Der Seitenwechsel: Hedgefonds drehen die Futures-Basis
Erstmals seit Jahren sind CME-Hedgefonds bei Bitcoin-Futures netto long. Was der Positionswechsel über die Basis, die ETF-Zuflüsse und Warshs Jackson-Hole-Debüt verrät.
Die Futures-Basis ist die ehrlichste Zahl im Bitcoin-Markt. Sie sagt nichts über Meinungen, Narrative oder Kursziele, sondern nur, was Profis bereit sind, dafür zu bezahlen, Bitcoin in der Zukunft statt heute zu besitzen. Fast das ganze Jahr 2026 hindurch lautete ihre Botschaft: nichts Besonderes. Die annualisierte Prämie zwischen CME-Futures und Kassakurs kroch unter der Rendite kurzlaufender US-Staatsanleihen dahin, der klassische Cash-and-Carry-Trade warf weniger ab als ein risikoloses T-Bill, und das Kapital, das jahrelang genau diese Prämie erntete, zog sich zurück.
Dann kam der August. Die Basis am Frontmonat sprang laut Marktdaten auf 7,89 Prozent, und, weit wichtiger, die Hedgefonds an der Chicago Mercantile Exchange drehten ihre Position. Zum ersten Mal seit Jahren sind sie bei Bitcoin-Futures netto long. Das klingt nach einer Fußnote für Derivate-Nerds, ist aber ein Regimewechsel: Wer jahrelang die kurze Seite des Basis-Trades hielt, verkauft nicht mehr in jede Rally hinein, sondern kauft. Und das Ganze passiert in der Woche, in der Kevin Warsh in Jackson Hole seine erste Grundsatzrede als Fed-Vorsitzender hält. Dieser Text erklärt, was der Positionswechsel wirklich bedeutet, warum die 7,89 Prozent kleiner sind, als sie aussehen, und was österreichische Anlegerinnen und Anleger daraus lesen sollten.
Was gerade passiert ist: der Dauer-Short kippt
Am 10. August berichtete CoinDesk von einer seltenen Verschiebung in den Positionsdaten der CME: Hedgefonds, die in Bitcoin-Futures seit Jahren strukturell short waren, hatten ihre Netto-Position gedreht und waren erstmals long. Aufmerksam gemacht hatte darauf Ki Young Ju, CEO der Analysefirma CryptoQuant, der den Schritt auf der Plattform X als für diese Anlageklasse ungewöhnlich einordnete. Sein Argument ist bestechend einfach: Ein Fonds, der einen Basis-Trade fährt (also Bitcoin am Kassamarkt hält und gleichzeitig Futures verkauft), kann in den Futures gar nicht netto long sein. Wenn diese Fonds also plötzlich long erscheinen, dann haben sie entweder ihre Basis-Trades aufgelöst oder setzen jetzt gezielt auf steigende Kurse. Beides ist neu.
Um zu verstehen, warum das mehr ist als eine Verschiebung in einer Tabelle, muss man wissen, wer diese Fonds sind und warum ihre kurze Seite über Jahre so verlässlich war. Genau dort setzt der Rest dieses Artikels an. Zur Einordnung der Preislage: Bitcoin notiert zum Zeitpunkt dieses Textes laut CoinGecko bei rund 68.630 Euro (etwa 80.040 US-Dollar), plus 2,2 Prozent auf Tagessicht und plus 10,4 Prozent auf Wochensicht, bei einer Marktkapitalisierung von gut 1,6 Billionen US-Dollar. Vom Allzeithoch von 126.080 US-Dollar am 6. Oktober 2025 ist der Kurs damit noch rund 36,5 Prozent entfernt. Der Sprung über die 80.000-Dollar-Marke Ende August war die erste Rückkehr in diesen Bereich seit dem Frühsommer, und er fiel exakt mit dem Positionswechsel zusammen.
Die Basis in einem Satz: Prämie, Terminkurve, Konvergenz
Die Basis ist die Differenz zwischen dem Preis eines Futures und dem Kassakurs des Basiswerts. Notiert der Dezember-Future über dem Spotpreis, spricht man von Contango; das ist der Normalzustand in einem optimistischen, nachfragegetriebenen Markt. Notiert er darunter, herrscht Backwardation, meist ein Zeichen von Stress, erzwungener Entschuldung oder akuter Absicherungsnachfrage. Weil ein einprozentiger Aufschlag auf einen Kontrakt, der in einer Woche fällig wird, etwas völlig anderes bedeutet als derselbe Aufschlag auf einen Kontrakt mit einem Jahr Restlaufzeit, rechnet der Markt die Basis auf ein Jahr hoch. Die annualisierte Basis ist die relative Prämie multipliziert mit 365 geteilt durch die Restlaufzeit in Tagen.
Der entscheidende Mechanismus heißt Konvergenz. Am Verfallstag muss der Future-Preis dem Kassakurs entsprechen, sonst gäbe es risikolosen Gewinn. Genau diese Gewissheit macht die Basis handelbar: Wer die Prämie heute einsammelt und bis zum Verfall wartet, verdient die Differenz, egal ob Bitcoin steigt oder fällt, solange beide Beine sauber gehalten werden. Perpetual Futures, die an Krypto-Börsen dominieren, haben keinen Verfall; bei ihnen übernimmt die Funding Rate die Rolle der Basis. Ist sie positiv, zahlen Longs an Shorts, was demselben Contango-Signal entspricht. Diese Terminstruktur, vom Übernachtsatz der Perps bis zum Dezember-Kontrakt, ergibt so etwas wie die Zinskurve der Kryptowelt, deren Steilheit oder Inversion man wie am Anleihemarkt lesen kann.
Der Cash-and-Carry-Trade: warum Hedgefonds strukturell short sind
Der Basis-Trade, oft Cash-and-Carry genannt, funktioniert so: Man kauft Bitcoin am Kassamarkt, in der institutionellen Variante meist über einen Spot-ETF, und verkauft gleichzeitig einen Future mit identischem Nominalwert. Die Preisrichtung von Bitcoin wird damit neutralisiert; was übrig bleibt, ist die Prämie, die bis zum Verfall gegen null konvergiert und dem Halter zufließt. In den Boomphasen 2024 und 2025 waren das zeitweise 15 bis 25 Prozent annualisiert, ein außergewöhnlicher Ertrag für eine vermeintlich marktneutrale Strategie.
Das erklärt, warum Leveraged Funds an der CME fast immer die kurze Seite halten: Der verkaufte Future ist das Absicherungsbein einer Arbitrage, keine Wette auf fallende Kurse. In den wöchentlichen COT-Daten der US-Aufsicht sieht das aus wie eine große, hartnäckige Short-Position, ist aber in Wahrheit gegen eine ebenso große Long-Position im Spot- oder ETF-Markt abgesichert. Wer diese Statistik als Pessimismus der Profis liest, missversteht sie. Genau deshalb ist der jetzige Wechsel so aussagekräftig: Wenn die strukturelle Short-Seite verschwindet oder ins Positive kippt, verschwindet damit auch der Arbitragedruck, der Monat für Monat Futures in den Markt drückte.
Die Zahlen hinter dem Augustsprung
Am 7. August lag die annualisierte CME-Basis laut einer Auswertung von CryptoSlate am Frontmonat bei 7,89 Prozent, am September-Kontrakt bei 6,25 Prozent und am Dezember-Kontrakt bei 5,69 Prozent. Zum Vergleich rentierte die zweijährige US-Staatsanleihe an diesem Tag mit 4,19 Prozent; die dreimonatige T-Bill lag bei rund 3,8 Prozent. Erstmals seit langem übersprang die vorderste Basis damit wieder die risikolose Messlatte. Der Frontmonat ist allerdings der volatilste und irreführendste Teil der Kurve, weshalb die glattere Dreimonatsbasis zum Zeitpunkt des Positionswechsels laut CoinDesk nur bei etwa 3 Prozent lag, also weiter unter der kurzen Anleiherendite.
| Instrument (7. August 2026) | Annualisierte Basis / Rendite | Quelle |
|---|---|---|
| CME-Basis Frontmonat (August) | 7,89 % | CryptoSlate |
| CME-Basis September | 6,25 % | CryptoSlate |
| CME-Basis Dezember | 5,69 % | CryptoSlate |
| Geglättete 3-Monats-Basis (beim Positionswechsel) | rund 3 % | CoinDesk |
| US-Staatsanleihe, 2 Jahre | 4,19 % | CryptoSlate |
| US-T-Bill, 3 Monate | rund 3,8 % | TradingEconomics |
Bis zum 27. August war die zweijährige Rendite laut TradingEconomics leicht auf 4,24 Prozent gestiegen, die Dreimonats-T-Bill lag bei 3,78 Prozent. Der risikofreie Boden ist also fest, und das ist für die Bewertung der Basis der zentrale Bezugspunkt: Jeder Prozentpunkt Basis, der unter der T-Bill-Rendite liegt, bedeutet, dass der Basis-Trade schlechter abschneidet als das Parken von Kapital in Staatsanleihen, ganz ohne Krypto-Risiko.
Warum der Frontmonat täuscht: Annualisierung und Regimevergleich
Die 7,89 Prozent muss man mit Vorsicht genießen. Eine kleine absolute Prämie auf einen kurz laufenden Kontrakt wird durch die Hochrechnung auf ein Jahr optisch aufgeblasen. Genau das ist im August passiert: Die Rally trieb die Nachfrage nach gehebelten Long-Positionen, der vorderste Kontrakt sprang, und die Annualisierung machte daraus eine große Prozentzahl. Die geglättete Dreimonatsbasis, die weniger vom Tageslärm abhängt, lag mit rund 3 Prozent deutlich niedriger und damit weiter unter der risikofreien Rendite. Wer nur die Schlagzeilenzahl liest, überschätzt die tatsächliche Ertragskraft des Trades erheblich.
Wie ungewöhnlich der Augustwert ist, zeigt der Blick zurück. Nach dem Start der US-Spot-ETFs im Februar 2024 kletterte die annualisierte Basis laut CF Benchmarks auf rund 25 Prozent, nach der US-Wahl im November 2024 auf über 20 Prozent. Anfang 2025 rutschte sie zeitweise unter null, ein seltener Moment echter Backwardation. Danach folgte die lange Abkühlung: Im ersten Halbjahr 2026 bewegte sich die Basis in niedrigen einstelligen Werten, häufig nahe oder unter der T-Bill-Rendite. Vor diesem Hintergrund ist der Augustsprung weniger eine Rückkehr zu 2024er-Niveaus als vielmehr das erste Lebenszeichen nach einer langen Flaute.
| Zeitpunkt | Annualisierte Basis (ca.) | Marktkontext |
|---|---|---|
| Februar 2024 | rund 25 % | Start der US-Spot-ETFs, Nachfrageschub |
| November 2024 | über 20 % | nach der US-Wahl, hoher Risikoappetit |
| Anfang 2025 | zeitweise negativ | seltene Backwardation, Stressphase |
| 1. Halbjahr 2026 | niedrige einstellige Werte | Carry-Unwind, ETF-Abflüsse |
| 7. August 2026 | 7,89 % (Front), rund 3 % geglättet | Augustrally, Positionswechsel |
Der Analyst Marc Baumann wies laut CryptoSlate darauf hin, dass die Basis vor dem August rund 157 Tage in Folge unter der staatlichen Benchmark gelegen hatte. Die genaue Methodik dahinter ist nicht öffentlich, weshalb man die Zahl als Größenordnung und nicht als exakten Zähler lesen sollte; die Richtung aber ist unstrittig. Ein halbes Jahr lang war der Basis-Trade schlicht kein gutes Geschäft, und Kapital wanderte in T-Bills, in Gold und in KI-Aktien ab, die um dieselben Mittel konkurrierten.
Richtungswette statt Arbitrage: der eigentliche Bruch
Hier liegt der Kern der Geschichte. Der Positionswechsel ist nicht deshalb bedeutsam, weil die Basis auf 7,89 Prozent sprang, sondern weil die Zusammensetzung der Marktteilnehmer kippte. Solange die glatte Basis bei rund 3 Prozent und damit unter der risikofreien Rendite liegt, ergibt der klassische Carry-Trade rechnerisch keinen Sinn mehr. Wenn Hedgefonds trotzdem netto long gehen, dann eben nicht, um eine Prämie zu ernten, sondern um auf steigende Kurse zu setzen. Aus einer marktneutralen Arbitrage wird eine gerichtete Wette.
Die Folge ist mechanisch und wichtig: Ein strukturell short positionierter Fonds verkauft in jede Aufwärtsbewegung hinein neue Futures, um sein Absicherungsbein an die wachsende Spot-Position anzupassen. Dieser Verkaufsdruck wirkt wie ein Deckel. Fällt er weg oder dreht er sich um, verwandelt sich der frühere Gegenwind in Rückenwind: Statt in die Rally zu verkaufen, kaufen dieselben Adressen jetzt. Das ist der Unterschied zwischen einem Markt, der von Arbitrageuren gedeckelt wird, und einem, in dem professionelles Kapital dieselbe Richtung wie der Preis einschlägt. Ki Young Jus Beobachtung ist deshalb weniger eine Prognose als eine Diagnose der Marktmechanik.
Wer verkaufte, wer kaufte: die Umschichtung im 13F
Wer den Basis-Trade fuhr und wer ausstieg, lässt sich an den 13F-Meldungen der US-Investoren ablesen. Der CoinShares-Bericht zum ersten Quartal 2026 zeichnet das Bild einer geordneten Übergabe: Die gesamten Bestände der Melder fielen von 313.000 auf 261.000 BTC, ein Minus von 17 Prozent, der Dollarwert dieser Positionen sackte um 35 Prozent auf 17,8 Milliarden US-Dollar. Getragen wurde der Abbau fast vollständig von zwei Gruppen: Hedgefonds reduzierten um 31.400 BTC oder 39 Prozent, Broker um 53 Prozent; zusammen stellten sie 95 Prozent des gesamten Rückgangs.
Auf der anderen Seite standen die Banken. Sie verdoppelten ihr ETF-Engagement, während der breite Profi-Markt schrumpfte: JPMorgan legte 3.000 BTC nach, Wells Fargo 4.000 BTC, Intesa Sanpaolo stieg mit 1.600 BTC erstmals ein, und selbst Citigroup meldete mit 97 BTC eine erste, symbolische Position. Den wichtigsten Grund für den Ausstieg der Hedgefonds nennt CoinShares direkt: Die Funding Rates der Perpetuals waren im 30-Tage-Schnitt zum Quartalsende negativ geworden, was den Basis-Trade im großen Stil unrentabel machte. Was viele als Kapitulation der Institutionellen deuteten, war in Wahrheit das Auflösen einer Arbitrage, deren Ertrag verschwunden war.
| Kohorte | Veränderung Q1 2026 | Detail |
|---|---|---|
| Hedgefonds | -31.400 BTC (-39 %) | größter Abbau, Carry-Unwind |
| Broker / Händler | -53 % im Quartal | zweitgrößter Abbau |
| US-Banken | Verdoppelung auf rund 15.000 BTC | JPMorgan +3.000, Wells Fargo +4.000 |
| Neueinsteiger | Erstpositionen | Intesa Sanpaolo 1.600, Citigroup 97 |
| Alle 13F-Melder | 313.000 auf 261.000 BTC (-17 %) | Dollarwert -35 % auf 17,8 Mrd. USD |
Die ETF-Verbindung: warum wieder Geld zufließt
Die Basis und die ETF-Ströme sind zwei Seiten derselben Münze. Weil das Spot-Bein des institutionellen Basis-Trades meist über einen ETF läuft, ziehen Zu- und Abflüsse und die Höhe der Basis in dieselbe Richtung. In der Woche zum 7. August verzeichneten die US-Spot-Bitcoin-ETFs laut CryptoSlate Nettozuflüsse von 853,54 Millionen US-Dollar, und zwar an jedem einzelnen Handelstag positiv. Nach Monaten der Abflüsse ist das eine deutliche Trendwende, die zeitlich exakt mit dem Wiedererwachen der Basis und dem Positionswechsel zusammenfällt.
Wie vorsichtig man solche Ströme interpretieren muss, zeigte die Gegenbewegung Ende 2025. Michael Marshall, Head of Research bei Amberdata, ordnete die damaligen Milliardenabflüsse gegenüber CoinDesk als „mechanical basis trade unwind, not broad investor fear” ein, also als mechanisches Auflösen des Basis-Trades und nicht als breite Anlegerangst. Die annualisierte 30-Tage-Basis fiel damals von 6,63 auf 4,46 Prozent, an 93 Prozent der Tage lag sie unter der 5-Prozent-Schwelle, und Marshall bezeichnete den Markt danach als „cleaner”, also strukturell bereinigt. Dieselbe Logik gilt spiegelverkehrt für den August: Zuflüsse sind kein reiner Optimismus, wenn sie das Spot-Bein neu aufgebauter Trades sind. Weil ein Großteil der Ströme zudem über einen einzigen Emittenten läuft, verzerrt diese Konzentration das Bild zusätzlich, ein Thema, das wir in der Analyse zum Konzentrationsrisiko der ETF-Milliarden ausführlich behandelt haben.
Jackson Hole, Warsh und der risikofreie Boden
Die Basis wird nicht im luftleeren Raum bewertet, sondern immer gegen den risikofreien Zins. Und den setzt die US-Notenbank. Deshalb ist das Timing dieser Woche kein Zufall: Von Donnerstag bis Samstag tagt in Jackson Hole das Wirtschaftssymposium der Federal Reserve Bank of Kansas City, und das Thema lautet heuer erstmals ausdrücklich „Financial Innovation: Implications for Payments and Policy”. Am Freitag, den 28. August, um 10:00 Uhr Ortszeit hält Kevin Warsh seine erste Grundsatzrede als Fed-Vorsitzender, seit er das Amt im Mai übernommen hat. Für einen Markt, der die Basis gegen die Anleiherendite misst, ist das der wichtigste Termin des Spätsommers.
Die Mechanik ist geradlinig. Senkt die Fed die Zinsen, sinkt der risikofreie Boden, und die Basis muss weniger hoch stehen, um attraktiv zu sein; der Vorsprung des Carry-Trades weitet sich, ohne dass die Basis selbst steigen müsste. Bleibt Warsh hingegen restriktiv, drückt der hohe Boden die frontlastige Augustprämie schnell wieder in Richtung des Regimes der 157 Tage darunter. Zugleich klafft eine wachsende Zinskluft über den Atlantik: Während die Fed pausiert, steuert die EZB laut Konsens auf einen letzten Schritt zu, ein Gegensatz, den wir in „Warsh hält, Lagarde erhöht” auseinandergenommen haben. Wie sehr der Markt die Rede fürchtet, lässt sich an der Volatilitätsfläche vor Jackson Hole ablesen, die die Prämien für Absicherung rund um den Termin sichtbar macht.
Sagt die Basis den Preis voraus?
Die verlockendste Fehlinterpretation lautet: Steigende Basis gleich steigender Preis. Die Daten stützen das nicht. In ihrer Untersuchung „Revisiting the Bitcoin Basis” zeigen die Analysten von CF Benchmarks um Mark Pilipczuk, dass die Basis mit dem Momentum nicht vorausläuft, sondern gleichzeitig läuft. Die Korrelation zur MACD-Z-Score liegt bei rund 0,50, jene zum 90-Tage-Z-Score der 30-Tage-Renditen bei rund 0,54, jeweils zeitgleich. Extreme Gier, gemessen am Fear-and-Greed-Index über 0,75, geht typischerweise mit einer Basis von 15 bis 30 Prozent einher. Die Basis bestätigt also die Stimmung, sie prognostiziert sie nicht.
Noch unbequemer ist der Befund der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. In ihrem Working Paper 1087 „Crypto carry” zeigen Maik Schmeling, Andreas Schrimpf und Karamfil Todorov, dass der Krypto-Carry im Schnitt über 10 Prozent pro Jahr betrug und in Spitzen über 40 Prozent, getrieben von trendfolgender, gehebelter Nachfrage und begrenztem Arbitragekapital. Ihre zentrale Warnung: Hohe Carry-Werte gehen historisch Crashs voraus, nicht nach. Extrem hohe Basis ist damit weniger ein Kaufsignal als ein Überhitzungsmesser. Wer die August-7,89-Prozent als Startschuss einer neuen Euphorie liest, verwechselt Ursache und Wirkung; die glatte Basis von rund 3 Prozent legt ohnehin nahe, dass von Euphorie noch keine Rede ist.
Brutto ist nicht netto: was vom Sprung übrig bleibt
Die annualisierte Basis ist eine Bruttozahl. Bis sie im Depot ankommt, frisst ein ganzer Kostenstapel daran: Handelsgebühren auf beiden Beinen, Slippage beim Auf- und Abbau, die Roll-Kosten beim Wechsel von einem auslaufenden in einen neuen Kontrakt, die Bindung von Kapital als Margin und die Finanzierungskosten dieses Kapitals. Entscheidend ist, dass der risikofreie Zins keine Zugabe ist, sondern der Boden: Er steckt bereits in den Cost-of-Carry, sodass die echte Krypto-Prämie nur der Überschuss über die T-Bill-Rendite ist. Bei einer glatten Basis von rund 3 Prozent und einer T-Bill von 3,8 Prozent ist dieser Überschuss derzeit negativ. Wir haben diese Rechnung in „Kein Gratisgeld” im Detail aufgemacht.
Dazu kommt das Wörtchen „risikolos”, das 2022 seine Unschuld verlor. Der Basis-Trade ist marktneutral, aber nicht ohne Gegenparteirisiko: Wer sein Spot-Bein oder seine Margin bei einer Börse hält, die zusammenbricht, verliert unabhängig davon, wie sauber die Absicherung war. Die Pleiten von FTX, Three Arrows Capital und Celsius haben gezeigt, dass das vermeintlich risikolose Bein am Ende am Verwahrer hängt. Genau deshalb ist die Verlagerung des Spot-Beins zu regulierten Verwahrern und Banken, wie sie die 13F-Daten zeigen, mehr als eine Randnotiz; wer die Schlüssel zur Bank-Krypto hält, ist eine eigene Frage, die wir in „Der gemietete Tresor” beleuchtet haben.
Regulierung: FMA, MiFID II und die CFTC-Wende
Für österreichische Anlegerinnen und Anleger ist die aufsichtsrechtliche Einordnung wichtig, weil sie oft übersehen wird. Futures und Perpetuals auf Bitcoin sind Finanzinstrumente unter der Richtlinie MiFID II und unterliegen der Aufsicht der Finanzmarktaufsicht FMA. Sie fallen ausdrücklich nicht unter MiCA, das den Spotmarkt und die Krypto-Dienstleister regelt. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat diese Linie am 24. Februar 2026 in einer öffentlichen Erklärung geschärft: Produkte, die als „Perpetual Futures” vermarktet werden, fallen bei gehebelter Auszahlung und ohne rein physische Lieferung sehr wahrscheinlich unter das bestehende CFD-Regime. Für Kleinanleger heißt das eine Hebelgrenze von 2:1, also 50 Prozent Ersteinschuss, plus verpflichtende Risikohinweise, Margin-Glattstellung und negativen Kontoschutz.
In den USA hat sich 2026 dagegen eine Tür geöffnet. Am 29. Mai genehmigte die Terminmarktaufsicht CFTC den Kontrakt BTCPERP der Börse KalshiEX, den ersten in den USA regulierten Bitcoin-Perpetual. CFTC-Chef Mike Selig nannte den Schritt gegenüber CoinDesk einen „major step forward” und ein Werkzeug, das Amerika zur „crypto capital of the world” mache; zugleich betonte er das Ziel, „excessive leverage, volatility and systemic risk” zu begrenzen. Am selben Tag stellte die CME ihre Bitcoin-Futures und -Optionen auf durchgehenden 24/7-Handel um, was die Wochenendlücke schließt, die früher die Basis am Montagmorgen verzerrte. Für die Qualität des Basis-Signals ist das ein unterschätzter Fortschritt: Die Terminkurve bricht am Wochenende nicht mehr ab.
Was das für österreichische Anleger bedeutet
Für die allermeisten Privatanlegerinnen und Privatanleger ist der Basis-Trade nichts, das man selbst nachbaut. Der Aufwand, zwei Beine über verschiedene Plattformen sauber zu hedgen, die Margin zu managen und die Kontrakte zu rollen, steht in keinem Verhältnis zu einer Nettoprämie, die aktuell unter der Rendite eines Bundesschatz-Papiers liegt. Der praktische Wert der Basis liegt woanders: Sie ist ein exzellentes Barometer für Positionierung und Stimmung. Eine hohe, steile Basis signalisiert gehebelten Optimismus und damit Überhitzungsgefahr; eine flache oder inverse Basis signalisiert Stress und Entschuldung.
Der Positionswechsel dieses Augusts ist deshalb weniger ein Kaufsignal als eine Information über die Marktstruktur: Der jahrelange Verkaufsdruck aus den Basis-Trades hat nachgelassen, und professionelles Kapital steht erstmals wieder auf derselben Seite wie der Preis. Das kann eine Rally verlängern, es erhöht aber auch die Fallhöhe, sollte Warsh die Stimmung drehen. Wer Bitcoin im Depot hält oder aufbaut, sollte die Basis daher als einen von mehreren Risikoindikatoren lesen und nicht als Renditequelle, und die Positionsgröße am eigenen Risikobudget ausrichten, wie wir es in „Wie viel Bitcoin ins Depot?” durchgerechnet haben. Steuerlich gilt in Österreich: Laufende Erträge und Veräußerungsgewinne aus Kryptowährungen unterliegen laut Bundesministerium für Finanzen dem besonderen Steuersatz von 27,5 Prozent nach Paragraf 27a EStG; für Gewinne aus Derivaten und Termingeschäften gelten je nach Produkt eigene Regeln, die im Zweifel mit einer Steuerberaterin oder einem Steuerberater zu klären sind.
Frequently Asked Questions
Was ist die Futures-Basis bei Bitcoin?
Die Basis ist die Differenz zwischen dem Preis eines Bitcoin-Futures und dem aktuellen Kassakurs, meist annualisiert angegeben. Liegt der Future über dem Spotpreis, herrscht Contango (Optimismus); liegt er darunter, Backwardation (Stress). Am Verfallstag konvergiert der Future zum Kassakurs, was die Prämie handelbar macht.
Warum sind Hedgefonds bei Bitcoin-Futures normalerweise short?
Weil ihr verkaufter Future meist das Absicherungsbein eines Cash-and-Carry-Trades ist: Sie halten Bitcoin am Kassamarkt und verkaufen einen gleich großen Future, um die Basisprämie marktneutral einzusammeln. Die scheinbare Short-Position ist also keine Wette auf fallende Kurse, sondern die kurze Seite einer Arbitrage.
Bedeutet eine steigende Basis, dass der Bitcoin-Preis steigt?
Nein. Studien von CF Benchmarks zeigen, dass die Basis mit dem Momentum gleichzeitig läuft und es nicht vorhersagt (Korrelation rund 0,50 bis 0,54). Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt sogar, dass sehr hohe Carry-Werte historisch Kursstürzen vorausgehen. Extreme Basis ist eher ein Überhitzungsmesser als ein Kaufsignal.
Können Privatanleger den Basis-Trade nachbauen?
Technisch ja, praktisch selten sinnvoll. Nach Gebühren, Slippage, Roll- und Kapitalkosten bleibt von der Bruttobasis wenig übrig, und der risikofreie Zins ist der Boden, nicht die Zugabe. Bei einer geglätteten Basis um 3 Prozent und einer T-Bill-Rendite um 3,8 Prozent ist die Nettoprämie derzeit negativ, dazu kommt das Gegenparteirisiko der Verwahrung.
Wie werden Gewinne aus Bitcoin-Futures in Österreich besteuert?
Gewinne aus Kryptowährungen selbst unterliegen laut BMF dem besonderen Steuersatz von 27,5 Prozent nach Paragraf 27a EStG, seit der Ökosozialen Steuerreform mit automatischem KESt-Abzug für inländische Dienstleister. Für Derivate und Termingeschäfte auf Krypto gelten je nach Ausgestaltung eigene Regeln; eine individuelle steuerliche Beratung ist ratsam.
Von Liam Brennan, Senior Markets Editor bei HOGE Wire.