SEC-Enforcement 2026: die Prämien-Maschine hinter den Fällen
Die SEC eröffnet 2026 so wenige Krypto-Verfahren wie lange nicht, doch Do Kwon sitzt 15 Jahre. Wie Whistleblower-Prämien und die Einheit CETU zur neuen Enforcement-Maschine wurden.
Im Frühherbst 2026 sieht die US-Krypto-Aufsicht aus wie eine Behörde im Rückzug. Die Zahl der neuen Krypto-Verfahren der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) ist auf den tiefsten Stand seit Jahren gefallen, die großen Prozesse gegen Coinbase, Kraken und Binance sind eingestellt, und ein neues Regelbuch ersetzt Stück für Stück die Klagewelle der Gensler-Jahre. Wer daraus schließt, die Aufsicht habe die Branche abgeschrieben, verwechselt allerdings die Fassade mit dem Maschinenraum.
Denn während die Registrierungsklagen verschwanden, verurteilte ein Bundesgericht in New York Do Kwon, den Kopf hinter dem 40-Milliarden-Dollar-Kollaps von Terra, zu 15 Jahren Haft. Bitcoin notierte in diesen Tagen bei rund 81.000 US-Dollar oder etwa 69.000 Euro, und die Kurserholung überdeckte, dass sich unter der Oberfläche nicht das Ende des Enforcements vollzog, sondern sein Motorwechsel. Dieser Text öffnet den Maschinenraum: Wer löst die Fälle heute aus, wer verfolgt sie, und was davon reicht bis zu deutschen Anlegern?
Weniger Fälle, härtere Fälle: das Enforcement-Paradox
Die nackten Zahlen wirken eindeutig. Im Geschäftsjahr 2025 (Oktober 2024 bis September 2025) brachte die SEC laut einer Auswertung von Cornerstone Research nur 13 kryptobezogene Verfahren auf den Weg, ein Rückgang um rund 60 Prozent gegenüber 33 im Vorjahr. Die verhängten Geldbußen im Bereich digitaler Vermögenswerte summierten sich auf etwa 142 Millionen US-Dollar, weniger als drei Prozent des Vorjahreswerts, der vor allem durch das Terraform-Urteil aufgebläht war. Fünf der 13 Verfahren waren zudem schon vor dem Abgang von Gary Gensler im Januar 2025 eingereicht worden, sodass unter der neuen Führung kaum acht neue Fälle übrig blieben.
Zum Vergleich: Unter Gensler (April 2021 bis Dezember 2024) zählte Cornerstone 125 Krypto-Verfahren und 6,05 Milliarden Dollar an Strafen, gegenüber 70 Verfahren und 1,52 Milliarden unter seinem Vorgänger Jay Clayton. Der Bruch ist also real. Nur bedeuten weniger Verfahren nicht weniger Risiko für Betrüger, sondern eine schärfere Zielauswahl. Die SEC hat aufgehört, unregistrierte Wertpapiere zu jagen, und konzentriert sich auf das, was sie vor Gericht sicher gewinnt: Betrug.
| Amtszeit | Krypto-Verfahren | Geldbußen |
|---|---|---|
| Jay Clayton (2017-2020) | 70 | 1,52 Mrd. USD |
| Gary Gensler (2021-2024) | 125 | 6,05 Mrd. USD |
| SEC-Geschäftsjahr 2025 (Atkins) | 13 | ~142 Mio. USD |
Die Botschaft dieser Tabelle ist doppeldeutig. Sie zeigt einen historischen Rückzug, aber auch, dass die Ära der milliardenschweren Sammelstrafen weitgehend an wenigen Großfällen hing. Nimmt man das Terraform-Urteil heraus, war das Enforcement-Volumen der Gensler-Jahre weniger monumental, als die Schlagzeilen suggerierten.
Vom Kreuzzug zur Zielauswahl: die eingestellten Verfahren
Der sichtbarste Teil des Umbaus ist die Serie eingestellter Prozesse. Den Anfang machte Coinbase: Ende Februar 2025 stimmte die Kommission der gemeinsamen Klagerücknahme zu, wie die Behörde in ihrer eigenen Mitteilung bestätigte. Chefjurist Paul Grewal sprach in einem Blogeintrag von „righting a major wrong“ und schrieb, der Fall „should never have been filed in the first place“. Wenige Wochen später, am 27. März 2025, fielen die Verfahren gegen Kraken, ConsenSys (MetaMask) und Cumberland DRW, alle drei mit Präjudiz (with prejudice), also ohne die Möglichkeit einer Neuauflage.
Ende Mai 2025 endete schließlich der Prozess gegen Binance, ebenfalls mit Präjudiz, wie CNBC berichtete. Ripple bildet die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Beide Seiten zogen im August 2025 ihre Berufungen zurück, doch die 2024 verhängte Strafe von gut 125 Millionen Dollar für institutionelle Verkäufe blieb bestehen. Parallel stellte die SEC eine Reihe von Ermittlungen ohne Anklage ein, darunter gegen Robinhood, Uniswap Labs, OpenSea und Gemini.
Entscheidend ist, was all diese Fälle gemeinsam hatten: Es waren Registrierungsverfahren, keine Betrugsverfahren. Die SEC gab die juristisch umstrittene These auf, wonach nahezu jeder Token ein nicht registriertes Wertpapier sei. Den Kampf gegen Täuschung gab sie nicht auf. Diese Unterscheidung, so technisch sie klingt, ist die ganze Geschichte des Enforcements 2026.
CETU: die Einheit, die auf Betrug umschaltet
Institutionell verkörpert wird dieser Schwenk von einer neuen Truppe. Im Februar 2025 löste die SEC ihre alte, rund 50 Köpfe starke Crypto Assets and Cyber Unit auf und ersetzte sie durch die schlankere Cyber and Emerging Technologies Unit (CETU) mit etwa 30 Fachleuten unter Leitung von Laura D’Allaird, wie aus der Ankündigung der Behörde hervorgeht. Die halbierte Personalstärke ist dabei kein Widerspruch, sondern Programm: weniger Grundsatzstreit über die Natur von Token, mehr Ermittlungsarbeit an konkreten Schäden.
Der Auftrag der Einheit ist eng gefasst. Sie verfolgt Betrug rund um künstliche Intelligenz, Social-Media-Maschen, Hacking und Blockchain, dazu Verstöße gegen Cybersicherheitspflichten, immer mit Blick auf den Schutz von Kleinanlegern. Anwaltskanzleien fassen den Wandel prägnant zusammen: Wo die alte Einheit Registrierungstheorien verfolgte, jagt CETU Täuschung. Eine Analyse im National Law Review betont zudem, wie eng die neue Einheit mit dem Hinweisgeberprogramm verzahnt ist.
Diese Verzahnung ist der Schlüssel. CETU ist keine Behörde, die von sich aus durch die Blockchain streift und Verdächtiges findet. Sie ist eine Triage-Station: Sie sortiert eingehende Hinweise, priorisiert die Betrugsfälle mit dem größten Schaden und bringt sie zur Anklagereife. Damit wird die eigentliche Frage, woher die Fälle kommen, an eine andere Stelle verschoben.
Die Prämien-Maschine: wie Whistleblower die Fälle auslösen
Wenn CETU der Motor ist, sind Whistleblower der Treibstoff. Das SEC-Hinweisgeberprogramm, 2010 mit dem Dodd-Frank Act geschaffen, ist längst der wichtigste Zulieferer von Fällen. Im Geschäftsjahr 2025 gingen laut SEC-Angaben rund 27.000 Hinweise ein, etwa acht Prozent mehr als im Vorjahr; Krypto und Krypto-Wertpapiere machten sieben Prozent aller Tipps aus. Die häufigsten Vorwürfe waren Marktmanipulation (28 Prozent), Angebotsbetrug (27 Prozent) und irreführende Unternehmensangaben (11 Prozent).
Der Anreiz ist beträchtlich. Führt ein Hinweis zu Sanktionen von mehr als einer Million Dollar, erhält die hinweisgebende Person zwischen 10 und 30 Prozent des eingezogenen Betrags, ausgezahlt aus einem Investor Protection Fund, der sich aus Strafgeldern speist, nicht aus Steuermitteln. Im Geschäftsjahr 2025 schüttete die SEC nach Auswertung der Kanzlei Phillips & Cohen mehr als 60 Millionen Dollar an 48 Personen aus. Rund 82 vorläufige Zusagen (preliminary determinations) deuten darauf hin, dass das Programm auch 2026 stark bleibt.
Diese Mechanik erklärt das eingangs beschriebene Paradox. Selbst wenn die Kommission kaum noch Registrierungsklagen erhebt, versiegt der Nachschub an Fällen nicht: Die Tipps laufen weiter ein, CETU sortiert die Betrugsfälle heraus, und ein Bruchteil davon endet in einer Anklage. Ein Rückgang der eröffneten Verfahren misst also nicht den Rückgang der Aufmerksamkeit, sondern eine strengere Auswahl am Ende einer weiterhin gut gefüllten Pipeline.
| Kennzahl | Wert (Geschäftsjahr 2025) |
|---|---|
| Eingegangene Hinweise | rund 27.000 |
| Krypto-Anteil an den Hinweisen | 7 % |
| Ausgezahlte Prämien | über 60 Mio. USD |
| Ausgezeichnete Personen | 48 |
| Prämienspanne | 10-30 % der Sanktionen |
| Mindestsanktion für eine Prämie | 1 Mio. USD |
| Vorläufige Zusagen (Pipeline) | 82 |
Auch aus Deutschland: wer eine Prämie kassieren darf
Für europäische Leser ist ein Detail zentral: Das Programm steht ausdrücklich Hinweisgebern in den USA und im Ausland offen. Eine Softwareentwicklerin in Berlin, die bei einem Arbeitgeber Betrug entdeckt, der US-Anleger oder US-Märkte berührt, kann also grundsätzlich eine SEC-Prämie beanspruchen, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Genau darin liegt die globale Reichweite der Maschine: Sie zieht Informationen aus jedem Rechtsraum an, in dem US-Kapital fließt.
Das europäische Gegenmodell sieht anders aus. In Deutschland betreibt die BaFin seit Jahren eine Hinweisgeberstelle, und das Hinweisgeberschutzgesetz (in Kraft seit 2023, Umsetzung der EU-Richtlinie 2019/1937) schützt Whistleblower vor Repressalien. Was es nicht gibt, ist Geld: Der europäische Ansatz setzt auf Schutz, nicht auf Prämien. Für die Marktaufsicht selbst gilt in der EU die MiCA-Verordnung samt Marktmissbrauchsregeln (Titel VI) sowie, bei Kryptowerte-Dienstleistern, das BaFin-Regime, dessen Lizenzkosten die Branche gerade spürbar konsolidieren.
Daraus entsteht ein stilles transatlantisches Gefälle. Wer in Europa Betrug meldet, tut es aus Überzeugung; wer nach Washington meldet, kann dafür bezahlt werden. Dieses Ungleichgewicht macht das US-Programm zu einem globalen Frühwarnsystem, das auch europäische Firmen erfasst, ganz ohne europäische Zuständigkeit. Ein deutscher Insider mit einem belastbaren Hinweis hat einen finanziellen Grund, die Reise über den Atlantik zu wählen.
Jarkesy: warum Strafen jetzt vor die Jury müssen
Ein zweiter, oft übersehener Baustein der neuen Maschine ist ein Urteil des Supreme Court. In SEC v. Jarkesy entschied das Gericht am 27. Juni 2024 mit sechs zu drei Stimmen, dass der Siebte Verfassungszusatz ein Geschworenenverfahren garantiert, sobald die SEC zivilrechtliche Strafen wegen Betrugs verlangt. Eine gut lesbare Einordnung liefert das Harvard Law School Forum on Corporate Governance. Damit endete die bequeme Praxis, strittige Betrugsfälle vor hauseigenen Verwaltungsrichtern (Administrative Law Judges) zu verhandeln; sie müssen nun vor ordentliche Bundesgerichte.
Die Folge ist paradox produktiv. Verfahren werden langsamer, teurer und riskanter, weil eine Jury überzeugt werden muss. Also wählt die Behörde ihre Fälle sorgfältiger und bevorzugt klaren, greifbaren Betrug gegenüber neuartigen wertpapierrechtlichen Theorien. Ein Schneeball-System mit gefälschten Kontoauszügen überzeugt zwölf Geschworene; die Frage, ob ein Governance-Token ein Investmentvertrag ist, tut das seltener.
Jarkesy verstärkt damit strukturell genau jenen Schwenk, den die politische Führung ohnehin vollzieht: weg von der Doktrin, hin zur Tat. Selbst eine SEC, die den Kurs wieder ändern wollte, müsste mit diesem Urteil leben. Der Fraud-Fokus ist also nicht nur eine politische Präferenz, sondern teils juristisch erzwungen.
Betrug bleibt Betrug: das 15-Jahre-Urteil gegen Do Kwon
Wie ernst es die USA mit dem Betrugsfokus meinen, zeigt kein Fall deutlicher als Terra. Der Zusammenbruch des algorithmischen Stablecoins UST und des Schwestertokens LUNA vernichtete im Mai 2022 rund 40 Milliarden Dollar an Marktwert. Die Aufarbeitung lief auf zwei Gleisen. Zivilrechtlich einigten sich Terraform Labs und Gründer Do Kwon mit der SEC im Juni 2024 auf einen Vergleich von insgesamt rund 4,47 Milliarden Dollar aus Gewinnabschöpfung, Zinsen und Strafe, dokumentiert in der Mitteilung der Behörde.
Strafrechtlich ging das US-Justizministerium eigene Wege. Nach seiner Auslieferung bekannte sich Kwon im August 2025 vor einem Bundesgericht im Südbezirk von New York des Verschwörungs- und Überweisungsbetrugs für schuldig. Im Dezember 2025 verurteilte ihn Richter Paul Engelmayer zu 15 Jahren Haft, dazu kam die Einziehung von mehr als 19 Millionen Dollar, wie CoinDesk berichtete.
Die Arbeitsteilung ist lehrreich: Die SEC holt das Geld, das Justizministerium die Freiheit. Beide Instrumente blieben in Betrieb, während die Registrierungsklagen reihenweise fielen. Wer sagt, die SEC habe aufgegeben, übersieht, dass Do Kwon nicht wegen fehlender Registrierung im Gefängnis sitzt, sondern wegen Betrugs. Der Fall ist der klarste Beleg dafür, dass sich nicht die Härte der Aufsicht geändert hat, sondern ihr Ziel.
Wen die SEC noch verklagt: AI-Washing und Affinity-Fraud
Der laufende Betrugskalender 2026 liest sich wie ein Katalog der neuen Prioritäten. Im Mai 2026 klagte die SEC Nathan Fuller an, der rund 150 Anlegern etwa 12,3 Millionen Dollar mit angeblich hauseigenen KI-Handelsbots und falschen Sicherheitsversprechen abgenommen haben soll; die Kanzlei Morrison Foerster führt den Fall in ihrer monatlichen Enforcement-Übersicht. Parallel laufen Verfahren wie das gegen Ramil Palafox und PGI Global, ein System mit einem Volumen von rund 198 Millionen Dollar, sowie gegen ein Geflecht von Schein-Plattformen, das Ende 2025 über WhatsApp-Gruppen mit vermeintlichen KI-Trading-Tipps rund 14 Millionen Dollar einsammelte.
Das Muster ist unverkennbar: AI-Washing, also das Aufhübschen banaler Schneeball-Systeme mit dem Etikett künstliche Intelligenz, trifft auf klassischen Affinity-Fraud in geschlossenen Chat-Gruppen. Genau dafür wurde CETU gebaut. Die Ironie dabei: Während die Aufsicht falsche KI-Behauptungen verfolgt, ringt die Branche parallel um echte, überprüfbare KI-Anwendungen, ein Feld, das mit dem Betrugsproblem wenig zu tun hat, aber unter demselben Schlagwort segelt.
Wie schnell KI-Hype und Realität auseinanderfallen können, zeigt auch der Fall des toten KI-Fonds ai16z. Für Anleger ist die Lehre schlicht: Das Etikett KI ist 2026 kein Qualitätsmerkmal, sondern zuerst ein Warnsignal, das die Aufmerksamkeit der Aufsicht anzieht. Wer ein Produkt mit undurchsichtigen Renditeversprechen und dem Wort Bot bewirbt, bewegt sich exakt im Zielgebiet von CETU.
Der Fall Justin Sun: Ermessen als Risiko
Kein Fall illustriert die Schattenseite der neuen Selektivität besser als Justin Sun. Der Tron-Gründer war im März 2023 wegen Betrugs, Wash-Trading und des unregistrierten Angebots der Token TRX und BTT angeklagt worden. Anfang 2025 geriet das Verfahren ins Stocken, nachdem Sun rund 75 Millionen Dollar in das Trump-nahe Projekt World Liberty Financial investiert hatte. Im März 2026 folgte der Vergleich: Die Firma Rainberry zahlte 10 Millionen Dollar, die Vorwürfe gegen Sun persönlich, die Tron Foundation und die BitTorrent Foundation wurden mit Präjudiz fallengelassen.
Der Beigeschmack blieb. Im Februar 2026 musste sich SEC-Chef Paul Atkins in einer Anhörung des Finanzausschusses des Repräsentantenhauses Fragen nach pay to play gefallen lassen. Die Lehre für Anleger ist unbequem: In einem System, das stark auf Ermessen setzt, wird die Entscheidung, wen man laufen lässt, selbst zum Risikofaktor, weil sie politisch aussehen kann. Der spätere zivilrechtliche Streit zwischen Sun und World Liberty Financial ist davon zu trennen und keine SEC-Angelegenheit.
Für die Enforcement-Maschine ist der Fall Sun das Gegenstück zu Do Kwon. Der eine zeigt, dass Betrug hart bestraft wird; der andere, dass die Auswahl, wer überhaupt verfolgt wird, Vertrauen kosten kann. Beide gehören zusammen, wenn man verstehen will, wie berechenbar die US-Aufsicht 2026 wirklich ist.
Von der Verfolgung zum Regelbuch
Was das Enforcement zurücklässt, soll Regulierung füllen. Statt Regulierung durch Verfahren, dem zentralen Vorwurf gegen die Gensler-Jahre, setzt Atkins auf geschriebene Regeln. Am 18. August 2026 veröffentlichte die SEC den Entwurf Regulation Crypto Assets (Release 2026-76), seit dem 21. August im Bundesregister, mit einer Kommentarfrist bis zum 20. Oktober, wie die Behörde mitteilte. Vorgesehen sind eine Startup-Ausnahme (bis 5 Millionen Dollar über vier Jahre), eine Finanzierungsausnahme (bis 75 Millionen Dollar je zwölf Monate) und ein Safe Harbor, der einen Token aus dem Wertpapierstatus entlässt, sobald der Emittent seine wesentlichen unternehmerischen Pflichten erfüllt oder eingestellt hat.
Atkins fasste die Philosophie in einem Satz zusammen: Aufgabe einer Behörde sei es, „draw clear lines in clear terms“. Ob der Entwurf die Kommentarphase und eine Kommissionsabstimmung übersteht, ist offen; realistisch wird daraus frühestens 2027 geltendes Recht. Bis dahin bleibt das Enforcement, nicht das Regelbuch, der eigentliche Maßstab, an dem sich die Branche orientieren muss.
Die CFTC rückt auf
Parallel verschiebt sich Gewicht zur Terminmarktaufsicht CFTC. Deren neuer Vorsitzender Michael Selig, zuvor Chefjurist der SEC-eigenen Crypto Task Force, wurde am 22. Dezember 2025 vereidigt. In einer gemeinsamen Auslegung stuften SEC und CFTC im März 2026 sechzehn Token, darunter Bitcoin, Ethereum, Solana, XRP und Chainlink, als digital commodities und damit nicht als Wertpapiere ein, wie The Block dokumentierte. Für die Aufsicht heißt das: Der Spotmarkt dieser Werte fällt eher unter die CFTC.
Für das Enforcement ist entscheidend, dass auch die CFTC ein scharfes Anti-Betrugs-Mandat besitzt. Selbst dort, wo die SEC zurücktritt, verschwindet die Betrugsverfolgung also nicht, sie wechselt nur die Behörde. Sollte der im Kongress feststeckende CLARITY Act scheitern, hat Selig angekündigt, mit bestehenden Befugnissen weiterzuarbeiten. Das Bild einer schrumpfenden Aufsicht täuscht damit doppelt: Die Fälle verlagern sich nicht nur vom Registrierungs- ins Betrugsrecht, sondern teils auch von einer Behörde zur anderen.
Wie dauerhaft ist der Rückzug?
Bleibt die Frage, wie stabil dieser Umbau ist. Ein Urteil vom 29. Juni 2026 hat die Statik verändert: In Trump v. Slaughter kippte der Supreme Court mit sechs zu drei Stimmen den Präzedenzfall Humphrey’s Executor von 1935 und erklärte, der Präsident dürfe die Spitzen unabhängiger Behörden künftig weitgehend nach Belieben abberufen. Das betrifft, wie Decrypt einordnet, unmittelbar auch die Kommissarinnen und Kommissare von SEC und CFTC.
Zugleich schrumpft die Kommission personell. Hester Peirce, Leiterin der Crypto Task Force, verlässt die SEC im November 2026; die Demokratin Caroline Crenshaw war bereits im Januar 2026 ausgeschieden. Danach bleiben mit Paul Atkins und Mark Uyeda nur zwei von fünf Sitzen besetzt. Die institutionelle Absicherung, die den Kurswechsel von 2025 und 2026 dauerhaft erscheinen ließ, ist damit geschwächt: Eine künftige Führung könnte ihn ebenso schnell zurückdrehen.
Crenshaw selbst hatte in ihrem Dissens zum Ripple-Vergleich gewarnt, die Einigung schaffe „a regulatory vacuum with no end in sight“. Wer diese Lücke heute füllt, von einzelstaatlichen Aufsehern über die CFTC bis zu privaten Sammelklagen, ist eine eigene Geschichte. Für Anleger heißt das vor allem: Der aktuelle, milde Kurs ist eine Momentaufnahme, kein Naturgesetz.
Was das für deutsche Anleger bedeutet
Für Anlegerinnen und Anleger im deutschsprachigen Raum ist die wichtigste Erkenntnis zugleich die nüchternste: Die SEC schützt US-Investoren und US-Märkte, nicht europäische Kleinanleger. Wer in Deutschland Krypto hält, unterliegt zuerst der MiCA-Verordnung und der BaFin, die Kryptowerte-Dienstleister zulässt und beaufsichtigt und über die Marktmissbrauchsregeln des Titels VI auch Insiderhandel und Manipulation erfasst.
Drei grenzüberschreitende Realitäten bleiben dennoch. Erstens: Wer als deutscher Nutzer US-Plattformen verwendet oder in US-registrierte Produkte investiert, kann bei Betrug unter US-Recht fallen. Zweitens: Ein deutscher Whistleblower kann, wie beschrieben, eine SEC-Prämie beanspruchen. Drittens: SEC-Einstufungen, etwa die von Chainlink als digital commodity, strahlen über die Marktstimmung weltweit aus, auch auf europäische Kurse. Wer von US-Enforcement betroffen sein könnte, sollte deren Logik kennen, selbst wenn sie ihn nominell nicht schützt.
| Merkmal | USA (SEC / DOJ) | EU / Deutschland (BaFin / MiCA) |
|---|---|---|
| Primäres Ziel | Schutz von US-Anlegern und -Märkten | Schutz des EU-Binnenmarkts |
| Registrierungstheorie | 2025/26 weitgehend aufgegeben | CASP-Zulassungspflicht unter MiCA |
| Betrugsfokus | zentral (CETU, DOJ) | Marktmissbrauch (MiCA Titel VI) |
| Whistleblower-Prämie | 10-30 % der Sanktionen | keine (nur Schutz nach HinSchG) |
| Bindende Stablecoin-Regeln | GENIUS Act (ab 2027) | MiCA (EMT/ART, seit 2024) |
Diese Gegenüberstellung macht klar, warum die stille US-Maschine für Europa relevant bleibt: Sie arbeitet mit Anreizen, die es hier nicht gibt, und mit einer Reichweite, die an Landesgrenzen nicht haltmacht. Wer die stillen Renditen und die harten Regeln des Stablecoin-Marktes verstehen will, findet die europäische Seite dieser Rechnung an anderer Stelle. Die Kernbotschaft für 2026 aber gilt beiderseits des Atlantiks: Enforcement ist nicht leiser geworden, weil weniger passiert, sondern weil die lauten Grundsatzprozesse einer stillen, anreizgetriebenen Betrugsjagd gewichen sind.
Frequently Asked Questions
Hat die SEC 2026 die Krypto-Aufsicht eingestellt?
Nein. Die SEC eröffnet zwar deutlich weniger Registrierungsverfahren und hat große Prozesse gegen Coinbase, Kraken und Binance fallengelassen, verfolgt Betrug aber unvermindert. Das US-Justizministerium verurteilte Do Kwon im Dezember 2025 zu 15 Jahren Haft. Enforcement hat nicht aufgehört, sondern den Fokus von Registrierung auf Täuschung verlagert.
Wie viel zahlt das SEC-Whistleblower-Programm?
Führt ein Hinweis zu Sanktionen von über einer Million Dollar, erhält die hinweisgebende Person zwischen 10 und 30 Prozent des eingezogenen Betrags. Im Geschäftsjahr 2025 zahlte die SEC mehr als 60 Millionen Dollar an 48 Personen aus; Krypto machte sieben Prozent aller Hinweise aus.
Können Personen aus Deutschland eine SEC-Prämie erhalten?
Ja. Das Programm steht Hinweisgebern weltweit offen, sofern der Hinweis zu einer erfolgreichen US-Enforcement führt. Das deutsche Hinweisgeberschutzgesetz und die BaFin-Hinweisgeberstelle bieten dagegen Schutz vor Repressalien, aber keine finanziellen Prämien.
Was ist CETU?
Die Cyber and Emerging Technologies Unit ist die 2025 gegründete Spezialeinheit der SEC mit rund 30 Fachleuten. Sie ersetzt die frühere Crypto Assets and Cyber Unit und konzentriert sich auf Betrug rund um KI, Blockchain, Social Media und Cybersicherheit statt auf Registrierungsfragen.
Schützt die SEC deutsche Krypto-Anleger?
Nur mittelbar. Zuständig für den Schutz von Anlegern im deutschsprachigen Raum sind MiCA und die BaFin, nicht die SEC. US-Recht kann deutsche Nutzer aber erreichen, wenn sie US-Plattformen verwenden oder in US-Produkte investieren und dort Betrug im Spiel ist.
Von Anneke de Vries, Senior-Redakteurin für Regulierung bei HOGE Wire.