Pontes geht live: Zentralbankgeld kommt für Banken on-chain
Am 21. September geht Pontes live und bringt Zentralbankgeld für die Abwicklung tokenisierter Wertpapiere on-chain. Die OeNB fuhr dazu das erste Experiment des Eurosystems.
Wenn am 21. September 2026 die Eurosystem-Lösung Pontes in Betrieb geht, wird das keine Titelseite füllen. Kein Kurssprung, kein neuer Token, keine App fürs Handy. Und doch verschiebt sich an diesem Tag etwas Grundlegendes in der Krypto-Politik der Banken. Der heurige Sommer drehte sich in dieser Rubrik stets um eine Frage: Was dürfen Banken an Krypto überhaupt halten? Die kurze Antwort lautet, so gut wie nichts, und schuld daran ist eine Kapitalregel, die Bitcoin für eine Bankbilanz praktisch unbezahlbar macht. Pontes stellt die andere, leisere Frage: Wie wickeln Banken die tokenisierte Wirtschaft ab, sobald sie erst einmal da ist?
Die Antwort des Eurosystems ist so nüchtern wie folgenreich. Nicht ein privater Stablecoin soll das Geld-Bein tokenisierter Wertpapiergeschäfte tragen, sondern Zentralbankgeld, auf einer verteilten Datenbank, Zug um Zug gegen das gelieferte Papier. Und ausgerechnet die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) hat das allererste Experiment dieser Art gefahren, im Mai 2024, mit tokenisierten Staatsanleihen. Während Bitcoin bei rund 69.000 Euro und Ether bei etwa 2.240 Euro notieren (CoinGecko), entscheidet sich die Zukunft der Banken-Krypto weniger am Kurs als an einer unscheinbaren Frage: Wer kontrolliert die Abwicklung?
Die zweite Frage der Banken-Krypto-Politik
In den vergangenen Wochen ging es an dieser Stelle vor allem um zwei Fronten. Die erste: Was Banken halten dürfen. Unter der Basler Kapitalregel, in der EU über Artikel 501d der Kapitaladäquanzverordnung (CRR3) umgesetzt, kostet unbesichertes Krypto wie Bitcoin so viel Eigenkapital, dass kaum ein Haus es direkt in die Bilanz nimmt. Die zweite Front: der stille Abfluss der Einlagen, wenn Sparer ihr Geld in Stablecoins oder tokenisierte Fonds umschichten. Beide Themen haben wir ausführlich behandelt, beide bleiben aktuell.
Pontes markiert eine dritte Front, die beide vorangehenden verbindet und zugleich übersteigt: die Abwicklung. Zwischen dem, was eine Bank hält, und dem, was sie verwahrt, liegt ein drittes Verb, das in der Praxis über den Erfolg der Tokenisierung entscheidet: abwickeln. Ein tokenisiertes Wertpapier ist nur so gut wie das Geld, mit dem man es bezahlt, und wie der Mechanismus, der Lieferung und Zahlung untrennbar verknüpft. Genau hier setzt das Eurosystem an. Man könnte die neue Losung so zusammenfassen: nicht halten, sondern abwickeln.
Was am 21. September wirklich startet
Pontes ist, in den Worten der Europäischen Zentralbank, „die DLT-Lösung des Eurosystems, die Markt-DLT-Plattformen und die TARGET-Services verbindet, um DLT-basierte Großhandelsgeschäfte in Zentralbankgeld abzuwickeln“ (ecb.europa.eu). Übersetzt: Auf der einen Seite stehen die privaten Blockchains, auf denen Banken und Verwahrstellen Anleihen, Fonds oder Aktien tokenisieren; auf der anderen Seite die Zahlungsinfrastruktur der Notenbanken. Pontes baut die Brücke dazwischen, und der Name (lateinisch für Brücken) ist Programm.
Bemerkenswert ist, was die EZB weggelassen hat: das Wort „Pilot“. Das Fachportal Ledger Insights berichtete, dass das Eurosystem die Pilot-Kennzeichnung im Vorfeld des Starts stillschweigend gestrichen hat; Pontes ist ein Produktivdienst, kein Testlauf mehr (Ledger Insights). Der Start erfolgt im dritten Quartal 2026, konkret ab dem 21. September, zunächst mit begrenzten Betriebszeiten. Diese sollen schrittweise ausgeweitet werden, in Richtung eines nahezu durchgehenden Betriebs. Die wirklich ambitionierte, vollständig DLT-basierte Ausbaustufe ist erst für die Zeit um 2028 vorgesehen. Was am 21. September beginnt, ist also der Anfang, nicht das Ziel.
Das Geld-Bein: warum Abwicklung der eigentliche Engpass ist
Jedes Wertpapiergeschäft hat zwei Beine. Das eine ist die Lieferung des Papiers (das Asset-Bein), das andere die Bezahlung (das Geld-Bein, im Fachjargon Cash-Leg). In der klassischen Welt sorgen Zentralverwahrer und Notenbanken dafür, dass beide Beine gleichzeitig auftreten: Zug um Zug, Lieferung gegen Zahlung, auf Englisch Delivery-versus-Payment (DvP). Wer liefert, bekommt sein Geld; wer zahlt, bekommt sein Papier. Fällt eines der Beine aus, ist das Geschäft nichtig. Dieses Prinzip verhindert, dass eine Seite leer ausgeht, und es ist der Kern jeder funktionierenden Marktinfrastruktur.
Auf einer Blockchain lässt sich dieses Prinzip sogar verschärfen, zur sogenannten Atomarität. Isabel Schnabel, Direktoriumsmitglied der EZB, formulierte es in ihrer vielbeachteten Rede in Jackson Hole so: „Atomicity implies that the legs of a transaction settle together or not at all, thereby eliminating settlement risk“ (ecb.europa.eu). Atomar heißt: Beide Beine werden in einer untrennbaren Einheit ausgeführt oder gar nicht. Kein Zeitverzug, kein Gegenparteirisiko in der Sekunde dazwischen. Der Haken an der Sache: Damit das funktioniert, muss auch das Geld auf der Kette liegen, oder zumindest verlässlich mit ihr verknüpft sein. Und hier beginnt der eigentliche Streit: Welches Geld?
Warum Zentralbankgeld und nicht ein Stablecoin
Theoretisch könnte das Geld-Bein mit allem Möglichen abgewickelt werden: mit einem Stablecoin, mit einem tokenisierten Bankguthaben (deposit token) oder eben mit Zentralbankgeld. Die EZB hat sich klar für die dritte Variante entschieden, und das aus einem tieferen Grund als bloßer Vorsicht. Es geht um die Einheit des Geldes: Ein Euro muss ein Euro bleiben, egal ob er auf einem Sparbuch, in einer Wallet oder in einem Smart Contract liegt. Nur Zentralbankgeld, das letztgültige Abwicklungsobjekt, garantiert diese Gleichwertigkeit ohne Kredit- und ohne Kursrisiko.
Schnabel brachte die Grenzen privater Alternativen auf den Punkt. Ein Stablecoin-Emittent, so ihre Analyse, habe „no independent capacity“, die Liquidität in einer Stressphase elastisch auszuweiten, wie es eine Notenbank kann. Ihr Fazit: „Stablecoins are best understood as complements to central bank money, not substitutes for it“ (ecb.europa.eu). Wie fragil ein synthetischer Dollar unter Druck werden kann, hat sich heuer mehrfach gezeigt; wir haben es am Beispiel von Ethenas USDe im Stresstest nachgezeichnet.
Piero Cipollone, ebenfalls im EZB-Direktorium und dort für die Zahlungsverkehrsstrategie zuständig, argumentiert praktischer. Ohne tokenisiertes Zentralbankgeld, so Cipollone, erhalte der Verkäufer eines tokenisierten Wertpapiers womöglich ein Zahlungsmittel, das er gar nicht halten wolle, eines mit Kurs- oder Kreditrisiko, und genau das begrenze die Fähigkeit des Marktes zu wachsen (ecb.europa.eu). Pontes ist die Antwort auf dieses Vertrauensproblem: Es stellt den öffentlichen Anker bereit, an dem sich private Tokenisierung erst sicher entfalten kann.
Wie Pontes technisch funktioniert
Technisch ist Pontes eine Interoperabilitätslösung, kein Alleskönner. Auf der Marktseite dürfen sich mehrere private DLT-Plattformen anschließen; auf der Eurosystem-Seite steht eine einzige DLT-Plattform, deren Knoten von den nationalen Notenbanken betrieben werden. Verbunden werden beide über das sogenannte Hash-Link-Protokoll, das dafür sorgt, dass Lieferung und Zahlung nur gemeinsam oder gar nicht stattfinden. Laut Branchenberichten gehören etablierte Abwickler wie Clearstream und mehrere spezialisierte Plattformen zu den ersten Teilnehmern (Ledger Insights).
Die Abwicklung kennt zwei Wege. Entweder wird das Geld-Bein direkt auf der Eurosystem-Plattform mit Cash-Token abgewickelt, oder es läuft über T2, das Echtzeit-Bruttosystem des Eurosystems. In der Startversion bleibt die Endgültigkeit bewusst konservativ verankert: „Die endgültige Abwicklung in Zentralbankgeld für das Geld-Bein wird erreicht, sobald das entsprechende Geschäft in T2 abgeschlossen ist“, heißt es bei der EZB (ecb.europa.eu). Anders gesagt: Die vollständige, sekundengenaue Atomarität ist ein Ziel des Ausbaus, nicht schon der Tag-eins-Zustand. Pontes ist eine Brücke, kein Neubau; die Sicherheit von T2 bleibt zunächst das Fundament, auf dem die neue Kette ruht.
Drei Wege zu einem Ziel: die Lösungen hinter Pontes
Pontes fällt nicht vom Himmel. Von Mai bis November 2024 testete das Eurosystem drei konkurrierende Ansätze, wie sich DLT-Geschäfte in Zentralbankgeld abwickeln lassen. Insgesamt wurden dabei knapp 1,6 Milliarden Euro in Zentralbankgeld abgewickelt, mit 64 Teilnehmern aus neun Ländern (ecb.europa.eu). Das Ergebnis war eindeutig: Die Verfügbarkeit von Zentralbankgeld gilt dem Markt als entscheidender Faktor für das Wachstum des europäischen DLT-Ökosystems. Genau darauf antwortet Pontes.
| Lösung | Zentralbank | Ansatz |
|---|---|---|
| Trigger Solution | Deutsche Bundesbank | Brücke zwischen T2 und Markt-DLT auf Basis von Hyperledger Fabric |
| DL3S (Full DLT Interoperability) | Banque de France | Abwicklung auf einem vom Eurosystem bereitgestellten DLT-Konto |
| TIPS Hash-Link | Banca d’Italia | API-Gateway, das eine TIPS-ähnliche Plattform anbindet (Grundlage von Pontes) |
Pontes übernimmt im Kern den Hash-Link-Ansatz, der aus der TIPS-Hash-Link-Lösung der Banca d’Italia hervorging: eine API-Brücke, die bestehende Systeme mit den Markt-Blockchains verkoppelt, ohne dass die Notenbank selbst eine vollwertige Blockchain betreiben muss. Die vollständig DLT-native Vision, wie sie die Banque de France mit DL3S erprobte, bleibt der langfristigen Ausbaustufe und dem Schwesterprojekt Appia vorbehalten, das eine Art gemeinsames europäisches Hauptbuch skizziert.
Österreichs stille Rolle: die OeNB und das erste Experiment
Hier kommt Wien ins Spiel. Das allererste DLT-Experiment des Eurosystems zur Abwicklung in Zentralbankgeld führte im Mai 2024 nicht die Bundesbank und nicht die Banca d’Italia durch, sondern die Oesterreichische Nationalbank. Konkret ging es um die Tokenisierung und die simulierte Zug-um-Zug-Abwicklung (DvP) von Staatsanleihen in einem Sekundärmarktgeschäft gegen Zentralbankgeld (ecb.europa.eu). Ein unscheinbarer Testlauf, aber der Startschuss für die gesamte Versuchsreihe, aus der Pontes erwuchs.
Dass die OeNB dabei vorne stand, ist kein Zufall. Als Mitglied des Eurosystems sitzt Gouverneur Martin Kocher, seit September 2025 im Amt, im EZB-Rat und damit an jenem Tisch, an dem über Pontes und Appia entschieden wird. Die Notenbank denkt zudem über den Testlauf hinaus: In einer 2025 gemeinsam mit der Boston Consulting Group veröffentlichten Studie hat sie die volkswirtschaftliche Rolle von Euro Money Tokens, also digitalem Zentralbank- und Geschäftsbankengeld, ausgeleuchtet. Für ein kleines, exportstarkes Land mit tiefer Bankentradition ist das kein akademisches Spiel.
Denn Staatsanleihen sind das Rückgrat institutioneller Portfolios, von Versicherern bis zu den Pensionskassen, deren Verhältnis zu Bitcoin und langlaufenden Anleihen wir in unserer Analyse zur stillen Duration österreichischer Pensionen beschrieben haben. Wenn genau diese Papiere eines Tages tokenisiert und in Zentralbankgeld abgewickelt werden, sitzt die OeNB nicht am Rand des Geschehens, sondern hat den Prototyp mitgebaut.
Pontes ist nicht der digitale Euro
Ein verbreitetes Missverständnis vorweg: Pontes ist nicht der digitale Euro. Die beiden Projekte laufen parallel, betreffen aber völlig verschiedene Welten. Pontes ist Großhandel (wholesale): Es richtet sich an Banken, Verwahrer und Marktinfrastrukturen, kennt keine Haltegrenzen und ist ab sofort in Betrieb. Der digitale Euro dagegen ist Endkundengeld (retail), gedacht für Bürgerinnen und Bürger, mit einer geplanten Haltegrenze und einem Zeithorizont bis etwa 2029.
Der digitale Euro steckt derzeit im Trilog, den Verhandlungen zwischen EU-Parlament, Rat und Kommission. Das Parlament legte seine Position im Juli 2026 fest, eine erste Trilog-Runde fand am 13. Juli statt, eine zweite am 10. September; eine politische Einigung wird bis Jahresende angestrebt (Freshfields). Umstritten bleiben die Haltegrenze (im Gespräch sind Beträge um die 3.000 Euro), das Vergütungsmodell für Banken und die Annahmepflicht. Für die Banken-Krypto-Politik ist der Unterschied zentral, deshalb der direkte Vergleich.
| Merkmal | Pontes (Großhandel) | Digitaler Euro (Endkunde) |
|---|---|---|
| Zielgruppe | Banken, Verwahrer, Marktinfrastruktur | Bürgerinnen und Bürger |
| Zweck | Abwicklung tokenisierter Wertpapiere | Alltagszahlungen, öffentliches Bargeld-Pendant |
| Haltegrenze | keine | geplant (im Gespräch um 3.000 Euro) |
| Status | live ab 21. September 2026 | im Trilog, Ziel Betrieb um 2029 |
| Geldart | Zentralbankgeld (wholesale) | Zentralbankgeld (retail) |
Der Bogen zurück zu Basel: abwickeln ist kapitalleicht
Warum ist all das für die Krypto-Politik der Banken so wichtig? Weil es die Kapitalfalle umgeht, die den direkten Krypto-Besitz erdrosselt. Unter Basel (Standard SCO60) und dem EU-Recht (Artikel 501d CRR3, in Kraft seit Juli 2024) trägt unbesichertes Krypto wie Bitcoin ein Risikogewicht von 1.250 Prozent; zudem darf das Engagement in diese Gruppe-2b-Werte ein Prozent des Kernkapitals nicht überschreiten (Kaiko). Ein Risikogewicht von 1.250 Prozent bedeutet faktisch: Für jeden Euro Bitcoin muss die Bank rund einen Euro Eigenkapital hinterlegen. Halten wird damit schlicht unwirtschaftlich.
Die Abwicklung tokenisierter Wertpapiere in Zentralbankgeld ist etwas völlig anderes. Ein tokenisiertes Wertpapier bleibt ein Wertpapier, kein Krypto-Asset im Sinne der Kapitalregel; und Zentralbankgeld ist die sicherste Bilanzposition, die es überhaupt gibt. Wer über Pontes abwickelt, geht kein Krypto-Risiko im aufsichtsrechtlichen Sinn ein. Das erklärt, warum Banken die drei Verben so unterschiedlich behandeln, und warum ausgerechnet das langweiligste, die Abwicklung, das größte Potenzial birgt.
| Tätigkeit | Beispiel | Kapitalbehandlung |
|---|---|---|
| Halten (Eigenbestand) | Bitcoin in der eigenen Bilanz | Risikogewicht 1.250 %, 1-Prozent-Deckel (Gruppe 2b) |
| Verwahren (für Kunden) | Krypto-Custody im Kundenauftrag | außerbilanziell, nur Betriebsrisiko-Kapital |
| Abwickeln (Zentralbankgeld) | tokenisierte Anleihe über Pontes | kein Krypto-Engagement, Zentralbankgeld als Cash-Leg |
Was Österreichs Banken damit anfangen
Für Österreichs Kreditwirtschaft ist die Abwicklungsschiene vertrauter, als es scheint. Schon 2020 stellte die Raiffeisen Bank International (RBI) den RBI Coin vor, ein tokenisiertes Giralgeld für Interbank- und Firmenkundenzahlungen, und testete mit dem Wiener CASP Bitpanda und dem an der TU Wien mitentwickelten Interoperabilitätsprojekt Pantos die Brücke zwischen verschiedenen Blockchains (Finextra). Die Idee, Geld on-chain fließen zu lassen, ist in Wien also kein Neuland.
Heute verläuft die Arbeitsteilung klarer. Auf der Endkundenseite reicht die Zusammenarbeit bis ins Privatkundengeschäft, wo Raiffeisen-Banken über Bitpanda Technology Solutions den Zugang zu Bitcoin und Ether anbieten, ohne selbst zum Krypto-Verwahrer zu werden. Bitpanda, Österreichs von der FMA lizenzierter Vorzeige-CASP, liefert die Technik; die Bank bleibt die Marke. Wie verbreitet dieses Muster geworden ist, zeigt unser Blick auf jene Verwahrer, die längst die größten Wale im Markt sind: Die eigentliche Infrastruktur liegt bei wenigen spezialisierten Anbietern.
Auf der Großhandelsseite eröffnet Pontes den österreichischen Häusern, von der Erste Group über die Bank Austria bis zu den Landesbanken, einen kapitalschonenden Weg in die tokenisierte Wertpapierwelt. Wer eine tokenisierte Anleihe begibt oder handelt, kann sie künftig in Zentralbankgeld abwickeln, überwacht von der FMA und, für Banken, über die Notifizierungsroute nach Artikel 60 MiCA, ohne eigene Krypto-Lizenz. Halten bleibt teuer, verwahren bleibt eine Nische, abwickeln aber wird billig und aufsichtsrechtlich unkompliziert.
Der atlantische Kontrast: Washington baut keine Schiene
Der schärfste Kontrast zeigt sich im Blick über den Atlantik. Die EU baut eine öffentliche Abwicklungsschiene; die USA bauen bewusst keine. Ein Präsidialerlass vom Jänner 2025 (Executive Order 14178) untersagt den US-Bundesbehörden ausdrücklich, eine digitale Zentralbankwährung zu entwickeln oder auszugeben, und setzt stattdessen auf private Dollar-Stablecoins (Banking Dive). Wo Europa Zentralbankgeld on-chain bringt, überlässt Washington das Geld-Bein dem privaten Markt.
Das Regelwerk dazu liefert der GENIUS Act, das US-Stablecoin-Gesetz. Die zuständige Aufsicht OCC arbeitet mit Hochdruck an den finalen Regeln. Comptroller Jonathan Gould sagte dazu: „We are very intent on moving quickly and getting a final rule out by November so that we will be able to start processing applications within the new year“ (PYMNTS). In Kraft tritt das Gesetz spätestens am 18. Jänner 2027. Zwei Philosophien treffen aufeinander: hier öffentliches Geld als Fundament, dort privates Geld unter staatlicher Aufsicht. Welche Seite die tokenisierte Zukunft prägt, ist eine der großen offenen Fragen, an der auch das Timing der Washingtoner Gesetzgebung hängt.
Was das für Sparer und Anleger heißt
Zunächst die Ernüchterung: Pontes ist nichts, was man als Privatperson benutzt. Es ist Infrastruktur für Banken, kein Produkt und kein Renditeversprechen. Wer bei seiner Hausbank nach Pontes fragt, wird ein Achselzucken ernten. Der Nutzen ist mittelbar, aber real: Sinkt das Abwicklungsrisiko und sinken die Kosten für tokenisierte Anleihen und Fonds, profitieren am Ende auch jene, die solche Produkte kaufen, etwa über tokenisierte Geldmarktfonds oder digitale Anleihen, die schneller und ohne Gegenparteirisiko abgerechnet werden.
Zwei Dinge bleiben, wie sie sind. Erstens die Steuer: Kursgewinne aus Krypto unterliegen in Österreich weiterhin dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent, den inländische Plattformen seit Anfang 2024 automatisch als KESt einbehalten. Daran ändert die Abwicklungsschiene nichts. Zweitens die Grundregel jeder Marktinfrastruktur: Wer die Abwicklung und die Gebühren dahinter versteht, versteht den Markt besser als über jeden Kurschart, ein Prinzip, das wir schon bei den Gebühren hinter dem Börsenvolumen durchgespielt haben.
Risiken und offene Fragen
So elegant die Konstruktion, so real sind ihre Schwachstellen. Vier davon verdienen besondere Aufmerksamkeit, bevor man Pontes zur fertigen Revolution erklärt.
- Konzentration: Auf der Eurosystem-Seite steht eine einzige Plattform. Was Ausfallsicherheit schafft, schafft auch einen zentralen Angriffs- und Ausfallpunkt; die Betriebsstabilität fällt unter die europäische DORA-Verordnung, nicht unter die Basler Kapitalregeln.
- Halbe Atomarität: Solange die Endgültigkeit in T2 verankert bleibt, ist der vielbeschworene Alles-oder-nichts-Effekt in der Startversion noch nicht voll ausgereizt.
- Fragmentierung: Damit die Brücke etwas nützt, müssen genügend Markt-Plattformen und genügend tokenisierte Papiere tatsächlich anlanden. Ein Rail ohne Verkehr bleibt ein leeres Gleis.
- Zeit: Die wirklich ambitionierte Vision, das gemeinsame Hauptbuch Appia, ist erst für die Zeit um 2028 skizziert. Bis dahin ist Pontes vor allem ein Beweis, dass es geht.
Am Ende schließt sich der Kreis zur Ausgangsfrage. Banken dürfen Bitcoin fast nicht halten, sie dürfen ihn für Kunden verwahren, und ab dem 21. September dürfen sie die tokenisierte Welt in echtem Zentralbankgeld abwickeln. Schnabel formulierte die Leitidee dahinter unmissverständlich: Statt das Feld privaten Emittenten zu überlassen, sollten die Notenbanken selbst on-chain gehen und ihr Geld zum Fundament der neuen Abwicklung machen (ecb.europa.eu). Pontes ist der erste Schritt auf diesem Weg, und Österreich hat die erste Fußspur hinterlassen.
Frequently Asked Questions
Was ist Pontes der EZB?
Pontes ist die DLT-Lösung des Eurosystems, die private Markt-Blockchains mit den TARGET-Services der Notenbanken verbindet. Über diese Brücke können Banken und Marktinfrastrukturen tokenisierte Wertpapiere in echtem Zentralbankgeld abwickeln, Zug um Zug gegen die Lieferung des Papiers. Pontes ist seit dem 21. September 2026 in Betrieb und richtet sich an den Großhandel, nicht an Privatkunden.
Wann geht Pontes live und wer nimmt teil?
Der Start erfolgt im dritten Quartal 2026, konkret ab dem 21. September, zunächst mit begrenzten Betriebszeiten, die schrittweise ausgeweitet werden. Teilnehmen dürfen Banken, Zentralverwahrer, Marktinfrastrukturen und andere zugelassene Institute. Eine erweiterte, vollständig DLT-basierte Ausbaustufe ist für die Zeit um 2028 vorgesehen.
Ist Pontes dasselbe wie der digitale Euro?
Nein. Pontes ist eine Großhandelslösung für Banken und Marktinfrastrukturen und kennt keine Haltegrenzen. Der digitale Euro ist Endkundengeld für Bürgerinnen und Bürger, steckt noch im EU-Trilog und soll erst um 2029 in Betrieb gehen. Beide nutzen Zentralbankgeld, betreffen aber getrennte Welten.
Dürfen österreichische Banken jetzt Bitcoin halten?
In der Praxis kaum. Unbesichertes Krypto wie Bitcoin trägt unter Basel und Artikel 501d CRR3 ein Risikogewicht von 1.250 Prozent, und das Engagement ist auf ein Prozent des Kernkapitals gedeckelt. Direktbesitz bleibt dadurch unwirtschaftlich; Banken bieten Krypto eher über Verwahrung und Partner wie Bitpanda an, während sie tokenisierte Wertpapiere künftig über Pontes abwickeln.
Warum wickelt das Eurosystem in Zentralbankgeld ab und nicht mit einem Stablecoin?
Weil nur Zentralbankgeld als letztgültiges Abwicklungsobjekt gilt, ohne Kredit- oder Kursrisiko und mit der Fähigkeit, Liquidität in Stressphasen elastisch bereitzustellen. Ein Stablecoin kann das laut EZB nicht leisten und eignet sich eher als Ergänzung denn als Ersatz. Zentralbankgeld sichert die Einheit des Geldes: Ein Euro bleibt ein Euro, egal in welcher Form.
Von Liam Brennan, Ressort Makro und TradFi, HOGE Wire.