Marathon vs. Riot: Zwei Bitcoin-Miner, zwei KI-Wetten
Marathon und Riot sind die zwei größten US-Bitcoin-Miner. Nach dem Kurssturz 2026 setzen beide auf KI-Rechenzentren, doch ihre Strategien unterscheiden sich fundamental.
Es ist ein Duell, das den börsennotierten Bitcoin-Sektor prägt wie kaum ein zweites: Marathon Digital, heute unter dem Namen MARA Holdings geführt, gegen Riot Platforms. Beide zählen zu den größten Minern Nordamerikas, beide mussten 2026 einen harten Kurssturz von Bitcoin verkraften, und beide bauen ihr Geschäft gerade radikal um. Wer Bilanzen und Strategien nebeneinanderlegt, erkennt jedoch schnell: Die zwei Konzerne steuern auf sehr unterschiedlichen Wegen dieselbe Zukunft an. Für Anleger im deutschsprachigen Raum lohnt der genaue Blick, denn hinter dem simplen Etikett Bitcoin-Miner verbergen sich zwei grundverschiedene Investmentthesen.
Zwei Schwergewichte, ein Wendepunkt
MARA Holdings ist gemessen an der Rechenleistung der größte börsennotierte Bitcoin-Miner der USA. Riot Platforms mit Sitz in Texas gilt seit Jahren als einer der diszipliniertesten Betreiber, wenn es um Stromverträge und Netzeinspeisung geht. Eines aber teilen beide 2026: Der Bitcoin-Kurs ist ihnen davongelaufen, und zwar nach unten. Nach dem Hoch von rund 83.300 Euro Mitte Januar fiel der Kurs bis Ende Juni auf etwa 52.700 Euro, ein Minus von fast 29 Prozent binnen sechs Monaten (CoinGecko). Für Konzerne, deren Umsatz fast vollständig aus frisch geschürften Coins besteht, ist das ein Stresstest, der jede strategische Schwäche offenlegt. Genau in diesem Umfeld entscheidet sich, welches Geschäftsmodell den Abschwung besser übersteht.
Hashrate und Produktion: Marathons Größenvorteil
Im ersten Quartal 2026 kam MARA auf eine energetisierte Hashrate von 72,2 Exahash pro Sekunde (EH/s), ein Plus von 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Unternehmen schürfte in diesem Zeitraum 2.247 Bitcoin zu einem Durchschnittspreis von rund 67.700 Euro pro Coin (SEC-Filing MARA Holdings). Riot lag mit einer installierten Hashrate von 42,5 EH/s (plus 26 Prozent) und einer durchschnittlich betriebenen Leistung von 36,4 EH/s deutlich darunter und brachte es auf 1.473 Bitcoin.
Der Abstand ist kein Zufall: MARA hat über Jahre aggressiv Kapazität aufgebaut, während Riot früh begann, Strom für andere Zwecke zu reservieren. Zugleich steigt die globale Netzwerk-Hashrate weiter, was die Mining-Schwierigkeit erhöht und die Marge pro geschürftem Coin drückt, wie der Quartalsbericht von CoinShares dokumentiert. Größe allein garantiert also keinen Gewinn; entscheidend ist, wie effizient die Flotte läuft und wie günstig der Strom bleibt.
Auch bei der Effizienz der Hardware liegen Anspruch und Realität oft weit auseinander. Beide Betreiber haben ihre Flotten zuletzt auf modernere ASIC-Generationen umgestellt, doch jeder Wechsel verschlingt Kapital, das im Bärenmarkt knapp ist. MARA nutzt seine Größe, um Hardware zu besseren Konditionen einzukaufen und Standorte flexibler auszulasten. Riot wiederum kann dank langfristiger Stromverträge in Texas seine Kosten pro geschürftem Bitcoin präziser kalkulieren, was in Phasen fallender Kurse ein handfester Vorteil ist.
Marathon und Riot im direkten Vergleich
Die wichtigsten Kennzahlen beider Konzerne zum Stichtag 31. März 2026 sowie die Aktienkurse von Ende Juni im Überblick:
| Kennzahl | MARA Holdings | Riot Platforms |
|---|---|---|
| Börsenkürzel (Nasdaq) | MARA | RIOT |
| Energetisierte Hashrate (Q1 2026) | 72,2 EH/s | 42,5 EH/s |
| Bitcoin-Produktion (Q1 2026) | 2.247 BTC | 1.473 BTC |
| Bitcoin-Reserven (31.03.2026) | 35.303 BTC | 15.680 BTC |
| Bitcoin-Verkäufe (Q1 2026) | rund 20.880 BTC | 3.778 BTC |
| Gesichertes Energieportfolio | Ziel über 2,5 GW | rund 1,7 GW |
| KI-Ankerkunde | Exaion / EDF (Europa) | AMD (Texas) |
| Aktienkurs (Ende Juni 2026) | rund 12,90 Euro | rund 24,80 Euro |
| CEO | Fred Thiel | Jason Les |
Die Tabelle zeigt das Grundmuster: MARA ist in fast jeder Rohkennzahl größer, von der Hashrate über die Produktion bis zu den Reserven. Riot punktet dagegen mit einem höheren Aktienkurs und einem klar umrissenen Ankermieter. Größe auf der einen, Fokus auf der anderen Seite.
Bitcoin-Reserven: Vom HODL-Dogma zum Ausverkauf
Jahrelang war Marathon der Inbegriff der reinen Halte-Strategie: Kein geschürfter Coin sollte das Lager verlassen. 2026 hat der Konzern dieses Dogma gebrochen. Von seinen zum Jahresbeginn deutlich größeren Beständen hielt MARA Ende März noch 35.303 Bitcoin, verkaufte im ersten Quartal jedoch rund 20.880 Coins. Allein 15.133 davon wechselten zwischen dem 4. und 25. März den Besitzer, um rund 975 Millionen Euro einzunehmen und damit Wandelanleihen mit etwa neun Prozent Abschlag zurückzukaufen.
Riot ging denselben Weg, nur in kleinerem Maßstab. Das Unternehmen verkaufte im ersten Quartal 3.778 Bitcoin und nahm dabei rund 257 Millionen Euro ein, um den Ausbau seiner Rechenzentren zu finanzieren (Bitcoin.com News). Zum Quartalsende blieben 15.680 Bitcoin in der Bilanz, von denen 5.802 als gebundene Sicherheiten hinterlegt waren. Beide Konzerne verwandeln damit ihr wichtigstes Asset in Baukapital, ein tiefer Bruch mit der jahrelang gepredigten Hodl-Doktrin.
Der Zeitpunkt ist heikel: Beide verkauften ausgerechnet in einen fallenden Markt hinein, teils zu Kursen um 67.000 Euro, die im Rückblick attraktiv wirken, im Moment des Verkaufs aber vor allem Liquidität sichern sollten. Kritiker sehen darin das Eingeständnis, dass reines Halten von Bitcoin die teuren Wachstumspläne nicht mehr finanzieren kann.
Der KI-Schwenk: Vertikale Integration gegen Vermietung
Hier trennen sich die Wege am deutlichsten. MARA setzt auf vertikale Integration und kauft sich die Stromerzeugung gleich selbst. Für rund 1,33 Milliarden Euro übernahm der Konzern Long Ridge Energy & Power samt einem effizienten Gaskraftwerk mit 505 Megawatt Leistung im US-Bundesstaat Ohio und über 1.600 Morgen Land für den Ausbau von Rechenzentren. Ziel ist rund ein Gigawatt kurzfristig verfügbarer IT-Kapazität mit einem Pfad zu mehr als 2,5 Gigawatt.
Riot dagegen agiert eher als Vermieter seiner Stromflächen. Mit dem Chiphersteller AMD hat der Konzern einen Ankermieter gewonnen: Der erste Vertrag am Standort Rockdale umfasst 25 Megawatt kritische IT-Last und soll über die anfängliche Laufzeit von zehn Jahren rund 276 Millionen Euro einbringen (311 Millionen US-Dollar), mit Verlängerungsoptionen bis zu umgerechnet knapp 890 Millionen Euro (Riot Platforms). Inzwischen hat AMD die gebuchte Kapazität auf 50 Megawatt verdoppelt (Data Center Dynamics). Riots gesamtes gesichertes Energieportfolio liegt bei rund 1,7 Gigawatt.
- MARA: besitzt Kraftwerke und Land, will Rechenlast selbst betreiben und vermarkten.
- Riot: stellt gesicherte Stromkapazität bereit und vermietet sie an Partner wie AMD.
Der Unterschied ist mehr als eine Frage des Geschmacks. Wer wie MARA selbst Strom erzeugt, trägt das volle Betriebsrisiko eines Energieversorgers, sichert sich im Erfolgsfall aber die gesamte Wertschöpfungskette. Wer wie Riot vermietet, gibt einen Teil der Marge an Mieter wie AMD ab, erhält dafür jedoch planbare Einnahmen mit bonitätsstarken Partnern und muss nicht selbst zum KI-Betreiber werden. Für Anleger übersetzt sich das in zwei sehr verschiedene Risikoprofile.
Die Europa-Karte: Exaion und die souveräne Cloud
Für europäische Anleger ist ein Detail besonders interessant. MARA hat sich 64 Prozent an Exaion gesichert, einer auf Hochleistungsrechnen spezialisierten Tochter des französischen Staatskonzerns EDF. Damit erhält der US-Miner sofortigen Zugang zu Rechenzentren der Stufen Tier III und Tier IV, zu mehr als 1.250 Enterprise-GPUs und zu einem Standbein im europäischen Markt für souveräne Cloud-Dienste (Disruption Banking).
Das ist mehr als Symbolik. Wer KI-Rechenlast für europäische Behörden, Banken oder Konzerne betreiben will, muss Daten innerhalb der EU und im Einklang mit der DSGVO halten. Ein Partner wie EDF öffnet MARA hier Türen, die einem reinen Texas-Betreiber verschlossen bleiben. Zugleich birgt der Schritt Integrationsrisiken, denn ein US-Konzern, der eine Tochter eines französischen Staatsunternehmens steuert, muss politische, regulatorische und kulturelle Reibungen einkalkulieren. Riot konzentriert sich bewusst auf den heimischen Markt und die günstigen Strompreise im Netz des texanischen Betreibers ERCOT.
Margendruck, Energie und die Reaktion der Börse
Der Grund für den gemeinsamen Umbau liegt in der Ökonomie des Minings. Seit dem Halving im April 2024 liegt die Blockbelohnung bei nur noch 3,125 Bitcoin, während die Betriebskosten steigen. 2026 kam ein spürbarer Anstieg der Energiepreise hinzu, der die Margen weiter zusammendrückte (24/7 Wall St.). Riot meldete für 2025 zwar einen Rekordumsatz von rund 574 Millionen Euro, doch das bereinigte EBITDA brach von rund 411 Millionen auf nur noch etwa 11,5 Millionen Euro ein. MARA verbuchte im ersten Quartal 2026 einen Nettoverlust von rund 1,15 Milliarden Euro, überwiegend wegen der Abwertung seiner Bitcoin-Bestände.
Die Wall Street reagiert gespalten. JPMorgan sieht den Sektor in einer Phase höherer Überzeugung, was den Wechsel zu KI- und Cloud-Rechenlast angeht, und stufte zuletzt Cipher Mining und CleanSpark herauf (CoinDesk). Für MARA und Riot senkte die Bank hingegen die Kursziele, für MARA auf umgerechnet rund 11,50 Euro, für Riot auf rund 15 Euro (The Block). An der Nasdaq schloss MARA Ende Juni bei umgerechnet rund 12,90 Euro (14,54 US-Dollar), Riot bei rund 24,80 Euro.
Bemerkenswert ist die Kursentwicklung im Detail. Trotz des schwachen Bitcoin-Umfelds hat sich die Riot-Aktie von ihrem Dezembertief mehr als verdoppelt, während MARA um gut die Hälfte zulegte. Der Markt honoriert offenbar die klarere KI-Story und die bonitätsstarken Mieter von Riot stärker als die schiere Größe von MARA. Das ist ein Fingerzeig, wohin die Reise für den gesamten Sektor gehen könnte.
Risiken: Wo die Wetten scheitern können
So verlockend die KI-Erzählung klingt, abgesichert ist sie keineswegs. Der Bau von Rechenzentren für Hochleistungsrechnen verschlingt Milliarden, und die Nachfrage der Hyperscaler kann sich verschieben, sollte sich der aktuelle KI-Boom abkühlen. Beide Konzerne finanzieren ihren Umbau teils durch den Verkauf von Bitcoin und die Ausgabe neuer Aktien, was Altaktionäre verwässert und das Ergebnis zusätzlich an den Kryptomarkt koppelt.
Hinzu kommt der Wettbewerb. Rivalen wie CleanSpark, Cipher Mining oder IREN drängen ebenfalls in das Geschäft mit KI-Rechenlast, und etablierte Rechenzentrumsbetreiber haben oft mehr Erfahrung im Betrieb solcher Anlagen. Wer zu spät liefert oder die Baukosten unterschätzt, riskiert, zwischen einem schrumpfenden Mining-Geschäft und einem noch nicht profitablen KI-Standbein zerrieben zu werden.
Regulierung: BaFin und MiCA im Blick
Für deutsche Anlegerinnen und Anleger sind MARA und Riot zunächst schlicht US-Aktien, handelbar über jeden Broker mit Nasdaq-Zugang. Ihr Kurs hängt jedoch eng am Bitcoin, und damit rückt die europäische Krypto-Regulierung ins Bild. Seit Ende 2024 gilt die MiCA-Verordnung, und die von der BaFin gewährte Übergangsfrist für Krypto-Dienstleister lief am 30. Juni 2026 aus. Anbieter ohne CASP-Lizenz dürfen seither keine Krypto-Dienste mehr für EU-Kunden erbringen.
Das Mining selbst bleibt in Deutschland erlaubt; gewerbliche Anbieter benötigen jedoch eine Erlaubnis der BaFin. Interessant ist zudem, dass MiCA für Krypto-Vermögenswerte Angaben zum Energieverbrauch verlangt, ein Punkt, der energieintensive Miner mittelbar unter Rechtfertigungsdruck setzt. Wer über ein Zertifikat oder einen ETF auf Miner-Aktien setzt, sollte außerdem die steuerliche Behandlung im Blick behalten, die sich von jener direkt gehaltener Coins unterscheidet. Für den Sektor gilt: Je stärker die Konzerne ihr Geschäft in Richtung KI-Rechenzentren verlagern, desto weniger hängen sie an der Krypto-Aufsicht und desto mehr an klassischer Infrastruktur- und Energieregulierung.
Fazit: Zwei Wetten auf dieselbe Zukunft
Marathon und Riot erzählen dieselbe Geschichte mit unterschiedlichem Akzent. MARA setzt auf Größe, eigene Kraftwerke und einen mutigen Sprung nach Europa; das verspricht viel, bindet aber enorm viel Kapital und Risiko. Riot bleibt fokussierter, sichert sich mit AMD einen erstklassigen Ankermieter und wandelt seine Stromflächen Schritt für Schritt in planbare Mieteinnahmen um. Beide wetten letztlich darauf, dass sich Mining-Infrastruktur in KI-Rechenleistung verwandeln lässt, bevor der Margendruck sie einholt. Der Kapitalmarkt bewertet diese Wetten bereits heute unterschiedlich, entschieden ist aber noch nichts.
Für Anleger ist das keine Entweder-oder-Frage zwischen zwei Firmen, sondern eine Wette auf die Ausführung. Wer die aggressivere Wachstumsstory und das europäische Standbein sucht, schaut auf MARA. Wer die diszipliniertere Kapitalallokation bevorzugt, findet sie bei Riot. Klar ist nur: Der reine Bitcoin-Miner alter Prägung ist 2026 ein Auslaufmodell.
Von Lukas Brandt, Redakteur im Ressort Mining und Staking bei HOGE Wire.