Stablecoin-Regeln 2026: Wer die stille Rendite kassiert
Stablecoins verwalten rund 300 Milliarden Dollar und zahlen ihren Haltern per Gesetz null Zinsen. Wer stattdessen verdient, und warum Brüssel das Zinsverbot nun hinterfragt.
Der Markt, der seinen Nutzern nichts zahlt
Stablecoins sind das stille Rückgrat des Kryptomarkts. Wer an einer Börse handelt, DeFi nutzt oder Werte über Grenzen schickt, parkt sein Geld fast immer in einem dollargebundenen Token wie USDT oder USDC. Ende August 2026 lag der gesamte Stablecoin-Markt bei rund 301 Milliarden US-Dollar (etwa 257 Milliarden Euro bei einem Kurs von rund 1,17 US-Dollar je Euro), wie die Stablecoin-Übersicht von CoinGecko zeigt. Tethers USDT hält davon gut 183 Milliarden Dollar und knapp 61 Prozent, Circles USDC rund 74 Milliarden. Beide zusammen decken fast neun von zehn Dollar im Markt ab, und rund 99 Prozent aller Stablecoins lauten weiter auf US-Dollar.
Hinter dieser Nüchternheit steckt ein bemerkenswertes Geschäftsmodell. Jeder dieser Dollar ist mit sicheren Anlagen hinterlegt, überwiegend mit kurzlaufenden US-Staatsanleihen, die bei den Leitzinsen des Jahres 2026 noch immer rund vier Prozent abwerfen. Diese Zinsen kassiert der Emittent. Der Halter des Tokens bekommt: nichts. Ein Guthaben von 10.000 Euro in USDC bringt seinem Besitzer null Euro Ertrag, während Circle auf die dahinterliegenden Reserven Jahr für Jahr Zinsen einnimmt. Das ist kein Marktversagen, sondern das direkte Ergebnis einer Regel, die in Europa wie in den USA im Zentrum des Stablecoin-Rechts steht: dem Zinsverbot.
Anfang September 2026, mit Bitcoin bei rund 69.000 Euro (CoinGecko) und einem Kryptomarkt in Feierlaune, dreht sich die öffentliche Debatte über Stablecoin-Regeln meist um Reserven, Lizenzen und die Frage, ob der Euro dem Dollar etwas entgegensetzen kann. Ein anderer Blick lohnt sich aber genauso: Folgt man dem Geld, wird sichtbar, wer in diesem Markt wirklich verdient und warum die Regeln genau das so wollen. Dieser Text zeichnet nach, wie aus einer einzigen Vorschrift ein Milliardengeschäft für wenige Emittenten wurde, wohin die Rendite stattdessen fließt und warum Brüssel ausgerechnet jetzt darüber nachdenkt, das Zinsverbot wieder aufzuweichen.
Das Zinsverbot: die Regel, die alles entscheidet
Im Zentrum steht ein einziger Satz im Regelwerk. Artikel 50 der EU-Verordnung MiCA untersagt es Emittenten von E-Geld-Token, den Haltern Zinsen zu gewähren. Für die wertreferenzierten Token (ART) gilt über Artikel 40 dasselbe. Das Verbot ist absolut und bewusst weit gefasst: Jeder Vorteil, der an die Haltedauer eines Tokens geknüpft ist, gilt als Zins, egal wie man ihn nennt. Bonus, Belohnung, Rabatt oder ein als flexibles Sparprodukt verpacktes Angebot fallen alle darunter. Eine ausführliche juristische Einordnung dazu liefert ein Beitrag des Oxford Business Law Blog.
Die USA ziehen mit dem 2025 unterzeichneten GENIUS Act nach. Auch dort dürfen zugelassene Emittenten von Zahlungs-Stablecoins keinen Zins, keine Dividende und keine Rendite an die Halter ausschütten, die allein aus dem Halten des Tokens folgt. Zwei Rechtsräume, die sich in fast allem unterscheiden, sind sich in diesem Punkt einig. Der US-Kongressdienst CRS hat die dahinterliegende Kontroverse in einem eigenen Papier zur Stablecoin-Zinsdebatte zusammengefasst. Das Verbot klingt technisch, aber es ist der Hebel, an dem die gesamte Ökonomie des Sektors hängt. Es bestimmt, dass die Zinsen der Reserven nicht bei den Nutzern landen. Die Frage ist damit nicht mehr, ob Rendite entsteht, sondern nur noch, wer sie einstreicht.
Was ein Stablecoin im Regelwerk ist: E-Geld, kein Investment
Um zu verstehen, warum das Verbot existiert, muss man wissen, als was MiCA einen Stablecoin überhaupt einstuft. Ein an eine einzige Währung gebundener Coin wie USDC oder der Euro-Token EURC ist rechtlich ein E-Geld-Token, also elektronisches Geld. Damit steht er in einer Reihe mit einer Prepaid-Karte oder einem PayPal-Guthaben, nicht mit einer Aktie oder einem Fonds. Ein Guthaben auf dem Bezahlkonto hat noch nie Zinsen abgeworfen, und genau diese Logik überträgt MiCA auf den Stablecoin. Wer ihn hält, hält Geld, kein Wertpapier.
Aus dieser Einordnung folgt der Rest. Ausgeben darf einen E-Geld-Token nur eine Bank oder ein zugelassenes E-Geld-Institut. Die Reserven müssen die Token jederzeit zu eins zu eins decken, getrennt vom Vermögen des Emittenten verwahrt sein, und jeder Halter hat einen Anspruch auf Rücktausch zum Nennwert. In Deutschland wacht darüber die BaFin auf Basis des Kryptomärkteaufsichtsgesetzes, das Teil des Finanzmarktdigitalisierungsgesetzes ist; die Behörde beaufsichtigt die Dienstleister und Emittenten, nicht das Protokoll selbst, wie ihr Merkblatt zu Kryptowerte-Dienstleistungen deutlich macht. Wer die Lizenzhürden und die daraus folgende Marktbereinigung im Detail nachlesen will, findet sie in unserer Analyse zu den MiCA-Lizenzkosten und der Konsolidierung. Die entscheidende Weichenstellung aber ist die Einstufung als Geld: Geld zahlt keine Zinsen, ein Investment schon.
Ein zweiter Token-Typ, die wertreferenzierten Token (ART), bildet einen Korb aus mehreren Währungen oder Vermögenswerten ab und spielt im Markt bislang kaum eine Rolle. Für beide gilt zudem eine Obergrenze, die zeigt, wie sehr MiCA Stablecoins als Zahlungsmittel und nicht als Anlage denkt: Wird ein nicht auf Euro lautender Token in großem Umfang für alltägliche Zahlungen genutzt, jenseits von rund 200 Millionen Euro Tagesumsatz, muss der Emittent die Ausgabe drosseln. Der Gesetzgeber will damit verhindern, dass ein fremdwährungsgebundener Coin zum parallelen Alltagsgeld im Euroraum wird.
Wie aus Reserven Milliarden werden: die Mechanik des Float
Der Kern des Geschäfts heißt Float. Nimmt ein Nutzer 10.000 Euro und tauscht sie in einen dollargebundenen Stablecoin, erhält er Token im Gegenwert. Die 10.000 Euro (beziehungsweise die entsprechenden Dollar) legt der Emittent in kurzlaufende Staatsanleihen an. Bei rund vier Prozent Zins sind das 400 im Jahr, die vollständig beim Emittenten bleiben. Der Nutzer trägt das Kursrisiko nicht, hat aber auch keinen Anteil am Ertrag. Er hat schlicht sein Geld gegen einen digitalen Gutschein getauscht.
Skaliert man das auf den ganzen Markt, entsteht eine gewaltige Ertragsquelle. Bei einem Umlauf von gut 183 Milliarden Dollar summieren sich vier Prozent auf mehr als sieben Milliarden Dollar Bruttoertrag im Jahr, allein aus Anleihezinsen. Ökonomen kennen dieses Prinzip als Seigniorage, den Gewinn aus der Ausgabe von Geld. Klassische Banken verdienen an Einlagen ähnlich, geben davon aber traditionell einen Teil als Guthabenzins zurück. Der Stablecoin-Emittent behält alles. Das Zinsverbot verwandelt einen Zahlungsmittel-Anbieter in einen der ertragsstärksten Finanzintermediäre überhaupt, ohne dass er dafür eine einzige Filiale betreiben oder einen Kredit vergeben müsste. Genau diese Asymmetrie treibt die politische Debatte an.
Circle: ein Zinsgeschäft an der Börse
Wie stark ein Stablecoin-Emittent am Float hängt, zeigt kein Unternehmen so klar wie Circle, der Herausgeber von USDC. Für das Gesamtjahr 2025 meldete Circle rund 2,7 Milliarden Dollar Umsatz, von denen etwa 2,6 Milliarden aus Reserve-Erträgen stammten. Andere Einnahmen trugen nur rund 110 Millionen bei. Nach eigener Analyse hängen rund 95 Prozent der Erlöse an den Zinssätzen, obwohl über USDC im selben Zeitraum Transfers von rund 32 Billionen Dollar liefen. Circle verdient nicht am Bezahlen, sondern am Halten.
Der Börsengang im Juni 2025 machte diese Abhängigkeit öffentlich. Circle debütierte an der NYSE zu 31 Dollar je Aktie und schloss den ersten Handelstag rund 168 Prozent höher, was das Unternehmen mit fast 17 Milliarden Dollar bewertete, wie CoinDesk berichtete. Seither schwankt die Aktie mit den Zinserwartungen, denn jeder Zinsschritt der US-Notenbank verändert direkt den Reserve-Ertrag. Im ersten Quartal 2026 lag der Umsatz bei 694 Millionen Dollar, der Reserve-Ertrag bei 653 Millionen, während die Rendite auf die Reserven bereits spürbar sank, wie Circle in seinen Quartalszahlen auswies. Ein Emittent, dessen Erträge fallen, sobald die Zinsen fallen, ist im Kern ein gehebeltes Zinsvehikel, verpackt als Zahlungsdienstleister.
Wie empfindlich dieses Modell auf Zinsen reagiert, zeigte das zweite Quartal 2026. Das USDC-Transfervolumen sprang gegenüber dem Vorjahr um rund 151 Prozent, doch Umsatz und Reserve-Ertrag legten laut den Zahlen zum zweiten Quartal 2026 nur um sieben beziehungsweise fünf Prozent auf gut 701 Millionen Dollar zu. Der Grund: Sinkende Leitzinsen drücken die Rendite auf jede einzelne Reserve-Position, selbst wenn die Menge an Token wächst. Für Circle ist das eine strukturelle Verwundbarkeit, denn das Unternehmen verdient am meisten, wenn die Zinsen hoch sind und die Nutzer am wenigsten Grund haben, sich über die fehlende Verzinsung zu ärgern.
Tether: über zehn Milliarden Gewinn, keine Ausschüttung
Noch deutlicher wird das Bild bei Tether, dem Herausgeber von USDT und dem mit Abstand größten Emittenten. Für 2025 wies Tether laut Prüfbescheinigung der Gesellschaft BDO einen Nettogewinn von mehr als zehn Milliarden Dollar aus. Das Unternehmen hielt zum Jahresende rund 135 Milliarden Dollar in US-Staatsanleihen, dazu Gold im Wert von über 17 Milliarden und einen Überschuss von etwa 6,3 Milliarden Dollar über die 186,5 Milliarden Dollar an ausstehenden Token hinaus. Tether zählt damit zu den größten Haltern von US-Staatsschulden weltweit, vor Ländern wie Deutschland, Saudi-Arabien oder Südkorea.
Die Dimension ist schwer zu überschätzen. Mit einem Gewinn in dieser Größenordnung steht Tether auf einer Stufe mit großen Wall-Street-Häusern, beschäftigt aber nur einen Bruchteil ihrer Mitarbeiter und hält weder Filialen noch ein klassisches Kreditbuch. Das Unternehmen verdient im Kern daran, dass Millionen Menschen weltweit Dollar in einem Token parken, für den sie freiwillig auf jeden Zins verzichten. Kritiker nennen das eine private Notenpresse, Befürworter einen effizienten Dollar-Zugang für Länder mit schwacher Währung. Beide Lesarten ändern nichts an der Grundmechanik: Der Ertrag der Reserven gehört dem Emittenten, nicht dem Halter.
Dieser Gewinn ist fast vollständig Float-Ertrag, und weil Tether privat ist und keine Aktionäre über die Börse bedient, bleibt er im Kreis der Eigentümer. Kein Cent davon fließt an die Millionen Nutzer, deren geparkte Dollar die Reserven überhaupt erst füllen. Tether-Chef Paolo Ardoino hat die MiCA-Regeln wiederholt kritisiert und gewarnt, die europäische Vorgabe, große Teile der Reserven in Bankeinlagen zu halten, berge ein systemisches Risiko für die europäischen Banken. An seiner eigenen Gewinnrechnung ändert die Debatte nichts. Die folgende Tabelle stellt die Float-Ökonomie der wichtigsten Token nebeneinander.
| Stablecoin | Emittent | Umlauf (ca.) | Reserve-Ertrag / Gewinn 2025 | Zinsen an Halter |
|---|---|---|---|---|
| USDT | Tether | rund 183 Mrd. USD | über 10 Mrd. USD Nettogewinn | 0 Prozent |
| USDC | Circle | rund 74 Mrd. USD | rund 2,6 Mrd. USD Reserve-Ertrag | 0 Prozent (USA: Rewards über Plattform) |
| EURC | Circle | rund 0,4 Mrd. USD | im kleinen Euro-Segment | 0 Prozent |
| EURAU | AllUnity (DWS u.a.) | rund 19 Mio. USD | noch jung | 0 Prozent |
Warum die Reserve-Regeln über die Rendite entscheiden
Wenn die Halter keinen Zins bekommen, wird die zweite große Frage umso wichtiger: Wo dürfen die Reserven liegen? Denn davon hängt ab, wie hoch der Float-Ertrag überhaupt ausfällt und wem das Geld nebenbei zugutekommt. Hier trennen sich Europa und die USA scharf. MiCA schreibt für E-Geld-Token vor, dass mindestens 30 Prozent der Reserve in Einlagen bei EU-Banken liegen, bei als signifikant eingestuften Token sogar 60 Prozent; der Rest muss in hochliquiden, sicheren Anlagen stecken, Kryptowerte sind ausgeschlossen. Der GENIUS Act dagegen lenkt die Reserven vor allem in kurzlaufende US-Staatsanleihen bis 93 Tage Restlaufzeit, versicherte Einlagen, Repos und Staats-Geldmarktfonds.
Das ist mehr als eine technische Feinheit. Bankeinlagen werfen in der Regel weniger ab als Staatsanleihen, weshalb die europäische Vorgabe den Ertrag der Emittenten tendenziell drückt und zugleich Geld in die Bilanzen europäischer Banken zurückspült, ein bewusstes Ziel. Das US-Modell hält den Float in Staatsanleihen und macht die Emittenten damit zu einer wachsenden Nachfragequelle für US-Schulden, ein ebenso bewusster Effekt. Die Reserve-Regeln entscheiden also nicht nur über Sicherheit, sondern über Höhe und Empfänger der Rendite. Wer in den USA die entstehende Aufsichtslücke füllt, während die Regeln erst geschrieben werden, beleuchtet unsere Analyse zum SEC-Enforcement-Vakuum 2026.
Für Washington ist dieser Effekt kein Nebenprodukt, sondern Kalkül. US-Finanzminister Scott Bessent hat mehrfach betont, dass regulierte Dollar-Stablecoins zu einer strukturellen Nachfragequelle für US-Staatsanleihen werden und den Kreis der Käufer amerikanischer Schulden erweitern; Schätzungen aus dem Finanzministerium sehen den Markt bis zum Ende des Jahrzehnts in Richtung mehrerer Billionen Dollar wachsen, wie The Block berichtete. Jeder neue Stablecoin-Dollar, der in kurzlaufende Treasuries fließt, stützt so indirekt die Finanzierung des US-Haushalts, ein geopolitischer Hebel, den die europäische Bankeinlagen-Vorgabe bewusst nicht nachbaut.
| Merkmal | MiCA (EU, E-Geld-Token) | GENIUS Act (USA) |
|---|---|---|
| Zulässige Emittenten | Bank oder E-Geld-Institut | Banken und zugelassene Nichtbanken (OCC / Bundesstaat) |
| Reserve-Zusammensetzung | mind. 30 Prozent (signifikant: 60 Prozent) in EU-Bankeinlagen, Rest sichere Aktiva; keine Kryptowerte | v.a. US-Staatsanleihen bis 93 Tage, versicherte Einlagen, Repos, Staats-Geldmarktfonds |
| Zinsen an Halter | verboten (Art. 50) | verboten |
| Rewards über Dritte (Börsen) | ebenfalls erfasst, faktisch blockiert | erlaubt (Plattform-Rewards) |
| Aufsicht | BaFin / EBA, ESMA | OCC und Bundesstaaten |
Die Belohnungs-Lücke: wenn aus Zinsen Rewards werden
An dieser Stelle öffnet sich der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Regimen. Der GENIUS Act verbietet dem Emittenten die Zinszahlung, lässt aber Dritten wie Kryptobörsen ausdrücklich Raum, den Nutzern Belohnungen auszuschütten. Coinbase nutzt das und zahlt US-Kunden auf USDC-Guthaben eine Belohnung von rund vier Prozent, deklariert nicht als Zins, sondern als Reward. Rechtlich ist das eine Marketingleistung der Plattform, kein Ertrag aus dem Token selbst. Wirtschaftlich fühlt es sich für den Nutzer an wie ein Zins.
In Europa ist diese Tür verschlossen. MiCA geht über das Emittentenverbot hinaus und erfasst auch die Dienstleister, sodass eine Börse einem EU-Kunden keine solche Belohnung zahlen darf. Der Fachdienst Ledger Insights bringt es auf den Punkt: Coinbase darf US-Kunden Stablecoin-Rewards zahlen, in der EU blockiert MiCA das. Dass die Grenze zwischen Belohnung und Zins fließend ist, zeigen findige Umgehungsversuche, etwa Cashback-Karten auf USDT-Basis, die den Ertrag als Rückvergütung auf Ausgaben tarnen. Coinbase-Chef Brian Armstrong argumentiert offen für mehr Spielraum. Viele Amerikaner verdienten auf dem Sparkonto nur 0,14 Prozent, obwohl kurzlaufende Staatsanleihen rund 4,5 Prozent abwürfen, das sei unfair, sagte er. Bemerkenswert ist sein Eingeständnis, ein Verbot der Rewards würde Coinbase paradoxerweise profitabler machen, weil das Unternehmen dann nichts mehr an die Kunden weiterreichen müsste.
In Washington ist genau diese Belohnungsfrage zum Politikum geworden. Bankenverbände warnten, erlaubte Stablecoin-Rewards würden Einlagen aus kleineren Gemeinschaftsbanken abziehen, während die Kryptobranche auf Wettbewerbsfähigkeit pochte. Im Streit um das nachgelagerte Marktstruktur-Gesetz, den CLARITY Act, rangen beide Lager monatelang um die Frage, wie weit Plattform-Rewards reichen dürfen, ehe sich ein Kompromiss abzeichnete. Er hielt an der Grundregel fest: Der Emittent zahlt nichts, die Plattform darf in engen Grenzen teilen. Damit blieb die eigentliche Rendite dort, wo die Reserven liegen, und die Belohnung eine Sache des Marketingbudgets, nicht des Rechtsanspruchs.
Coinbase, Circle und die Ökonomie der Verteilung
Auch wo Nutzer etwas bekommen, ist es kein Zins, sondern ein Baustein eines Verteilungsdeals. Circle behält vom Reserve-Ertrag längst nicht alles. Ein großer Teil fließt an Vertriebspartner, allen voran Coinbase, die USDC bewerben und verbreiten. Im vierten Quartal 2025 zahlte Circle nach Branchenberichten 461 Millionen Dollar Vertriebskosten aus 733 Millionen Dollar Reserve-Ertrag, also deutlich mehr als die Hälfte. Über das Jahr gerechnet gehen grob 59 Prozent des Bruttoertrags an die Partner.
Coinbase wiederum verdiente 2025 rund 1,35 Milliarden Dollar mit Stablecoins, großenteils aus dieser USDC-Partnerschaft, wie CNBC berichtete. Die Rewards an die Nutzer sind das Mittel, mit dem die Börse um Guthaben konkurriert; finanziert werden sie aus dem Float, den letztlich die Nutzer selbst erzeugen. Der Ertrag wandert also vom Halter zum Emittenten, von dort teils zur Börse und in den USA zu einem kleinen Teil zurück zum Nutzer. In Europa endet die Kette schon beim Emittenten. Für die Halter ist das Ergebnis in beiden Fällen dasselbe Ausgangsproblem: Ohne einen Dritten, der freiwillig teilt, bleibt vom Zins nichts übrig.
Tokenisierte Geldmarktfonds: die legale Rendite
Wer die Zinsen der Reserven doch selbst einstreichen will, muss den Stablecoin verlassen und in ein Produkt wechseln, das rechtlich kein Geld, sondern ein Investment ist. Genau hier wachsen tokenisierte Geldmarktfonds. BlackRocks Fonds BUIDL, aufgelegt im März 2024 zusammen mit dem Tokenisierer Securitize, ist mit rund 2,5 Milliarden Dollar der größte tokenisierte Staatsanleihe-Fonds und wurde 2026 unter anderem auf Solana ausgeweitet, wie CoinDesk dokumentiert. Ein Anteil an einem solchen Fonds bewegt sich wie ein Token auf der Kette, schüttet aber die Rendite der zugrunde liegenden Anleihen aus, weil er als Wertpapier reguliert ist und nicht unter das Zinsverbot fällt.
Das ist die ökonomische Pointe des Regelwerks: Die Nachfrage nach verzinstem Digital-Cash verschwindet nicht, sie verlagert sich nur vom Stablecoin zum Fondsanteil. Institutionelle Anleger nutzen tokenisierte Fonds längst als renditetragende Parkposition, während der Stablecoin die zinslose Zahlungsschicht bleibt. Wer Rendite sucht, kann sie im Kryptobereich auch über Staking erzielen, ein ganz anderes Risikoprofil, das wir im Vergleich von Lido, Rocket Pool und Frax aufschlüsseln. Der tokenisierte Geldmarktfonds ist aber die direkteste Antwort auf das Zinsverbot: dieselben Staatsanleihen, dieselbe Kette, nur mit einem rechtlichen Etikett, das die Ausschüttung erlaubt.
Der Trend hat handfeste Folgen für die Struktur des Marktes. Wer größere Beträge über Nacht sicher parken will, ein Handelshaus, ein DAO-Treasury, ein Fintech, wählt zunehmend den tokenisierten Fonds statt des zinslosen Stablecoins und holt sich so die vier Prozent, die der Stablecoin verschenkt. Der Stablecoin bleibt für die schnelle Abwicklung und den Handel, der Fonds übernimmt das verzinste Zwischenparken. Das Zinsverbot hat die Rendite also nicht abgeschafft, sondern nur in ein anderes, strenger reguliertes Gefäß umgeleitet, das nicht jedem Privatanleger gleich leicht zugänglich ist.
Warum das Verbot existiert: Banken, Einlagen und die Angst vor dem Run
Das Zinsverbot ist kein Zufall, sondern Schutzmauer. Drei Sorgen tragen es. Erstens würde ein verzinster Stablecoin zu einem quasi unregulierten Geldmarktfonds, der Anlegern eine bankähnliche Rendite ohne die entsprechenden Schutzmechanismen verspricht. Zweitens lädt eine Rendite heißes, jederzeit abziehbares Geld ein; bei Stress kann das einen klassischen Ansturm auslösen, wie ihn USDC im März 2023 erlebte, als ein Teil der Reserven bei der kollabierenden Silicon Valley Bank festhing und der Token kurzzeitig unter einen Dollar rutschte. Drittens, und politisch am schwersten, fürchten Notenbanken und Banken den Abfluss von Einlagen.
Würden Stablecoins vier Prozent zahlen, könnten Sparer ihre Bankguthaben massenhaft in Token umschichten, was den Banken die günstige Refinanzierung und damit einen Teil ihrer Kreditvergabe entzöge. EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone hat wiederholt gewarnt, Stablecoins könnten den Banken Einlagen entziehen, und den digitalen Euro als schützende Antwort ins Feld geführt, wie Ledger Insights berichtet. Der digitale Euro selbst, seit Juli 2026 im Trilog zwischen Parlament, Rat und Kommission und mit angepeilter Einigung bis Jahresende, ist ausdrücklich als öffentliches, ebenfalls unverzinstes Geld konzipiert. Das Zinsverbot bei privaten Stablecoins und der zinslose digitale Euro folgen derselben Logik: Zahlungsgeld soll Zahlungsgeld bleiben und nicht mit Bankeinlagen um die Ersparnisse konkurrieren.
Die Banken bleiben dabei nicht passiv. Statt den Float an private Emittenten zu verlieren, versuchen sie, eigenes Geld auf die Kette zu bringen. Tokenisierte Einlagen, also digital abgebildete Bankguthaben, bleiben rechtlich Einlagen: Sie dürfen Zinsen tragen, stehen in der Bankbilanz und fallen unter die Einlagensicherung. JPMorgan brachte mit seinem Einlagen-Token bereits institutionelles Dollar-Geld auf eine öffentliche Kette, und europäische Institute arbeiten an vergleichbaren Modellen. Der Wettlauf um die stille Rendite verläuft damit nicht nur zwischen Nutzer und Emittent, sondern auch zwischen jungen Stablecoin-Firmen und den etablierten Banken, die sich ihr Geldschöpfungsprivileg nicht nehmen lassen wollen.
BaFin, EURAU und der deutsche Blick
Deutschland ist in dieser Debatte nicht nur Zuschauer. Die BaFin hat einen strengen nationalen Weg gewählt: Die verkürzte Übergangsfrist für Krypto-Dienstleister endete hier bereits Ende Dezember 2025, ein halbes Jahr vor dem EU-Standard. Zugleich ist Deutschland Heimat des ersten BaFin-regulierten Euro-Stablecoins nach MiCA. Der Token EURAU der Gesellschaft AllUnity, einem Gemeinschaftsunternehmen unter Beteiligung der Deutsche-Bank-Tochter DWS, startete Ende Juli 2025 und wurde 2026 auf weitere Ketten ausgeweitet, wie CoinDesk berichtete. AllUnity-Chef Alexander Höptner nennt das Projekt einen bedeutenden Schritt für die finanzielle Souveränität Europas.
Noch ist der Euro-Markt winzig. EURAU kommt auf einen Umlauf im niedrigen zweistelligen Millionenbereich, alle regulierten Euro-Stablecoins zusammen lagen Mitte 2026 bei rund 674 Millionen Dollar und damit bei kaum mehr als 0,2 Prozent des Gesamtmarkts. Für den deutschen Sparer bleibt das Ergebnis konkret unattraktiv: Ein Euro-Stablecoin zahlt null Prozent, während ein simples Tagesgeldkonto je nach Zinslage zwei bis drei Prozent bietet, gedeckt durch die Einlagensicherung. Der Stablecoin punktet mit Programmierbarkeit und rund um die Uhr verfügbarer Abwicklung, nicht mit Ertrag. Genau diese Lücke zwischen bequemer Zahlungsschicht und fehlender Rendite ist der Grund, warum die Regel jetzt politisch unter Druck gerät.
Auch deshalb formiert sich in Europa ein Bankenlager. Unter dem Namen Qivalis hat sich ein Konsortium europäischer Banken zusammengeschlossen, um einen gemeinsamen Euro-Stablecoin auf den Markt zu bringen, während einzelne Häuser wie die Deutsche-Bank-Tochter DWS mit EURAU einen eigenen Weg gehen. Das Motiv ist dasselbe, das dem Zinsverbot zugrunde liegt: Wer das Zahlungsmittel ausgibt, sitzt an der Quelle des Float. Für deutsche Banken geht es dabei weniger um Ideologie als um die Frage, ob die Erträge aus dem digitalen Euro-Zahlungsverkehr künftig bei ihnen oder bei amerikanischen Emittenten landen.
Brüssel öffnet das Regelbuch: fällt das Zinsverbot?
Kaum ein Jahr nach dem vollen Wirksamwerden von MiCA hat die Europäische Kommission das Regelwerk zur Überprüfung gestellt. Die im Mai 2026 gestartete gezielte Konsultation fragt ausdrücklich, ob das Zinsverbot beibehalten oder überarbeitet werden soll, neben Fragen zu Reserven, Liquidität und den Schwellen für signifikante Token. Der Branchendienst Cointelegraph ordnet den Schritt als möglichen Einstieg in eine Lockerung ein; das Konsultationsdokument der Kommission selbst listet die Zinsfrage als eigenen Prüfpunkt.
Die Ironie liegt im transatlantischen Kontrast. Während die USA das Verbot mit dem GENIUS Act gerade erst gesetzlich zementiert haben, denkt Europa bereits über die Gegenrichtung nach. Fiele das Verbot, könnten Emittenten einen Teil des Float an die Halter weiterreichen, was Stablecoins für Nutzer attraktiver und für Banken gefährlicher machte, genau der Konflikt zwischen Verbraucherfairness und Einlagenschutz, den Armstrong und Cipollone von entgegengesetzten Seiten beschreiben. Ein Bericht der Kommission wird für Mitte 2027 erwartet, samt möglichem Gesetzesvorschlag für eine Art MiCA 2.0. Bis dahin bleibt das Zinsverbot in Kraft, aber sein Fundament ist erstmals offen in Frage gestellt.
Was das für Anleger und Unternehmen in Deutschland bedeutet
Für die Praxis lassen sich klare Schlüsse ziehen. Erstens: Ein Stablecoin ist per Gesetz ein Zahlungs- und Parkmittel, kein Renditeprodukt. Wer null Prozent erwartet, wird nicht enttäuscht. Zweitens: Wer die Zinsen der Reserven selbst einnehmen will, muss bewusst in ein anderes Produkt wechseln, etwa einen tokenisierten Geldmarktfonds, ein Tagesgeldkonto oder, mit ganz anderem Risiko, in Staking. Die folgende Übersicht ordnet die Wege ein.
| Weg | Typische Rendite 2026 | Rechtlicher Rahmen | Wesentliches Risiko |
|---|---|---|---|
| Stablecoin einfach halten | 0 Prozent | E-Geld (MiCA) / Zahlungs-Stablecoin (GENIUS) | Emittenten- und Depeg-Risiko, keine Einlagensicherung |
| USDC-Rewards bei Coinbase (nur USA) | rund 4 Prozent (Reward) | Plattform-Belohnung, in der EU blockiert | Plattform- und Kontrahentenrisiko |
| Tokenisierter Geldmarktfonds (z.B. BUIDL) | rund 4 Prozent | Fondsanteil / Wertpapier | Fonds- und Kursrisiko, kein Eins-zu-eins-Token |
| Tagesgeld bei einer Bank | rund 2 bis 3 Prozent | Bankeinlage | gedeckt bis 100.000 Euro |
| Staking (z.B. ETH) | variabel | Kryptowert, kein Stablecoin | Kurs- und Slashing-Risiko |
Drittens zur Rechtslage vor Ort: USDT ist auf regulierten EU-Handelsplätzen seit dem Ende der Übergangsfrist nicht mehr für den Retail-Handel gelistet; halten und selbst verwahren bleibt möglich, aber ohne MiCA-Schutz. Ein E-Geld-Token gibt seinem Halter einen Anspruch auf Rücktausch zum Nennwert und getrennt verwahrte Reserven, aber keine Einlagensicherung wie ein Bankkonto. Für Unternehmen, die Stablecoins als Zahlungsschiene nutzen, etwa im Handel oder bei automatisierten Zahlungen, zählt vor allem die Abwicklung, nicht der Zins; wie das an der Ladenkasse praktisch aussieht, zeigt unser Beitrag dazu, wie Händler 2026 Bitcoin und digitale Zahlungen annehmen. Wer die aufsichtsrechtlichen Grundlagen und den Anlegerschutz vertiefen will, findet die Details in unserer Analyse zur MiCA-Praxis 2026. Die Kernbotschaft bleibt: In einem 300-Milliarden-Markt zahlt das Produkt seinen Nutzern nichts, weil eine Regel es so will, und diese Regel steht 2026 erstmals zur Debatte.
Häufig gestellte Fragen
Warum zahlen Stablecoins keine Zinsen?
Weil das Recht es verbietet. In der EU untersagt Artikel 50 der MiCA-Verordnung den Emittenten von E-Geld-Token jede Verzinsung, und jeder an die Haltedauer geknüpfte Vorteil gilt als Zins. In den USA schreibt der GENIUS Act dieselbe Regel für Zahlungs-Stablecoins fest. Die Zinsen der hinterlegten Reserven bleiben damit beim Emittenten, nicht beim Halter.
Darf ich als deutscher Nutzer USDT noch halten?
Halten und selbst verwahren ist weiterhin möglich. Regulierte Handelsplätze in der EU dürfen USDT nach dem Ende der Übergangsfrist aber nicht mehr für Privatkunden listen, weil Tether keine MiCA-Zulassung anstrebt. Wer USDT hält, genießt keinen MiCA-Schutz wie Rücktauschanspruch und getrennte Reserven, die bei zugelassenen Token wie USDC gelten.
Wie verdienen Tether und Circle ihr Geld?
Fast ausschließlich über den Float, also die Zinsen auf die Reserven, die die ausgegebenen Token decken. Tether wies für 2025 mehr als zehn Milliarden Dollar Nettogewinn aus, überwiegend aus US-Staatsanleihen. Bei Circle stammten rund 2,6 von 2,7 Milliarden Dollar Umsatz aus Reserve-Erträgen. Am Bezahlvorgang selbst verdienen beide vergleichsweise wenig.
Gibt es eine legale Möglichkeit, mit stabilen Digital-Assets Rendite zu erzielen?
Ja, aber nicht mit dem Stablecoin selbst. Tokenisierte Geldmarktfonds wie BlackRocks BUIDL bilden dieselben kurzlaufenden Staatsanleihen ab, schütten deren Rendite aber aus, weil sie als Wertpapier und nicht als E-Geld reguliert sind. Klassische Alternativen bleiben Tagesgeld mit Einlagensicherung oder, mit deutlich höherem Risiko, Staking von Kryptowerten.
Könnte das Zinsverbot in der EU fallen?
Möglich ist es. Die Europäische Kommission hat 2026 eine Überprüfung von MiCA gestartet und fragt darin ausdrücklich, ob das Zinsverbot beibehalten oder überarbeitet werden soll. Ein Bericht wird für Mitte 2027 erwartet, samt einem möglichen Gesetzesvorschlag. Bis dahin gilt das Verbot unverändert, sein Fundament ist aber erstmals offen in Frage gestellt.
Anneke de Vries berichtet für HOGE Wire über Krypto-Regulierung in der Europäischen Union.