Der größte Basis-Trade der Welt: Ethena und das Ende des Carry
Ethenas USDe ist der größte Basis-Trade der Welt, gegossen in einen Token. Sein Rückzug aus dem reinen Carry zeigt, warum die Futures-Basis 2026 unter dem risikofreien Zins klebt.
Ein Jahr nach dem Rekord: der Carry ist weg, der Beweis heißt Ethena
Gut ein Jahr nach dem Allzeithoch von Anfang Oktober 2025 sieht der Bitcoin-Markt auf den ersten Blick wieder gesund aus. Die Erholung seit dem Sommer hat den Kurs zurück in die Nähe eines Neunmonatshochs getragen, die Spot-ETF in den USA sammeln wieder ein, und die Stimmung ist von panisch auf vorsichtig-optimistisch gedreht. Und doch fehlt etwas, das die ganze letzte Hausse mitfinanziert hat: der Carry. Die Futures-Basis, also der Aufschlag, den Terminkontrakte gegenüber dem Kassapreis tragen, klebt hartnäckig unter dem risikofreien Zins.
Man kann das an Dashboards ablesen, oder man kann der größten Wette der Branche beim Umbau zusehen. Ethenas USDe ist nichts anderes als ein Basis-Trade, gegossen in einen Token: ein Dollar-Synthetikum, dessen Rendite fast vollständig aus genau jenem Carry stammt, der gerade verschwunden ist. Als dieser Carry unter den risikofreien Zins fiel, hat ausgerechnet der größte Nutznießer des Geschäfts den Rückwärtsgang eingelegt und sein Kapital in Staatsanleihen und tokenisierte Kredite umgeschichtet. Das ist kein Randdetail. Das ist die ehrlichste Grabrede auf den leichten Krypto-Carry, geschrieben von seinem besten Kunden.
Dieser Beitrag nimmt Ethena als Fallstudie, um eine einfache These zu belegen: Die Futures-Basis ist nicht der Preis von Bitcoin, sondern der Preis von Hebel. Wer sie liest wie ein Fieberthermometer für spekulative Nachfrage, versteht die Rally von 2026 besser als jeder, der nur auf den Kurs starrt. Und wer wissen will, ob der Carry zurückkommt, muss nicht die Charts beobachten, sondern die Rendite von sUSDe.
Was die Futures-Basis misst und warum sie der Zins der Kryptowelt ist
Die Basis ist simpel definiert: Terminpreis minus Kassapreis. Steht der Future über dem Spot, spricht man von Contango; das ist der Normalzustand in einem Bullenmarkt, in dem Händler bereit sind, für gehebeltes Long-Engagement einen Aufschlag zu zahlen. Steht der Future unter dem Spot, herrscht Backwardation, ein Zeichen von Stress und Entschuldung. Um Laufzeiten vergleichbar zu machen, wird die Basis annualisiert: Aufschlag relativ zum Spot, hochgerechnet auf 365 Tage.
Aus dieser Mechanik entsteht der Cash-and-Carry-Trade. Wer Bitcoin am Kassamarkt kauft (heute meist über einen ETF) und gleichzeitig Futures im selben Nominalwert verkauft, ist preisneutral: Fällt Bitcoin, verliert die Spot-Position und gewinnt der Short, und umgekehrt. Übrig bleibt die Basis, die bis zum Verfall gegen null konvergiert. Das ist der Grund, warum die Strategie als „quasi risikofrei“ gilt. Sie ist es nicht ganz, wie wir noch sehen werden, aber in ruhigen Zeiten verdient sie den Aufschlag, ohne eine Richtungswette einzugehen.
Perpetual Futures, die in der Kryptowelt das Volumen dominieren, haben keinen Verfallstag. Bei ihnen übernimmt die Funding Rate die Rolle der Basis: eine Zahlung, die periodisch zwischen Longs und Shorts fließt und den Perp-Preis an den Spot koppelt. Positives Funding entspricht Contango, negatives Funding Backwardation. Börsen wie Deribit deckeln diese Rate, aber das Prinzip bleibt: Basis und Funding zusammen sind nichts anderes als der Zins der Kryptowelt, der Preis dafür, Hebel zu halten.
Ethena in einem Satz: der Basis-Trade, gegossen in einen Token
Wenn die Basis der Zins der Kryptowelt ist, dann ist Ethena die Bank, die diesen Zins verpackt und weiterverkauft. Das Protokoll gibt den synthetischen Dollar USDe aus. Hinter jedem USDe steht im ursprünglichen Design keine Bankeinlage und kein klassischer Stablecoin-Reservekorb, sondern eine delta-neutrale Position: gehaltenes Spot-Collateral auf der einen Seite, ein Short in Perpetual Futures im gleichen Nominalwert auf der anderen. Steigt oder fällt der Basiswert, heben sich die beiden Seiten auf. Was bleibt, ist das Funding, das die Shorts kassieren. Ethena hat den Cash-and-Carry-Trade also tokenisiert.
Wer USDe hält und in die gestakte Variante sUSDe tauscht, bekommt diesen Ertrag ausgeschüttet. Anders gesagt: Käufer von sUSDe sind der Basis-Trade, ohne je selbst einen Future shorten zu müssen. Genau das machte Ethena zur größten Einzelmanifestation des Carry-Geschäfts überhaupt. Auf dem Höhepunkt vor der Entschuldung im Oktober 2025 standen mehr als 14 Milliarden US-Dollar in USDe; nach dem Beben schrumpfte das Angebot auf zuletzt eine Spanne von rund vier bis sechs Milliarden.
Diese Größe macht Ethena zum idealen Studienobjekt. Ein einzelner Fonds, der auf Carry setzt, bleibt unsichtbar. Ein Protokoll mit Milliarden an gespiegeltem Basis-Risiko und einem öffentlich einsehbaren Renditeverlauf ist dagegen ein Live-Barometer. Die Frage ist nur, was es gerade anzeigt, und die Antwort steht in der Rendite von sUSDe.
Vom Renditewunder zum Magerlohn: die sUSDe-Kurve
Die Geschichte von sUSDe ist die Geschichte des Carry in Kurzform. 2024, im ersten vollen Jahr nach dem ETF-Start, warf die gestakte Variante zeitweise über 47 Prozent ab, getragen von einer Futures-Basis, die im Februar jenes Jahres rund 25 Prozent erreichte. Im Herbst 2025 lag die Rendite noch über 15 Prozent. Mitte 2026 war sie auf etwa vier Prozent gefallen, über Sieben- und Dreißig-Tage-Fenster gemessen, und damit kaum noch über dem, was eine kurzlaufende US-Staatsanleihe zahlt. Das Forbes-Porträt des Protokolls vom Juni 2026 hält diesen Absturz fest.
Der entscheidende Punkt: Diese Rendite ist kein Marketingversprechen, sondern eine mechanische Folge der Basis. Ist das Funding hoch, verdient der Short viel, und sUSDe glänzt. Fällt das Funding gegen den risikofreien Zins, verdient der Short wenig, und sUSDe verblasst. Der Renditeverlauf von Ethena ist damit eine der saubersten öffentlichen Zeitreihen für den Zustand des Krypto-Carry überhaupt.
| Zeitraum | sUSDe-Rendite p.a. (ca.) | Treiber | Risikofreier Zins (ca.) |
|---|---|---|---|
| 2024 (nach ETF-Start) | zeitweise über 47 Prozent | hohe Basis plus Funding | rund 5 Prozent |
| Herbst 2025 | über 15 Prozent | Basis noch zweistellig | rund 4 Prozent |
| Mitte 2026 | rund 4 Prozent | Carry nähert sich dem risikofreien Zins | rund 4 Prozent |
| Oktober 2026 | niedrige einstellige Werte | Basis unter risikofrei | rund 4 Prozent |
| Quellen: Ethena-Dokumentation, CF Benchmarks, Forbes. Werte gerundet und teils annualisierungsbedingt geglättet. | |||
Der 16. September und der Boden, der stieg
Warum ist der Carry verschwunden? Ein großer Teil der Antwort sitzt in Washington. Am 16. September 2026 hob die US-Notenbank ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent an, einstimmig, die erste Erhöhung seit Juli 2023 und die erste unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh (FOMC-Kalender der Federal Reserve). Im zugehörigen Zinsausblick signalisierte die große Mehrheit der Mitglieder mindestens einen weiteren Schritt bis Jahresende; der Dezember-Termin bleibt damit offen. Die EZB zog im September nach und hob ihre Zinsen erneut an, sodass die beiden großen Notenbanken erstmals seit Langem synchron nahe am oberen Ende ihres Zyklus stehen.
Für die Basis ist der risikofreie Zins der heimliche Hauptgegner, und zwar gleich doppelt. Erstens steckt er im fairen Terminpreis selbst: In der Lehrbuchformel Terminpreis gleich Kassapreis mal (1 plus Zins mal Laufzeit) ist ein höherer Zins ein höherer rechnerischer Aufschlag, der aber nichts mit Krypto-Euphorie zu tun hat. Zweitens ist er die Hürde: Jeder Euro, der im Cash-and-Carry gebunden ist, könnte stattdessen risikofrei rund vier Prozent verdienen. Die echte Krypto-Prämie ist deshalb nur der Überschuss über dem risikofreien Zins, und dieser Überschuss ist 2026 auf fast null geschrumpft.
Warsh selbst lässt keinen Zweifel an der Richtung. In seiner Grundsatzrede Ende August erklärte er, er würde sich schwertun, die allgemeinen Finanzierungsbedingungen als restriktiv zu beschreiben, ein deutlicher Hinweis, dass der Boden hoch bleibt. Nach dem Zinsschritt drehten die Daten zwar weicher, und die Märkte preisen für den 28. Oktober mit großer Mehrheit eine Pause ein. Doch eine Pause ist kein Schnitt: Der Boden steht weiter bei vier Prozent. Wie sehr genau diese Daten den Takt vorgeben, hat der Markt rund um den jüngsten Inflationsbericht gesehen.
Warum der Rebound keinen Carry brachte
Hier wird es interessant. Bitcoin ist seit dem Sommer kräftig gestiegen, zeitweise bis in die Nähe eines Neunmonatshochs. Nach der klassischen Logik müsste eine solche Rally die Basis nach oben ziehen, weil gehebelte Longs zurückkehren und für ihren Aufschlag zahlen. Genau das ist nicht passiert. Die Drei-Monats-Basis blieb bei rund drei Prozent kleben, unter dem risikofreien Zins. Die Erholung war spot- und ETF-getrieben, nicht hebelgetrieben.
Das ist der Kern der These dieses Beitrags: Die Basis misst den Preis von Hebel, nicht den Preis von Bitcoin. Ein Markt kann im Kurs steigen und im Carry flach bleiben, wenn das Kaufinteresse aus echten Käufern kommt (ETF, Unternehmensbilanzen, Spot) statt aus fremdfinanzierten Terminwetten. Michael Marshall, Forschungschef bei Amberdata, beschrieb die große ETF-Abflusswelle Ende 2025 als „a mechanical basis trade unwind, not broad investor fear“, eine mechanische Auflösung des Basis-Trades, keine breite Anlegerangst; der zurückbleibende Markt sei sauberer und weniger gehebelt.
Dazu passt, dass die Basis kein Frühwarnsystem ist. Die Analyse „Revisiting the Bitcoin Basis“ von CF Benchmarks zeigt, dass die Basis mit dem Momentum gleichläuft (Korrelationen um 0,50 bis 0,54), also eher bestätigt als vorhersagt. Ein kurzer Ausschlag kann zudem täuschen: Anfang August 2026 sprang die Front-Month-Basis laut CryptoSlate auf 7,89 Prozent, während die geglättete Drei-Monats-Kurve bei rund drei Prozent verharrte; die 7,89 Prozent waren vor allem ein Annualisierungseffekt eines kurzlaufenden Aufschlags, kein neuer Carry.
Ethenas Umbau: die Flucht aus dem reinen Carry
Jetzt zur Fallstudie selbst. Als der Carry unter den risikofreien Zins rutschte, tat Ethena das, was ein rationaler Carry-Händler tun muss: Es hörte auf, ausschließlich Carry zu handeln. Im Zuge eines Umbaus im Frühjahr 2026 schrumpfte der Anteil der reinen Perp-Basis an der Deckung von USDe auf nur noch einen Bruchteil. Der Großteil steckt heute in Stablecoin-Reserven, in tokenisierten Staatsanleihen und in echten Kreditinstrumenten.
Konkret kamen tokenisierte Kreditfonds hinzu, etwa ein auf AAA-CLOs spezialisierter Fonds von Janus Henderson, der über die RWA-Plattform Centrifuge als Collateral eingebunden wurde, die erste echte Diversifikation der Deckung in der Geschichte des Protokolls. Parallel positionierte Ethena mit USDtb einen staatsanleihenbesicherten Zwilling, der eine tokenisierte Geldmarktfonds-Struktur von BlackRock hält und damit eher in die Logik des US-Stablecoin-Gesetzes GENIUS passt. Die Begründung des Protokolls, sinngemäß wiedergegeben: Eine delta-neutrale Strategie, die allein auf Krypto-Erträgen aufbaut, trägt nicht mehr, wenn diese Erträge unter den risikofreien Zins fallen.
Das ist der eigentliche Nachrichtenwert. Der größte Basis-Fonds der Welt stimmt mit den Füßen ab. Wenn selbst das Haus, dessen gesamtes Geschäftsmodell der tokenisierte Carry war, sein Kapital in Treasuries und Kredit umschichtet, dann ist das die glaubwürdigste verfügbare Aussage über den Zustand des Krypto-Carry, glaubwürdiger als jedes Dashboard. Das Forbes-Porträt bringt den regulatorischen Beiklang auf den Punkt: USDe zahlt eine Rendite, für die das Gesetz GENIUS schlicht keine Antwort hat.
Wo die Rendite jetzt herkommt
Ethenas Rotation ist nur die sichtbarste Version einer Entscheidung, die überall im Markt fällt: Schlägt der Krypto-Carry den risikofreien Zins nicht mehr, wandert Kapital dorthin, wo es mehr oder sichereren Ertrag gibt. Die folgende Tabelle ordnet die wichtigsten Renditequellen ein, mit denen ein Euro 2026 konkurriert.
| Renditequelle | Typische Rendite p.a. | Risiko oder Hürde |
|---|---|---|
| Reine Futures-Basis (3 Monate) | rund 3 Prozent | unter dem risikofreien Zins |
| Perp-Funding | variabel, zeitweise negativ | schwankt stark, kann drehen |
| US-Geldmarkt (3-Monats-T-Bill) | rund 4 Prozent | Benchmark für risikofrei |
| Tokenisierte T-Bills und Geldmarktfonds | knapp unter dem T-Bill-Satz | Smart-Contract- und Emittentenrisiko |
| RWA- und CLO-Kredit (via Centrifuge) | T-Bill plus Kreditaufschlag | Kreditausfall, geringere Liquidität |
| ETH-Staking | rund 3 bis 4 Prozent | zusätzliche Hürde auf dem ETH-Carry |
Die Hierarchie hat sich umgekehrt. Jahrelang war der Krypto-Carry das fettere Angebot; jetzt zahlt der fiat-risikofreie Zins mehr als die reine Basis. Besonders hart trifft das den Ether-Carry: Wer die ETH-Spot-Seite eines Basis-Trades hält, verzichtet auf die Staking-Rendite von rund drei bis vier Prozent, die dieselben Coins im Validator-Betrieb abwürfen. Diese entgangene Rendite ist eine zweite Hürde, die der Bitcoin-Carry nicht kennt, und einer der Gründe, warum der ETH-Wal ein anderes Spiel spielt als sein Bitcoin-Pendant.
Der 10. Oktober 2025: als delta-neutral nicht neutral war
Der Begriff „risikofrei“ verdient Anführungszeichen, und kein Datum macht das klarer als der 10. Oktober 2025. Während eines marktweiten Flash-Crashs, fast auf den Tag genau vor einem Jahr, verlor USDe kurzzeitig seine Bindung an den Dollar. Die Mechanik, die in ruhigen Zeiten so elegant aussieht, geriet unter Druck, weil in einem echten Stressmoment Liquidität, Nachschusspflichten und Gegenparteien gleichzeitig wackeln.
Die Risiken des „risikofreien“ Trades sind real und vielfältig. Das Funding kann negativ werden; laut dem erwähnten Forbes-Porträt war die aufsummierte Funding-Zahlung an rund 17,5 Prozent der Tage über drei Jahre negativ, mit einer längsten Negativphase von etwa 13 Tagen. In solchen Phasen zahlt der Short drauf, statt zu kassieren. Dazu kommen Zwangsliquidationen und automatisches Deleveraging an den Börsen sowie, wie 2022 mit FTX, 3AC und Celsius, das Gegenparteirisiko der Handelsplätze selbst. Wie eng Funding und Zwangsverkäufe zusammenhängen, hat der Markt ein Jahr nach dem Krach schmerzhaft in Erinnerung gerufen.
Es gibt sogar ein Argument, den fehlenden Carry zu begrüßen. Das BIS-Arbeitspapier 1087 zu „Crypto carry“ zeigt, dass die Carry-Rendite historisch im Schnitt über zehn Prozent pro Jahr lag, mit Spitzen über 40 Prozent, und dass hoher Carry Abstürzen tendenziell vorausgeht; der Aufschlag ist teils eine Prämie für Crash-Versicherung. Anders gesagt: Sich den fetten Carry zurückzuwünschen heißt, sich den Schaum zurückzuwünschen. Ein Markt ohne Carry ist langweiliger, aber auch weniger fragil.
Sieben Jahre Basis im Rückspiegel
Um einzuordnen, wie außergewöhnlich die heutige Lage ist, hilft ein Blick zurück. Die Futures-Basis hat seit dem letzten Zyklus mehrere Regime durchlaufen, vom Renditewunder bis zur seltenen Backwardation.
| Zeitpunkt | CME-Basis (annualisiert) | Kontext |
|---|---|---|
| April 2021 | 44 bis 48 Prozent (offshore) | goldenes Zeitalter des Carry |
| Februar 2024 | rund 25 Prozent | Schub nach dem Spot-ETF-Start |
| November 2024 | über 20 Prozent | nach der US-Wahl |
| Februar 2025 | unter 0 Prozent | seltene Backwardation |
| 1. Halbjahr 2026 | niedrige einstellige Werte | Carry kollabiert |
| Oktober 2026 | rund 3 Prozent (3 Monate) | unter risikofrei trotz Rally |
Die 44 bis 48 Prozent von 2021 sind kein Tippfehler. Damals, als Bitcoin durch die 60.000-Dollar-Marke brach, war die annualisierte Juni-Prämie an Offshore-Börsen dreimal so hoch wie US-Staatsanleihen. Patrick Heusser von der Crypto Finance AG beschrieb den Einstieg in genau diesen Trade gegenüber CoinDesk mit den Worten „That’s what we initiated today“. Von diesem Niveau ist 2026 nichts übrig.
Auch die Besitzerstruktur hat sich gedreht. Laut dem Bitcoin-13F-Bericht von CoinShares für das erste Quartal 2026 bauten Hedgefonds ihr ETF-Engagement um 31.400 Bitcoin oder 39 Prozent ab, während Banken ihre Bestände um 339 Prozent auf 15.200 Bitcoin mehr als vervierfachten. Die klassischen Carry-Spekulanten verlassen das Feld, langfristig orientierte Halter rücken nach. Genau das ist ein Markt, in dem die Basis flach bleibt, obwohl der Kurs steigt.
Ist USDe eine Stablecoin? Was Aufsicht und Steuer in Österreich sagen
Für österreichische Anlegerinnen und Anleger wirft die Konstruktion zwei praktische Fragen auf: Was ist USDe rechtlich, und wie wird ein Basis-Trade versteuert? Die erste Antwort ist unbequem. USDe ist nach gängiger Lesart weder ein E-Geld-Token noch ein wertreferenzierter Token im Sinne der MiCA-Verordnung, weil es eine Rendite trägt und synthetisch besichert ist. Es fällt damit in eine Grauzone, die das europäische Stablecoin-Regime so nicht vorgesehen hat, ganz ähnlich, wie das US-Gesetz GENIUS keine saubere Antwort auf ein renditetragendes Synthetikum hat.
Die Derivate-Seite ist dagegen klar geregelt, nur eben nicht unter MiCA. Futures und Perpetuals sind Finanzinstrumente nach der Richtlinie MiFID II und werden in Österreich von der FMA beaufsichtigt, nicht vom MiCA-Rahmen, der Kassamärkte und Krypto-Dienstleister abdeckt. Für Privatkundinnen und -kunden gelten die ESMA-Vorgaben für CFDs: Die Aufsicht stuft Krypto-Perpetuals als CFDs ein, mit einem Hebel von höchstens 2:1, und stellte klar, dass ein Funding-Mechanismus an dieser Einstufung nichts ändert.
Steuerlich zerfällt ein Basis-Trade in Österreich in zwei ungleiche Hälften. Die Spot-Seite, also gehaltene Coins, unterliegt dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent; inländische Krypto-Dienstleister behalten die KESt seit 1. Jänner 2024 automatisch ein (BMF). Die Derivate-Seite zählt steuerlich nicht als Krypto-Einkommen: Gewinne aus nicht verbrieften Derivaten fallen nicht automatisch unter den 27,5-Prozent-Satz, sondern können dem progressiven Tarif bis zu 55 Prozent Spitzensteuersatz unterliegen. Die beiden Beine eines Carry-Trades werden also asymmetrisch besteuert, was die Netto-Rendite zusätzlich drückt. Wer das ernsthaft umsetzt, sollte es vorab mit einer Steuerberaterin oder einem Steuerberater klären.
Markt-Struktur 2026: der Carry zieht an Land
Während die Rendite kollabierte, wurde die Infrastruktur des Basis-Trades 2026 so stabil wie nie. Der Trade zieht an Land, unter US-Aufsicht. Am 29. Mai 2026 genehmigte die US-Terminaufsicht CFTC den ersten regulierten Bitcoin-Perpetual, Kalshis BTCPERP (CFTC-Mitteilung 9240-26). CFTC-Chef Mike Selig nannte das einen „major step forward“, einen großen Schritt, um die USA zur Krypto-Hauptstadt der Welt zu machen; Perpetuals seien ein grundlegendes Instrument für Risikomanagement und Preisfindung.
Am selben Tag stellte die CME ihren Handel auf 24/7 um und schloss damit die Wochenendlücke, die die Basis früher verzerrte. Tim McCourt von der CME begründete den Schritt damit, man überbrücke die Kluft zwischen traditionell regulierten Handelsplätzen und der rund um die Uhr laufenden Natur von Krypto-Assets.
Ironischerweise dreht sich der schärfste Streit genau um den Funding-Mechanismus, der auch den Carry definiert. Die CME verklagte die CFTC, weil Perpetuals aus ihrer Sicht keine Futures, sondern Swaps seien. CME-Chef Terrence Duffy formulierte es so: Nach dem Dodd-Frank-Gesetz sei klar definiert, was ein Swap und was ein Future ist, und wenn zwei Parteien einander Zahlungen leisten, sei das ein Swap. Die CFTC beantragte Anfang September die Abweisung der Klage. Die Botschaft für Anleger: Die Rohre sind besser geworden, nur fließt derzeit weniger Wasser hindurch.
Bringt die Fed-Pause den Carry zurück?
Bleibt die Frage, die alle interessiert: Kommt der Carry zurück? Eine Fed-Pause am 28. Oktober allein reicht dafür nicht. Eine Pause hält den Boden bei vier Prozent, sie senkt ihn nicht. Damit die Basis wieder über den risikofreien Zins steigt, müssen drei Hebel umgelegt werden.
| Hebel | Was passieren müsste | Status Oktober 2026 |
|---|---|---|
| 1. Gehebelte Richtungsnachfrage | Longs zahlen wieder einen Aufschlag für Hebel | fehlt, Rally ist spot- und ETF-getrieben |
| 2. Risikofreier Zins | Fed senkt den Boden, nicht nur Pause | Pause wahrscheinlich, aber kein Schnitt in Sicht |
| 3. Arbitragekapital und Kassaseite | Basis-Fonds kehren zurück, ETF-Flüsse drehen | zögerlich, Banken statt Hedgefonds |
Der ehrlichste Frühindikator steht wieder bei Ethena. Klettert die Rendite von sUSDe nachhaltig über den T-Bill-Satz, ist der Carry zurück, und zwar bevor es jede Schlagzeile meldet. Solange das Protokoll dagegen in Treasuries und Kredit investiert bleibt, ist der leichte Carry Geschichte. Das ist die praktische Lehre: Beobachten Sie den Hebel, nicht den Preis. Vor dem FOMC steht der Dollar auf einem Jahreshoch, die Zinskluft zur EZB ist eng, und beide Notenbanken stehen nahe am oberen Ende ihres Zyklus; ein Umfeld, in dem der Carry eher gedämpft bleibt, als zurückzukehren.
Es gibt auch das Gegenszenario. Kehrt im vierten Quartal spekulative Nachfrage zurück, treibt eine gehebelte Richtungswette die Front-Month-Basis zuerst nach oben, lange bevor die geglättete Kurve folgt. Dann wäre der erste saubere Beleg nicht der Kurs, sondern ein Anstieg des sUSDe-Ertrags und ein Wiederaufleben der Funding-Zahlungen. Bis dahin gilt: Ein steigender Bitcoin-Kurs bei flacher Basis ist das gesündere Bild, auch wenn es weniger aufregend ist.
Was Anlegerinnen und Anleger in Österreich mitnehmen
Für den Alltag im Depot lassen sich aus der Ethena-Fallstudie vier Punkte destillieren. Erstens: Die Futures-Basis und die sUSDe-Rendite sind Thermometer für den Preis von Hebel, nicht für den Preis von Bitcoin. Ein Markt kann steigen und zugleich entschuldet sein; genau das zeigt 2026.
Zweitens: Brutto ist nicht netto. Nach Gebühren, Roll-Kosten, Kapitalbindung und, in Österreich, der asymmetrischen Besteuerung der beiden Beine bleibt von einer Drei-Prozent-Basis unter dem risikofreien Zins für Privatanleger praktisch nichts übrig. Drittens: „Risikofrei“ ist ein Etikett, kein Versprechen. Der Depeg vom 10. Oktober 2025, negative Funding-Phasen und das Gegenparteirisiko der Börsen sind reale Verlustquellen.
Viertens, und vielleicht am wichtigsten: Ein zurückkehrender Carry ist kein reines Kaufsignal. Das BIS-Papier erinnert daran, dass hoher Carry historisch Abstürzen vorausging. Wer sich den fetten Carry zurückwünscht, wünscht sich auch den Hebel und die Fragilität zurück, die ihn begleiten. Der aktuelle, langweilige Markt mit flacher Basis und echten Spot-Käufern ist, so gesehen, das robustere Fundament, auf dem die nächste Phase aufbauen kann.
Häufig gestellte Fragen
Was ist die Futures-Basis bei Bitcoin einfach erklärt?
Die Basis ist die Differenz zwischen dem Terminpreis und dem Kassapreis von Bitcoin. Ein positiver Wert (Contango) bedeutet, dass Futures teurer sind als der Spot, meist weil gehebelte Long-Positionen einen Aufschlag zahlen. Annualisiert zeigt die Basis, welchen Zins der Kryptomarkt für Hebel verlangt; 2026 liegt dieser Zins unter dem risikofreien Satz von Staatsanleihen.
Warum ist die Rendite von sUSDe 2026 so stark gefallen?
Die Rendite von sUSDe stammt fast vollständig aus der Futures-Basis und dem Perp-Funding, also aus dem Carry. Als dieser Carry unter den risikofreien Zins fiel, sank auch der Ertrag von sUSDe von zeitweise über 47 Prozent im Jahr 2024 auf niedrige einstellige Werte. Ethena hat daraufhin einen großen Teil seiner Deckung in Staatsanleihen und tokenisierte Kredite umgeschichtet.
Ist ein Cash-and-Carry-Trade wirklich risikofrei?
Nein. Der Trade ist preisneutral, aber nicht risikofrei. Zu den realen Risiken zählen negative Funding-Phasen, Zwangsliquidationen und automatisches Deleveraging an den Börsen, das Gegenparteirisiko der Handelsplätze sowie Depeg-Ereignisse wie am 10. Oktober 2025. In ruhigen Phasen verdient der Trade einen Aufschlag, in Stressphasen kann er Geld kosten.
Wie werden Gewinne aus Krypto-Futures in Österreich besteuert?
Gehaltene Coins unterliegen dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent, den inländische Dienstleister seit 1. Jänner 2024 automatisch als KESt einbehalten. Futures und Perpetuals sind dagegen Finanzinstrumente nach MiFID II; Gewinne aus nicht verbrieften Derivaten fallen nicht automatisch unter die 27,5 Prozent, sondern können dem progressiven Tarif bis zu 55 Prozent unterliegen. Konkrete Fälle gehören zu einer Steuerberaterin oder einem Steuerberater.
Bringt eine Fed-Pause den Krypto-Carry zurück?
Nicht von allein. Eine Pause am 28. Oktober hält den risikofreien Zins bei knapp vier Prozent, senkt ihn aber nicht. Damit die Basis wieder über den risikofreien Zins steigt, müsste gehebelte Nachfrage zurückkehren oder die Fed den Boden tatsächlich senken. Der beste Frühindikator ist die Rendite von sUSDe: Klettert sie nachhaltig über den T-Bill-Satz, ist der Carry zurück.
Von Liam Brennan, HOGE Wire. Dieser Beitrag ist eine Einordnung und keine Anlageberatung.