einzeltag des Jahres 2026; BlackRocks Produkt IBIT steuerte allein rund 1,35 Milliarden des Sechs-Tages-Werts bei. Anders als Absicherungskäufe von Händlern ist das echtes, oft institutionelles Geld, das Bitcoin dem Markt entzieht. Nach diesen Zuflüssen drehte die ETF-Bilanz für das Gesamtjahr 2026 laut CoinMarketCap wieder ins Plus.
Drittens die Marktstruktur: Solange die Nachfrage aus dem Spotmarkt und aus ETF-Hüllen kommt und nicht allein aus perpetuellen Futures, hat eine Rally ein solideres Fundament. Genau das war im September teilweise der Fall, was die reine Squeeze-These schwächt.
Eine Einschränkung bleibt jedoch: ETF-Zuflüsse können ebenso schnell drehen, wie sie gekommen sind. Schon im August 2026 wechselten sich starke Zuflusstage mit deutlichen Abflüssen ab, sodass eine einzelne Rekordwoche für sich genommen noch keinen Trend begründet. Belastbar wird das Signal erst, wenn die Zuflüsse über mehrere Wochen anhalten und nicht bei der ersten Kursdelle abreißen. Hinzu kommt, dass ein Teil der ETF-Nachfrage nicht unbedingt eine Wette auf steigende Kurse ist, sondern aus Arbitragegeschäften stammen kann, bei denen Investoren zugleich Futures verkaufen. Auf genau diese Feinheiten lohnt sich in den kommenden Handelstagen der Blick, bevor man die Rally als strukturell gesichert abhakt.
Die Bären-Argumente: fünf Prozent am langen Ende, ein starker Dollar
Dem stehen handfeste Gegenkräfte gegenüber, und sie sitzen an den Anleihemärkten. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen schloss am 23. September bei 5,11 Prozent, ein Sprung von 15 Basispunkten an einem einzigen Tag. Wie NAI500 feststellte, setzte dieser Anstieg Bitcoin unter Druck, obwohl die ETF-Zuflüsse weiterliefen, wenn auch langsamer. Fünf Prozent risikofreie Rendite sind die Latte, über die ein zinsloses Wertaufbewahrungsmittel wie Bitcoin erst einmal springen muss.
Dazu kommt der starke US-Dollar. Der Dollar-Index notierte über 101, der Euro fiel mit rund 1,139 auf ein Zwei-Monats-Tief. Ein fester Dollar verteuert Bitcoin für Käufer außerhalb des Dollarraums und wirkt historisch als Gegenwind für Risikoanlagen. Für Anlegerinnen im Euroraum bedeutet das zugleich, dass ein Teil des Dollar-Kursgewinns durch die Währung wieder aufgezehrt wird; das Achtmonatshoch fiel in Euro gerechnet niedriger aus als in Dollar. Auch die Miner spüren den Zinsdruck, denn steigende Kapitalkosten verteuern die Finanzierung von Hardware und drücken die Margen, ein Zusammenhang, den wir in der Analyse Marathon gegen Riot: der Zins ist der neue Hashprice ausführlich beschrieben haben.
Der Übertragungsweg von den Zinsen zum Bitcoin-Kurs läuft über mehrere Kanäle. Steigende Realrenditen, also Zinsen nach Abzug der Inflation, erhöhen die Opportunitätskosten, ein zinsloses Asset wie Bitcoin zu halten. Ein festerer Dollar entzieht globalen Risikoanlagen Liquidität und drückt tendenziell alles, was in Dollar bepreist wird. Und eine straffere Geldpolitik verknappt jene Überschussliquidität, die 2020 und 2021 einen Großteil des Kryptobooms gespeist hatte. Das Jahr 2022 hat vorgeführt, wie schnell diese Kanäle einen Bärenmarkt auslösen können, als die Notenbank aggressiv straffte und Bitcoin über zwei Drittel seines Wertes verlor. Der Unterschied heute liegt in der ETF-Nachfrage, die als teilweiser Puffer wirkt und die Wucht solcher Bewegungen abfedert.
Die Fed als Gegenwind: warum der Zinsschritt zählt
Der größte Unterschied zu früheren Zyklen ist die Notenbank. Am 16. September hob die US-Notenbank Federal Reserve den Leitzins einstimmig um 25 Basispunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent an, die erste Zinserhöhung seit 2023. Zur Begründung nannte sie hartnäckige Inflation und eine sich festigende Konjunktur und signalisierte, dass ein weiterer Schritt in diesem Jahr möglich sei. Vor der Sitzung hatte der CME-FedWatch-Indikator laut Marktbeobachtern eine Wahrscheinlichkeit von rund 86 Prozent für genau diese Erhöhung angezeigt; der Schritt war also eingepreist.
Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh hatte den Ton bereits Ende August in Jackson Hole gesetzt, als er erklärte, die Notenbank habe bei der Inflation noch „Arbeit vor sich“. Diese Aussage drehte die Markterwartung binnen Tagen von einer wahrscheinlichen Zinspause zu einer wahrscheinlichen Erhöhung, wie CNBC dokumentierte. Für Dezember rechnen inzwischen Häuser wie Barclays mit einem zweiten Schritt, was Yahoo Finance aufgriff; die nächsten Sitzungen sind laut Fed-Kalender für den 27. und 28. Oktober sowie den 8. und 9. Dezember angesetzt.
Daraus folgt die für 2026 typische, verkehrte Logik: Starke Konjunkturdaten sind für Bitcoin eher schlecht, weil sie der Fed weitere Erhöhungen erlauben, während schwache Daten Zinssenkungshoffnungen wecken. Eine Notenbank, die strafft, deckelt Risikoanlagen. Die Europäische Zentralbank hatte ihrerseits am 10. September den Einlagensatz auf 2,50 Prozent angehoben; die Zinsdifferenz spielt in den schwachen Euro hinein und damit in die Euro-Rechnung deutscher Anleger.
Für Bitcoin heißt das konkret: Nicht die Höhe des Zinssatzes allein zählt, sondern die Überraschung gegenüber den Erwartungen. Weil der September-Schritt eingepreist war, fiel die Kursreaktion mild aus; erst ein unerwartet scharfer Ton, ein zusätzlicher Schritt oder eine deutlich höhere Zinsprognose würde den Markt wirklich bewegen. Deshalb richtet sich der Blick der Anleger bereits auf die Projektionen der Notenbanker im Dezember, den sogenannten Dot Plot, der die erwartete Zinsentwicklung als Punktwolke sichtbar macht. Diese Grafik gilt als eines der wichtigsten Signale für Risikoanlagen, weil sie zeigt, wie weit der Zinsgipfel noch entfernt ist und wann eine erste Lockerung realistisch wird.
Charttechnik: die Marken, die jetzt zählen
Technische Marken sind keine Magie, aber sie bündeln, wo viele Marktteilnehmer Kauf- und Verkaufsentscheidungen verankern. Nach oben liegt der erste Widerstand am Achtmonatshoch von 87.381 US-Dollar, darüber wartet die psychologisch aufgeladene 100.000er-Marke, an der sich zugleich viele Call-Optionen häufen. Nach unten ist der 365-Tage-Durchschnitt der Dreh- und Angelpunkt: Solange Bitcoin darüber bleibt, ist das Signal der Bullen intakt; ein Rückfall darunter wäre die erste Warnung, dass der Ausbruch nicht trägt.
Darunter markiert der Bereich um 75.000 US-Dollar, der Max-Pain-Punkt und der obere Rand des Put-Bodens, eine erste Auffangzone. Der 200-Tage-Durchschnitt bei rund 70.600 US-Dollar gilt als tiefere Unterstützung, und erst darunter, um 60.000 US-Dollar, endet die von Deribit-Manager Péquignot beschriebene Put-Staffelung. Die folgende Tabelle ordnet die Marken.
| Marke (US-Dollar) | Bedeutung |
|---|---|
| 100.000 | Psychologische Marke, große Call-Konzentration (Widerstand) |
| 87.381 | Achtmonatshoch vom 21. September (Widerstand) |
| 80.000 bis 83.000 | 365-Tage-Durchschnitt, am 22. September zurückerobert (Drehpunkt) |
| 75.000 | Max Pain und oberer Rand des Put-Bodens (Unterstützung) |
| 70.600 | 200-Tage-Durchschnitt (tiefere Unterstützung) |
| 60.000 | Unterer Rand der Put-Staffelung (starke Unterstützung) |
On-Chain: was die Kette über die Nachfrage sagt
Die Blockchain macht sichtbar, was Kurscharts verbergen: wer kauft und wer verkauft. Auf der Angebotsseite fließen weiter rund 450 neue Bitcoin pro Tag aus dem Mining in den Markt, das strukturelle Angebot seit der Halbierung von 2024. Miner sind planbare Verkäufer, weil sie Strom und Hardware in Fiat bezahlen müssen; in Stärkephasen verkaufen sie gern in die Nachfrage hinein. Wie hart der Kostendruck ist, hängt stark vom Gerätepark und den Abschreibungen ab, ein Thema, das wir in Bitmain gegen MicroBT: die Abschreibungsfalle der ASICs zerlegt haben.
Auf der Nachfrageseite stehen den Minern die Unternehmensbestände gegenüber. Strategy, das ehemalige MicroStrategy, hält laut Crypto Times rund 846.000 Bitcoin zu einem Durchschnittspreis von etwa 75.400 US-Dollar und kaufte zuletzt weiter zu. Solche Bestände plus die ETF-Zuflüsse entziehen dem Markt mehr Bitcoin, als täglich neu entsteht. Genau diese Verknappung ist das Fundament der Bullen-These, solange die Käufer nicht die Nerven verlieren.
Ein weiterer aufschlussreicher On-Chain-Indikator ist das Verhalten der Langfristhalter, also jener Adressen, die ihre Bitcoin seit mindestens 155 Tagen nicht bewegt haben. Verteilen sie ihre Bestände in eine Rally hinein, ist das ein klassisches Zeichen später Zyklusphasen, in denen erfahrene Halter an neue, oft euphorische Käufer verkaufen. Halten oder akkumulieren sie dagegen weiter, spricht das für Vertrauen in höhere Kurse. Ergänzend lohnt der Blick auf die Bestände an den Handelsplätzen: Sinkende Börsenreserven deuten darauf hin, dass Anleger ihre Bitcoin in die Eigenverwahrung abziehen, was das kurzfristig verkaufbare Angebot verringert. Diese Kettendaten zu lesen, ist oft aussagekräftiger als jeder einzelne Kursausschlag.
Die Qualität der Nachfrage lässt sich zudem an der Herkunft ablesen. Steigt der Kurs auf wachsendem Spot-Volumen, wie im September, ist das ein gesundes Zeichen. Treibt ihn dagegen nur das offene Interesse an perpetuellen Futures bei hohen Finanzierungssätzen, ist die Bewegung anfällig für eine schnelle Umkehr, weil überfüllte Long-Positionen bei der ersten Gegenbewegung liquidiert werden.
Der Praxistest: wie man eine Rally auf Echtheit prüft
Aus alledem lässt sich eine kleine Prüfliste ableiten, mit der auch Privatanleger eine Kursbewegung einordnen können, ohne auf Schlagzeilen hereinzufallen. Kein Einzelindikator genügt; erst das Zusammenspiel ergibt ein Bild.
- Spot gegen Derivate: Steigt das Spot-Volumen mit dem Kurs, ist die Nachfrage echt. Zieht nur das offene Interesse an Futures an, ist Vorsicht geboten.
- Finanzierungsrate der Perpetuals: Stark positive Funding-Sätze zeigen überhitzte Long-Positionen und erhöhen die Gefahr einer Long-Liquidation.
- ETF-Zuflüsse: Anhaltende Nettozuflüsse sind echtes Geld, das Angebot bindet; Abflüsse sind ein Warnsignal.
- Optionsverfall und Dealer-Positionierung: Ein call-lastiges Buch kann per Absicherung einen mechanischen Rückenwind erzeugen, der nach dem Verfall verschwindet.
- On-Chain-Verhalten: Kaufen Langfristhalter zu oder verteilen sie ihre Bestände in die Stärke?
- Makro: Zinsen, Realrenditen und der Dollar setzen den Rahmen, in dem sich alles andere abspielt.
Wer die Stimmung zusätzlich messen will, kann Prognosemärkte als Barometer heranziehen, sollte deren Tücken aber kennen, etwa den Unterschied zwischen „irgendwann berührt“ und „zum Jahresende geschlossen“. Wie manipulationsanfällig und zugleich informativ diese Märkte sind, beleuchtet unser Beitrag Der gläserne Markt: KI-Agenten und Insider auf Prognosemärkten.
Einordnung für Anleger: BaFin, MiCA und der Derivate-Rahmen
Wer in Deutschland mit Bitcoin und erst recht mit Bitcoin-Optionen hantiert, sollte den regulatorischen Rahmen kennen. Nach der EU-Verordnung MiCA und den Vorgaben der Finanzaufsicht BaFin werden Dienstleister und Emittenten beaufsichtigt, also Handelsplätze, Verwahrer und Stablecoin-Herausgeber, nicht das Bitcoin-Protokoll selbst. Die BaFin fasst das in ihrem Merkblatt zu Kryptowerte-Dienstleistungen zusammen. Für die Kurse selbst bedeutet das: Regulierung schafft Leitplanken für die Infrastruktur, steuert aber nicht den Preis.
Ein wichtiger Punkt gerade für dieses Thema: Krypto-Derivate wie die verfallenden Optionen und die perpetuellen Futures sind Finanzinstrumente und fallen nicht unter MiCA, sondern unter die Finanzmarktrichtlinie MiFID II, überwacht von den nationalen Wertpapieraufsichten. MiCA regelt den Kassamarkt und die Dienstleister, die Derivate laufen im klassischen Finanzmarktrecht. In den USA ist genau diese Zuständigkeitsfrage, ob die Rohstoffaufsicht CFTC oder die Börsenaufsicht SEC federführend ist, nach dem Scheitern des CLARITY-Gesetzes ungeklärt geblieben; wir haben die Folgen in CFTC statt SEC? Amerikas Krypto-Aufsicht nach dem CLARITY-Aus aufgearbeitet.
Der schwache Euro und die Zinsdifferenz zur EZB verweisen zudem auf eine größere Debatte über die Zukunft des Geldes in Europa, vom digitalen Euro bis zu euro-denominierten Stablecoins, die wir in Digitaler Euro und MiCA: Europas Kampf ums digitale Geld einordnen. Für die Bitcoin-Rechnung deutscher Anleger bleibt der Wechselkurs eine stille, aber wirksame Variable.
Drei Szenarien für die Wochen bis zur Oktober-Sitzung
Die kommenden Wochen entscheiden, welche der beiden Thesen sich durchsetzt. Der nächste große Fixpunkt ist die Fed-Sitzung am 28. Oktober, gefolgt von der Dezember-Sitzung mit neuen Projektionen. Bis dahin lassen sich drei grobe Pfade skizzieren, bewusst als Orientierung und nicht als Prognose.
| Szenario | Was es auslöst | Orientierung |
|---|---|---|
| Der Rückenwind verpufft (Bär) | Dealer-Hedging und Squeeze erschöpft, 5-Prozent-Renditen und starker Dollar belasten | Rückfall Richtung 365-Tage-Durchschnitt, Test der Zone um 75.000 US-Dollar |
| Echte Nachfrage trägt (Bulle) | Anhaltende ETF-Zuflüsse und Spot-Nachfrage, Renditen geben nach | Erneuter Angriff auf 87.000, mittelfristig Kurs auf 100.000 US-Dollar |
| Zähes Seitwärts (Basisfall) | Makro unentschieden bis zur Fed am 28. Oktober | Spanne zwischen 75.000 Unterstützung und 87.000 Widerstand |
Das wahrscheinlichste Ergebnis ist selten das reinste Szenario. Ein Markt, der ohne mechanischen Rückenwind seitwärts läuft und dabei die 365-Tage-Linie verteidigt, wäre für die Bullen bereits ein Achtungserfolg, weil er zeigen würde, dass echte Nachfrage die fehlende Absicherungsmechanik ersetzt hat.
Fazit: Geduld schlägt Euphorie
Der September brachte Bitcoin ein Achtmonatshoch, die Rückeroberung des 365-Tage-Durchschnitts und Milliarden an ETF-Zuflüssen. Das sind ernstzunehmende Belege für echte Nachfrage. Zugleich war ein Teil des Anstiegs mechanisch, getragen von Dealer-Hedging und der Glattstellung von Short-Positionen, und genau dieser Rückenwind ist mit dem Verfall vom 25. September verschwunden. Der Morgen danach ist deshalb ein Test, kein Urteil.
Für Anlegerinnen und Anleger lautet die Lehre, keiner einzelnen Zahl zu vertrauen, weder der 15,9-Milliarden-Schlagzeile noch dem Achtmonatshoch. Wer Spotmarkt, Derivate, ETF-Bilanz, On-Chain-Verhalten und Makro nebeneinanderlegt, sieht klarer als jeder Chart allein. Bis zur Fed-Sitzung am 28. Oktober und den Dezember-Projektionen bleibt der Markt zwischen echter Nachfrage und schwindender Mechanik gespannt; Geduld ist in dieser Phase die bessere Strategie als Euphorie.
Frequently Asked Questions
Was bedeutet der große Bitcoin-Options-Verfall vom 25. September für den Kurs?
Der Verfall über 15,9 Milliarden US-Dollar hat vor allem einen mechanischen Rückenwind beendet: Händler, die Call-Optionen verkauft hatten, trieben den Kurs zuvor durch Absicherungskäufe mit. Nach dem Verfall entfällt dieser Effekt, weshalb sich erst jetzt zeigt, ob echte Nachfrage die Rally trägt. Der eigentliche Abrechnungstag bewegt den Kurs meist weniger, als die Milliardenzahl vermuten lässt.
War die Bitcoin-Rally im September 2026 ein Short Squeeze oder echte Nachfrage?
Vermutlich eine Mischung. Für einen Short Squeeze sprachen Zwangsliquidationen von Short-Positionen und das Dealer-Hedging; für echte Nachfrage sprachen ETF-Zuflüsse von rund 2,84 Milliarden US-Dollar in sechs Handelstagen und ein um 60 Prozent gestiegenes Spot-Volumen beim Ausbruch über den 365-Tage-Durchschnitt. Ein Squeeze war wohl der Funke, echte Nachfrage der Treibstoff.
Was ist Max Pain bei Bitcoin-Optionen?
Max Pain ist der Kurs, bei dem in Summe die meisten Optionen wertlos verfallen und die Käufer den größten Verlust erleiden. Beim Verfall am 25. September lag er bei 75.000 US-Dollar. Die Theorie besagt, dass sich Kurse zum Verfall hin manchmal zu diesem Punkt bewegen; es ist eine Faustregel und kein Naturgesetz.
Warum steigt Bitcoin, obwohl die Fed die Zinsen erhöht hat?
Der Zinsschritt vom 16. September auf 3,75 bis 4,00 Prozent war zu rund 86 Prozent eingepreist, sodass die Entscheidung selbst kaum überraschte. Zugleich trieben ETF-Zuflüsse, Spot-Nachfrage und ein technischer Ausbruch den Kurs. Steigende Anleiherenditen und ein starker Dollar bleiben allerdings ein Gegenwind, der die Erholung jederzeit bremsen kann.
Welche Kursmarken sind bei Bitcoin jetzt wichtig?
Nach unten ist der 365-Tage-Durchschnitt zwischen rund 80.000 und 83.000 US-Dollar der Drehpunkt, darunter folgen Unterstützungen bei 75.000 und am 200-Tage-Durchschnitt um 70.600 US-Dollar. Nach oben sind das Achtmonatshoch von 87.381 US-Dollar und die 100.000er-Marke die entscheidenden Widerstände.
Von Marcus Okafor, Marktredakteur bei HOGE Wire.