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● Macro & TradFi

Geld auf die Kette: Pontes, Qivalis und Europas Dollar-Konter

Banken dürfen kaum Bitcoin halten, also bringen sie ihr eigenes Geld auf die Blockchain. Mit Pontes, dem Qivalis-Stablecoin und dem digitalen Euro kontert Europa die Dollar-Dominanz.

Der 21. September, an dem Europas Geld auf die Kette geht

Am 21. September 2026 geht in Frankfurt ein Stück Geldgeschichte in den Regelbetrieb. An diesem Tag startet die Europäische Zentralbank Pontes, eine Infrastruktur, die tokenisierte Wertpapiergeschäfte in echtem Zentralbankgeld abwickelt, direkt auf einer Distributed-Ledger-Plattform und synchronisiert mit den TARGET-Diensten des Eurosystems (Ledger Insights). Das Etikett Pilot hat die EZB inzwischen fallen gelassen; Pontes startet als produktiver Dienst, vorerst mit eingeschränkten Betriebszeiten.

Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Dieselben Banken, die nach den Baseler Kapitalregeln kaum einen Satoshi Bitcoin in die eigene Bilanz nehmen dürfen, arbeiten mit Hochdruck daran, ihr eigenes Geld auf die Blockchain zu bringen. Bitcoin notiert an diesem 10. September bei rund 66.900 Euro (etwa 77.700 US-Dollar), leicht im Minus vor dem US-Inflationsbericht am 11. September und dem Fed-Entscheid am 16. September (CoinGecko). Doch die eigentliche Bewegung im Bankensektor dreht sich nicht um den Bitcoin-Kurs, sondern um eine grundsätzlichere Frage: Wer prägt das digitale Geld der Zukunft, und in welcher Währung?

Die Antwort der europäischen Banken fällt in diesem Herbst überraschend eindeutig aus. Statt Kryptowährungen zu horten, bringen sie gleich drei Arten von Geld auf die Kette: tokenisierte Einlagen (Geschäftsbankengeld), einen gemeinschaftlichen Euro-Stablecoin und, über die EZB, Zentralbankgeld zunächst für Großkunden und bald für das breite Publikum. Der Auslöser ist weniger Technikbegeisterung als die Sorge vor einem Konkurrenten, der auf US-Dollar lautet.

Nicht Bitcoin halten, sondern eigenes Geld ausgeben

Warum halten Banken nicht einfach Bitcoin? Weil eine einzige Zahl es ihnen praktisch verbietet. Unter dem Baseler Standard SCO60, seit 1. Jänner 2026 in Kraft, fallen ungedeckte Kryptowerte wie Bitcoin in die Gruppe 2b und tragen ein Risikogewicht von 1.250 Prozent. Vereinfacht heißt das: Für jeden Euro Bitcoin in der Bilanz muss eine Bank rund einen Euro hartes Eigenkapital vorhalten. Kein Handelstisch rechnet sich unter dieser Last, wie wir an anderer Stelle ausführlich beschrieben haben (1.250 Prozent: warum Banken Krypto verkaufen, aber nicht halten).

Die Regel hat einen paradoxen Nebeneffekt. Wenn Banken das knappe, volatile Asset nicht besitzen dürfen, verlegen sie sich auf das, was sie ohnehin am besten können: Geld schaffen und Zahlungen abwickeln. Eine tokenisierte Einlage, ein bankgedeckter Stablecoin oder tokenisiertes Zentralbankgeld sind aus Kapitalsicht harmlos. Sie sind kein spekulatives Krypto-Exposure, sondern digitale Verpackungen von Guthaben und Verbindlichkeiten, die es längst gibt.

So verschiebt sich die Front. Der Wettbewerb der Banken mit der Kryptowelt läuft 2026 nicht mehr über die Verwahrung von Coins, sondern über die Ausgabe von digitalem Geld. Und dieser Wettbewerb hat einen sehr konkreten Gegner.

Der eine Gegner, der alles auslöst: der Dollar-Stablecoin

Stablecoins sind zum am schnellsten wachsenden Zahlungssegment der Kryptowelt geworden, und sie sind fast vollständig eine Dollar-Angelegenheit. Der Gesamtmarkt liegt bei rund 300 Milliarden US-Dollar, davon entfallen etwa 99,5 Prozent auf dollarbasierte Token wie USDT (rund 59 Prozent Marktanteil) und USDC (rund 23 Prozent). Alle Euro-Stablecoins zusammen kommen auf etwa 0,3 Prozent (FinanceFeeds).

Immerhin wachsen die Euro-Varianten: MiCA-konforme Euro-Stablecoins legten bis Juni 2026 um 128 Prozent auf rund 673,9 Millionen US-Dollar zu, angeführt von Circles EURC und der EURCV von Société Générale. Doch gegenüber dem Dollar-Block sind das Rundungsfehler. Für die EZB ist das ein strategisches Problem, kein technisches.

Die Sorge ist zweifach. Erstens die geldpolitische Souveränität: Wenn Europäer im Alltag zunehmend in dollargedeckten Token zahlen und sparen, sickert ein Stück europäischer Währungshoheit ab, ähnlich der Debatte um Wechselkurs und Dollar-Index, die wir rund um die EZB-Sitzung verfolgt haben (Ein Euro-Chart: warum der DXY vor der EZB unter 99 fällt). Zweitens die Disintermediation: Wandern Spareinlagen in Stablecoins ab, verlieren Banken günstige Refinanzierung und den Einblick in Zahlungsströme, den sie für Kreditentscheidungen brauchen.

Tokenisierte Einlagen: Geld, das eine Einlage bleibt

Die erste Antwort der Banken heißt tokenisierte Einlage, auf Englisch deposit token. Dabei bildet eine Bank ein Guthaben, das ein Kunde bei ihr hält, eins zu eins auf einer Blockchain ab. Rechtlich bleibt es eine Einlage: eine Forderung gegen die Bank, in deren Bilanz, grundsätzlich verzinsbar und im Rahmen der gesetzlichen Grenzen von der Einlagensicherung gedeckt. Es ist kein Inhaber-Token, der frei durch die Welt wandert, sondern bewegt sich im geschlossenen Kreis regulierter Institute.

Das prominenteste Beispiel liefert JPMorgan. Über die Plattform Kinexys hat die Bank ihren USD-Einlagentoken JPMD nach einer Pilotphase für institutionelle Kunden auf Base, dem Ethereum-Layer-2 von Coinbase, in den Regelbetrieb überführt (J.P. Morgan). Anders als ein Stablecoin ist JPMD verzinslich, weil er eine Einlage repräsentiert, und er genießt den Schutz und die Aufsicht des Bankrechts statt eines eigenen Krypto-Regimes; 2026 soll er zusätzlich auf das Canton Network kommen.

Warum halten Aufseher tokenisierte Einlagen für den saubereren Weg? Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat in ihrem Jahresbericht 2026 das Konzept der Einheitlichkeit des Geldes (singleness of money) in den Mittelpunkt gestellt: Ein Euro muss überall ein Euro sein, egal ob als Bargeld, Buchgeld oder Token (BIS). Tokenisierte Einlagen erfüllen das, weil ihr Interbankenbein weiterhin in Zentralbankgeld glattgestellt wird. Stablecoins, so das Argument der BIS, drohen dieses Versprechen zu brechen.

Qivalis: neun Banken, ein Euro-Stablecoin, Raiffeisen mittendrin

Die zweite Antwort ist ein gemeinschaftlicher Euro-Stablecoin, und hier sitzt Österreich mit am Tisch. Neun europäische Banken haben sich zusammengeschlossen, um einen MiCA-konformen Euro-Stablecoin herauszugeben: ING, Banca Sella, KBC, Danske Bank, DekaBank, UniCredit, SEB, CaixaBank und die Raiffeisen Bank International (CoinDesk). Im Dezember stieß BNP Paribas als weiteres Institut dazu.

Das Konsortium hat dafür eine eigene Gesellschaft in Amsterdam gegründet, Qivalis, die als E-Geld-Institut unter Aufsicht der niederländischen Zentralbank lizenziert werden soll. Der Token soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 erstmals ausgegeben werden und rund um die Uhr grenzüberschreitende Zahlungen, programmierbare Transaktionen und die Abwicklung digitaler Vermögenswerte ermöglichen (CaixaBank).

Für Österreich ist die Beteiligung der RBI doppelt interessant. Die Raiffeisen-Gruppe war eine der ersten Bankengruppen der EU, die ihren Privatkunden über die Infrastruktur von Bitpanda Enterprise direkten Krypto-Handel anbot; seit Mai 2026 ist das Angebot nach Wien, Niederösterreich und dem Burgenland auch auf Tirol ausgeweitet (Bitpanda). Dieselbe Bank, die ihren Kunden den Kauf von Bitcoin ermöglicht, will über Qivalis künftig also auch das Zahlungsmittel selbst mitprägen. Anders als eine tokenisierte Einlage ist ein solcher Stablecoin rechtlich ein E-Geld-Token (EMT) unter MiCA: unverzinst, außerhalb der Bilanz und vollständig reservegedeckt.

Pontes: Zentralbankgeld geht on-chain

Die dritte Antwort kommt von der Zentralbank selbst, und sie ist der Grund, warum der 21. September zum Stichtag wird. Pontes verbindet die DLT-Plattformen des Marktes auf der einen Seite mit einer einzigen Eurosystem-Plattform auf der anderen, deren Knoten die nationalen Notenbanken betreiben (EZB). Wer ein tokenisiertes Wertpapier kauft, kann das Geldbein entweder mit Cash-Token auf der Eurosystem-Plattform oder klassisch über das T2-System begleichen; ein Protokoll namens Hash-Link sorgt dafür, dass Lieferung und Zahlung synchron erfolgen.

Der Fachbegriff dafür ist Atomarität: Beide Beine eines Geschäfts werden gemeinsam abgewickelt oder gar nicht. Isabel Schnabel, Mitglied des EZB-Direktoriums, brachte die Logik in ihrer Rede in Jackson Hole am 28. August auf den Punkt: „Atomicity implies that the legs of a transaction settle together or not at all, thereby eliminating settlement risk“ (EZB). Ihre Grundthese ging weiter: „Central banks should embrace DLT and go on-chain themselves.“

Zum Start läuft Pontes mit begrenzten Betriebszeiten; die Ausbaustufe mit 24/7-Verfügbarkeit und Smart Contracts ist für 2028 vorgesehen. Wichtig ist die Unterscheidung: Pontes ist Zentralbankgeld für Großkunden, also die Abwicklung zwischen Banken und Marktinfrastrukturen, nicht das Portemonnaie des Endkunden. Genau darin liegt der Reiz für Banken. Schnabel formulierte es so: „No matter how advanced the technology or how deep the liquidity of private tokens, financial markets can only scale safely if transactions settle in a risk-free asset that can be supplied elastically.“ Die Häuser dürfen keinen Bitcoin halten, aber tokenisierte Anleihen in ausfallfreiem Zentralbankgeld abzuwickeln ist kapitalschonend und regulatorisch unverdächtig.

Der digitale Euro: öffentliches Geld für alle, und die Angst der Banken

Bleibt die vierte Form, die politisch heikelste: der digitale Euro für Privatkunden. Er wäre Zentralbankgeld in der Brieftasche jedes Bürgers, ausgegeben von der EZB und verteilt über die Banken. Seit dem ersten Trilog am 13. Juli 2026 verhandeln Parlament, Rat und Kommission über die Verordnung; eine politische Einigung wird bis Ende 2026 angestrebt, ein Start frühestens 2029 (Freshfields).

Der größte Streitpunkt ist die Haltegrenze. Damit Sparer im Krisenfall nicht massenhaft Bankeinlagen in digitale Euro umschichten und so die Banken austrocknen, soll ein Deckel gelten; diskutiert wird eine Spanne von etwa 1.500 bis 3.000 Euro pro Person. Das Parlament will die Grenze über einen delegierten Rechtsakt der Kommission auf Empfehlung der EZB setzen, der Rat über einen eigenen Durchführungsbeschluss, damit die Mitgliedstaaten das letzte Wort behalten. Das Europäische Parlament billigte den Rahmen bereits im Juni und rahmte ihn ausdrücklich als Mittel, um die Dominanz US-amerikanischer Zahlungssysteme zu brechen (CoinDesk).

Für die Banken ist der digitale Euro Bedrohung und Schutzschild zugleich. Piero Cipollone, Mitglied des EZB-Direktoriums, argumentiert, Stablecoins und mobile Bezahldienste entzögen den Banken die Sichtbarkeit über Zahlungen und Gebühreneinnahmen; der digitale Euro solle beides bewahren, weil er unverzinst bleibt, Haltegrenzen hat und über die Banken vertrieben wird (Ledger Insights). Seine Begründung für öffentliches Geld: „Public money does not serve any single private interest, and no-one can use it to impose terms in their favour on the citizens that hold it.“

Vier Sorten Geld, eine Kette: das Vergleichsbild

Die vier Formen digitalen Geldes unterscheiden sich weniger in der Technik als im Recht: Wer haftet, wer verzinst, wer sichert ab. Die folgende Übersicht ordnet sie ein.

MerkmalTokenisierte EinlageStablecoin (EMT)Wholesale-CBDC (Pontes)Digitaler Euro (Retail)
EmittentGeschäftsbankE-Geld-Institut oder BankEurosystem (Notenbanken)EZB
RechtsnaturBankeinlageE-Geld-Token unter MiCAZentralbankgeld, GroßkundenZentralbankgeld, Publikum
In der Bankbilanzja (Passivseite)nein (separat gedeckt)entfälltentfällt
Verzinsungmöglichnein (MiCA)entfälltnein (gesetzlich)
Einlagensicherungja, bis 100.000 Euroneinentfällt (ausfallfrei)entfällt (ausfallfrei)
RegelwerkCRR/CRD, nicht MiCAMiCA (EMT)Eurosystem/TARGETVerordnung digitaler Euro
BeispielJPMD (JPMorgan)EURC, EURCV, QivalisPontes (ab 21.9.2026)geplant ab 2029

Die transatlantische Kluft: GENIUS gegen digitalen Euro

Der Kontrast zu den USA könnte kaum schärfer sein. Washington setzt auf privates Geld: Der GENIUS Act reguliert dollargedeckte Zahlungs-Stablecoins, und das Office of the Comptroller of the Currency will seine Durchführungsregeln laut Comptroller Jonathan Gould bis November 2026 finalisieren; ab dem 18. Jänner 2027 darf in den USA grundsätzlich niemand mehr einen Zahlungs-Stablecoin ohne Lizenz herausgeben (The Cryptonomist).

Gleichzeitig hat die US-Regierung per Executive Order 14178 im Jänner 2025 die Entwicklung einer US-Zentralbankwährung ausdrücklich untersagt und stattdessen private Dollar-Stablecoins zur strategischen Priorität erklärt (Banking Dive). Die USA bauen also bewusst kein öffentliches digitales Geld, sondern exportieren den Dollar über privat emittierte Token.

Europa geht den umgekehrten Weg: öffentliches Geld on-chain (Pontes und, geplant, der digitale Euro) plus streng regulierte private Euro-Token unter MiCA. Es ist ein Wettlauf zweier Philosophien um dieselbe Frage, in welcher Währung die Welt künftig digital zahlt; die Landkarte der globalen Handelsvolumina zeigt, wie ungleich die Ausgangslage heute noch ist (Geografie des Volumens: wo die Welt 2026 Krypto handelt).

Was FMA und MiCA in Österreich bedeuten

Für österreichische Banken und ihre Kunden bildet MiCA den Rahmen, und die Finanzmarktaufsicht (FMA) ist die zuständige nationale Behörde (FMA). Die verkürzte MiCA-Übergangsfrist endet in Österreich, wie in Deutschland, Italien und Spanien, am 1. Juli 2026; wer danach Krypto-Dienstleistungen anbietet, braucht eine Zulassung als CASP oder muss den Betrieb einstellen.

Ein Euro-Stablecoin wie der geplante Qivalis-Token fällt als E-Geld-Token unter die EMT-Regeln von MiCA: vollständige, sichere Reserven, jederzeitiges Rückgaberecht zum Nennwert, kein Zins. Tokenisierte Einlagen dagegen sind ausdrücklich vom MiCA-Anwendungsbereich ausgenommen, weil eine Einlage eine Einlage bleibt und unter CRR/CRD sowie die Einlagensicherung fällt. Bitpanda, in Wien gegründet und von FMA und BaFin beaufsichtigt, ist Österreichs Aushängeschild unter den lizenzierten CASPs und liefert die Infrastruktur, über die Raiffeisen-Kunden handeln.

Für Anlegerinnen und Anleger bleibt die steuerliche Behandlung entscheidend: Realisierte Kursgewinne aus Kryptowährungen unterliegen in Österreich dem besonderen Steuersatz von 27,5 Prozent (Paragraf 27a EStG), und inländische Plattformen führen die KESt seit Anfang 2024 automatisch ab. Ein digitaler Euro oder eine tokenisierte Einlage sind dagegen kein steuerpflichtiges Krypto-Investment, sondern digitales Geld: Sie werfen keinen Kursgewinn ab, sie sind schlicht ein Euro in neuer Form.

Die Landkarte der Modelle

Wer macht 2026 was? Die folgende Übersicht zeigt die Rollen der wichtigsten Akteure, von der Wiener Bitpanda über die Raiffeisen Bank International bis zum Eurosystem.

AkteurModellWas konkret
Raiffeisen Bank International (AT)Handel plus Stablecoin-KonsortiumKrypto-Handel für Privatkunden über Bitpanda Enterprise; Gründungsmitglied von Qivalis
Bitpanda (Wien)CASP-InfrastrukturFMA- und BaFin-lizenzierter Verwahrer und Broker; White-Label für Raiffeisen-Banken
UniCredit (Bank Austria)Zertifikate plus Konsortiumstrukturierte Zertifikate auf Bitcoin-ETFs; Mitglied im Qivalis-Konsortium
Qivalis-Konsortium (EU)Euro-Stablecoinneun Banken (u. a. ING, KBC, SEB, CaixaBank, DekaBank, Danske Bank, Banca Sella); Sitz Amsterdam
JPMorgan (US)Tokenisierte EinlageJPMD, verzinslich, live auf Base; Ausweitung auf Canton Network
Eurosystem/EZBZentralbankgeld on-chainPontes für Großkunden (ab 21.9.); digitaler Euro für Privatkunden (geplant ab 2029)

Warum die Kapitalregel der eigentliche Auslöser ist

Alle drei bankgetriebenen Antworten, tokenisierte Einlage, Euro-Stablecoin und die Abwicklung über Pontes, teilen ein Motiv: Sie sind kapitalschonend. Der 1.250-Prozent-Hammer trifft nur das direkte, ungedeckte Krypto-Exposure in der Bilanz. Eine tokenisierte Einlage ist eine ohnehin bestehende Verbindlichkeit in neuer Hülle; ein Stablecoin liegt bei einer separaten, vollständig gedeckten Gesellschaft außerhalb der Bankbilanz; die Abwicklung tokenisierter Anleihen in Zentralbankgeld ist gar kein Krypto-Risiko.

Damit wird sichtbar, was die Banken wirklich tun: Sie umgehen die Kapitalregel nicht, sie nutzen sie. Wo das Halten von Coins bestraft wird, verlagert sich die Wertschöpfung auf das Prägen und Bewegen von Geld, auf Zahlungsverkehr, Verwahrung und Abwicklung. Das ist ein kapital-leichtes, gebührengetriebenes Geschäft, das gut zu einer Bilanz passt, die kein 1.250-Prozent-Loch verträgt.

Der makroökonomische Hintergrund verstärkt den Reiz. In einem Umfeld, in dem Anleger über Geldentwertung und die Rolle harter Wertspeicher streiten, zuletzt sichtbar im Gleichlauf von Gold und Bitcoin (Gold und Bitcoin im Gleichschritt: der Debasement-Trade 2026), wollen Banken nicht auf der spekulativen Seite stehen, sondern auf der Seite des Geldes selbst. Wer die Schienen kontrolliert, muss den Zug nicht besitzen.

Der Fahrplan bis Ende 2026 und danach

Vieles davon ist noch mit Bleistift geschrieben; die folgenden Termine geben den Takt vor.

  • 21. September 2026: Start von Pontes (Zentralbankgeld für Großkunden), zunächst mit begrenzten Betriebszeiten.
  • Zweite Jahreshälfte 2026: geplante erste Ausgabe des Qivalis-Euro-Stablecoins nach Lizenzierung durch die niederländische Zentralbank.
  • Ende 2026: angestrebte politische Einigung im Trilog zum digitalen Euro.
  • November 2026: erwartete Finalisierung der GENIUS-Durchführungsregeln durch die OCC in den USA.
  • 18. Jänner 2027: erwartetes Inkrafttreten der US-Lizenzpflicht für Zahlungs-Stablecoins.
  • 2028: Ausbaustufe von Pontes mit 24/7-Betrieb und Smart Contracts.
  • Frühestens 2029: möglicher Start des digitalen Euro für Privatkunden.

Die Reihenfolge ist verräterisch: Zuerst geht das Zentralbankgeld für Großkunden live, dann der private Euro-Stablecoin, und erst am Ende, Jahre später, der digitale Euro für alle. Wer glaubt, das digitale Geld beginne mit dem digitalen Euro, hat die Entwicklung falsch herum gelesen.

Was das für Sparer und Anleger heißt

Was ändert sich für den Bankkunden in Österreich? Kurzfristig wenig Sichtbares, langfristig viel. Eine tokenisierte Einlage oder ein digitaler Euro sind kein neues Spekulationsobjekt; sie sind Euro, die schneller, programmierbar und rund um die Uhr fließen. Wer heute über seine Raiffeisenbank ein Bitpanda-Konto führt und morgen mit einem Qivalis-Token zahlt, bewegt sich in zwei verschiedenen Rechtswelten, auch wenn beides am Handy gleich aussieht.

Für Anleger lohnt der Blick auf drei Dinge: erstens, ob ein Produkt eine gedeckte Einlage (mit Einlagensicherung) oder ein Stablecoin (ohne) ist; zweitens, in welcher Währung es lautet, denn die Dollar-Dominanz im Stablecoin-Markt ist ein Politikum; drittens, wie es mit dem Zins steht, weil tokenisierte Einlagen verzinst sein können, EMT-Stablecoins und der digitale Euro dagegen nicht.

Und der Makro-Takt bleibt eng. Mit dem US-Inflationsbericht am 11. September und der Fed-Sitzung unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh am 16. September stehen zwei Termine an, die Kurse und Kapitalflüsse bewegen (Der Jobbericht schlägt zurück: Bitcoin vor Warshs Fed-Entscheid). Der stille Umbau des Geldsystems auf die Blockchain läuft davon unbeeindruckt weiter: Am 21. September, wenn Pontes startet, macht das Eurosystem den ersten produktiven Schritt, und Europas Banken sind, anders als beim Bitcoin, diesmal ganz vorne mit dabei.

Frequently Asked Questions

Warum halten Banken kein Bitcoin, geben aber eigenes digitales Geld aus?

Weil der Baseler Standard SCO60 seit Jänner 2026 ungedecktes Krypto wie Bitcoin mit einem Risikogewicht von 1.250 Prozent belegt, was faktisch eine Eigenkapitalunterlegung von rund 100 Prozent bedeutet. Tokenisiertes Bankgeld, ein gedeckter Stablecoin oder die Abwicklung in Zentralbankgeld gelten dagegen nicht als spekulatives Krypto-Exposure und sind kapitalschonend.

Was ist der Unterschied zwischen einer tokenisierten Einlage und einem Stablecoin?

Eine tokenisierte Einlage bleibt rechtlich eine Bankeinlage: in der Bilanz der Bank, grundsätzlich verzinsbar und von der Einlagensicherung gedeckt. Ein Stablecoin, unter MiCA ein E-Geld-Token, liegt außerhalb der Bankbilanz bei einer separat regulierten Gesellschaft, ist voll reservegedeckt, unverzinst und nicht durch die Einlagensicherung geschützt.

Was ist Pontes und wann startet es?

Pontes ist eine Infrastruktur der EZB, die tokenisierte Wertpapiergeschäfte in Zentralbankgeld über eine DLT-Plattform abwickelt, synchronisiert mit dem TARGET-System. Der Start ist für den 21. September 2026 vorgesehen, zunächst mit begrenzten Betriebszeiten; eine 24/7-Ausbaustufe ist für 2028 geplant. Pontes richtet sich an Großkunden, nicht an Endverbraucher.

Ist die Raiffeisen Bank International am europäischen Euro-Stablecoin beteiligt?

Ja. Die RBI ist Gründungsmitglied des Neun-Banken-Konsortiums, das über die Amsterdamer Gesellschaft Qivalis einen MiCA-konformen Euro-Stablecoin herausgeben will, geplant für die zweite Jahreshälfte 2026. Zugleich bietet die Raiffeisen-Gruppe ihren Privatkunden über Bitpanda bereits Krypto-Handel an.

Wann kommt der digitale Euro und wie hoch wird die Haltegrenze?

Eine politische Einigung im Trilog wird bis Ende 2026 angestrebt, ein möglicher Start frühestens 2029. Die Haltegrenze ist noch nicht fixiert; diskutiert wird eine Spanne von etwa 1.500 bis 3.000 Euro pro Person, um Abflüsse aus Bankeinlagen zu begrenzen. Der digitale Euro soll unverzinst bleiben und über die Banken verteilt werden.

Von Liam Brennan, Senior-Redakteur für Makrofinanzen und traditionelle Märkte bei HOGE Wire.

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