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● Mining & Staking

Energiemix 2026: Das Netz entscheidet, nicht der Brennstoff

Die Debatte um den Krypto-Strommix hat sich verschoben: nicht der Brennstoff zählt, sondern wie sich Mining am Netz verhält. Deutschland ist der schärfste Testfall und schürft doch kaum.

Jahrelang lief die Debatte über den Energieverbrauch von Krypto nach demselben Muster: Wie viel Strom zieht Bitcoin, und wie schmutzig ist dieser Strom? 2026 ist die entscheidende Frage eine andere geworden. Sie lautet nicht mehr, welcher Brennstoff in der Steckdose steckt, sondern wie sich die Last am Netz verhält. Denn Mining ist eine der wenigen industriellen Lasten, die man binnen Sekunden abschalten, an entlegene Kraftwerke andocken und dorthin verschieben kann, wo Strom gerade niemand sonst haben will.

Das verschiebt die grüne Rechnung. Ob der Krypto-Strommix sauberer oder dreckiger wird, hängt weniger an der Technologie als am Netz, an dessen Engpässen und an den Anreizen, die Betreiber setzen. Nirgends lässt sich das besser beobachten als in Deutschland: ein Land mit so vielen negativen Strompreisen und so hohen Engpasskosten wie nie zuvor, das seine überschüssige Windkraft im Norden abregelt und trotzdem fast keine Miner beherbergt. Dieser Text erklärt, warum das kein Widerspruch ist, sondern der Kern der Geschichte.

Die neue Frage: nicht welcher Brennstoff, sondern welche Last

Ein Aluminiumwerk, ein Rechenzentrum und eine Mining-Farm ziehen alle viel Strom, aber nur eine dieser Lasten lässt sich ohne Reue abschalten. Bricht man die Stromzufuhr eines Aluminiumofens ab, erstarrt die Schmelze und die Anlage ist ruiniert. Ein klassisches Cloud-Rechenzentrum muss rund um die Uhr liefern, sonst fallen Dienste aus. Eine Mining-Anlage dagegen hört auf zu rechnen, verliert ein paar Stunden Ertrag und läuft Minuten später wieder an, als wäre nichts gewesen. Genau diese Eigenschaft, nicht der Verbrauch an sich, macht Mining für das Stromsystem interessant.

Aus drei Merkmalen folgt fast alles Weitere. Mining ist erstens unterbrechbar: Es kann in Sekunden herunterfahren und wieder hochfahren. Es ist zweitens ortsunabhängig: Ein Container mit ASIC-Rechnern braucht nur Strom und Internet, kein Publikum, keine Lieferkette, keine Nähe zu Städten. Und es ist drittens preisempfindlich bis zur Schmerzgrenze: Weil Strom der mit Abstand größte Kostenblock ist, wandert Mining kompromisslos dorthin, wo die Kilowattstunde am billigsten ist, und schaltet ab, sobald sie zu teuer wird.

Der Energiemix ist damit kein Ausgangspunkt, sondern ein Ergebnis. Er entsteht aus der Frage, welchen Strom eine abschaltbare, ortsungebundene, preisgetriebene Last am Ende einsammelt. Das kann gekappte Windkraft sein, die sonst niemand nutzt, oder abgefackeltes Erdgas an einem Ölfeld, oder eben billiger Kohlestrom in der Nacht. Wer wissen will, wie grün Bitcoin ist, muss deshalb weniger über Kraftwerkstypen reden und mehr über Netze, Engpässe und Anreize.

Diese Umkehr klingt akademisch, hat aber handfeste Folgen für jede Klimabilanz. Solange man Mining wie eine Fabrik behandelt, die einen festen Standort und einen festen Stromvertrag hat, ergibt der Streit über den Brennstoffmix Sinn. Sobald man akzeptiert, dass die Last wandert und sich nach Preis und Verfügbarkeit richtet, wird der Mix zu einer Momentaufnahme, die sich mit jeder neuen Standortentscheidung verschiebt. Genau deshalb liegen die Schätzungen so weit auseinander, und genau deshalb ist eine politische Debatte oft schon veraltet, wenn sie geführt wird.

Zwei Energiegeschichten, die man nicht verwechseln darf

Bevor es ums Netz geht, ein Punkt, den viele Diskussionen durcheinanderbringen: Krypto hat 2026 nicht eine Energiegeschichte, sondern zwei, und sie liegen um mehrere Größenordnungen auseinander. Bitcoin sichert sein Netzwerk mit Proof of Work, also mit physischer Rechenarbeit, die bewusst Strom kostet. Ethereum und die meisten großen Smart-Contract-Ketten sind längst auf Proof of Stake umgestiegen, bei dem hinterlegtes Kapital die Sicherheit stellt und die Rechenlast auf das Niveau eines gewöhnlichen Servernetzes fällt.

Der Ethereum-Stromverbrauch liegt seit dem Merge im September 2022 bei rund 0,0026 Terawattstunden im Jahr, ein Rückgang um mehr als 99,98 Prozent. Ein einzelner Validator kommt mit der Leistung weniger Glühbirnen aus. Staking hat, energetisch betrachtet, schlicht keine nennenswerte Geschichte mehr. Die gesamte Debatte über den Krypto-Strommix ist deshalb im Kern eine Debatte über Bitcoin und über eine Handvoll kleinerer Proof-of-Work-Coins.

Die Verwechslung ist folgenreich. Wer eine Bitcoin-Zahl von 150 Terawattstunden nimmt und sie als Verbrauch „der Kryptowährungen“ verkauft, addiert im Kopf Ethereum, Solana und hunderte Proof-of-Stake-Ketten hinzu, die zusammen kaum ins Gewicht fallen. Die energiepolitisch relevante Frage betrifft ausschließlich Proof of Work, und dort wiederum fast ausschließlich Bitcoin, das den Großteil der weltweiten Rechenarbeit auf sich vereint.

MerkmalBitcoin (Proof of Work)Ethereum (Proof of Stake)
Stromverbrauch pro Jahrrund 138 bis 190 TWhrund 0,0026 TWh
SicherheitsankerRechenarbeit (Hashrate)hinterlegtes Kapital (Stake)
Verbrauch je KnotenIndustrie-ASICs, Megawatt-Bereicheinzelner Validator, Watt-Bereich
Mix nachprüfbar?nein, nur per Umfrage geschätztja, aus dem Protokoll ableitbar
Reaktion auf Netzsignalehohe Flexibilität, abschaltbarkaum relevant, winzige Last

138, 190 oder über 200 Terawattstunden?

Wie viel Strom Bitcoin genau zieht, weiß niemand exakt, und das ist der Ausgangspunkt jedes Streits über den Mix. Die meistzitierte Zahl stammt vom Cambridge Centre for Alternative Finance, das für seine Studie im April 2025 49 Mining-Firmen aus 23 Ländern befragte, die zusammen fast die Hälfte der globalen Hashrate stellen. Ergebnis: rund 138 Terawattstunden im Jahr, etwa 0,5 Prozent des Weltstromverbrauchs, davon 52,4 Prozent aus kohlenstoffarmen Quellen (42,6 Prozent Erneuerbare plus 9,8 Prozent Kernkraft), 38,2 Prozent Erdgas und 8,9 Prozent Kohle, bei 39,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent.

Eine vorläufige Aktualisierung, die Cambridge-Forschungsleiter Alexander Neumueller Ende 2025 auf dem Energy Investors Forum in Dallas vorstellte, hebt die Zahl deutlich an: rund 190 Terawattstunden, ein Plus von 38 Prozent binnen anderthalb Jahren, bei 59,4 Prozent kohlenstoffarmem Strom und einem bemerkenswerten Detail: Wasserkraft hat Erdgas als wichtigste einzelne Quelle überholt. Die Emissionen stiegen mit 20 Prozent langsamer als der Verbrauch, weil der Mix sauberer wurde. Neumueller begründet den Umfrage-Ansatz so: „This report directly addresses a persistent data gap by relying on direct practitioner insights rather than abstractions.“

Dem stehen deutlich höhere Schätzungen gegenüber. Das von Alex de Vries betriebene Portal Digiconomist rechnet ökonomisch von oben herab, also aus Mining-Erlösen und Hardware-Annahmen, und landet regelmäßig oberhalb von 200 Terawattstunden. Diese Spanne von fast Faktor zwei ist kein Randproblem, sondern der eigentliche Kern der grünen Debatte: Wer die Grundmenge nicht kennt, kann auch den Anteil sauberer Energie nur schätzen. Anders als bei kryptografisch überprüfbaren KI-Modellen lässt sich der Bitcoin-Mix nicht aus dem Protokoll beweisen. Warum sich die Institute so uneinig sind und was das für die verpflichtende Offenlegung bedeutet, haben wir in einem eigenen Beitrag zum Messkrieg aufgeschlüsselt.

KennzahlCambridge April 2025Cambridge vorläufig Ende 2025
Stromverbrauch pro Jahr138 TWhrund 190 TWh
Kohlenstoffarmer Anteil52,4 %59,4 %
Wichtigste EinzelquelleErdgas (38,2 %)Wasserkraft
Kohleanteil8,9 %rückläufig
CO2-Ausstoß39,8 Mtrund 48 Mt

Warum Mining eine ungewöhnliche Stromlast ist

Für Netzbetreiber ist steuerbare Last selten und wertvoll. Der Stromverbrauch von Haushalten, Verkehr und klassischer Industrie folgt Gewohnheiten und Produktionsplänen, die sich kaum kurzfristig verschieben lassen. Eine Last, die auf Zuruf und binnen Sekunden verschwindet und ebenso schnell zurückkommt, ist deshalb kein Ärgernis, sondern ein Werkzeug. In einem Netz mit wachsendem Anteil an Wind und Sonne, deren Einspeisung schwankt, ist genau diese Fähigkeit knapp.

Der Nutzen läuft in beide Richtungen. Wenn mehr erzeugt wird, als gebraucht wird, etwa an einem stürmischen Sonntagmittag, drückt der Überschuss die Börsenpreise ins Negative oder zwingt die Betreiber, Windräder abzuregeln. Eine flexible Last, die dann anspringt und den Überschuss in Rechenarbeit verwandelt, verhindert beides. Steigt umgekehrt die Nachfrage, etwa an einem heißen Nachmittag mit voller Klimaanlagenlast, kann dieselbe Anlage abschalten und Kapazität für alle anderen freigeben.

Technisch reicht die Flexibilität sogar über das simple Ein und Aus hinaus. Moderne Anlagen können ihre Leistung feinstufig drosseln und im Sekundentakt auf Netzsignale reagieren, was sie theoretisch für hochwertige Regelleistung qualifiziert, nicht nur für das grobe Abschalten in Notlagen. Damit rückt Mining in die Nähe von Diensten, die sonst schnelle Gaskraftwerke oder Großbatterien erbringen, allerdings mit dem Unterschied, dass die Anlage nebenbei einen handelbaren Ertrag erzeugt.

Damit wird Mining zu etwas, das Ingenieure als Puffer beschreiben würden. Es ist kein sauberer oder schmutziger Verbraucher an sich, sondern ein Verbraucher, dessen Vorzeichen vom Zeitpunkt abhängt. Ob dieser Puffer dem Klima nützt, entscheidet sich daran, ob er überschüssige Erneuerbare auffängt oder ob er rund um die Uhr am billigsten fossilen Grundlaststrom hängt. Beide Betriebsweisen existieren nebeneinander, und beide firmieren im Rohdatensatz unter demselben Wort: Mining.

Demand Response: Mining als abschaltbare Last

Am weitesten getrieben hat dieses Modell Texas. Der dortige Netzbetreiber ERCOT führt eine eigene Kategorie für große, flexible Verbraucher, und Bitcoin-Miner stellen den Löwenanteil. Nach Angaben des Texas Blockchain Council entfallen mehr als 95 Prozent dieser großen flexiblen Lasten auf Mining, insgesamt rund 2.450 Megawatt. Wird der Strom knapp, fahren die Anlagen herunter und kassieren dafür Vergütungen; ist er im Überfluss da, laufen sie auf Anschlag.

Lee Bratcher, Präsident des Rats, beschreibt den Mechanismus schlicht: Mining „soaks up excess power capacity during times of low demand and turns off on hot summer days when Texans use more energy.“ In der Sprache der Netzplanung ist das Regelreserve, nur dass sie nicht von einem Kraftwerk kommt, sondern von einem Verbraucher, der freiwillig verzichtet. Eine Untersuchung, die Blockworks zusammenfasste, kam zu dem Schluss, dass flexible Mining-Last Engpässe im texanischen Netz spürbar entschärfen kann.

Formalisiert wird das seit 2025 durch ein texanisches Gesetz, das große Miner verpflichtet, sich bei ERCOT zu registrieren und ihre Lastspitzen offenzulegen. Aus einer informellen Praxis wird so ein regulierter Baustein der Netzplanung, mit Rechten und Pflichten. Für die Betreiber ist der Deal attraktiv: Sie liefern eine Dienstleistung, die das Netz ohnehin braucht, und werden dafür bezahlt, statt als bloße Stromfresser gebrandmarkt zu werden.

Der Preis dieser Logik ist Ehrlichkeit über die Kehrseite. Kritiker wie die US-Senatorin Elizabeth Warren haben moniert, dass Miner in Hitzewellen doppelt verdienen: am hohen Strompreis, den sie durch Abschalten vermeiden, und an den Vergütungen für genau dieses Abschalten. Ob das eine faire Bezahlung für eine echte Netzdienstleistung ist oder eine Subvention für eine Industrie, die man auch ganz woanders ansiedeln könnte, ist eine politische Frage, keine technische. Fest steht nur: Die Flexibilität ist real, und sie hat einen Marktwert.

Der Handel mit gestrandeter Energie

Die sauberste Variante dieses Geschäfts ist der Griff nach Energie, die sonst verloren ginge. Drei Quellen dominieren. Erstens gekappte Erneuerbare: Strom aus Wind- und Solarparks, den das Netz gerade nicht abtransportieren kann und der deshalb abgeregelt wird. Zweitens abgefackeltes Erdgas: An vielen Ölfeldern entweicht Begleitgas, das sich nicht zu verkaufen lohnt und das abgefackelt oder, schlimmer, direkt abgelassen wird. Drittens abgelegene Wasserkraft, etwa in der Regenzeit, deren Leitungen zu dünn sind, um die Energie in die Städte zu bringen.

Für Bitcoin sind das ideale Standorte, weil die Anlage zum Strom kommt und nicht umgekehrt. Der Fall Methan ist dabei der klimapolitisch schärfste. Daniel Batten, Investor und Betreiber des Fonds CH4 Capital, argumentiert, dass Miner, die Begleitgas oder Deponiegas verstromen, das rund achtzigfach klimawirksamere Methan verbrennen, bevor es in die Atmosphäre gelangt, und so unter dem Strich einen Netto-Klimavorteil erzeugen, den die übliche Buchhaltung ignoriert. Ganz unumstritten ist die Rechnung nicht, aber sie zeigt, warum der reine Blick auf den Stromzähler zu kurz greift.

Die konsequenteste Form ist das netzferne Mining. Container mit Solarmodulen und Batteriespeicher, aufgestellt fernab jeder Leitung, verwandeln Sonnenstrom direkt in Hashrate, ohne das öffentliche Netz je zu berühren. In den nordischen Ländern nutzen Betreiber überschüssige Wasserkraft, in Teilen Afrikas und Lateinamerikas Wasserkraftwerke, deren Leitungen zu schwach sind, um die Energie in Ballungsräume zu bringen. In all diesen Fällen konkurriert Mining nicht mit anderen Verbrauchern, sondern nutzt Energie, die es sonst schlicht nicht gäbe.

Und hier schließt sich der Kreis zum Mix. Jede Kilowattstunde gekappter Windkraft, die ein Miner statt der Abregelung nutzt, verbessert nicht nur seine eigene Bilanz, sie kann sogar den weiteren Ausbau der Erneuerbaren erleichtern, weil ein zusätzlicher, jederzeit abschaltbarer Abnehmer die Wirtschaftlichkeit neuer Wind- und Solarparks stützt. Das ist die stärkste grüne These der Branche. Ihr Haken: Dieselbe Beweglichkeit, die gekappten Grünstrom auffängt, findet ebenso zuverlässig den billigsten Kohlestrom, wenn der irgendwo nachts im Überfluss steht.

Deutschland: das Netz, das am lautesten nach Flexibilität ruft

Nirgends in Europa ist der Bedarf an flexibler Last so sichtbar wie in Deutschland, und das macht das Land zum idealen Testfall. Der Ausbau von Wind im Norden und Solar in der Fläche hat die Erzeugung dorthin gebracht, wo die Leitungen sie oft nicht abtransportieren können. Die Folge ist ein Dauerengpass zwischen Nord und Süd, den die Netzbetreiber mit teuren Notmaßnahmen überbrücken.

Die Zahlen sind eindrücklich. Das gesamte Engpassmanagement kostete 2024 laut Bundesnetzagentur rund 2,8 Milliarden Euro, nach 3,3 Milliarden im Jahr zuvor. Abgeregelt wurden dabei 4.951 Gigawattstunden Erneuerbare, davon 3.562 aus Wind; die Solar-Abregelung verdoppelte sich nahezu. Die Entschädigungen für diesen weggeworfenen Grünstrom sanken zwar 2025 um 22 Prozent, lagen aber immer noch bei 435 Millionen Euro, nach 554 Millionen im Vorjahr.

Gleichzeitig fällt der Börsenpreis immer häufiger unter null. 2025 zählte Deutschland nach Auswertung der FfE rund 575 Stunden mit negativen Preisen, ein neuer Rekord nach 459 Stunden 2024 und 301 Stunden 2023. In solchen Momenten zahlt man dafür, Strom abzunehmen. Ein abschaltbarer, ortsungebundener Verbraucher, der genau dann anspringt und in Spitzenzeiten verschwindet, ist in dieser Statistik nicht das Problem, sondern exakt die fehlende Antwort.

Kennzahl deutsches Netz202320242025
Kosten Engpassmanagement3,3 Mrd. Euro2,8 Mrd. EuroMilliardenbereich
Abgeregelte Erneuerbarek. A.4.951 GWhk. A.
Entschädigung Abregelungk. A.554 Mio. Euro435 Mio. Euro
Stunden mit negativem Preis301459rund 575
Börsenpreis EPEX Base, Schnittk. A.rund 77 Euro/MWh89,3 Euro/MWh

Warum trotzdem kaum jemand in Deutschland schürft

Wenn das Netz so laut nach flexibler Last ruft, warum stehen die Mining-Container dann in Texas und nicht in Schleswig-Holstein? Die Antwort ist der Preis, und zwar nicht der kurze Ausschlag ins Negative, sondern der Durchschnitt über das Jahr. Für Mining zählt der Strompreis rund um die Uhr, und der ist in Deutschland strukturell hoch.

Der durchschnittliche Börsenpreis lag 2025 bei 89,3 Euro je Megawattstunde, also rund neun Cent je Kilowattstunde allein im Großhandel. Oben drauf kommen Netzentgelte, Abgaben und Umlagen. Der Industriestrompreis lag im zweiten Halbjahr 2025 im Schnitt bei rund 19 Cent je Kilowattstunde; selbst energieintensive Großverbraucher mit Entlastungen zahlten um die 13 Cent. In Texas liegt der industrielle Strompreis eher bei sechs bis sieben Cent, und Miner mit langfristigen Standortverträgen und Demand-Response-Gutschriften drücken ihren Nettobezug laut Marktdaten teils in die Nähe von drei Cent.

Standort und SegmentStrompreis (Richtwert)
Deutschland, Industrie im Schnitt (2. Hj. 2025)rund 19 ct/kWh
Deutschland, energieintensive Großverbraucherrund 13 ct/kWh
Deutschland, Großhandel im Schnitt (2025)rund 9 ct/kWh
Texas, Industrierund 6 bis 7 ct/kWh
Mining mit Standortvertrag und Demand ResponseRichtung 3 ct/kWh

Dazu kommt: Deutschland kennt keinen eigenen Tarif, der eine jederzeit abschaltbare Krypto-Last für ihre Systemdienlichkeit belohnt, wie es das texanische Modell tut. Politisch gilt Mining eher als unerwünschter Stromfresser denn als Netzpuffer, Genehmigungen sind langwierig, und die öffentliche Stimmung ist skeptisch. Stattdessen konzentriert sich das Geschäft dort, wo Strom dauerhaft billig ist: in Texas mit seinem Überschuss aus Wind und Gas, in Äthiopien mit dem Strom des Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamms, in Paraguay an der Wasserkraft von Itaipú, dazu in den Golfstaaten und in Teilen Zentralasiens.

Das Ergebnis ist ein Paradox: Das Land, das am dringendsten flexible Abnehmer bräuchte, treibt sie mit seinen Preisen und Regeln außer Landes. Deutschland taucht auf der Mining-Landkarte praktisch nicht auf, obwohl es rechnerisch genau die Mischung aus Überschuss und Flexibilitätsbedarf hätte, die Miner andernorts suchen. Wer verstehen will, was die weltweite Hashrate wirklich antreibt und wohin sie wandert, findet in unserer Analyse der Hashrate-Motoren die Details.

Die grüne Gegenrechnung: Rebound, Wasser und E-Schrott

So überzeugend die Flexibilitätsthese klingt, sie hat gewichtige Gegner, und ihre Einwände gehören in jede ehrliche Bilanz. Der grundsätzlichste ist der Rebound-Effekt. Ein zusätzlicher, dauerhaft zahlungsbereiter Abnehmer erhöht die Gesamtnachfrage nach Strom. Wo dieser Strom knapp ist, kann Mining andere Verbraucher verdrängen oder den Betrieb alter fossiler Kraftwerke verlängern, die sich sonst nicht mehr rechnen würden. Die schöne Geschichte vom Puffer gilt nur dort, wo tatsächlich Überschuss besteht; anderswo kann dieselbe Last das Gegenteil bewirken.

Hinzu kommen Umweltkosten jenseits des CO2. Alex de Vries, Ökonom an der Vrije Universiteit Amsterdam und Betreiber von Digiconomist, verweist seit Jahren auf den Wasserverbrauch der Kühlung und der vorgelagerten Stromerzeugung sowie auf den Elektroschrott: Spezialisierte ASIC-Rechner veralten schnell und landen oft schon nach gut einem Jahr auf dem Müll, was den Sektor auf eine Größenordnung von mehreren zehntausend Tonnen Elektroschrott im Jahr bringt. Diese Kennzahlen sind methodisch umstritten, aber sie erinnern daran, dass eine reine Strommix-Debatte den Fußabdruck verkürzt darstellt.

Auch die vielzitierte Kennzahl „Energie pro Transaktion“ führt in die Irre. Der Stromverbrauch von Bitcoin hängt an der Hashrate und am Blocktakt, nicht an der Zahl der Transaktionen; ob in einem Block eine oder zehntausend Zahlungen stecken, ändert am Verbrauch nichts. Genau deshalb wehrt sich die Ethereum-Stiftung ausdrücklich gegen diese Metrik, während sie an anderer Stelle in die europäische Regulierung eingewandert ist, wie der übernächste Abschnitt zeigt.

Der KI-Faktor: zwei Bieter um denselben sauberen Strom

Die vielleicht größte Veränderung von 2026 kommt nicht aus der Krypto-Welt selbst, sondern von nebenan. Der Hunger der künstlichen Intelligenz nach Rechenzentren verändert den Strommarkt in einem Tempo, das Mining klein aussehen lässt. Nach dem Bericht Energy and AI der Internationalen Energieagentur dürfte der Stromverbrauch der Rechenzentren von rund 485 Terawattstunden 2025 auf etwa 945 Terawattstunden bis 2030 steigen, also ungefähr auf drei Prozent des Weltverbrauchs; der Anteil der KI-lastigen Zentren wächst dabei am schnellsten.

Für den Krypto-Strommix ist das folgenreich, weil KI und Mining zunehmend um dieselben Ressourcen konkurrieren: um billigen, möglichst sauberen Strom und um freie Netzanschlüsse. Anders als Mining ist KI-Rechenlast jedoch kaum flexibel; ein Trainingslauf lässt sich nicht so beiläufig unterbrechen wie ein Hash. In der Praxis bedeutet das oft, dass die begehrten festen Grundlast-Anschlüsse an die KI gehen, während Miner auf die flexiblen, volatileren Reste ausweichen und genau dort ihre Rolle als Puffer ausspielen. Zugleich bauen viele Miner ihr Geschäft direkt zur KI um und vermieten ihre Rechenzentren an Modellbetreiber.

Auch die Krypto-Branche selbst zieht neuen Rechenhunger nach sich, etwa mit dezentralen Netzen für KI-Training, deren Anspruch und Grenzen wir im Beitrag zu Gensyn und dezentralem KI-Training untersucht haben. Für Deutschland verschärft dieser Wettlauf das Dilemma zusätzlich. Jede Kilowattstunde sauberer Strom, die hierzulande knapp und teuer ist, wird von KI-Rechenzentren mit tiefen Taschen umworben; eine flexible Last wie Mining, die sich mit Resten und Überschüssen begnügen könnte, hat es im Bieterwettbewerb noch schwerer. Der Strom, um den in Frankfurt und anderswo gerungen wird, ist derselbe, aus dem anderswo Hashrate wird.

Was MiCA und die BaFin jetzt verlangen

Während die USA ihre Klima-Offenlegungspflichten zurückfahren, hat Europa sie eingeführt. Mit der Delegierten Verordnung (EU) 2025/422, in Kraft seit April 2025, konkretisiert MiCA, welche Nachhaltigkeitsangaben in ein Krypto-Whitepaper gehören. Immer verpflichtend ist der gesamte jährliche Stromverbrauch des Konsensmechanismus; oberhalb einer Schwelle kommen der Anteil erneuerbarer Energie, die Energieintensität je Transaktion und die Treibhausgasemissionen hinzu. Die ESMA verankert die Bewertung in drei Merkmalen der Netzknoten: ihrem Stromverbrauch, ihrem Standort und ihrer Hardware.

Hier trifft die Regulierung auf ein Messproblem. Die Pflicht zur Angabe der Energieintensität je Transaktion übernimmt genau die Kennzahl, die Fachleute für Bitcoin als irreführend kritisieren. Und sie verlangt eine Präzision, die der Sektor mangels vollständiger Daten gar nicht liefern kann: Ein Wert, den drei Institute mit fast Faktor zwei Unterschied schätzen, wird per Formular zur nachkommagenauen Pflichtangabe. Für Proof of Stake ist die Zahl aus dem Protokoll ableitbar und damit belastbar; für Bitcoin bleibt sie eine Umfrageschätzung im Pflichtgewand.

Für deutsche Anleger ist die Zuständigkeit klar geregelt. Die BaFin überwacht die Krypto-Dienstleister, also Börsen und Verwahrer, nach dem MiCAR-Regime, nicht das Bitcoin-Protokoll selbst. Wie diese laufende Aufsicht über die reine Lizenz hinaus funktioniert, haben wir in unserem Beitrag zur MiCA-Umsetzung beschrieben. Dass die USA nach dem Rückzug ihrer Klima-Offenlegung hier einen ganz anderen Weg gehen als Europa, verschärft den Kontrast nur.

Was das für deutsche Anleger und Leser heißt

Wer 2026 eine grüne Zahl über Bitcoin liest, sollte drei Fragen stellen. Erstens: Reden wir über Proof of Work oder Proof of Stake? Bei Staking ist die Energiefrage praktisch beantwortet, bei Bitcoin nicht. Zweitens: Woher stammt die Zahl? Eine Umfrage von Cambridge, ein ökonomisches Modell von Digiconomist und die Pflichtangabe eines Anbieters können denselben Sachverhalt mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen beschreiben. Drittens, und das ist der Kern dieses Textes: In welcher Beziehung steht die Anlage zum Netz?

Denn ein Miner, der gekappte Windkraft, abgefackeltes Gas oder Überschussstrom bei negativen Preisen aufnimmt, betreibt ein anderes Geschäft als einer, der rund um die Uhr am billigsten Kohleblock hängt, auch wenn beide dieselbe Hardware nutzen. Die MiCA-Offenlegung liefert dafür einen ersten Anhaltspunkt, mehr nicht; die eigentliche Auskunft steckt im Standort und im Fahrplan der Anlage. Bei Bitcoin-Kursen im Bereich von mehreren zehntausend Euro ist die Ökonomie des Schürfens hoch genug, dass diese Standortentscheidungen mit echtem Kapital getroffen werden, und sie prägen den Mix stärker als jede Absichtserklärung.

Die nüchterne Bilanz lautet: Der Energiemix von Krypto ist 2026 keine Eigenschaft der Technologie mehr, sondern eine Eigenschaft des Netzes, an dem sie hängt. Er lässt sich verbessern, indem man Mining an Überschuss und gestrandete Energie koppelt, und er lässt sich verschlechtern, indem man es an fossile Grundlast bindet. Deutschland zeigt beide Seiten dieser Wahrheit auf einmal: Es hätte den Überschuss, es hätte den Bedarf an Flexibilität, und es schickt die passende Last trotzdem ins Ausland. Wer über die grüne Zahl streiten will, sollte deshalb beim Netz anfangen, nicht beim Kraftwerk.

Häufige Fragen

Wie viel Strom verbraucht Bitcoin 2026?

Verlässliche Schätzungen liegen weit auseinander. Das Cambridge Centre for Alternative Finance nennt rund 138 Terawattstunden und in einer vorläufigen Aktualisierung rund 190 Terawattstunden, während das Portal Digiconomist mit einem ökonomischen Modell oberhalb von 200 Terawattstunden landet. Ethereum verbraucht nach dem Umstieg auf Proof of Stake dagegen nur noch etwa 0,0026 Terawattstunden.

Ist Bitcoin-Mining gut oder schlecht fürs Stromnetz?

Beides ist möglich. Als abschaltbare Last kann Mining überschüssige Erneuerbare aufnehmen und in Spitzenzeiten vom Netz gehen, was Netzen mit viel Wind und Solar hilft. Dieselbe Flexibilität kann aber auch billigen Kohle- oder Gasstrom auslasten und so fossile Kraftwerke stützen. Ob der Effekt grün ausfällt, hängt vom Standort und von den Anreizen ab, nicht von der Technik allein.

Warum wird in Deutschland trotz Überschussstrom kaum Bitcoin geschürft?

Deutschland regelt zwar viel Windkraft ab und verzeichnet Rekorde bei negativen Strompreisen, doch der Industriestrompreis liegt mit Netzentgelten und Abgaben deutlich über dem Niveau von Texas oder Äthiopien. Es gibt keinen speziellen Tarif für abschaltbare Krypto-Last, dazu kommen politische Vorbehalte und lange Genehmigungswege. Miner gehen deshalb dorthin, wo Strom dauerhaft billig ist.

Verbraucht Ethereum-Staking so viel Energie wie Bitcoin-Mining?

Nein. Seit dem Merge im September 2022 arbeitet Ethereum mit Proof of Stake und verbraucht rund 99,98 Prozent weniger Strom als zuvor, etwa 0,0026 Terawattstunden im Jahr. Ein einzelner Validator kommt mit der Leistung weniger Glühbirnen aus. Die Energiedebatte betrifft im Kern Proof-of-Work-Coins wie Bitcoin, nicht Staking.

Was muss ein Krypto-Anbieter unter MiCA zum Energieverbrauch offenlegen?

Die technischen Standards der EU (Delegierte Verordnung 2025/422) verlangen im Whitepaper Angaben zum Konsensmechanismus und zu Klimafolgen. Immer verpflichtend ist der gesamte jährliche Stromverbrauch; oberhalb einer Schwelle kommen Angaben wie erneuerbarer Anteil, Energieintensität je Transaktion und Treibhausgasemissionen hinzu. In Deutschland überwacht die BaFin die Dienstleister, nicht das Protokoll selbst.

Von Jonas Krüger, HOGE Wire Mining- und Energie-Desk.

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