Howey-Test 2026: Wann Krypto für die SEC ein Wertpapier ist
Die SEC beurteilt Krypto seit Jahrzehnten mit einem Gerichtsurteil von 1946; 2026 hat sie den Howey-Test neu gezogen. Was die Neuvermessung für Token, Börsen und Anleger im DACH-Raum bedeutet.
Wenn US-Aufseher entscheiden mussten, ob ein Krypto-Token unter das amerikanische Wertpapierrecht fällt, griffen sie jahrelang zu einem Urteil aus dem Jahr 1946, das eigentlich von einem Orangenhain in Florida handelt. Dieses Urteil, SEC v. W. J. Howey Co., lieferte den sogenannten Howey-Test, und dieser Test wurde zum wichtigsten Werkzeug, mit dem die Securities and Exchange Commission (SEC) Krypto-Projekte vor Gericht zog. Für Anlegerinnen und Anleger im deutschsprachigen Raum wirkt das zunächst exotisch. Doch die Einordnung entscheidet darüber, welche Token an welchen Börsen gelistet werden, welche Projekte in den USA legal Kapital aufnehmen dürfen und welche Standards am Ende auch auf europäische Handelsplätze zurückwirken.
2026 hat die SEC unter ihrem Vorsitzenden Paul Atkins diesen Test grundlegend neu vermessen. Ein gemeinsames Auslegungspapier mit der Terminmarktaufsicht CFTC zog schärfere Linien darum, wann ein Token ein Wertpapier ist und wann nicht, und schrieb große Teile der bisherigen Enforcement-Logik um. Das geschieht in einem nervösen Marktumfeld: Bitcoin notiert laut CoinGecko bei rund 55.500 Euro und damit fast 48 Prozent unter seinem Rekordhoch, Ethereum bei etwa 1.630 Euro. Dieser Text erklärt, was der Howey-Test ist, wie er auf Krypto angewendet wurde, was sich 2026 geändert hat und warum die europäische Antwort darauf, die MiCA-Verordnung, einem völlig anderen Bauplan folgt.
Was der Howey-Test ist, und warum ein Orangenhain zählt
Die W. J. Howey Company verkaufte in den 1940er-Jahren Parzellen einer Zitrusplantage an Käufer, meist Urlauber aus einem nahen Hotel, und bot ihnen zugleich einen Servicevertrag an. Ein Schwesterunternehmen bewirtschaftete die Bäume, erntete die Früchte und verkaufte sie, die Käufer kassierten einen Anteil am Gewinn. Fast niemand von ihnen hatte je vor, selbst Orangen zu pflücken. Der Oberste Gerichtshof der USA sah darin 1946 kein simples Grundstücksgeschäft, sondern einen Investmentvertrag (investment contract) und damit ein Wertpapier, das eigentlich hätte registriert werden müssen.
Aus diesem Fall destillierten die Richter eine Formel, die bis heute gilt. Ein Investmentvertrag liegt vor, wenn vier Bedingungen zusammenkommen:
- eine Geldanlage (investment of money),
- in einem gemeinsamen Unternehmen (common enterprise),
- mit der begründeten Erwartung von Gewinnen (expectation of profits),
- die im Wesentlichen aus der Arbeit anderer stammen (efforts of others).
Das Elegante und zugleich Gefährliche an dieser Formel ist ihre Offenheit. Sie fragt nicht, wie ein Produkt heißt oder welche Technik dahintersteckt, sondern wie es wirtschaftlich funktioniert und was den Käufern versprochen wurde. Genau deshalb ließ sich der Test Jahrzehnte später auf Dinge anwenden, die es 1946 nicht gab: auf Beteiligungsmodelle, auf Whisky-Fässer und schließlich auf digitale Token, die über eine Blockchain verkauft werden.
Diese Offenheit ist auch der Grund, warum der Test über die Jahrzehnte nie eingefroren wurde. Gerichte haben ihn immer wieder an neue Geschäftsmodelle angelegt und dabei betont, dass es auf die Substanz ankommt, nicht auf die Form. Für Krypto bedeutete das von Anfang an eine unbequeme Lage: Kein Token war allein deshalb sicher, weil er neu, technisch oder dezentral war. Entscheidend blieb, ob jemand Geld in ein Projekt steckte und dabei auf den Arbeitseinsatz anderer für seinen Gewinn vertraute.
Die vier Kriterien, auf Krypto übersetzt
Auf einen klassischen Token-Verkauf, wie ihn die Boom-Jahre 2017 und 2018 in Serie sahen, passt der Test fast lehrbuchhaft. Käufer überweisen Geld, häufig Bitcoin oder Ether, das ist die Geldanlage. Sie tun das in ein gemeinsames Projekt, dessen Erfolg von der Kasse und der Roadmap eines zentralen Teams abhängt, das ist das gemeinsame Unternehmen. Sie erwarten, dass der Token an Wert gewinnt, das ist die Gewinnerwartung. Und dieser Wertzuwachs soll aus der Arbeit der Gründer entstehen, die das Netzwerk bauen, vermarkten und an Börsen bringen, das ist der Beitrag anderer.
Zwei der vier Prüfsteine sind besonders umstritten. Erstens das gemeinsame Unternehmen: Wer einen Token Jahre nach dem Start anonym an einer Börse kauft, hat mit dem ursprünglichen Emittenten oft nichts mehr zu tun, was die Frage aufwirft, ob im Sekundärmarkt überhaupt noch ein Investmentvertrag vorliegt. Zweitens die Arbeit anderer: Bei stark dezentralisierten Netzwerken wie Bitcoin gibt es kein Team, dessen Anstrengungen den Kurs treiben, weshalb Bitcoin nach breiter Auffassung nie ein Wertpapier war. Genau an diesen beiden Stellen setzte die Neuvermessung von 2026 an, dazu später mehr.
Wichtig ist, was der Test nicht prüft. Er kümmert sich nicht darum, ob eine Blockchain technisch dezentral ist, ob ein Token einen Nutzen im Netzwerk hat oder ob das Whitepaper das Wort „Utility“ verwendet. Er schaut auf die wirtschaftliche Realität und auf die Versprechen, die beim Verkauf gemacht wurden. Ein Projekt konnte sich also nicht dadurch aus der Wertpapierpflicht schreiben, dass es seinen Token einfach als Gebrauchsgegenstand bezeichnete.
Wie Howey zum Hebel der SEC gegen Krypto wurde
Unter dem früheren Vorsitzenden Gary Gensler, der die SEC von 2021 bis Anfang 2025 führte, wurde der Howey-Test zur zentralen Rechtsgrundlage einer Kampagne gegen die Branche. Die Behörde argumentierte, die meisten Token seien unregistrierte Wertpapiere, und die Plattformen, die sie handelten, agierten damit als nicht zugelassene Börsen, Broker und Clearingstellen. Kritiker nannten das „regulation by enforcement“: Regeln würden nicht in einem offenen Verfahren geschrieben, sondern nachträglich per Klage durchgesetzt, sodass Unternehmen erst vor Gericht erfuhren, woran sie waren. Wie sich dieser Kurs von der Anklagebehörde zum Regelschreiber wandelte, zeichnet unsere Analyse SEC-Enforcement 2026: Vom Krypto-Kreuzzug zum Regelwerk im Detail nach.
Wie hart dieser Kurs war, zeigen die Zahlen. Nach einer Auswertung der Beratungsfirma Cornerstone Research verzeichnete die SEC unter Gensler weit über hundert krypto-bezogene Verfahren und Strafen in Milliardenhöhe, ein Vielfaches der Jahre davor. Im ersten vollen Jahr der neuen Kommission brach die Zahl der Krypto-Verfahren dann um rund 60 Prozent ein, und die wenigen verbliebenen Fälle drehten sich fast ausschließlich um Betrug, nicht mehr um fehlende Registrierung.
Die Logik hatte einen Effekt, der weit über die USA hinausreichte. Weil viele große Börsen und Emittenten amerikanische Nutzer bedienen, richteten sich Projekte weltweit nach der SEC-Linie, verzögerten Token-Verkäufe, sperrten US-Adressen aus oder verlegten ihren Sitz. Der Howey-Test aus dem Jahr 1946 wurde so, ganz ohne neues Gesetz, zu einem globalen Filter dafür, welche Krypto-Produkte überhaupt an den Markt kamen.
Doch der Ansatz stieß an Grenzen. Ein offener, aus der Rechtsprechung gewonnener Test taugt schlecht als klare Vorschrift, und die Gerichte kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Genau diese Widersprüche zeigten sich in den großen Prozessen der Jahre 2020 bis 2024.
Kik und Telegram, die ersten Grundsatzurteile
Die erste Welle traf zwei prominente Projekte aus der ICO-Ära. Das Messaging-Unternehmen Kik hatte 2017 rund 100 Millionen US-Dollar mit seinem Token Kin eingesammelt. Ein Bundesgericht in New York gab der SEC im September 2020 recht: Der Verkauf sei ein Investmentvertrag gewesen, Kik habe die Käufer mit Aussichten auf Wertsteigerung geködert und dafür auf die eigene Aufbauarbeit verwiesen. Kik willigte anschließend in eine Strafe von 5 Millionen US-Dollar ein, wie die SEC mitteilte.
Noch teurer wurde es für Telegram. Der Messenger hatte 2018 etwa 1,7 Milliarden US-Dollar von 171 Investoren für sein geplantes Netzwerk TON und den Token Gram eingeworben. Auch hier stellte sich das Gericht Anfang 2020 hinter die Aufsicht. Telegram musste die Ausgabe der Token stoppen, mehr als 1,2 Milliarden US-Dollar an Anleger zurückzahlen und eine Strafe von 18,5 Millionen US-Dollar zahlen, so die SEC. Beide Fälle festigten die Lesart, dass ein öffentlicher Token-Verkauf mit Gewinnversprechen sehr wahrscheinlich ein Wertpapiergeschäft ist.
Diese frühen Urteile waren relativ eindeutig, weil die Token noch gar nicht existierten oder frisch verkauft wurden, der Bezug zwischen Emittent und Käufer also eng war. Schwieriger wurde es, als Gerichte über Token urteilen mussten, die längst an Börsen gehandelt wurden und ein Eigenleben entwickelt hatten. Genau hier begann die Rechtsprechung auseinanderzulaufen.
Der Ripple-Split, und wie Terraform ihm widersprach
Der wohl folgenreichste Krypto-Prozess war SEC v. Ripple Labs. Im Juli 2023 traf Bundesrichterin Analisa Torres in New York eine Unterscheidung, die die Branche elektrisierte. Ripples direkte Verkäufe des Tokens XRP an institutionelle Käufer im Volumen von rund 729 Millionen US-Dollar wertete sie als unregistrierte Wertpapierverkäufe, weil diese Käufer auf Ripples Aufbauarbeit setzten. Die sogenannten programmatischen Verkäufe über anonyme Börsen, gut 757 Millionen US-Dollar, sah sie dagegen nicht als Wertpapiergeschäfte, weil die Käufer am Bildschirm gar nicht wussten, dass sie von Ripple kauften, wie die Kanzlei Holland & Knight analysierte.
Dieser „Ripple-Split“ bedeutete, dass ein und derselbe Token je nach Vertriebsweg mal ein Wertpapier war und mal nicht. Am Ende blieb es bei einer Strafe von gut 125 Millionen US-Dollar für die institutionellen Verkäufe; im August 2025 zogen beide Seiten ihre Berufungen zurück und beendeten den Streit endgültig, wie PYMNTS berichtete.
Die Wirkung reichte weit über XRP hinaus. Der Teil des Urteils, wonach anonyme Börsenkäufe kein Wertpapiergeschäft sind, wurde in der Branche als Blaupause gefeiert und von zahlreichen Projekten als Argument benutzt, ihre eigenen Token seien im Sekundärhandel unbedenklich. Zugleich blieb die Unsicherheit, weil andere Richter sich an diese Lesart nicht gebunden fühlten. Genau diese Halbklarheit prägte den Markt bis zur Neuvermessung von 2026.
Nur wenige Kilometer entfernt, am selben Gericht, kam ein anderer Richter zum Gegenteil. Im Verfahren gegen Terraform Labs, den Emittenten des im Mai 2022 kollabierten Stablecoins TerraUSD, lehnte Richter Jed Rakoff die Ripple-Unterscheidung ausdrücklich ab. Howey, so seine Begründung, kenne keinen Unterschied danach, ob ein Käufer raffiniert oder anonym sei. Eine Jury sprach Terraform und Gründer Do Kwon im April 2024 des Betrugs schuldig; am Ende stand ein Vergleich über rund 4,47 Milliarden US-Dollar, so die SEC. Was passiert, wenn eine solche Summe fällig wird, und wohin das Geld überhaupt fließt, erläutert unsere Anatomie einer SEC-Krypto-Strafe.
Für den Markt war die Botschaft verheerend: Zwei Richter desselben Bezirks legten denselben Test an und kamen zu unvereinbaren Ergebnissen. Klarer konnte kaum werden, dass ein aus Orangenhainen gewonnener Maßstab die Frage „Ist dieser Token ein Wertpapier?“ nicht verlässlich beantwortet.
| Fall | Jahr | Ergebnis unter Howey | Folge (US-Dollar) |
|---|---|---|---|
| SEC v. Kik | 2020 | Kin-Verkauf war Investmentvertrag | 5 Mio. Strafe |
| SEC v. Telegram | 2020 | Gram-Verkauf war Investmentvertrag | >1,2 Mrd. Rückzahlung + 18,5 Mio. |
| SEC v. Ripple | 2023 | institutionell ja, programmatisch nein | 125 Mio. Strafe |
| SEC v. Terraform | 2024 | Split abgelehnt, Betrug bejaht | rund 4,47 Mrd. Vergleich |
| SEC v. Coinbase | 2024/25 | Klage 2025 fallengelassen | keine |
Coinbase, Kraken und der große Rückzug von 2025
Die dritte Welle bildeten die Verfahren gegen die großen Handelsplätze. Im Fall gegen Coinbase erlaubte Richterin Katherine Polk Failla der SEC im März 2024 zunächst, weiter zu klagen: Sie ließ den Vorwurf zu, die Börse habe mit nicht registrierten Wertpapieren gehandelt, und stufte auch das Staking-Programm vorläufig als möglichen Investmentvertrag ein, wies aber den Vorwurf zurück, die Wallet-Software sei ein Broker, wie CoinDesk zusammenfasste. Für die Aufsicht sah das nach Rückenwind aus.
Dann kam der politische Wechsel. Nach dem Amtsantritt der neuen Kommission stellte die SEC im Februar 2025 das Coinbase-Verfahren ein, wie die Behörde selbst mitteilte. Coinbase-Chefjurist Paul Grewal, der den Rechtsstreit über Jahre geführt hatte, schrieb, das Unternehmen habe stets die Auffassung vertreten, der Fall hätte nie eingereicht werden dürfen, und die Einigung bestätige genau das (Coinbase-Blog).
Coinbase war kein Einzelfall. Die Verfahren gegen Kraken, gegen den Ethereum-Dienstleister ConsenSys und gegen das Handelshaus Cumberland DRW wurden im März 2025 allesamt mit Präjudizwirkung eingestellt, also endgültig, wie Decrypt berichtete; die Klage gegen Binance folgte im Mai 2025, so CNBC. Dazu kamen zahlreiche eingestellte Ermittlungen ohne Anklage, darunter gegen Robinhood, Uniswap Labs und OpenSea. Der Howey-Test war damit nicht abgeschafft, aber die Behörde hörte auf, ihn als Universalwaffe gegen Registrierungsverstöße einzusetzen.
Die Wende 2026, das gemeinsame SEC-CFTC-Papier zu Howey
Statt weiter zu klagen, versuchte die SEC unter Paul Atkins, den Test selbst zu präzisieren. Im März 2026 veröffentlichten die SEC und die Terminmarktaufsicht CFTC ein gemeinsames Auslegungspapier (interpretive release 33-11412), das erklärt, wie das Wertpapierrecht auf Krypto-Assets anzuwenden ist. Die Kernbotschaft der begleitenden Mitteilung: Die meisten Krypto-Assets sind für sich genommen keine Wertpapiere. Atkins begründete das mit dem Selbstverständnis der Behörde; genau das sei die Aufgabe von Aufsichtsbehörden, klare Linien in klaren Worten zu ziehen.
Inhaltlich zog das Papier den Howey-Test enger. Es betonte, dass ein gemeinsames Unternehmen ein zwingendes Element sei, was es schwerer macht, reine Sekundärmarkt-Käufe als Wertpapiergeschäfte einzustufen. Es band die Gewinnerwartung an konkrete Versprechen des Emittenten: Nur ausdrückliche, unmissverständliche Zusagen mit Meilensteinen und Zeitplänen begründen laut der Analyse der Kanzlei WilmerHale eine begründete Gewinnerwartung, vage Ankündigungen dagegen nicht. Aussagen Dritter zählen nur, wenn der Emittent sie autorisiert hat, und nachträgliche Versprechen können ein Nicht-Wertpapier nicht in ein Wertpapier verwandeln.
Praktisch entlastet die Betonung des gemeinsamen Unternehmens vor allem den Sekundärmarkt. Wer einen Token an einer Börse kauft, ohne je mit dem Emittenten in Kontakt zu treten, schließt nach dieser Lesart kaum einen Investmentvertrag. Das trifft den Kern der alten SEC-Theorie, wonach schon der bloße Handel eines Tokens ein Wertpapiergeschäft sein konnte, und nimmt den Börsen einen Großteil des rechtlichen Drucks, unter dem sie jahrelang standen.
Das ist eine bemerkenswerte Umkehr. Wo die Behörde früher aus dem bloßen Vorhandensein eines aktiven Teams auf ein Wertpapier schloss, verlangt sie nun einen viel engeren Nachweis konkreter, vom Emittenten selbst gemachter Zusagen. Für viele Token, die längst dezentral laufen und deren Gründer keine Renditeversprechen mehr abgeben, verschiebt das die Einordnung deutlich in Richtung „kein Wertpapier“.
Das Fünf-Kategorien-Raster der SEC
Das Papier sortiert Krypto-Assets in fünf Klassen, von denen drei per Definition keine Wertpapiere sind. Diese Systematik ist der praktische Kern der Neuvermessung, weil sie Projekten erstmals ein grobes Raster an die Hand gibt.
| Kategorie | Beispiele | Wertpapier? |
|---|---|---|
| Digitale Rohstoffe (digital commodities) | Bitcoin, Ether, Solana, XRP, Cardano | nein, Wert aus dem Netzwerkbetrieb |
| Digitale Sammlerstücke | NFTs, Kunst- und Kultur-Token | in der Regel nein |
| Digitale Werkzeuge | nicht handelbare Zugangs- und Nachweis-Token | nein |
| Stablecoins | Zahlungs-Stablecoins | je nach Ausgestaltung, meist nein |
| Digitale Wertpapiere | tokenisierte Aktien und Anleihen | ja |
Für Zahlungs-Stablecoins zieht das Raster eine eigene Spur, die eng mit dem 2025 verabschiedeten US-Stablecoin-Gesetz (GENIUS Act) verzahnt ist; wie sich das zu den europäischen Regeln verhält, ordnet unser Beitrag Stablecoin-Regeln 2026: MiCA, GENIUS Act und die neue Kluft ein. Dass Bitcoin und Ether als digitale Rohstoffe gelten, ist zugleich die juristische Grundlage dafür, dass börsengehandelte Krypto-Produkte in den USA überhaupt zulassungsfähig wurden, ein Thema, das wir in Krypto-ETF-Zulassungen 2026 vertiefen.
Was das für Gaming- und Web3-Token heißt
Für die Gaming-Ecke der Krypto-Welt ist die Systematik besonders relevant, weil viele Spiele-Token und NFTs weder klassische Investments noch reine Zahlungsmittel sind. Ein Sammel-NFT, das vor allem künstlerischen oder kulturellen Wert hat, fällt nach dem Raster in der Regel unter die digitalen Sammlerstücke und ist damit kein Wertpapier. Ein nicht handelbarer Zugangs-Token, der einen Spielmodus oder eine Community-Mitgliedschaft freischaltet, ähnelt eher einem digitalen Werkzeug. In beiden Fällen kommt es auf die Ausgestaltung an: Wird ein NFT fraktioniert und mit dem Versprechen laufender Erträge aus der Arbeit eines Teams verkauft, kann es sehr wohl zum Investmentvertrag werden.
Für Studios und Web3-Projekte heißt das vor allem eines: Die Sprache im Marketing entscheidet mit. Wer einen In-Game-Token als Beteiligung an künftigen Gewinnen oder als sichere Kurschance bewirbt, rückt ihn in Richtung Wertpapier; wer ihn als reines Nutzungsrecht im Spiel positioniert und keine Renditeversprechen macht, bleibt eher außerhalb. In Europa ist die Frage anders gelagert, aber nicht kleiner: Auch unter MiCA müssen Emittenten prüfen, ob ihr Token ein Utility-Token, ein E-Geld-Token oder doch ein Finanzinstrument ist, und daran hängen Whitepaper-, Zulassungs- und Marketingpflichten. Die Grundregel gleicht sich auf beiden Seiten des Atlantiks: Was ein Team verspricht, wiegt schwerer als das Etikett auf dem Token.
Separation, Mining, Staking und Airdrops
Die vielleicht wichtigste Neuerung ist ein Konzept, das die SEC „Separation“ nennt. Selbst wenn ein Token ursprünglich im Rahmen eines Investmentvertrags verkauft wurde, kann er sich von diesem Vertrag lösen, sobald die Versprechen des Emittenten erfüllt oder aufgegeben sind. Danach ist der Token selbst kein Wertpapier mehr, auch wenn der Emittent für unerfüllte Zusagen weiter haftet. Damit erhält die alte Frage „einmal Wertpapier, immer Wertpapier?“ erstmals eine offizielle Antwort: nein.
Ähnlich klar fällt die Behandlung typischer Netzwerkaktivitäten aus, wie die erwähnte WilmerHale-Analyse und frühere SEC-Erklärungen zeigen. Mining gilt als administrative Tätigkeit, für die es eine Vergütung gibt, keinen Gewinnanteil, und ist deshalb in der Regel kein Wertpapiergeschäft. Auch Staking wird nicht zum Wertpapier, solange Teilnehmer nur die vom Protokoll vorgesehenen Funktionen ausüben und niemand eine Rendite nach eigenem Ermessen aufhübscht. Wie stark Emission und Miner Extractable Value (MEV) diese Rendite prägen, zeigt unsere Analyse der Validator-Ökonomie.
Kommissarin Hester Peirce, die die Krypto-Arbeitsgruppe der SEC leitet, hatte diese Linie schon 2025 auf eine griffige Formel gebracht: Wer einem Netzwerk Sicherheit bereitstellt, betreibe deshalb noch lange kein Wertpapiergeschäft, so der Titel ihrer Erklärung „Providing Security is not a Security“. Airdrops schließlich sind nur dann Wertpapiere, wenn ihnen eine echte Gegenleistung zugrunde liegt; wer Token gratis und ohne Bedingung verteilt, löst keine Registrierungspflicht aus.
Project Crypto und die drei Safe Harbors
Das Auslegungspapier ist Teil einer größeren Agenda namens Project Crypto, die Atkins im Sommer 2025 vorstellte. Ihr Ziel ist es, Token-Emittenten legale Wege zur Kapitalaufnahme zu öffnen, statt sie in die Grauzone zu drängen. Drei Bausteine skizzierte Atkins in seiner Rede zum Token-Safe-Harbor:
- eine Startup-Ausnahme, die es erlaubt, über einen begrenzten Zeitraum bis zu 5 Millionen US-Dollar mit vereinfachter Offenlegung einzusammeln,
- eine Finanzierungs-Ausnahme für größere Runden von bis zu 75 Millionen US-Dollar über qualifizierte Krypto-Investmentverträge,
- einen Safe Harbor für den Investmentvertrag selbst, der Projekten Rechtssicherheit gibt, solange sie festgelegte Offenlegungspflichten erfüllen.
Noch ist das kein geltendes Recht. Der eigentliche Regelentwurf, intern „Regulation Crypto“ genannt, liegt zur Prüfung im Weißen Haus, der letzten Station vor der Veröffentlichung. Das ursprünglich für Juli 2026 gesetzte Ziel für den formellen Entwurf verstrich, und mit einer endgültigen Verabschiedung rechnet kaum jemand vor 2027. Bis dahin bleibt das Auslegungspapier von 2026 die maßgebliche Richtschnur, mit dem bekannten Vorbehalt, dass Erklärungen der Behörde jederzeit zurückgenommen werden können und kein Gericht an sie gebunden ist.
Howey gegen MiCA, zwei Systeme der Einordnung
Für Leserinnen und Leser im deutschsprachigen Raum ist der entscheidende Punkt, dass Europa das Problem völlig anders löst. Die USA arbeiten mit einem richterrechtlichen Test von 1946, der von Fall zu Fall angewendet und über Klagen durchgesetzt wird. Die EU hat mit der Verordnung über Märkte für Krypto-Werte (MiCA) stattdessen ein Gesetz geschrieben, das Kategorien vorab definiert. MiCA kennt drei Klassen: wertreferenzierte Token (ART), E-Geld-Token (EMT) und die große Restklasse der sonstigen Krypto-Werte, zu der etwa Utility-Token zählen.
Wichtig ist die Reihenfolge der Prüfung. MiCA ist ein Auffangregime: Es greift nur, wenn ein Krypto-Wert nicht ohnehin schon ein Finanzinstrument im Sinne der Wertpapier-Richtlinie MiFID II ist. Wo diese Grenze verläuft, hat die europäische Wertpapieraufsicht ESMA in Leitlinien vom März 2025 präzisiert. Token, die Aktien oder Anleihen ähneln, fallen unter MiFID II und damit unter die klassische Finanzaufsicht; Krypto-Derivate wie unbefristete Futures sind ohnehin Finanzinstrumente und werden von der nationalen Marktaufsicht beaufsichtigt, in Deutschland von der BaFin.
| Dimension | USA (Howey / SEC) | EU (MiCA / MiFID II) |
|---|---|---|
| Rechtsquelle | Gerichtsurteil von 1946 | Verordnung von 2023, seit 2024/25 in Kraft |
| Methode | offener Test, Fall für Fall | feste Kategorien vorab |
| Durchsetzung | historisch über Klagen | Zulassung und Aufsicht von CASPs |
| Aufsicht | SEC (Wertpapiere), CFTC (Rohstoffe) | BaFin und nationale Behörden, ESMA |
| Reguliert wird | das Wertpapiergeschäft | Dienstleister und Emittenten, nicht das Protokoll |
Der praktische Unterschied ist groß. In Europa reguliert MiCA nicht den Token oder das Protokoll selbst, sondern die Dienstleister (CASPs) und Emittenten, wie die BaFin in ihrem Merkblatt zu Kryptowerte-Dienstleistungen klarstellt. Ein Projekt muss also nicht bangen, ob ein Jahrzehnte alter Test seinen Token trifft, sondern prüfen, in welche der klaren MiCA-Kategorien er fällt und welche Pflichten daran hängen.
Was das für Anleger im DACH-Raum bedeutet
Auch wer ausschließlich über regulierte europäische Plattformen handelt, spürt die amerikanische Neuvermessung. Erstens listen viele Börsen weltweit Token erst dann, wenn deren US-Status halbwegs geklärt ist; die neue SEC-Linie macht Listings für zuvor riskante Token wahrscheinlicher. Zweitens folgen Kursbewegungen dem Nachrichtenfluss aus Washington, weil ein positiver Bescheid für einen Token dessen Handelbarkeit im größten Kapitalmarkt der Welt verbessert.
Zugleich sollten Anlegerinnen und Anleger den Status nicht mit einem Gütesiegel verwechseln. Dass ein Token nach dem Auslegungspapier kein Wertpapier ist, sagt nichts über sein wirtschaftliches Risiko, seine Liquidität oder die Seriosität des Teams. Die SEC betont selbst, dass Betrug Betrug bleibt: Die Behörde hat ihre Betrugsverfolgung nicht zurückgefahren, sondern nur die Registrierungstheorie. In Europa wiederum schützt MiCA vor allem durch Transparenz- und Zulassungspflichten der Anbieter, nicht durch eine Garantie gegen Verluste.
Praktisch heißt das: Für in Deutschland, Österreich oder der Schweiz ansässige Nutzer bleibt der maßgebliche Rahmen MiCA und, bei Derivaten, MiFID II unter Aufsicht der BaFin. Die US-Einordnung ist relevant für die Frage, welche Produkte überhaupt entstehen und gehandelt werden, nicht dafür, welche Schutzrechte Anleger im Streitfall haben. Die deutsche Übergangsfrist für Krypto-Dienstleister endete am 1. Juli 2026, seither gilt MiCA vollständig.
Ein konkretes Beispiel macht das greifbar: Ein Token, gegen dessen Emittenten die SEC früher ermittelt hätte, kann nach der neuen Linie an US-Handelsplätzen bleiben und wird dadurch auch für europäische Market Maker attraktiver, was Liquidität und Handelsspannen verbessert. Umgekehrt würde ein Kurswechsel in Washington, etwa nach dem Abgang prägender Köpfe, alte Risiken wiederbeleben. Wer im DACH-Raum langfristig plant, sollte die US-Klassifizierung deshalb als beweglichen Faktor behandeln, nicht als abgeschlossene Tatsache.
Was noch offen ist: CLARITY Act, Gerichte und Personal
Die größte Unsicherheit ist, wie dauerhaft die neue Linie ist. Ein Auslegungspapier ist keine gesetzliche Regel und lässt sich von einer künftigen Kommission wieder kassieren. Endgültige Rechtssicherheit brächte erst ein Gesetz, und genau das steckt fest. Der CLARITY Act, der die Zuständigkeiten von SEC und CFTC für Krypto neu ordnen soll, kam vor der Sommerpause nicht mehr zur Abstimmung. Der Senat kehrt am 14. September 2026 zurück, ein erster Verfahrensschritt ist eingeleitet, doch strittig bleiben Fragen zu Ethikregeln, zum Schutz von Entwicklern und zu Erträgen auf Stablecoins, wie CoinDesk berichtet; für ein Ja braucht es 60 Stimmen und damit die Zustimmung mehrerer Demokraten (CoinDesk).
Auch die Gerichte sind nicht gebunden. Der Terraform-Fall hat gezeigt, dass ein Richter die weiche Linie der Behörde ignorieren kann, wenn er den Howey-Test anders liest. Hinzu kommt eine Grundsatzentscheidung des Obersten Gerichtshofs von 2024, SEC v. Jarkesy, die der Behörde bei Betrugsvorwürfen mit Geldstrafen ein Geschworenenverfahren vorschreibt und damit viele Streitfälle aus den internen Verfahren der SEC vor ordentliche Gerichte zwingt, wie das Harvard Law School Forum darlegt. Enforcement bleibt möglich, wird aber langsamer und teurer. Und die Kritik aus der Behörde selbst ist auf dem Papier. Die frühere Kommissarin Caroline Crenshaw warf der Mehrheit vor, sie wische ein über nahezu 80 Jahre gewachsenes Fundament der Rechtsprechung leichtfertig beiseite, so ihre Rede Crypto 2.0: Regulatory Whiplash. Personell verliert die Krypto-Arbeitsgruppe zudem ihre prägende Figur: Hester Peirce will die Kommission im November 2026 verlassen, wie crypto.news meldete.
Für die kommenden Monate heißt das: Der Howey-Test ist nicht verschwunden, aber entschärft. Ob aus der behördlichen Auslegung dauerhaftes Recht wird, entscheidet sich in Washington, an den Gerichten und mit dem Personal, das nach Peirces Abgang die Linie hält oder ändert. Europäische Anleger beobachten das aus der vergleichsweise ruhigen Position eines Systems, das seine Kategorien bereits gesetzlich festgeschrieben hat.
Frequently Asked Questions
Was ist der Howey-Test einfach erklärt?
Der Howey-Test stammt aus einem US-Urteil von 1946 und prüft, ob ein Geschäft ein Investmentvertrag und damit ein Wertpapier ist. Das ist der Fall, wenn Geld in ein gemeinsames Unternehmen fließt, mit der Erwartung von Gewinnen, die im Wesentlichen aus der Arbeit anderer stammen. Auf Krypto angewendet fragt er, ob Käufer eines Tokens auf die Aufbauarbeit eines zentralen Teams setzen.
Ist Bitcoin ein Wertpapier nach dem Howey-Test?
Nein. Bitcoin gilt nach breiter Auffassung nicht als Wertpapier, weil es kein zentrales Team gibt, dessen Arbeit den Kurs treibt. Das SEC-Auslegungspapier von 2026 führt Bitcoin ausdrücklich als digitalen Rohstoff, dessen Wert aus dem Netzwerkbetrieb sowie aus Angebot und Nachfrage entsteht, nicht aus Renditeversprechen eines Emittenten.
Was hat die SEC 2026 am Howey-Test geändert?
Die SEC hat den Test nicht abgeschafft, aber enger gefasst. Ein gemeinsames Unternehmen ist nun zwingendes Element, die Gewinnerwartung muss auf konkreten Versprechen des Emittenten beruhen, und ein Token kann sich über das Separation-Konzept vom ursprünglichen Investmentvertrag lösen. Zudem sortiert ein Fünf-Kategorien-Raster viele Token ausdrücklich als Nicht-Wertpapiere ein.
Wie unterscheidet sich MiCA vom Howey-Test?
Der Howey-Test ist ein offener, richterrechtlicher Maßstab, der von Fall zu Fall angewendet wird. MiCA ist dagegen ein europäisches Gesetz, das Krypto-Werte vorab in feste Kategorien einteilt und vor allem die Dienstleister und Emittenten reguliert, nicht das Protokoll selbst. Finanzinstrumente wie tokenisierte Aktien oder Derivate fallen weiter unter MiFID II.
Gilt der Howey-Test auch für Anleger in Deutschland?
Direkt nicht. Für Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind MiCA und, bei Derivaten, MiFID II unter Aufsicht der BaFin maßgeblich. Die US-Einordnung wirkt aber indirekt, weil sie beeinflusst, welche Token global gelistet und gehandelt werden. Ein Token ohne US-Wertpapierstatus ist deshalb kein Qualitätssiegel und sagt nichts über sein Risiko aus.
Von Anneke de Vries, Regulierungsredaktion HOGE Wire.