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● Mining & Staking

Marathon gegen Riot: zwei Wege vom Mining in die KI

MARA und Riot waren einst reine Bitcoin-Miner. 2026 trennen sich ihre Wege: Riot wird zum Vermieter der KI, MARA setzt auf eigene Inferenz und den größten Bitcoin-Schatz der Branche.

Jahrelang standen zwei Namen an der Spitze jeder Liste börsennotierter Bitcoin-Miner: Marathon, seit dem Rebranding 2024 als MARA Holdings firmierend, und Riot Platforms, das aus Riot Blockchain hervorging. Beide begannen als reine Rechenfabriken, die Strom in SHA-256-Hashes und Hashes in Bitcoin verwandelten. Ende September 2026 steuern sie in entgegengesetzte Richtungen, und die Börse bewertet diese Richtungen sehr unterschiedlich.

Die Pointe steckt in den Marktkapitalisierungen. MARA fördert mehr Bitcoin, betreibt die größere Hashrate und sitzt auf dem mit Abstand größten Bitcoin-Bestand seiner Vergleichsgruppe. Trotzdem ist Riot an der Börse rund 6,67 Mrd. Euro wert (7,56 Mrd. USD), fast drei Viertel mehr als MARA mit rund 3,85 Mrd. Euro (4,37 Mrd. USD), wie die Börsendaten zum Quartalsende zeigen. Der Grund lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Künstliche Intelligenz.

Dieser Vergleich nimmt die beiden Schwergewichte entlang der Linien auseinander, die 2026 wirklich zählen: die Quartalszahlen, die zwei gegensätzlichen KI-Strategien, den Bitcoin-Schatz als Waffe und als Ballast, die Frage nach der Netzwerksicherheit und schließlich das, was der Umbau für Anlegerinnen und Anleger im deutschsprachigen Raum bedeutet.

Zwei Miner, zwei Strategien: warum der Vergleich 2026 zählt

Bis vor Kurzem war die Rangliste der Miner simpel: Wer die meiste Hashrate installierte und die günstigsten Maschinen betrieb, gewann. 2026 gilt diese Logik nicht mehr. Der eigentlich knappe Rohstoff ist nicht der ASIC, sondern der genehmigte, ans Netz angeschlossene Strom. Genau darüber verfügen die großen Miner in Gigawatt-Größe, und genau das brauchen die KI-Labore der Welt so schnell wie möglich.

Aus dieser Erkenntnis sind zwei Geschäftsmodelle entstanden. Riot verwandelt seine Stromkapazität in einen Mietvertrag: Der Konzern baut Rechenzentren und vermietet sie langfristig an KI-Kunden, ähnlich einem Betreiber von Gewerbeimmobilien. MARA geht den umgekehrten Weg und will die Rechenleistung selbst besitzen und betreiben, von der Bitcoin-Farm über die KI-Inferenz bis zur eigenen Stromerzeugung. Beide wetten auf dieselbe Knappheit, monetarisieren sie aber gegensätzlich.

Der Analystenspruch der Saison lautet „Follow the gigawatts”, und er beschreibt exakt diesen Wettlauf. Wer Strom hat, hält 2026 die Trümpfe. Die einzige Frage ist, ob man sie als Vermieter oder als Betreiber ausspielt. MARA und Riot geben darauf zwei entgegengesetzte Antworten, und beide sind vertretbar.

Die Ausgangslage: wer ist MARA, wer ist Riot?

MARA Holdings, geführt von Chairman und CEO Fred Thiel, hieß bis 2024 Marathon Digital Holdings; viele Marktteilnehmer sagen bis heute schlicht „Marathon”. Der Konzern ist der größte börsennotierte Bitcoin-Produzent gemessen an der Hashrate und meldete für das zweite Quartal 2026 eine energisierte Rechenleistung von 70,3 Exahash pro Sekunde, ein Plus von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. MARA ist zudem vertikal integriert: Das Unternehmen investiert in eigene Stromerzeugung, Immersionskühlung und seit Anfang 2026 in KI-Infrastruktur.

Riot Platforms, geführt von CEO Jason Les und Executive Chairman Benjamin Yi, entstand aus Riot Blockchain. Der Konzern betreibt zwei große Standorte in Texas, Rockdale und Corsicana, dazu eine Anlage in Kentucky, und verfügt über rund 1,7 Gigawatt genehmigte Stromkapazität. Im zweiten Quartal 2026 lag Riots eingesetzte Hashrate bei 44,4 EH/s, was etwa 4,6 Prozent des globalen Netzwerks entsprach. Riot baut sein Geschäft konsequent zum Rechenzentrums-Vermieter um.

Beide Titel sind an der Nasdaq notiert und lassen sich auch über deutsche Handelsplätze wie Frankfurt oder Tradegate handeln; MARA taucht dort unter dem Kürzel M44 auf. Das klingt zunächst nach zwei ähnlichen Firmen mit ähnlichem Geschäft. Ihre jüngsten Quartalszahlen zeigen jedoch, wie weit sie sich bereits auseinanderentwickelt haben.

Das Quartal der roten Zahlen: Q2 2026 im direkten Vergleich

Das zweite Quartal 2026 war für die gesamte Branche hart. Bitcoin fiel bis zum 30. Juni auf einen Schlusskurs von 58.527 US-Dollar (gut 51.000 Euro), weit entfernt von den späteren Höchstständen. Beide Konzerne schrieben rote Zahlen, aber aus sehr unterschiedlichen Gründen.

MARA meldete einen Umsatz von rund 154 Mio. Euro (174,9 Mio. USD), ein Minus von 27 Prozent, und einen Nettoverlust von rund 539 Mio. Euro (611,3 Mio. USD). Davon entfielen rund 303 Mio. Euro (343 Mio. USD) auf eine nicht zahlungswirksame Neubewertung des Bitcoin-Bestands, also einen reinen Buchverlust aus dem gefallenen Kurs, wie eine Analyse der Zahlen zeigt. Das bereinigte EBITDA rutschte auf minus 318 Mio. Euro.

Riot kam auf einen fast identischen Umsatz von rund 154 Mio. Euro (174,2 Mio. USD), allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen bei der Entwicklung: Die Erlöse stiegen gegenüber dem Vorjahr, während der Nettoverlust mit rund 209 Mio. Euro (237,2 Mio. USD) deutlich kleiner ausfiel als bei MARA, wie der Quartalsbericht ausweist. Der Grund ist aufschlussreich: Riots Mining-Umsatz sank zwar um 19 Prozent auf rund 100 Mio. Euro, doch das Data-Center-Segment (rund 20 Mio. Euro) und vor allem das Ingenieursgeschäft (rund 33 Mio. Euro, mehr als das Dreifache des Vorjahres) hielten den Gesamtumsatz oben.

Die zentrale Lehre aus der folgenden Tabelle: Zwei nahezu gleiche Umsatzzahlen entstehen auf entgegengesetzten Wegen. Riots Diversifikation stützt bereits die Erlösseite, während MARAs mininglastiges Modell mit dem Bitcoin-Preis schrumpft. Und MARAs viel größerer Verlust ist kein operatives Desaster, sondern die Kehrseite seines riesigen Bitcoin-Schatzes.

Kennzahl (Q2 2026)MARA HoldingsRiot Platforms
Hashrate70,3 EH/s44,4 EH/s
Bitcoin gefördert2.422 BTC1.587 BTC
Umsatzrund 154 Mio. Euro (174,9 Mio. USD)rund 154 Mio. Euro (174,2 Mio. USD)
Nettoergebnisminus 539 Mio. Euro (611 Mio. USD)minus 209 Mio. Euro (237 Mio. USD)
Bitcoin-Bestand35.577 BTC11.380 BTC
Marktkapitalisierung (30.9.)rund 3,85 Mrd. Eurorund 6,67 Mrd. Euro
KI-Modelleigene Inferenz und RechenzentrenVermietung an KI-Kunden
Q2 2026 im Vergleich: gleicher Umsatz, gegensätzliche Geschäftsmodelle.

Riots Wette: vom Miner zum Vermieter der KI

Der Wendepunkt für Riot kam am 10. August 2026. An diesem Tag gab der Konzern einen Leasingvertrag über 191 Megawatt Rechenzentrumskapazität am Standort Rockdale bekannt, der über eine Laufzeit von 20 Jahren bis Juni 2048 rund 8,0 Mrd. Euro (9,1 Mrd. USD) an vertraglich zugesicherten Einnahmen bringen soll, wie The Block berichtete. Zwei Verlängerungsoptionen über je fünf Jahre könnten den Gesamtwert auf bis zu 14,2 Mrd. Euro (16,1 Mrd. USD) heben.

Riot nannte den Mieter offiziell nicht und sprach nur von einem führenden Frontier-KI-Labor. Bloomberg identifizierte den Vertragspartner als Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude. Die Lieferung erfolgt gestaffelt: Die ersten 96 Megawatt sind für Dezember 2027 vorgesehen, die vollen 191 Megawatt für Juni 2028. Zur Finanzierung der ersten Bauphase sicherte sich Riot eine Zwischenfinanzierung über rund 505 Mio. Euro (573 Mio. USD) bei Morgan Stanley. Nach Bekanntgabe sprang die Aktie nachbörslich um rund 25 Prozent.

CEO Jason Les fasste die neue Ausrichtung so zusammen: Riot habe „in etwas mehr als sechs Monaten Leasingverträge über insgesamt 241 Megawatt abgeschlossen, die rund 9,8 Mrd. US-Dollar an langfristig kontrahierten Einnahmen mit zwei der wichtigsten Unternehmen des KI-Ökosystems darstellen.” Der zweite Kunde ist der Chipkonzern AMD, mit dem Riot am Standort Corsicana einen 25-Megawatt-Vertrag schloss und dafür eine bestehende Mining-Fläche in Hochleistungsrechnen umwandelt, wie Data Center Dynamics meldete.

Das eigentliche Kapital von Riot sind die rund 1,7 Gigawatt genehmigte Stromkapazität. Am Standort Corsicana prüft der Konzern formell, ob die verbleibenden 600 Megawatt ebenfalls für KI und Hochleistungsrechnen statt für Mining genutzt werden sollen, wie Riot selbst ankündigte. Aus einem Miner wird so Schritt für Schritt ein Vermieter, dessen Einnahmen auf Jahrzehnte kontrahiert und für Anleger planbar sind. Genau diese Planbarkeit belohnt die Börse.

MARAs Weg: Inferenz, eigene Rechenzentren und billiger Strom

MARA hat sich bewusst gegen das reine Vermietermodell entschieden. Statt seine Megawatt an einen Hyperscaler zu verpachten, will der Konzern die KI-Rechenleistung selbst besitzen und betreiben. Der wichtigste Schritt dazu war Anfang 2026 die Übernahme einer Mehrheit von 64 Prozent an Exaion, einer Tochter des französischen Versorgers EDF, für rund 148 Mio. Euro (168 Mio. USD) in bar; eine Option erlaubt MARA, bis 2027 für weitere rund 112 Mio. Euro (127 Mio. USD) auf 75 Prozent aufzustocken, wie Data Center Dynamics berichtete.

Exaion betreibt vier Rechenzentren in Frankreich und Kanada und bündelt sein Geschäft in drei Feldern: virtuelle Desktops, Datensicherheit und regulierte KI-Inferenz. EDF bleibt Minderheitsgesellschafter und Kunde. Damit setzt MARA nicht auf das Training riesiger Modelle, sondern auf deren Betrieb im Alltag, die sogenannte Inferenz, ein Geschäft, das näher am zahlenden Endkunden liegt und stabilere Auslastung verspricht.

CEO Fred Thiel begründet den Schwenk mit einer schlichten Rechnung. In einem Interview am 23. Juli sagte er: „Man bekommt für KI deutlich mehr Geld pro Elektron als für Bitcoin-Mining.” Nach seiner Argumentation wird nicht Rechenleistung, sondern Energie zur entscheidenden Knappheit, und die Inferenz pro Megawatt werde zum eigentlichen Wettbewerbsvorteil. MARA erklärte zudem, aus der Stromkapazität lasse sich mit KI inzwischen mehr Umsatz erzielen als mit dem Mining, wie news.bitcoin.com dokumentierte.

Die Strombasis dafür liefert eine Kooperation mit dem Pipeline- und Gaskonzern MPLX, über die günstige Erdgasverstromung direkt in die Rechenzentrumscampus integriert wird. Parallel arbeitet MARA über ein Joint Venture mit Starwood an Kapazitäten für hyperskalige Lasten und bietet großen Cloud-Anbietern maßgeschneiderte Rechenzentren im „Build-to-suit”-Modell an. Wo Riot Fläche vermietet, will MARA die gesamte Wertschöpfungskette vom Elektron bis zur Inferenz kontrollieren.

DimensionMARA (Betreiber)Riot (Vermieter)
GrundmodellRechenleistung selbst besitzen und betreibenStromkapazität langfristig vermieten
KI-KerndealExaion-Übernahme, MPLX-Gas, Starwood-JV191-MW-Lease (Anthropic), AMD-Vertrag
Strombasiseigene Erdgasverstromung, Immersionskühlungrund 1,7 GW genehmigt in Texas und Kentucky
Bitcoin-Treasury35.577 BTC, aktiv bewirtschaftet11.380 BTC, teils verkauft
Einnahmeprofilschwankend, betriebs- und kursabhängiglangfristig kontrahiert, planbar
Wall-Street-Urteilskeptisch (JPMorgan senkt Kursziel)bevorzugt (Bernstein hebt Kursziel)
Zwei Modelle im Vergleich: Betreiber gegen Vermieter.

Der Bitcoin-Schatz: Treasury als Waffe und als Ballast

Der auffälligste Unterschied zwischen den beiden Konzernen liegt in der Bilanz. MARA hält 35.577 Bitcoin, Riot nur 11.380. Zum Kurs von rund 73.850 Euro Ende September entspricht das einem Gegenwert von rund 2,6 Mrd. Euro bei MARA gegenüber rund 840 Mio. Euro bei Riot, gemessen am Bitcoin-Preis in Euro. MARA ist damit der einzige Miner in der Spitzengruppe der Unternehmen mit den größten Bitcoin-Beständen.

Seit der Umstellung der US-Bilanzregeln (ASU 2023-08) müssen beide ihre Bitcoin-Bestände zu jedem Quartalsende zum Marktwert ansetzen. Das macht die Treasury zu einer zweischneidigen Sache. Als Bitcoin im zweiten Quartal fiel, zwang die Regel MARA zu der bereits erwähnten Abschreibung von rund 303 Mio. Euro, dem Löwenanteil des Quartalsverlusts. Riot, das nur ein Drittel so viele Coins hält und im Quartal 4.300 Bitcoin verkaufte, traf die Neubewertung deutlich milder, wie die Quartalsdaten belegen.

Zugleich hat MARA sein einst starres „HODL”-Dogma gelockert. Im ersten Halbjahr 2026 verkaufte der Konzern Bitcoin im Wert von rund 1,4 Mrd. Euro (1,6 Mrd. USD) und fuhr den Bestand gegenüber dem Vorjahr um 29 Prozent zurück, bevor er am 16. September wieder 1.292 Bitcoin für rund 87 Mio. Euro nachkaufte. Aus passivem Horten ist aktives Treasury-Management geworden; MARA versteht seinen Bestand ausdrücklich als produktives Kapital und Liquiditätsquelle, nicht mehr nur als Reserve.

Welche Kursmarken diesen Bestand tragen und wo die Kostenbasis großer Halter liegt, ist derzeit eine der spannendsten Fragen am Markt; wir haben die entscheidenden Kostenbasis-Zonen für das vierte Quartal gesondert analysiert. Im dritten Quartal, als Bitcoin um rund 42 Prozent zulegte, drehte sich der Buchverlust der Treasury schnell wieder ins Positive. Der große Schatz ist damit Waffe und Ballast zugleich: Er verstärkt Gewinne im Aufschwung und Verluste im Abschwung.

Die Hashrate-Frage: MARA mahlt mehr, Riot verdient effizienter

Rein technisch ist MARA der größere Miner. 70,3 EH/s stehen 44,4 EH/s bei Riot gegenüber, und MARA förderte im Quartal mit 2.422 Bitcoin auch absolut mehr Coins als Riot mit 1.587. Riots Anteil von rund 4,6 Prozent am globalen Netzwerk lässt auf eine Gesamt-Hashrate von etwa 965 EH/s schließen. Auf dem Papier ist die Rangordnung also eindeutig.

Doch die reine Hashrate ist 2026 nicht mehr die entscheidende Kennzahl. Trotz kleinerer Rechenleistung erzielte Riot denselben Umsatz und einen kleineren Verlust als MARA, weil es seinen Strom über das Mining hinaus monetarisiert. Die Ära, in der man Miner allein an Exahash misst, geht zu Ende. Was zählt, ist der Ertrag pro Megawatt, und dort verschieben sich die Gewichte.

Die Mining-Ökonomie selbst bleibt angespannt. Der Hashprice, also der Tageserlös je eingesetzter Rechenleistung, steht unter Druck, weil die Difficulty schneller steigt als der Preis; die Mechanik dieser Klemme haben wir im Beitrag zum Hashprice zum Quartalsende aufgeschlüsselt. Für beide Konzerne heißt das: Jedes Megawatt, das mehr für KI als für das Mining einbringt, wandert früher oder später zur KI. Thiel betont zwar, MARA werde in stromgünstigen Regionen weiter minen, doch das Grenzmegawatt entscheidet sich zunehmend gegen Bitcoin.

Was die Wall Street sagt: Bernstein hebt, JPMorgan senkt

Die Kluft zwischen den beiden Strategien spiegelt sich am deutlichsten in den Analystenkommentaren. Bernstein-Analyst Gautam Chhugani hob nach dem Großvertrag das Kursziel für Riot von 30 auf 35 US-Dollar an und rechnet mit wiederkehrenden Jahreseinnahmen von rund 400 Mio. Euro (457 Mio. USD) aus dem Deal, wie Benzinga berichtete. Bernstein sieht Bitcoin-Miner als integralen Bestandteil der KI-Wertschöpfungskette.

Für MARA fiel das Urteil gegenteilig aus. JPMorgan senkte das Kursziel von 13 auf 11 US-Dollar mit der Begründung, andere Unternehmen böten direkteres Wachstum und mehr Wertzuwachs aus Rechenzentrumschancen, während MARA eine „kapitalleichte” Strategie gewählt habe, wie Yahoo Finance zusammenfasst. Kurz gesagt: Die Börse belohnt Riots unterschriebene, langlaufende Mietverträge höher als MARAs diversifizierte, aber noch unbewiesene Betreiberwette samt schwankender Treasury.

Das erklärt die eingangs erwähnte Verkehrung der Bewertungen. Bemerkenswert ist aber, dass die MARA-Befürworter ein starkes Gegenargument haben: Wer die Rechenleistung selbst besitzt, verdient langfristig an der gesamten Marge, nicht nur an der Miete. Sollte sich die Inferenz als das margenstärkere Geschäft erweisen, könnte MARAs Weg den höheren Ertrag bringen, nur eben mit mehr Risiko und weniger Planbarkeit. Die Frage nach der Aufsicht über solche Titel und ihre Krypto-Nähe bleibt dabei präsent, ähnlich wie in der Debatte, wer künftig das Krypto-Regelwerk der US-Aufsicht prägt.

Follow the gigawatts: der Kampf um Strom und GPUs

Der Konflikt zwischen MARA und Riot ist Teil eines viel größeren Umbruchs. Der KI-Ausbau braucht Strom, und zwar sofort, während neue Netzanschlüsse und Umspannwerke jahrelange Vorlaufzeiten haben. Miner besitzen genau das, was fehlt: baureife Standorte mit genehmigter Leistung, Kühlung, Fläche und belastbare Beziehungen zu den Netzbetreibern. Deshalb sind aus Krypto-Firmen über Nacht begehrte Anbieter von KI-Infrastruktur geworden.

Bernstein beziffert die bereits angekündigten Deals der Branche auf mehr als 90 Mrd. US-Dollar und rund 3,7 Gigawatt Kapazität. Neben Riot und MARA mischen Core Scientific, IREN, TeraWulf und Cipher Mining mit; Chhugani hob im selben Zug etwa das Kursziel von Core Scientific von 24 auf 32 US-Dollar an. Der Wettlauf gilt nicht nur dem Strom, sondern auch den Beschleunigern: GPUs und spezialisierte KI-Chips bleiben knapp und teuer.

Für Miner bedeutet das eine neue Abhängigkeit. Ein unterschriebener KI-Vertrag hebt kurzfristig den Kurs, doch entscheidend ist, ob die Kapazität tatsächlich gebaut, mit Chips bestückt, geliefert und über Jahre bezahlt wird. Erst dann wird aus der Ankündigung ein Geschäft. Wer die Fantasie eines ganzen Sektors kaufen will, sollte diese Kette der Bedingungen nüchtern durchdenken, statt allein auf die großen Dollarbeträge zu schauen.

Was der Umbau für Bitcoins Sicherheit bedeutet

Wenn die zwei größten börsennotierten US-Miner Gigawatt an Leistung vom Bitcoin-Mining zur KI umleiten, stellt sich eine unbequeme Frage: Schwächt das die Sicherheit des Netzwerks? Riot wandelt am Standort Rockdale 191 Megawatt, die bislang minen könnten, in KI-Kapazität für seinen Großkunden um und prüft bei Corsicana weitere 600 Megawatt. MARA verschiebt sein Grenzmegawatt Richtung Inferenz.

Die Sorge ist real, aber sie lässt sich einordnen. Erstens ist die globale Hashrate zuletzt weiter gestiegen und lag zum Quartalsende bei rund 965 EH/s; die beiden US-Konzerne stellen zusammen nur einen Bruchteil davon. Zweitens füllen private und internationale Miner sowie Effizienzgewinne bei neuen ASIC-Generationen die Lücken schnell. Wer das Netzwerk tatsächlich absichert, ist ohnehin intransparenter, als die Ranglisten der börsennotierten Firmen suggerieren; wir haben Bitcoins verborgene Hashrate gesondert untersucht.

Wahrscheinlicher als ein Sicherheitseinbruch ist daher eine Verlangsamung des Wachstumstempos: Die Hashrate dürfte weiter steigen, nur langsamer, wenn große öffentliche Betreiber Kapazität abzweigen. Zugleich sind finanziell gesündere, diversifizierte Miner tendenziell gut für die verbleibenden Netzwerkteilnehmer, weil sie in Abschwüngen seltener kapitulieren müssen und den Verkaufsdruck auf frisch geschürfte Coins dämpfen.

Die Energiefrage: Erdgas, Netzdienste und Standortpolitik

Im Kern sind MARA und Riot längst Stromunternehmen, die zufällig aus dem Bitcoin-Mining kommen. MARA setzt mit seiner MPLX-Kooperation auf günstige Erdgasverstromung direkt am Rechenzentrum, also auf Strom hinter dem Netzanschluss, der nicht erst durch überlastete Leitungen muss. Riot wiederum ist tief in den texanischen Strommarkt ERCOT eingebunden und hat in der Vergangenheit erhebliche Erlöse aus Lastabwurf und Netzdiensten erzielt, indem es in Spitzenzeiten die Maschinen drosselte.

Diese Flexibilität ist bei KI-Lasten heikler. Ein Bitcoin-Miner kann sich abschalten lassen, ohne dass ein Kunde leidet; ein KI-Rechenzentrum mit einem Mieter wie Anthropic muss dagegen rund um die Uhr verfügbar sein. Der Umstieg auf KI tauscht also planbare Einnahmen gegen strengere Verfügbarkeitspflichten und höhere Anforderungen an Redundanz, Kühlung und Netzstabilität ein.

Woher der Strom hinter dem Rechnen kommt und welche Rolle Erneuerbare, Gas und Netzdienste dabei spielen, ist auch für die Bewertung der Nachhaltigkeit entscheidend; wir haben den Energiemix hinter Staking und Mining im Detail betrachtet. Für beide Konzerne gilt: Der Standort und der Zugang zu billigem, verlässlichem Strom sind wichtiger geworden als die neueste ASIC-Generation.

Was das für deutsche Anleger bedeutet: BaFin, Steuer und Zugang

Für Anlegerinnen und Anleger im deutschsprachigen Raum sind MARA und Riot zunächst ganz normale US-Aktien. Beide notieren an der Nasdaq und lassen sich über die meisten deutschen Broker sowie an Handelsplätzen wie Frankfurt, Xetra oder Tradegate kaufen. Damit kommen zum Krypto-Risiko ein Aktien-, ein KI-Ausführungs- und ein Währungsrisiko hinzu; der Euro notierte zum Quartalsende bei rund 1,13 US-Dollar, was jede Euro-Rendite dieser Dollar-Titel zusätzlich schwanken lässt.

Regulatorisch ist die Einordnung wichtig: Eine Mining-Aktie ist ein Wertpapier im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes und fällt für Handel und Anlegerinformation in den Zuständigkeitsbereich der BaFin, nicht unter die europäische Krypto-Verordnung MiCA, die Krypto-Werte selbst regelt. Wer die Unterschiede zwischen der Aufsicht über Krypto-Produkte und über klassische Wertpapiere verstehen will, findet in unserer Analyse zur Stablecoin-Lizenz zwischen MiCA und GENIUS Act den nötigen Rahmen.

Steuerlich ist der Unterschied für deutsche Privatanleger erheblich. Gewinne aus MARA- oder Riot-Aktien unterliegen der Abgeltungsteuer von 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag (zusammen rund 26,375 Prozent) und gegebenenfalls Kirchensteuer, und zwar unabhängig von der Haltedauer. Direkt gehaltene Bitcoin fallen dagegen unter § 23 EStG und können nach einer Haltefrist von einem Jahr steuerfrei veräußert werden. Eine Mining-Aktie ist damit kein sauberer, steuereffizienter Bitcoin-Ersatz. Dies ist keine Steuerberatung, sondern eine allgemeine Einordnung.

Risiken auf beiden Seiten der Wette

Keine der beiden Strategien ist ohne Fallstricke. Bei Riot ist das größte Risiko die Konzentration: Ein einzelner Ankermieter bedeutet Klumpenrisiko. Kühlt der KI-Investitionszyklus ab oder gerät der Mieter in Schwierigkeiten, hängt ein Großteil der versprochenen Einnahmen an einem einzigen Namen. Hinzu kommen Bau- und Ausführungsrisiken; 191 Megawatt müssen bis 2028 termingerecht errichtet und über die Zwischenfinanzierung hinaus dauerhaft finanziert werden. Und jedes an die KI vermietete Megawatt kann keinen Bitcoin mehr fördern, sollte der Kurs stark steigen.

Bei MARA liegen die Risiken woanders. Rechenleistung selbst zu betreiben ist anspruchsvoller, als sie zu vermieten, und Exaion ist im Vergleich zu einem Hyperscale-Campus klein. Der noch fehlende Mega-Vertrag nährt die Skepsis der Wall Street, wie die Kurszielsenkung von JPMorgan zeigt. Zudem lässt die große Bitcoin-Treasury die Ergebnisse von Quartal zu Quartal stark schwanken, was das Papier für konservative Anleger schwer kalkulierbar macht.

Beide teilen die klassischen Miner-Risiken: die Abhängigkeit vom Bitcoin-Preis, die steigende Difficulty und den Druck auf den Hashprice, die Zinspolitik der Notenbanken sowie regulatorische Unsicherheit dies- und jenseits des Atlantiks. Wer in einen der Titel investiert, kauft nicht mehr nur einen Miner, sondern eine Wette auf den KI-Ausbau, den Strommarkt und den Bitcoin-Kurs zugleich.

Fazit: zwei Wetten auf dieselbe Knappheit

Am Ende setzen MARA und Riot auf denselben Rohstoff: günstigen, ans Netz angeschlossenen Strom. Sie unterscheiden sich nur darin, wie sie ihn zu Geld machen. Riot wird zum Vermieter, mit geringerem Risiko, planbaren Einnahmen und einer Bewertung, die die Wall Street versteht und belohnt. MARA bleibt Betreiber und Großhalter, mit mehr Bitcoin-Beta, mehr potenzieller KI-Marge, aber auch mehr Unsicherheit.

Derzeit gewinnt die Sichtbarkeit: Ein unterschriebener 20-Jahres-Vertrag schlägt eine überzeugende Erzählung, und deshalb ist der kleinere Miner an der Börse mehr wert als der größere. Ob das so bleibt, hängt an zwei Fragen. Erstens: Ist es auf lange Sicht profitabler, die Rechenleistung selbst zu besitzen (MARA) oder die Immobilie darunter (Riot)? Zweitens: Wohin läuft der Bitcoin-Kurs, der MARAs Schatz mal zur Waffe, mal zum Ballast macht?

Fest steht nur eines: Der reine Bitcoin-Miner, der jahrelang die Erzählung dieser beiden Firmen prägte, ist Geschichte. Marathon und Riot sind zu Stromkonzernen im alten Krypto-Gewand geworden. Der Wettbewerb zwischen ihnen ist damit kein Mining-Duell mehr, sondern ein Streit über die beste Art, ein Megawatt in Rendite zu verwandeln.

Frequently Asked Questions

Ist MARA oder Riot das größere Unternehmen?

Riot ist an der Börse größer, mit rund 6,67 Mrd. Euro gegenüber 3,85 Mrd. Euro für MARA zum 30. September 2026. MARA fördert dagegen mehr Bitcoin (70,3 gegenüber 44,4 EH/s) und hält mit 35.577 Coins gut dreimal so viele wie Riot mit 11.380.

Was ist Riots Anthropic-Deal?

Riot hat einen 20-jährigen Leasingvertrag über 191 Megawatt Rechenzentrumskapazität am Standort Rockdale abgeschlossen, der bis Juni 2048 rund 8,0 Mrd. Euro (9,1 Mrd. USD) einbringen soll, mit Verlängerungsoptionen bis zu 14,2 Mrd. Euro. Riot nannte den Mieter nicht offiziell; Bloomberg identifizierte das KI-Unternehmen Anthropic.

Warum steigen Bitcoin-Miner in KI ein?

Der wirklich knappe Rohstoff ist genehmigter, günstiger Netzstrom, über den Miner in Gigawatt-Größe verfügen. KI-Rechenzentren brauchen diese Anschlüsse sofort. Miner können ihre Kapazität entweder vermieten wie Riot oder selbst KI-Rechenleistung darauf betreiben wie MARA.

Sind MARA- oder Riot-Aktien ein guter Bitcoin-Ersatz für deutsche Anleger?

Nur eingeschränkt. Beide sind US-Aktien mit zusätzlichem KI-, Betriebs- und Währungsrisiko und werden in Deutschland steuerlich als Wertpapiere über die Abgeltungsteuer erfasst, nicht wie direkt gehaltene Bitcoin nach § 23 EStG. Dies ist keine Steuerberatung.

Wer hat im zweiten Quartal 2026 mehr verdient?

Beide schrieben im zweiten Quartal 2026 rote Zahlen, MARA rund 539 Mio. Euro und Riot rund 209 Mio. Euro Verlust. MARAs größerer Verlust ging vor allem auf eine nicht zahlungswirksame Neubewertung seines großen Bitcoin-Bestands zurück, während Riots Umsatz dank Rechenzentrums- und Ingenieursgeschäft sogar wuchs.

Von der HOGE-Wire-Redaktion, Ressort Mining und Staking.

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