Rebound ohne Carry: was die Futures-Basis zurückbringt
Bitcoin steht auf einem Neunmonatshoch, doch die Futures-Basis bleibt flach und unter dem risikofreien Zins. Warum der Carry erst mit dem Hebel zurückkehrt, nicht mit dem Preis.
Es ist die Sorte Widerspruch, die erfahrene Händlerinnen und Händler nervös macht. Bitcoin hat im September ein Neunmonatshoch markiert, notiert nahe 73.500 Euro (rund 86.000 US-Dollar) und liegt damit nur noch gut 30 Prozent unter dem Allzeithoch von 126.080 US-Dollar (etwa 107.662 Euro) vom 6. Oktober 2025, wie die Kursreihen von CoinGecko zeigen. Der Preis läuft also wieder. Und trotzdem bleibt eine Kennzahl auffällig flach, die in jedem Aufschwung der vergangenen Jahre mitgezogen ist: die Futures-Basis.
Die annualisierte Basis am dreimonatigen CME-Kontrakt liegt bei rund drei Prozent, das vordere Monatslisting bei etwa fünf; beide sitzen unter der Rendite kurzlaufender US-Staatsanleihen von knapp vier Prozent. Übersetzt bedeutet das: Der klassische Cash-and-Carry-Trade, jahrelang die verlässlichste Renditequelle der Kryptomärkte, wirft weniger ab als ein risikoloses T-Bill. Ein Rebound ohne Carry.
Für Anlegerinnen und Anleger in Österreich ist das mehr als eine Kuriosität. Es ist die zentrale Frage dieses Herbstes: Wenn der Preis wieder steigt, warum kommt die Rendite nicht zurück? Und, noch wichtiger, was genau müsste passieren, damit sie es tut? Dieser Beitrag zerlegt die Basis in ihre Treiber und beschreibt die Bedingungen, unter denen der Carry zurückkehrt. Die kurze Antwort vorweg: Nicht der Preis bringt ihn zurück, sondern der Hebel.
Der Widerspruch im September: Preis rauf, Basis flach
Der September lieferte den Stoff für die Frage. Nachdem die Federal Reserve am 16. September ihren Leitzins auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben hatte, den ersten Zinsschritt nach oben seit 2023, drehten die Zuflüsse in die US-Spot-ETFs wieder ins Plus; in der Woche rund um den 21. September flossen netto etwa eine Milliarde US-Dollar zu. Bitcoin sprang auf ein Neunmonatshoch. Nach dem Muster der letzten Jahre hätte die Futures-Basis mitziehen müssen. Sie tat es nicht.
Ein Blick auf die Zahlen erklärt, warum Vorsicht angebracht ist. Anfang August druckte der vordere CME-Kontrakt kurz eine annualisierte Basis von 7,89 Prozent, dahinter 6,25 und 5,69 Prozent für die späteren Fälligkeiten, gegenüber 4,19 Prozent bei der zweijährigen US-Staatsanleihe, wie CryptoSlate dokumentierte. Doch diese vordere Zahl war zu einem guten Teil ein Annualisierungsartefakt eines kurz laufenden Aufschlags; die geglättete Dreimonatsbasis lag bei rund drei Prozent und damit bereits unter dem T-Bill. Analyst Marc Baumann hielt fest, dass die Basis vor dem Sommer 157 Handelstage in Folge unter der Staatsanleihen-Benchmark rangierte. Am Neunmonatshoch im September steht die Dreimonatsbasis weiterhin bei etwa drei Prozent.
Warum das zählt, liegt in der Entkopplung. Im Februar 2024 (nach dem ETF-Start, rund 25 Prozent) und im November 2024 (nach der US-Wahl, über 20 Prozent) stiegen Preis und Basis gemeinsam. Im September 2026 laufen sie auseinander. Genau diese Entkopplung ist die eigentliche Nachricht, denn sie verrät, welche Art von Käufen den Kurs treibt.
Was die Basis wirklich misst: Hebelnachfrage, nicht Preisrichtung
Die Basis ist schnell definiert: Sie ist der Terminkurs minus dem Kassakurs. Annualisiert rechnet man den relativen Aufschlag auf ein Jahr hoch, also (Terminkurs minus Kassakurs) geteilt durch den Kassakurs, multipliziert mit 365 geteilt durch die Tage bis zur Fälligkeit. Liegt der Terminkurs über dem Kassakurs, herrscht Contango, das klassische Zeichen für Optimismus und gehebelte Nachfrage. Liegt er darunter, spricht man von Backwardation, ein Signal für Stress und Entschuldung.
Der Cash-and-Carry-Trade nutzt diese Lücke: Man kauft Bitcoin am Kassamarkt (heute oft über einen Spot-ETF) und verkauft gleichzeitig einen Terminkontrakt mit gleichem Nominalwert. Bis zur Fälligkeit konvergieren Termin- und Kassakurs, die Basis wird als Ertrag vereinnahmt, und die Position ist gegen Kursbewegungen weitgehend neutral, daher das Etikett quasi risikolos. Perpetuals haben kein Verfallsdatum; bei ihnen übernimmt die Funding-Rate die Rolle der Basis, eine periodische Zahlung zwischen Long und Short (bei BTC auf Deribit gedeckelt bei plus/minus 0,5 Prozent je acht Stunden).
Ein kurzes Zahlenbeispiel macht es greifbar. Notiert Bitcoin bei 73.500 Euro am Kassamarkt und der Dreimonatskontrakt bei 74.050 Euro, beträgt der Aufschlag 550 Euro oder 0,75 Prozent auf drei Monate, hochgerechnet rund drei Prozent im Jahr. Das ist der ganze Bruttoertrag des Trades, bevor Gebühren, Kapitalbindung und Steuer abgezogen sind. Und hier liegt der Denkfehler, der den September-Widerspruch auflöst: Die Basis ist kein Preisbarometer, sie ist der Preis des Hebels. Sie misst, wie viel Händler zu zahlen bereit sind, um gehebelt oder synthetisch long zu sein.
Drängen viele gehebelte Long-Positionen in den Markt, handeln Futures teuer zum Kassakurs, und die Basis weitet sich. Zahlt niemand für den Hebel, bleibt sie flach, egal wie hoch der Kassakurs steht. Ein Preisanstieg, der aus ungehebelten Käufen stammt, hebt Kassa- und Terminkurs gemeinsam und lässt den Aufschlag unberührt. Diese eine Einsicht trägt den ganzen Beitrag.
Warum ein Kursanstieg aus Spot-Käufen den Carry nicht weckt
Der Aufschwung im September trägt die Handschrift des Kassamarkts. Die treibende Kraft waren die Zuflüsse in die Spot-ETFs, nicht ein Ansturm gehebelter Terminkäufer. Wenn ein Vehikel wie ein ETF echtes Bitcoin am Kassamarkt kauft, um seine Anteile zu decken, hebt das den Kassakurs; die Arbitrage über Market Maker zieht den Terminkurs im Gleichschritt mit. Der Abstand zwischen beiden, also die Basis, bleibt dabei nahezu unverändert. Genau das beobachten die Märkte gerade.
Der Kontrast zu den hebelgetriebenen Phasen ist scharf. 2024 und im November nach der US-Wahl stieg der Preis, weil Trader mit geliehenem Geld und synthetischen Long-Positionen nachjagten; die Basis schoss auf 20 bis 25 Prozent. Michael Marshall, Head of Research bei Amberdata, beschrieb die anschließende Abkühlung Ende 2025 gegenüber CoinDesk als „mechanical basis trade unwind, not broad investor fear“: Die Abflüsse seien auf wenige Emittenten konzentriert und mechanisch, kein breiter Anlegerschock; den Markt danach nannte er sauberer und weniger gehebelt.
Ein sauberer, weniger gehebelter Markt ist aber genau ein Markt mit flacher Basis. Wer sich über die Positionierung der Fonds und die Verschiebung von Kassa- und Terminnachfrage einen Überblick verschaffen will, findet in unserer Analyse zur Derivate-Positionierung im September die Detailrechnung. Die Kernaussage bleibt: Ein Rebound aus Spot-Käufen ist ein Rebound ohne Carry.
Die drei Hebel, die den Carry zurückbringen
Wenn nicht der Preis, was dann? Die annualisierte Basis lässt sich in drei Treiber zerlegen, und jeder von ihnen ist ein Hebel, der die Kurve wieder steiler stellen kann. Der erste ist die Rückkehr gehebelter, direktionaler Nachfrage. Der zweite ist ein fallender risikofreier Zins, der den rechnerischen Deckel senkt. Der dritte ist ein Ungleichgewicht auf der Kassa-Seite, wenn die Nachfrage nach echtem Bitcoin das Angebot an Terminverkäufern übersteigt. Die folgende Übersicht zeigt, wo jeder Hebel Ende September 2026 steht und was ihn kippen würde.
| Hebel | Zustand (September 2026) | Was ihn umkehren würde | Wirkung auf die Basis |
|---|---|---|---|
| Gehebelte Long-Nachfrage | Schwach; Rebound ist spot- und ETF-getrieben | Rückkehr spekulativer Trader, steigende Funding-Rates, wachsendes Open Interest | Direkt und stark ausweitend |
| Risikofreier Zins | Hoch; Fed bei 3,75 bis 4,00 Prozent | Kurswechsel der Fed zu Zinssenkungen | Senkt den Deckel, vergrößert den möglichen Überschuss |
| Cash-Seite (Angebot und Nachfrage) | Kassa-Nachfrage (ETFs, Banken) dominiert | Mehr Terminverkäufer als Spot-Käufer | Indirekt; entscheidet über die Marge des Trades |
Die Reihenfolge ist kein Zufall. Der erste Hebel ist der mit Abstand wichtigste, weil er die Basis unmittelbar bewegt; die beiden anderen bestimmen, wie viel vom Bruttoaufschlag am Ende netto übrig bleibt. Gehen wir sie einzeln durch.
Hebel 1: Kehrt die spekulative Nachfrage zurück?
Der erste und wichtigste Hebel ist die gehebelte, direktionale Nachfrage. Sie ist im September 2026 schwach, und die Belege dafür sind mehr als nur die flache Basis. Das Open Interest an der CME fiel im Jahresverlauf erstmals seit 2023 unter jenes von Binance; die einst dominante regulierte Terminbörse hat an spekulativem Volumen verloren. Als die CME-Hedgefonds im August erstmals seit Jahren netto long drehten, war das gerade kein Carry-Signal: Ein marktneutraler Basis-Trader ist auf der Terminseite immer short. Netto long zu sein ist eine gerichtete Wette auf den Preis, nicht das Ernten eines Aufschlags.
Woher der Carry historisch kommt, hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in ihrem Working Paper 1087 zum Krypto-Carry sauber herausgearbeitet: Die durchschnittliche Carry-Rendite liegt über zehn Prozent pro Jahr mit Spitzen über 40 Prozent, und getrieben wird sie von trendfolgender, gehebelter Nachfrage (überwiegend Retail) bei gleichzeitig begrenztem Arbitragekapital. Zinsdifferenzen allein erklären wenig. Übersetzt heißt das: Der Carry ist kein Naturgesetz, sondern die Bezahlung dafür, dass jemand die spekulative Hebel-Nachfrage bedient.
Worauf also achten? Auf die Funding-Rates der Perpetuals, auf das Open Interest an CME und den großen Börsen und auf die wöchentliche CFTC-COT-Positionierung. Steigen Funding und Open Interest gemeinsam mit dem Preis, kehrt der Hebel zurück, und die Basis weitet sich. Bleiben sie flach, während der Preis läuft, bestätigt sich das Spot-Muster. Für die aktuelle Lesart der Positionierung lohnt erneut der Blick in unsere September-Abrechnung der Derivate.
Hebel 2: Der risikofreie Zins als Deckel
Der zweite Hebel ist der risikofreie Zins, und er wirkt gleich doppelt. In der Kostengleichung des Terminpreises, Terminkurs gleich Kassakurs mal (1 plus Zins mal Laufzeit), ist er der eingebaute Boden: Schon ohne jede Krypto-Prämie muss der Terminkurs um den Finanzierungszins über dem Kassakurs liegen. Gleichzeitig ist er die Messlatte, denn wer Kapital in den Basis-Trade bindet, verzichtet auf ein risikoloses T-Bill. Die echte Krypto-Prämie ist deshalb nur der Überschuss der Basis über den risikofreien Zins.
Genau hier hat sich 2026 das Vorzeichen gedreht. Mit der Zinsanhebung am 16. September auf 3,75 bis 4,00 Prozent, dem ersten Schritt nach oben seit 2023 und dem ersten unter dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh, ist der Deckel weiter gestiegen. Warsh hatte in Jackson Hole klargemacht, dass er die Geldpolitik nicht als übermäßig straff sieht; wörtlich sagte er, er wäre „hard pressed to describe broad financial conditions as restrictive“ (federalreserve.gov). Ein höherer risikofreier Zins wirkt über zwei Kanäle: Er hebt den rechnerischen Boden und dämpft zugleich die Lust auf Hebel. Beides komprimiert den Überschuss. Damit der Carry netto attraktiv wird, muss die Basis spürbar über vier Prozent klettern, nicht bloß über null.
Und der Deckel könnte noch steigen. Im Dot-Plot vom September signalisierte die Mehrheit der FOMC-Mitglieder mindestens einen weiteren Schritt, und die Sitzung im Dezember gilt als offen. Solange der Markt einen weiteren Zinsschritt einpreist, ist der risikofreie Zins ein Aufwärtsrisiko für die Messlatte, kein Abwärtsrisiko. Für den Carry heißt das: Der zweite Hebel arbeitet derzeit gegen ihn, nicht für ihn. Erst wenn die Fed glaubhaft Richtung Senkung dreht, kippt dieser Faktor zugunsten der Basis.
Für den Euroraum kommt die EZB dazu, deren Einlagensatz nach dem Schritt vom 10. September bei 2,50 Prozent liegt. Wie sich das neue Zinsregime auf die Bewertung von Krypto-Renditen auswirkt, haben wir in Inflation Prints im neuen Regime ausführlicher eingeordnet. Die folgende Tabelle stellt die Basis den relevanten risikofreien Zinsen gegenüber.
| Instrument | Rendite p.a. (ca.) | Rolle für den Basis-Trade |
|---|---|---|
| CME-Basis 3 Monate (BTC) | rund 3 % | Bruttoertrag des Trades |
| CME-Basis vorderer Monat | rund 5 % | Durch Annualisierung verzerrt |
| US-T-Bill 3 Monate | rund 4 % | Risikofreie Messlatte (USD) |
| US-Staatsanleihe 2 Jahre | rund 4,2 % | Alternative Messlatte |
| EZB-Einlagensatz | 2,50 % | Risikofreier Zins (EUR) |
| sUSDe (Ethena, gestaked) | niedrig einstellig | Krypto-nativer Vergleich |
Hebel 3: Angebot und Nachfrage auf der Cash-Seite
Der dritte Hebel ist subtiler und wirkt indirekt: das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf der Kassa-Seite des Trades. Der Basis-Trade braucht zwei Beine, einen Kassakauf und einen Terminverkauf. Wenn viele Akteure echtes Bitcoin nachfragen (über ETFs, über Verwahrer, über Bankbilanzen), ohne die Terminseite zu shorten, treibt das den Kassakurs, aber nicht den Aufschlag. Fehlt umgekehrt das Kapital für die Short-Terminseite, bleibt die Basis unarbitriert stehen. Das ist der Grund, warum der Aufschlag auch bei starker Kassa-Nachfrage flach bleiben kann.
Der 2026er CoinShares-13F-Bericht für das erste Quartal zeigt die Verschiebung: Hedgefonds bauten rund 31.400 BTC an ETF-Engagement ab (der klassische Basis-Trade-Unwind), während Banken ihren Bestand um 339 Prozent mehr als verdoppelten, mit JPMorgan und Wells Fargo als neuen Namen. Doch Banken halten Bitcoin meist als Direktbestand, nicht als Terminverkäufer. Sie stärken die Kassa-Seite, ohne den Aufschlag zu liefern.
Wie stark die Kassa-Seite den Markt prägt, zeigt schon die Mechanik der ETFs. Autorisierte Teilnehmer schaffen und lösen Anteile gegen echtes Bitcoin ein; jeder Nettozufluss bindet Coins am Kassamarkt, ohne dass zwingend eine Short-Terminposition entsteht. Auch Stablecoins gehören zu dieser Kassa-Seite, weil sie das Settlement-Bein vieler Trades stellen. Fließt frisches Kapital vor allem über diese Kanäle in den Markt, treibt es den Preis, nicht den Aufschlag, und die Basis bleibt genau dort, wo sie im September steht.
In Österreich ist diese Bewegung greifbar: Wenn selbst eine Institution wie Raiffeisen ihren Kundinnen und Kunden Krypto anbietet, wächst die Kassa-Nachfrage strukturell. Wir haben diesen Schritt in Anbieten statt besitzen beschrieben. Mehr regulierte Kassa-Nachfrage ist gut für den Preis, aber sie ist nicht dasselbe wie die spekulative Hebel-Nachfrage, die den Carry speist.
Die Regime-Historie: was der Carry in jeder Phase abwarf
Ein Blick zurück ordnet die aktuelle Flaute ein. Die annualisierte CME-Basis hat in den letzten drei Jahren mehrere Regime durchlaufen, und jedes lässt sich sauber einem Nachfrage-Zustand zuordnen. Die Zahlen stammen aus den Analysen von CF Benchmarks sowie den bereits zitierten CryptoSlate- und CoinShares-Daten.
| Phase | Basis (annualisiert, ca.) | Treiber | Was folgte |
|---|---|---|---|
| Februar 2024 | rund 25 % | ETF-Start, Hebel-Nachfrage | Anhaltender Aufschwung |
| November 2024 | über 20 % | US-Wahl, Euphorie | Zyklushoch voraus |
| Februar 2025 | unter 0 % (Backwardation) | Entschuldung, Stress | Seltene Ausnahme |
| 1. Halbjahr 2026 | rund 2 bis 3 %, 157 Tage unter T-Bill | Carry-Kollaps | Basis-Trade-Unwind |
| August 2026 | 7,89 % (vorderer Monat) | Positionierungswechsel | Artefakt, 3M blieb rund 3 % |
| September 2026 | rund 3 bis 5 % | Spot- und ETF-Rebound | Rebound ohne Carry |
Das Muster ist eindeutig: Die hohen Renditen von 2024 fielen mit Phasen breiter Hebel-Euphorie zusammen, die tiefen Werte von 2026 mit einem entschuldeten, kassagetriebenen Markt. Die Basis folgt dem Hebel-Zyklus, nicht dem Preis. CF Benchmarks bestätigt das quantitativ: Die Basis ist mit dem Momentum eher gleichlaufend als vorlaufend (Korrelationen um 0,50 bis 0,54), und extreme Gier (ein Fear-and-Greed-Wert über 0,75) ging historisch mit Basiswerten von 15 bis 30 Prozent einher.
Wer die Tabelle von oben nach unten liest, sieht keine Zufallsfolge, sondern einen Zyklus. Auf jede Phase mit zweistelligem Carry folgte eine Bereinigung, und auf jede Bereinigung ein Regime, in dem der Aufschlag unter dem risikofreien Zins verharrte. Der September 2026 ist die jüngste Zeile dieser Chronik: ein Preis nahe dem Jahreshoch, aber ein Aufschlag, der noch zur entschuldeten Phase gehört. Die Basis hat den Rebound schlicht noch nicht bestätigt.
Die unbequeme Wahrheit: hoher Carry kommt vor dem Absturz
Bevor jemand die Rückkehr des Carry herbeisehnt, lohnt eine unbequeme Erinnerung. Das BIS-Papier zeigt nicht nur, wie hoch der Carry sein kann, sondern auch, was ihm folgt: Ein hoher Carry geht historisch einem Absturz voraus. Der Aufschlag ist eine Risikoprämie, eine Bezahlung dafür, dass der Basis-Trader das Crash-Risiko der gehebelten Longs trägt. Je höher die Prämie, desto größer die aufgestaute Hebelwirkung im System, und desto härter die anschließende Bereinigung.
Das Jahr 2022 hat vorgeführt, wie schnell aus quasi risikolos ein realer Verlust wird. Wer den Trade damals über Plattformen laufen ließ, die mit FTX, Three Arrows Capital oder Celsius verbunden waren, hielt am Ende nicht die Basis in der Hand, sondern ein Gegenparteirisiko, das sich materialisierte. Der Aufschlag war also nie geschenkt; er war immer die Kompensation für Risiken, die in ruhigen Phasen unsichtbar bleiben und in der Krise gebündelt zuschlagen.
Anders gesagt: Wer sich einen 20-Prozent-Carry zurückwünscht, wünscht sich die Bedingungen zurück, die ihn erzeugen, also einen hoch gehebelten, euphorischen Markt am Rand der Überhitzung. Der flache Aufschlag von 2026 ist die Kehrseite eines gesünderen Marktes. Marshalls Beschreibung eines saubereren, weniger gehebelten Marktes ist kein Trostpflaster, sondern eine präzise Diagnose: Weniger Carry bedeutet weniger fragiler Hebel. Für den langfristigen Anleger ist das eher beruhigend als beunruhigend.
Bitcoin gegen Ethereum: zwei Kurven, ein Muster
Die Logik gilt nicht nur für Bitcoin. Auch Ethereum hat an der CME einen liquiden Terminmarkt (50 ETH je Kontrakt, abgerechnet über die CME-CF-Ether-Dollar-Referenzrate), und auch dort misst die Basis die Hebel-Nachfrage. Ethereum hat jedoch eine zusätzliche Hürde: Das Staking wirft eine native Rendite im niedrigen einstelligen Bereich ab. Diese Staking-Rendite ist der krypto-native risikofreie Zins für ETH.
Für den ETH-Basis-Trade heißt das: Der Aufschlag muss nicht nur das fiat-risikofreie T-Bill schlagen, sondern auch die Staking-Rendite, auf die man beim Halten von ungestaktem ETH als Sicherheit verzichtet. Der Deckel liegt also höher als bei Bitcoin. Kein Wunder, dass die ETH-Basis im selben Regime tendenziell noch enger sitzt. Wer beide Kurven nebeneinander liest, sieht dasselbe Muster in zwei Tonlagen.
Wo der Trade heute lebt: die Infrastruktur steht bereit
Bemerkenswert ist, dass die Infrastruktur für den Carry ausgerechnet in dem Jahr ausgebaut wurde, in dem die Rendite kollabierte. Bessere Rohre, weniger Wasser. Seit dem 29. Mai 2026 handelt die CME ihre Krypto-Futures und -Optionen rund um die Uhr, was die Wochenendlücke schließt, die früher die Basis verzerrte. Tim McCourt von der CME begründete den Schritt damit, man wolle „bridging the gap between traditional regulated venues and the 24/7 nature of crypto assets“ (CME Group).
Am selben Tag genehmigte die CFTC den ersten in den USA regulierten Bitcoin-Perpetual, KalshiEX BTCPERP (cftc.gov). CFTC-Chef Mike Selig nannte das gegenüber CoinDesk „a major step forward“ auf dem Weg, die USA zur Krypto-Hauptstadt der Welt zu machen, und bezeichnete Perpetuals als „a foundational risk management and price discovery tool“. Dass die CME parallel gegen die CFTC klagt (Streitpunkt: sind Perpetuals rechtlich Swaps oder Futures, wobei die Funding-Zahlung der Knackpunkt ist), unterstreicht, wie ernst die Branche das neue Marktsegment nimmt.
Für die Ausgangsfrage ist die Botschaft klar: Sollte die gehebelte Nachfrage zurückkehren, stehen die Schienen bereit, regulierter und tiefer als je zuvor. Es fehlt nicht die Infrastruktur, es fehlt das Wasser.
Ethena: die produktisierte Basis als Frühindikator
Kein Marktteilnehmer verkörpert den Basis-Trade so unmittelbar wie Ethena. Der synthetische Dollar USDe ist im Kern ein tokenisierter, delta-neutraler Basis-Trade: gestaktes Spot-Kollateral auf der einen Seite, eine gleich große Short-Position in Perpetuals auf der anderen, sodass die Funding- und Basiszahlungen zur Rendite werden. Wie dieses Konstrukt funktioniert, haben wir in Der synthetische Dollar im Detail beschrieben.
Gerade weil USDe der größte produktisierte Basis-Trade der Welt ist, verrät sein Verhalten viel über den Zustand des Carry. Als die Rendite unter den risikofreien Zins fiel, drehte Ethena um: Im Frühjahr 2026 senkte das Protokoll den Anteil der Perpetual-Positionen deutlich und stockte real-world assets, tokenisierte Staatsanleihen und Kreditprodukte auf. Das USDe-Angebot schrumpfte von einem Höchststand über 14 Milliarden auf unter sechs Milliarden US-Dollar, die Rendite von sUSDe rutschte in den niedrigen einstelligen Bereich. Eine delta-neutrale Strategie allein auf Krypto-Basis trägt bei diesem Carry nicht mehr.
Damit wird Ethena zum Frühindikator: Sollte der Carry zurückkehren, wäre die erste Bewegung wahrscheinlich, dass Vehikel wie USDe wieder stärker in Perpetuals rotieren. Steigt der Perp-Anteil in solchen Produkten, ist die spekulative Hebel-Nachfrage zurück, und mit ihr die Basis. Es lohnt sich, dieses Signal zu beobachten.
Der Vorteil dieses Frühindikators ist seine Transparenz. Anders als die Positionierung einzelner Fonds, die erst mit Wochen Verzögerung in den 13F-Meldungen auftaucht, ist die Zusammensetzung von USDe on-chain und nahezu in Echtzeit nachvollziehbar. Ein wieder steigender Perpetual-Anteil wäre damit eines der ersten öffentlich sichtbaren Zeichen, dass die spekulative Nachfrage und mit ihr der Carry zurückkehren.
Was das für Anleger in Österreich heißt: FMA, MiFID II und die KESt
Für den heimischen Markt sind zwei Ebenen entscheidend, die Regulierung und die Steuer. Krypto-Derivate wie Futures und Perpetuals sind keine Spot-Krypto-Assets und fallen deshalb nicht unter MiCA, sondern gelten als Finanzinstrumente unter MiFID II, beaufsichtigt von der FMA. Die ESMA hat zudem klargestellt, dass Perpetuals als CFDs einzuordnen sind, womit für Kleinanleger die Hebelgrenze von 2:1 greift (siehe esma.europa.eu). Wer als Privatperson vom Carry träumt, stößt hier an eine harte, regulatorisch gezogene Grenze.
Noch entscheidender ist die Steuer. Krypto-Gewinne unterliegen in Österreich dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent nach Paragraph 27a EStG, und inländische Plattformen behalten die KESt seit 1. Jänner 2024 automatisch ein, wie das BMF festhält. Rechnet man das durch, verliert der ohnehin dünne Carry weiter an Reiz: Ein Bruttoaufschlag von drei Prozent schrumpft nach 27,5 Prozent KESt auf rund 2,2 Prozent netto, klar unter dem T-Bill. Selbst eine moderate Belebung der Basis lässt die Nach-Steuer-Hürde für heimisches Retail hoch.
Hinzu kommt die Währung. Ein in Euro denkender Anleger, der einen in US-Dollar bepreisten Trade eingeht, trägt zusätzlich die Kosten der EUR/USD-Absicherung, die grob der Zinsdifferenz zwischen Fed und EZB entspricht. Wie stark dieser Währungseffekt Krypto-Renditen für Österreicher verzerren kann, haben wir in DXY als Euro-Wette vorgerechnet. Der in Österreich lizenzierte CASP Bitpanda operiert unter FMA-Aufsicht; die verkürzte MiCA-Übergangsfrist endet hierzulande am 1. Juli 2026.
Das Signal, auf das es wirklich ankommt
Fassen wir zusammen. Die Futures-Basis ist ein Barometer der spekulativen Hebel-Nachfrage, nicht des Preises. Ihr Schweigen in einem steigenden Markt ist selbst die Botschaft: Der Aufschwung im September wird von echtem Kassa-Kapital getragen, nicht von geliehener Euphorie. Der Carry kehrt nicht zurück, weil der Preis steigt, sondern erst, wenn der Hebel zurückkommt oder die Fed den risikofreien Deckel senkt.
Wer die Rückkehr des Carry früh erkennen will, sollte deshalb nicht auf den Kurs starren, sondern auf einen kleinen Stapel von Indikatoren.
- Funding-Rates der Perpetuals: Drehen sie deutlich und dauerhaft ins Positive, zahlt jemand wieder für Hebel.
- Open Interest an CME und großen Börsen: Wächst es mit dem Preis, kehrt die spekulative Nachfrage zurück.
- CFTC-COT-Positionierung: Ein Aufbau gehebelter Long-Positionen ist das Frühzeichen.
- Perp-Anteil in Produkten wie USDe: Rotiert Ethena zurück in Perpetuals, ist der Carry im Kommen.
- Fed-Pfad: Jede Wende Richtung Zinssenkung senkt den Deckel und vergrößert den möglichen Überschuss.
Bis diese Signale drehen, gilt die nüchterne Bilanz dieses Herbstes: Bitcoin kann steigen, ohne dass der Carry zurückkommt. Und vielleicht ist genau das die gesündere Variante eines Bullenmarkts.
Häufig gestellte Fragen
Warum steigt die Futures-Basis nicht, obwohl Bitcoin steigt?
Weil der Aufschwung im September vor allem von Spot- und ETF-Käufen getragen wird, nicht von gehebelten Long-Positionen. Die Basis misst die Nachfrage nach Hebel, nicht die Preisrichtung: Kauft man Bitcoin direkt am Kassamarkt, hebt das Kassa- und Terminkurs gemeinsam an und lässt den Aufschlag unberührt.
Was ist der Unterschied zwischen Futures-Basis und Funding-Rate?
Die Futures-Basis ist der annualisierte Aufschlag eines datierten Terminkontrakts gegenüber dem Kassakurs. Die Funding-Rate ist das Gegenstück bei Perpetuals, die kein Verfallsdatum haben: eine periodische Zahlung zwischen Long und Short, die den Perp-Preis an den Kassakurs koppelt. Beide messen letztlich den Preis für gehebelte Long-Nachfrage.
Ist der Basis-Trade wirklich risikolos?
Nein. Der Trade ist marktneutral, aber nicht kostenlos und nicht ohne Risiko: Es bleiben Gegenpartei- und Plattformrisiko (2022 zeigte das schmerzhaft), Roll- und Ausführungskosten sowie die Kapitalbindung. Der risikofreie Zins ist die Untergrenze, und historisch ging ein hoher Carry oft einem Absturz voraus.
Wie werden Krypto-Futures in Österreich besteuert?
Krypto-Derivate wie Futures und Perpetuals gelten als Finanzinstrumente unter MiFID II und werden von der FMA beaufsichtigt, nicht unter MiCA. Gewinne unterliegen dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent nach Paragraph 27a EStG; inländische Plattformen behalten die KESt seit 1. Jänner 2024 automatisch ein.
Was müsste passieren, damit der Carry zurückkommt?
Zwei Dinge können die Basis wieder ausweiten: die Rückkehr gehebelter, direktionaler Long-Nachfrage (sichtbar an steigenden Funding-Rates, wachsendem Open Interest und einer Positionierung der Fonds auf der Long-Seite) und ein Kurswechsel der Fed hin zu Zinssenkungen, der den risikofreien Deckel senkt. Ein reiner spot-getriebener Kursanstieg allein genügt nicht.
Liam Brennan berichtet für HOGE Wire über Marktstruktur, Derivate und die Schnittstelle von Makro und Krypto.