Market Maker: Wer das Krypto-Volumen macht, wann es verschwindet
Hinter dem gemeldeten Handelsvolumen stehen wenige Market Maker, angetrieben von Maker-Taker-Gebühren. Am 10. Oktober 2025 zogen sie gleichzeitig ihre Quotes, und die Liquidität verschwand.
„Das Handelsvolumen an den Kryptobörsen“ klingt nach einer objektiven Zahl, die man nur ablesen muss. Im zweiten Quartal 2026 meldete CoinGecko rund 1,95 Bio. USD Spot-Volumen an den zentralen Börsen und mehr als 12,7 Bio. USD bei den Derivaten. Hinter jeder dieser Zahlen steckt aber eine schlichte Tatsache, die in den Quartalsberichten selten auftaucht: Jeder einzelne Trade brauchte eine Gegenpartei, die bereit war, im richtigen Moment einen Auftrag ins Buch zu legen. Diese Gegenpartei ist fast nie eine Anlegerin in Wien oder ein Fonds in Frankfurt, sondern der Algorithmus einer Handvoll spezialisierter Handelsfirmen. Am Freitag, den 10. Oktober 2025, taten diese Firmen etwas, das die gesamte Mechanik schlagartig offenlegte: Binnen Sekunden hörten sie fast gleichzeitig auf, Preise zu stellen.
Das Volumen entsteht nicht von selbst
Volumen wird gern als Fieberkurve des Interesses gelesen: Steigt es, wollen viele kaufen; fällt es, ziehen sich die Leute zurück. In einem funktionierenden Orderbuch stimmt dieses Bild nur zur Hälfte. Der weitaus größte Teil der offenen Kauf- und Verkaufsaufträge an einem liquiden Paar wie BTC/USDT stammt nicht von Endkundinnen, sondern von professionellen Market Makern, die rund um die Uhr beide Seiten des Buches bestücken. Wer an einer Börse „zum Marktpreis“ kauft, handelt mit überwältigender Wahrscheinlichkeit gegen einen solchen Market Maker, nicht gegen einen anderen Privatanleger. Die gemeldete Volumenzahl misst deshalb weniger, wie viele Menschen Krypto wollen, als vielmehr, wie beschäftigt diese Firmen waren. Das ist keine Spitzfindigkeit: Auf dieselben Zahlen stützen Analysten ihre Kursziele, Indexanbieter ihre Referenzpreise und Aufsichtsbehörden ihre Marktbeobachtung. Ein Bitcoin kostete Anfang der Woche rund 55.300 Euro (etwa 64.000 US-Dollar bei einem Wechselkurs von rund 1,155), doch dieser Preis ist nur so verlässlich wie die Bereitschaft der Market Maker, ihn zu stellen. Fällt diese Bereitschaft weg, bleibt von der eindrucksvollen Volumenzahl nur die Erinnerung an vergangenen Umsatz.
Was ein Market Maker eigentlich tut
Ein Market Maker verdient nicht daran, dass der Kurs steigt oder fällt, sondern an der Spanne zwischen An- und Verkaufskurs, dem Spread. Er stellt gleichzeitig ein Gebot (bid) und einen Brief (ask), etwa Bitcoin zu 55.290 Euro kaufen und zu 55.310 Euro verkaufen, und kassiert die Differenz, sooft beide Seiten getroffen werden. Dieser Spread ist der Preis der Sofortigkeit: die Prämie dafür, dass jemand jederzeit bereitsteht, Ihnen die Gegenseite abzunehmen. Damit das aufgeht, muss der Market Maker zwei Risiken beherrschen. Erstens das Bestandsrisiko: Läuft der Markt in eine Richtung, sammelt er unfreiwillig eine Position an, die gegen ihn läuft. Zweitens die Gefahr, systematisch von besser informierten Händlern „abgefischt“ zu werden, weshalb Firmen Millionen in Geschwindigkeit, Co-Location an den Börsenservern und niedrige Latenz stecken. Das Richtungsrisiko schalten sie über Absicherung aus. Die meisten großen Häuser arbeiten delta-neutral, halten also gegen jede Kassaposition eine gegenläufige Position in Futures oder Perpetual-Swaps, sodass die Nettoausrichtung nahe null bleibt. Genau hier verzahnt sich das Market Making mit dem Terminmarkt: Ob sich diese Absicherung lohnt, hängt an der Differenz zwischen Termin- und Kassakurs, der sogenannten Basis, über die wir an anderer Stelle ausführlich geschrieben haben. Solange der Market Maker sauber absichern kann, ist ihm die Marktrichtung gleichgültig. Kann er es nicht mehr, wird aus dem harmlosen Liquiditätsgeber ein Getriebener, der zuerst seine eigenen Verluste begrenzen muss.
Die großen Namen: Wintermute, Cumberland, GSR und der Rest
Der Markt für Krypto-Liquidität ist erstaunlich konzentriert. Eine einzelne Firma, das Londoner Wintermute, wickelt nach eigenen Angaben rund 15 Mrd. USD Handelsvolumen pro Tag ab, über 65 Handelsplätze hinweg und mit mehr als 150 Token-Beziehungen, von Binance über Kraken bis zu dezentralen Börsen wie Uniswap. Wie zentral solche Firmen sind, zeigte eine Randnotiz aus den Börsenunterlagen des US-Brokers Robinhood: Wintermute stand dort zeitweise für rund 11 Prozent des transaktionsbasierten Umsatzes. Daneben stehen Cumberland, die Krypto-Tochter der Chicagoer Traditionsfirma DRW, die institutionellen OTC-Handel in Spot, Optionen, Futures und Forwards anbietet und unter anderem mit dem Stablecoin-Emittenten Circle zusammenarbeitet; GSR Markets, seit über zehn Jahren aktiv und in den USA, Großbritannien und Singapur lizenziert; sowie Jump Crypto, das sich 2023 nach dem regulatorischen Gegenwind in den Vereinigten Staaten weitgehend aus dem dortigen Market Making zurückzog. Hinzu kommen tokenfokussierte Anbieter wie DWF Labs (nach eigenen Angaben mehr als 1.000 Projekte, über 60 Börsen) und Kronos Research (rund 5 Mrd. USD Liquidität über mehr als 30 zentrale und dezentrale Börsen) sowie OTC-Häuser wie B2C2 und Amber Group. Diese Konzentration ist der Kern der Geschichte: Wenn ein Großteil aller Trades gegen eine kleine Gruppe von Firmen läuft, dann hängt die Belastbarkeit des gesamten Marktes an deren Risikoappetit, nicht an der Zahl der Anlegerinnen dahinter.
| Market Maker | Typ | Reichweite | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Wintermute | Algorithmisch, CEX und DEX | rund 15 Mrd. USD/Tag, 65 Handelsplätze | 150+ Token-Beziehungen; laut Robinhood-Unterlagen zeitweise rund 11 % des transaktionsbasierten Umsatzes |
| Cumberland (DRW) | OTC und Börse | Spot, Optionen, Futures, Forwards | TradFi-Wurzeln in Chicago; Partner u. a. Circle |
| GSR Markets | Algorithmisch und OTC | 300+ Krypto-Firmen, 10+ Jahre | lizenziert in USA, UK, Singapur |
| Jump Crypto | Algorithmisch | große Token-Starts | Rückzug aus dem US-Market-Making 2023 |
| DWF Labs | Tokenfokussiert | 1.000+ Projekte, 60+ Börsen | im Zentrum der Loan-Option-Debatte |
| Kronos Research | Algorithmisch | rund 5 Mrd. USD Liquidität, 30+ CEX/DEX | aktiv auf zentralen und dezentralen Märkten |
Maker gegen Taker: Wie Gebühren das Volumen formen
Warum stellen diese Firmen überhaupt so viel Volumen? Ein wesentlicher Teil der Antwort liegt in der Gebührenstruktur, die praktisch jede Börse verwendet: dem Maker-Taker-Modell. Wer einen Auftrag ins Buch legt, der nicht sofort ausgeführt wird, sondern dort liegen bleibt und Liquidität bereitstellt, gilt als „Maker“ und zahlt weniger. Wer per Market Order sofort zugreift und Liquidität entnimmt, ist der „Taker“ und zahlt mehr. Auf jeder der elf großen Terminbörsen, die der Dienst Trade-Reclaim vergleicht, liegt die Maker-Gebühr unter der Taker-Gebühr, oft um das Zwei- bis Vierfache. Auf den höchsten Handelsstufen kippt sogar das Vorzeichen: Bybits Market-Maker-Programm zahlt Rabatte von bis zu -0,015 Prozent, die Börse schreibt dem Maker also Geld gut, wenn seine Order ausgeführt wird. Bei Binance sinkt die Spot-Gebühr auf der Stufe VIP 9 auf 0,011 Prozent (Maker) und 0,023 Prozent (Taker), während Privatkundinnen im Einstieg 0,10 Prozent auf beiden Seiten zahlen. Das ist kein Zufall, sondern gewollte Anreizarchitektur: Börsen subventionieren jene, die Liquidität liefern, weil tiefe Bücher neue Kundschaft anziehen und das gemeldete Volumen die Ranglisten befeuert. Für Privatanleger heißt das umgekehrt: Sie zahlen fast immer die teurere Taker-Seite plus den Spread, den der Market Maker einstreicht. Ein Teil dessen, was in den Statistiken als reges Marktinteresse erscheint, ist schlicht ein subventionierter Kreislauf zwischen Börse und Liquiditätsgebern.
| Börse | Maker/Taker Einstieg (Spot) | Maker/Taker Spitzenstufe |
|---|---|---|
| Binance | 0,10 % / 0,10 % | 0,011 % / 0,023 % (VIP 9) |
| OKX | 0,08 % / 0,10 % | darunter mit OKB-Rabatt |
| Kraken Pro | 0,25 % / 0,40 % | 0,00 % / 0,05 % |
| Coinbase Advanced | 0,40 % / 0,60 % | nach Volumen gestaffelt |
| Bybit (Market-Maker-Programm) | entfällt | bis -0,015 % Maker-Gutschrift |
Wenn die Gebühr das Volumen erfindet: Wash Trading
Sobald Volumen belohnt wird, sei es durch Rabatte, durch bessere Platzierung in Ranglisten oder durch die Aufmerksamkeit, die eine hohe Zahl erzeugt, entsteht ein Anreiz, es zu fälschen. Die klassische Technik heißt Wash Trading: Dieselbe Partei kauft und verkauft an sich selbst, sodass Umsatz entsteht, ohne dass sich am Bestand etwas ändert. Das Ergebnis ist ein aufgeblähtes Volumen, das echte Nachfrage vortäuscht. Ein einfaches Warnsignal ist ein Token, dessen gemeldetes 24-Stunden-Volumen größer ist als seine gesamte Marktkapitalisierung: Dann wechselt der komplette Bestand rechnerisch mehrmals am Tag den Besitzer, was bei seriösen Werten kaum vorkommt. Wie groß das Problem sein kann, zeigte bereits 2019 eine vielzitierte Analyse des Vermögensverwalters Bitwise, die der US-Börsenaufsicht vorgelegt wurde: Rund 95 Prozent des damals gemeldeten Bitcoin-Spot-Volumens waren demnach unecht. CoinGecko führte daraufhin seinen Trust Score ein und überarbeitete ihn im Mai 2026 unter dem Namen Basilisk grundlegend: Die alte Gewichtung nach Web-Traffic flog hinaus, dafür rückten das reale Volumen, die Orderbuchtiefe und ein eigener Regulierungs-Score in den Vordergrund. Die unbequeme Pointe: Dieselben Gebührenrabatte, die echte Market Maker bezahlen, machen auch das Fälschen von Volumen billig. Wer für gefüllte Bücher belohnt wird, hat einen Anreiz, sie notfalls selbst zu füllen.
Der Fall CLS Global: Als das FBI einen Market Maker stellte
Dass „Market Making“ und „Scheinvolumen“ dieselbe Tätigkeit sein können, führte 2025 ein Gerichtsverfahren in Boston vor. Das US-Justizministerium hatte einen eigenen Ethereum-Token namens NexFundAI geschaffen, eine Falle, um manipulative Dienstleister zu überführen. Die in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässige Firma CLS Global bot an, für diesen Token Market-Making-Dienste zu erbringen, und setzte dafür laut Anklage einen Algorithmus ein, der über mehrere Wallets an sich selbst handelte, um an der dezentralen Börse Uniswap echte Marktaktivität vorzutäuschen. Mehr als 80.000 solcher Wash Trades kamen zusammen. CLS Global bekannte sich im Jänner 2025 schuldig und wurde am 2. April 2025 verurteilt: 428.059 US-Dollar Strafe (Geldbuße plus eingezogene Kryptowerte), drei Jahre Bewährung und ein Verbot, an für US-Anleger zugänglichen Kryptomärkten teilzunehmen. Der Fall ist deshalb so lehrreich, weil er keine anonyme Betrügerbande zeigt, sondern eine reguläre Handelsfirma, deren Kerngeschäft, das Stellen von Liquidität, nahtlos in Manipulation überging. Die Grenze zwischen dem, was einen Markt tief macht, und dem, was ihn fälscht, verläuft mitten durch dieselbe Werkzeugkiste.
Die andere Seite des Deals: Verträge mit Token-Projekten
Neben dem Market Making an den großen Börsen gibt es ein zweites, weniger sichtbares Geschäft: Verträge direkt mit Token-Projekten, die für ihren frisch gestarteten Coin einen liquiden Handel wünschen. Dafür haben sich zwei Modelle herausgebildet. Beim Retainer-Modell zahlt das Projekt eine feste monatliche Gebühr für klar definierte Leistungen, etwa eine Mindesttiefe im Orderbuch und einen maximalen Spread. Beim umstritteneren „Loan-Option-Modell“ leiht das Projekt dem Market Maker seine eigenen Token für ein bis zwei Jahre und räumt ihm als Vergütung Kaufoptionen (Call-Optionen) ein. Das kann sinnvoll sein, birgt aber einen Fehlanreiz: Der Market Maker kann die geliehenen Token sofort verkaufen, den Kurs damit unter Druck setzen und die Position später billiger zurückkaufen, um sie am Vertragsende zurückzugeben. Fällt der Kurs, verliert das Projekt, während der Market Maker über seine Optionen und die günstige Rückgabe verdient. Die Forschungsabteilung des Market Makers Presto beschreibt die Debatte treffend mit der Frage, ob Market Making „räuberisch oder unverzichtbar“ sei. Für Anlegerinnen ist die Lehre unbequem: Ein Großteil des Volumens rund um kleine Token spiegelt nicht Nachfrage, sondern einen Vertrag; und wenn dieser Vertrag ausläuft, verschwinden Tiefe und Umsatz oft ebenso plötzlich, wie sie erschienen sind.
Der 10. Oktober 2025: Als das Volumen verschwand
All das blieb Theorie, bis der Markt sie an einem einzigen Nachmittag durchspielte. Auslöser war die Ankündigung von US-Präsident Trump, Zölle von 100 Prozent auf chinesische Waren zu verhängen. Innerhalb von 24 Stunden wurden nach Daten von CoinGlass Positionen im Wert von 19,134 Mrd. USD zwangsliquidiert, davon 16,679 Mrd. USD auf der Long-Seite; rund 1,6 Millionen Konten wurden ausgelöscht. Bitcoin fiel laut CoinGecko von rund 122.574 auf 104.782 US-Dollar, ein Minus von 14,5 Prozent in Stunden, und in der Spitze wurden etwa 350 Mrd. USD an Marktkapitalisierung vernichtet. Selbst der synthetische Dollar USDe rutschte auf Binance kurzzeitig auf etwa 0,65 USD ab. Entscheidend war aber nicht der Kursrutsch, sondern was mit den Orderbüchern geschah: Sie wirkten wie leergefegt. Verkaufsaufträge liefen glatt durch die Gebote hindurch, weil auf der Kaufseite kaum noch Tiefe stand. Analysten stellten fest, dass sich die Spreads schon Sekunden vor dem eigentlichen Absturz ausweiteten, als hätten mehrere algorithmische Systeme die Gefahr gleichzeitig erkannt und ihre Quotes fast im selben 30-Sekunden-Fenster zurückgezogen. Die dezentrale Börse Hyperliquid löste zum ersten Mal seit zwei Jahren ihre automatische Cross-Margin-Entschuldung aus; Bybit schloss rund 50.000 Short-Positionen im Wert von etwa 1,1 Mrd. USD. Jasper De Maere, Desk-Stratege bei Wintermute, fasste es gegenüber Decrypt so zusammen: „Die Gewalt und das Tempo, mit dem diese gesamte Liquidationskaskade ablief, machten es sehr schwer, in genau diesem Fenster weiter Preise zu stellen.“ Marcus Horsley, Technikchef der Handelsfirma LO:TECH, ergänzte: „Unsere Systeme funktionierten wie vorgesehen: Die Schutzschalter der Risiko-Engine griffen und zogen unsere Quotes.“
Freiwillige Liquiditätslücke: Warum die Rechner die Quotes zogen
Der Analysedienst Kaiko prägte für das Geschehene einen treffenden Begriff: eine „freiwillige Liquiditätslücke“. Es war kein technischer Ausfall, keine überlastete Matching-Engine, sondern ein kollektives Straffen der Risikoregeln. Um zu verstehen, warum, muss man zur Delta-Neutralität aus dem zweiten Abschnitt zurückkehren. Market Maker sichern ihre Kassabestände über Short-Positionen in Perpetuals ab. In den heftigen Ausschlägen des 10. Oktober wurden aber genau diese Absicherungen selbst zwangsliquidiert. Wer seine Gegenposition verliert, steht plötzlich ungewollt gerichtet im Markt, und ein regelbasiertes System schaltet dann ab, statt das Risiko zu vergrößern. De Maere beschrieb den Mechanismus offen: Wenn man ein Perp zu Absicherungszwecken shorte und dann bei diesen sehr volatilen Ausschlägen ebenfalls liquidiert werde, dann werde es schwierig. Wintermute-Chef Evgeny Gaevoy wies gegenüber der Presse den Verdacht zurück, die Market Maker hätten den Absturz absichtlich verschärft, und brachte die Lage auf eine Formel: „Oft ist es nicht Unwilligkeit, sondern schlicht Unvermögen.“ Weil alle Firmen nach ähnlicher Logik absichern, ziehen sie ihre Quotes auch fast gleichzeitig zurück, was den Sturz zusätzlich beschleunigt. Die zentrale Einsicht: Das Volumen war nie ein Versprechen. Es ist an die Fähigkeit des Market Makers gebunden, sich abzusichern, und diese Fähigkeit kann in genau dem Moment verschwinden, in dem sie am dringendsten gebraucht wird.
Was danach übrig blieb: Dünne Bücher bis ins neue Jahr
Die unmittelbare Orderbuchtiefe kehrte laut Kaiko schon binnen Stunden zurück. Doch unter der Oberfläche blieb der Markt dünn. Eine Analyse von CoinDesk von Mitte November 2025 hielt fest, dass die Orderbuchtiefe an den großen zentralen Börsen strukturell niedriger blieb: Kräftige Abflüsse aus den Spot-ETFs, sich verschiebende Zinserwartungen und wenig Richtungsüberzeugung drückten den Appetit der Market Maker. Wer die Zinsseite dieser Gleichung verstehen will, findet die Details in unserer Analyse zur September-Wette auf die Fed; die Abflüsse aus den Krypto-Fonds wiederum stehen im Kontrast zu den beständigen Käufen der Notenbanken, die wir im Stück über Gold und Bitcoin nachgezeichnet haben. In Zahlen: Kaiko zufolge fiel die aggregierte 2-Prozent-Markttiefe von Bitcoin um rund 30 Prozent gegenüber ihrem Höchststand 2025; auf Binance sackte die 1-Prozent-Tiefe der BTC-Paare von über 600 Mio. auf unter 400 Mio. US-Dollar. Anfang Jänner 2026 berichtete CoinDesk unter Berufung auf die Börse BitMEX, dass viele Market Maker nach dem Crash „auf ihren Coins sitzen blieben“: Weil ihre Neutralität gebrochen war, zogen sie im vierten Quartal weltweit Liquidität ab; die Bücher waren so dünn wie seit 2022 nicht mehr. Ein Markt mit weniger Tiefe reagiert auf jede Nachricht heftiger, was die nächste Kaskade wahrscheinlicher macht.
| Kennzahl | Vor dem 10. Oktober 2025 | Danach / Ende 2025 |
|---|---|---|
| BTC 1-%-Tiefe (Binance) | über 600 Mio. USD | unter 400 Mio. USD |
| BTC aggregierte 2-%-Tiefe | Höchststand 2025 | rund 30 % niedriger |
| Zwangsliquidationen (24h, 10. Okt.) | entfällt | 19,134 Mrd. USD (davon 16,679 Mrd. Longs) |
| Orderbuch im Einbruch | zweiseitige Quotes | zeitweise leer über Minuten |
| Market-Maker-Verhalten | fortlaufende Quotes | synchroner Rückzug binnen 30 Sekunden |
Volumen ist nicht Liquidität
Der 10. Oktober ist das sauberste Lehrstück für eine Unterscheidung, die im Alltag gern verwischt: Volumen und Liquidität sind nicht dasselbe. Volumen ist eine Rückschau, es zählt, wie viel in einem Zeitraum bereits gehandelt wurde, und ist zu einem großen Teil schlichter Durchsatz der Market Maker. Liquidität ist eine Momentaufnahme, sie misst, wie viel Sie jetzt kaufen oder verkaufen können, ohne den Preis zu bewegen, also die Tiefe, die ein Market Maker gerade zu zeigen bereit ist. Ein Paar kann beides zugleich sein: umsatzstark und zugleich seicht. Die Differenz spüren Anleger als Slippage, die Abweichung zwischen dem erwarteten und dem tatsächlichen Ausführungskurs einer großen Order. Wer an einem ruhigen Tag zehntausend Euro Bitcoin kauft, merkt kaum etwas; wer dieselbe Order in einen Sturz wie den vom Oktober wirft, kann mehrere Prozent verlieren, obwohl das gemeldete Tagesvolumen einen Rekord zeigt. Genau deshalb ist die 24-Stunden-Volumenzahl, die jede Kurs-App prominent anzeigt, für eine große Order der falsche Wegweiser; es zählt die Tiefe, nicht der Umsatz. Volumen taugt bestenfalls als grober Aktivitätsindikator, nicht als Garantie, dass ein Ausgang offensteht. Es geht ihm wie manch anderem beliebten Barometer: Der Dollar-Index etwa wird oft als Krypto-Kompass gehandelt, führt aber, wie wir gezeigt haben, ebenso häufig in die Irre.
MiCA, ESMA und die FMA: Wer die Market Maker überwacht
Für den europäischen und damit auch den österreichischen Markt hat sich der Rahmen 2026 spürbar verengt. Mit dem Auslaufen der MiCA-Übergangsfrist am 1. Juli 2026 dürfen Krypto-Dienstleister ihre Leistungen in der EU nur noch mit einer regulären Zulassung anbieten. Zuständige Behörde in Österreich ist die Finanzmarktaufsicht (FMA); der heimische Anbieter Bitpanda gehörte zu den ersten Häusern mit einer FMA-Lizenz als Krypto-Asset-Dienstleister. Für Market Maker entscheidend ist Titel VI der MiCA-Verordnung (Artikel 86 bis 92), der Insiderhandel, unrechtmäßige Offenlegung und Marktmanipulation verbietet, und zwar ausdrücklich auf wie außerhalb der Handelsplattform. Wash Trading fällt eindeutig darunter. Die ergänzenden ESMA-Leitlinien zum Marktmissbrauch, deren letzter Teil ab 28. Juli 2026 gilt, verlangen von den nationalen Aufsehern, On-Chain- und Off-Chain-Daten abzugleichen und große Plattformen besonders genau zu prüfen. Eine wichtige Abgrenzung bleibt: Die Perpetuals und Futures, mit denen Market Maker absichern, sind keine Krypto-Assets im Sinne der MiCA, sondern Finanzinstrumente unter der MiFID II, mit eigenen ESMA-Hebelgrenzen für Privatkunden. Für die Steuer heißt das nebenbei: Gewinne unterliegen in Österreich dem besonderen Steuersatz von 27,5 Prozent, und heimische Plattformen behalten die Kapitalertragsteuer seit 1. Jänner 2024 automatisch ein. Die Aufsicht rückt damit näher an jene Firmen heran, die das Volumen tatsächlich erzeugen, auch wenn deren Absicherungsgeschäfte in einem anderen Regelwerk sitzen als der Spot-Handel, den sie stützen.
Was das für Anlegerinnen und Anleger heißt
Wer die Rolle der Market Maker verstanden hat, liest Börsendaten anders. Ein paar praktische Konsequenzen:
- Lesen Sie Tiefe statt Volumen: Bevor Sie eine größere Order platzieren, prüfen Sie das Orderbuch, nicht die 24-Stunden-Zahl.
- Misstrauen Sie Kleinstwerten mit riesigem Volumen: Ein 24-Stunden-Umsatz über der Marktkapitalisierung ist ein Warnsignal, kein Gütesiegel.
- Seien Sie in ruhigen Phasen selbst der Maker: Limit-Orders sparen Gebühren und Spread; Market-Orders in Stressphasen zahlen beides doppelt.
- Rechnen Sie in Stressphasen mit dem Rückzug: Wenn es kracht, weiten sich die Spreads und die Tiefe verschwindet.
- Verteilen Sie über mehrere Handelsplätze: Die Liquidität eines einzelnen Buches kann trügerisch sein.
Am Ende steht eine nüchterne Einsicht, die weit über den Kryptomarkt hinausreicht und ebenso für die Bewertungslogik der neuen Krypto-Treasuries gilt: Volumen ist ein Nebenprodukt der Tätigkeit weniger professioneller Firmen. Solange sie ruhig ihre Arbeit tun, wirkt der Markt tief und robust. Ziehen sie sich zurück, bleibt von der eindrucksvollen Zahl wenig übrig als eine Erinnerung an den Umsatz von gestern. Für Anlegerinnen und Anleger ist die wichtigste Frage vor jedem Trade deshalb nicht „Wie hoch ist das Volumen?“, sondern „Wer steht auf der Gegenseite, und wird er auch dann noch da sein, wenn es unruhig wird?“
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist ein Market Maker im Kryptohandel?
Ein Market Maker ist eine spezialisierte Handelsfirma, die an einer Börse gleichzeitig Kauf- und Verkaufsaufträge stellt und so laufend Liquidität bereitstellt. Sie verdient an der Spanne zwischen An- und Verkaufskurs (dem Spread) und sichert ihre Position meist über Futures oder Perpetuals ab, um marktneutral zu bleiben.
Warum ist Handelsvolumen nicht dasselbe wie Liquidität?
Volumen misst, wie viel in einem Zeitraum bereits gehandelt wurde; Liquidität misst, wie viel Sie jetzt kaufen oder verkaufen können, ohne den Preis stark zu bewegen. Am 10. Oktober 2025 war das Volumen rekordhoch, während die Liquidität nahezu verschwand, weil die Market Maker ihre Quotes zurückzogen.
Wer sind die größten Krypto-Market-Maker 2026?
Zu den größten zählen Wintermute (rund 15 Mrd. USD Tagesvolumen über 65 Handelsplätze), Cumberland als Tochter der Chicagoer Firma DRW, GSR Markets, Jump Crypto sowie tokenfokussierte Anbieter wie DWF Labs und Kronos Research. Eine kleine Zahl von Firmen sitzt damit auf der Gegenseite eines Großteils aller Trades.
Was ist Wash Trading und wie erkenne ich es?
Beim Wash Trading kauft und verkauft dieselbe Partei an sich selbst, um künstlich Volumen vorzutäuschen. Ein klassisches Warnsignal ist ein 24-Stunden-Volumen, das größer ist als die gesamte Marktkapitalisierung eines Tokens. Der Fall CLS Global zeigte 2025, dass auch beauftragte Market Maker solche Scheingeschäfte ausführen können.
Reguliert die FMA Market Maker in Österreich?
Die FMA ist in Österreich die zuständige Behörde für Krypto-Dienstleister unter MiCA. Marktmanipulation und Wash Trading fallen unter Titel VI der MiCA-Verordnung und die ergänzenden ESMA-Leitlinien, deren letzter Teil ab 28. Juli 2026 gilt; sie greifen auf wie außerhalb der Handelsplattform. Derivate wie Perpetuals, mit denen Market Maker absichern, unterliegen dagegen der MiFID II.
Liam Brennan berichtet für HOGE Wire über Marktstruktur, Handelsvolumen und die Mechanik der Kryptobörsen.