Spielen statt spekulieren: Web3-Gaming nach dem großen Sterben
Mehr als 90 Prozent der Web3-Spiele sind tot, das Kapital floh zur KI. Doch während Off the Grid auf die Konsolen kommt, zeigt sich, was den Crash überlebt hat: Spiele, nicht Token.
Im Oktober 2026 passieren zwei Dinge gleichzeitig, die zusammen die ganze Geschichte des Web3-Gaming erzählen. Auf der einen Seite verlässt mit Off the Grid, einem Cyberpunk-Battle-Royale für PlayStation 5, Xbox und PC, heuer eines der wenigen echten AAA-Blockchain-Spiele die Early-Access-Phase und geht laut Game Informer in die Vollversion. Auf der anderen Seite steht eine Bilanz, die kaum brutaler sein könnte: Mehr als neun von zehn Web3-Spielen, die zwischen 2020 und 2026 gestartet wurden, existieren nicht mehr.
Für österreichische Spieler und Anleger ist das keine akademische Frage. Wer heute ein Blockchain-Spiel ausprobiert, einen Gaming-Token kauft oder über Play-to-Earn nachdenkt, bewegt sich in einem Markt, der gerade zwei Leben parallel führt: einen riesigen Friedhof gescheiterter Projekte und einen kleinen, zäh überlebenden Kern. Dieser Text ordnet ein, was vom Hype übrig ist, wer weiterbaut, was die Token heute wirklich kosten und wie die Finanzmarktaufsicht (FMA), MiCA und das heimische Steuerrecht das Ganze behandeln.
Die zwei Wahrheiten des Web3-Gaming 2026
Die erste Wahrheit liefert eine im April 2026 von der Handelsfirma Caladan veröffentlichte und von CoinDesk aufgegriffene Analyse. Sie untersuchte mehr als 3.200 Web3-Gaming-Projekte und über 12 Milliarden US-Dollar an eingesetztem Kapital. Das Ergebnis: Mehr als 90 Prozent der Spiele sind faktisch tot, die zugehörigen Token notieren im Schnitt rund 95 Prozent unter ihren Höchstständen, und das Risikokapital für Spielestudios ist bis 2025 um mehr als 90 Prozent eingebrochen, von rund vier Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 auf etwa 360 Millionen 2025. Damals flossen noch rund 63 Prozent aller Web3-Risikogelder in Gaming; zuletzt war der Anteil einstellig, weil das Kapital zu KI, Real-World-Assets und Layer-2-Infrastruktur abwanderte.
Die zweite Wahrheit ist weniger spektakulär, aber hartnäckig. Laut Zahlen von DappRadar, über die crypto.news berichtete, entfiel im dritten Quartal 2025 noch rund ein Viertel der gesamten On-Chain-Aktivität auf Spiele, bei durchschnittlich 4,66 Millionen täglich aktiven Wallets. Gaming bleibt damit, allen Pleiten zum Trotz, die größte einzelne Anwendungskategorie der Krypto-Welt. Der Markt stirbt also nicht, er sortiert sich. Kollabiert ist das Geschäftsmodell Spekulation: Projekte, die zuerst einen Token verkauften und erst danach ein Spiel bauen wollten. Übrig bleiben Teams, die die Reihenfolge umdrehen.
Was echtes Eigentum im Spiel versprach
Um den Absturz zu verstehen, muss man das ursprüngliche Versprechen kennen. In klassischen Spielen mietet man alles: Skins, Waffen und Accounts gehören dem Publisher, nicht dem Spieler. Immutable, einer der größten Anbieter von Gaming-Infrastruktur, rechnet gern vor, dass rund 70 Prozent der weltweiten Spielumsätze aus In-Game-Käufen stammen, die sich nie wieder verkaufen lassen, in Summe etwa 160 Milliarden US-Dollar pro Jahr, wie das Unternehmen in seinem eigenen Blog argumentiert.
Web3-Gaming wollte genau das umkehren. Gegenstände liegen als NFT auf einer Blockchain, gehören also dem Spieler, lassen sich zwischen Marktplätzen handeln und theoretisch sogar von einem Spiel ins nächste mitnehmen. Dazu kam Play-to-Earn: Wer spielt, verdient Token, die sich in echtes Geld tauschen lassen. Auf dem Höhepunkt 2021 funktionierte das spektakulär. In Ländern wie den Philippinen lebten Menschen zeitweise vom Axie-Infinity-Farmen, Gilden verliehen NFTs an Spieler, die sich den Einstieg nicht leisten konnten. Der Denkfehler steckte schon im Modell: Es verwechselte den Besitz eines Spielgegenstands mit dem Besitz eines Finanzprodukts. Und ein Finanzprodukt braucht ständig neue Käufer, um zu steigen.
Der Friedhof in Zahlen
Der Mechanismus hinter dem Massensterben war fast immer derselbe. Ein Spiel schüttete neue Token als Belohnung aus (Fachsprache: ein Faucet), ohne genügend Wege zu schaffen, diese Token wieder aus dem Umlauf zu nehmen (die Sinks). Das Angebot wuchs schneller als die Nachfrage, der Kurs fiel, die in Euro gerechneten Einnahmen der Spieler sanken, also verschwanden die Spieler, was die Nachfrage weiter drückte. Dieser sich selbst verstärkende Abwärtssog, die berüchtigte Todesspirale, erledigte Axie Infinity ebenso wie die Tap-to-Earn-Welle rund um Hamster Kombat, das Caladan ausdrücklich unter den Toten nennt.
Axie ist das Lehrstück: Das Spiel kam 2021 auf Millionen tägliche Nutzer und schrumpfte danach auf einen Bruchteil. Die harten Zahlen zeigen, wie breit der Einbruch wirklich war.
| Kennzahl | Höhepunkt | Lage 2025 / 2026 |
|---|---|---|
| VC-Finanzierung für Web3-Gaming | rund 4 Mrd. USD (2022) | rund 360 Mio. USD (2025) |
| Anteil an allen Web3-Risikogeldern | 63 % (2022) | einstellig (2025) |
| Untersuchte Projekte | mehr als 3.200 | über 90 % faktisch tot |
| Durchschnittlicher Token-Kurs | Allzeithoch | rund 95 % darunter |
| Täglich aktive Gaming-Wallets | 7,4 Mio. (Dez. 2024) | 4,66 Mio. (Q3 2025) |
Die Überlebenden bauen zuerst das Spiel
Wer den Crash überlebt hat, teilt eine Einsicht, die Luke Barwikowski, Gründer des Farmspiels Pixels, in einem Interview mit BlockchainGamer.biz auf die Spitze trieb: „The only way to save crypto gaming is to not build for crypto gamers.“ Übersetzt: Solange ein Spiel nur Menschen anlockt, die Token farmen und wieder verkaufen wollen, baut es sich seine eigene Todesspirale. Ein Spiel, das Spaß macht und zufällig eine Blockchain im Hintergrund nutzt, hat dagegen eine Chance.
Pixels selbst hat das Modell umgebaut, weg von inflationären Mega-Belohnungen, hin zu einer Saison-Ökonomie, in der mehr Token verbrannt als ausgeschüttet werden. Barwikowski misst den Erfolg heute nicht mehr an täglichen Nutzern, sondern am „Return on Reward Spend“, also daran, ob jeder in Belohnungen investierte Euro mehr als einen Euro zurückbringt. Wie dieser Umbau konkret aussieht und was er für den PIXEL-Kurs bedeutet, zeichnet unsere Analyse zum nächsten Kapitel von Pixels nach. Das Muster wiederholt sich bei den Überlebenden: Der Token tritt in den Hintergrund, das Spiel in den Vordergrund.
Off the Grid: der AAA-Stresstest
Das stärkste Argument für die These „zuerst das Spiel“ heißt Off the Grid. Der Free-to-Play-Battle-Royale des Studios Gunzilla Games, kreativ geprägt vom Filmregisseur Neill Blomkamp, läuft seit 2024 im Early Access auf PlayStation 5, Xbox und PC (über Steam und den Epic Games Store) und steuert laut Decrypt auf seinen Vollrelease zu, geplant für Oktober 2026 zum zweiten Geburtstag, mit Kartenerweiterung, neuen Biomen und überarbeitetem Ranglistensystem. Entscheidend ist: Das ist ein echtes AAA-Spiel auf Konsolen, kein Browser-Farmsimulator. Die Blockchain, eine eigene auf Avalanche basierende Kette namens GUNZ, läuft im Hintergrund; handelbare NFT-Waffen sind optional.
Genau hier zeigt sich die Trennung von Spiel und Spekulation in Reinform. Das Spiel liefert, der zugehörige GUN-Token nicht. Er kam im März 2025 auf Binance auf den Markt und erreichte laut Blockworks binnen Stunden eine Bewertung von rund 68 Millionen US-Dollar, fiel danach aber steil. Anfang Oktober 2026 notiert GUN laut CoinGecko bei etwa 0,0027 Euro, bei einer Marktkapitalisierung von rund 9,6 Millionen Euro und damit gut 97 Prozent unter dem Allzeithoch. Die Lektion für österreichische Leser: Ein gutes Spiel kann erfolgreich sein, während sein Token einbricht. Wer Off the Grid spielen will, braucht weder GUN noch ein Wallet.
Die Chain-Landschaft 2026: wer die Spiele beherbergt
Wo die überlebenden Spiele laufen, hat sich stark konsolidiert. Statt Dutzender konkurrierender Gaming-Chains bleiben eine Handvoll Plattformen, und viele haben 2026 ihr Geschäftsmodell umgebaut. Ronin, die Hauskette hinter Axie und Pixels, ist im Mai 2026 selbst zu einem Ethereum-Layer-2 geworden und hat die jährliche RON-Ausgabe laut eigenem Blog um rund 89 Prozent gesenkt, von 45 auf 5 Millionen Token pro Jahr. Warum dieser Schritt mehr über Ronins Zukunft verrät als jede Axie-Statistik, lesen Sie in unserer Analyse zu Ronins Wette jenseits von Axie.
Immutable, früher selbst Spielestudio, hat 2026 rund ein Drittel seiner Belegschaft abgebaut und verkauft heute vor allem sein KI-Marketingwerkzeug Audience an die gesamte Spielebranche, auch an klassische Web2-Studios. Sui setzt mit dem Handheld SuiPlay0X1 auf eigene Hardware, hat aber noch wenige fertige Spiele. Beam, die aus Merit Circle hervorgegangene Gaming-Chain, agiert inzwischen eher wie ein Krypto-Fonds. Und Aptos meldet Transaktionsrekorde, die kaum aus Spielen stammen. Die folgende Übersicht ordnet die Lage.
| Chain | Typ | Vorzeige / Fokus | Entwicklung 2026 |
|---|---|---|---|
| Ronin | Ethereum-Layer-2 (seit Mai 2026) | Axie Infinity, Pixels | Emissionen rund -89 %, Proof of Distribution |
| Immutable | Ethereum-zkEVM | Gods Unchained | Pivot zu KI-Marketing (Audience) |
| Avalanche / GUNZ | eigene L1 | Off the Grid | Vollrelease im Oktober 2026 |
| Sui | eigene L1 | SuiPlay0X1 (Handheld) | Hardware-Wette, wenige Spiele |
| Beam | Avalanche-Subnet | Gaming-Portfolio | mehr Krypto-Fonds als Studio |
| Aptos | eigene L1 | Zahlungen, Infrastruktur | Rekord-Transaktionen, kaum Gaming |
Was die Gaming-Token heute kosten
Die nüchternste Antwort auf die Frage, ob sich Web3-Gaming erholt hat, geben die Kurse. Die folgende Tabelle listet die wichtigsten Gaming-Token, umgerechnet zum Wechselkurs von 1,1336 US-Dollar je Euro (Stand 1. Oktober 2026), mit Kursdaten von CoinGecko.
| Token | Kurs (EUR) | Marktkap. (EUR) | 24h-Volumen (EUR) |
|---|---|---|---|
| Axie Infinity (AXS) | 1,02 | 179 Mio. | 17,7 Mio. |
| Immutable (IMX) | 0,151 | 137 Mio. | 7,8 Mio. |
| The Sandbox (SAND) | 0,039 | 115 Mio. | 23,7 Mio. |
| Gala (GALA) | 0,0020 | 102 Mio. | 25,9 Mio. |
| Beam (BEAM) | 0,0018 | 92 Mio. | 6,1 Mio. |
| Ronin (RON) | 0,058 | 44 Mio. | 1,2 Mio. |
| Illuvium (ILV) | 3,48 | 29 Mio. | 2,6 Mio. |
| Yield Guild Games (YGG) | 0,024 | 21 Mio. | 2,7 Mio. |
| Gunzilla (GUN) | 0,0027 | 9,6 Mio. | 3,1 Mio. |
| Pixels (PIXEL) | 0,0052 | 4,0 Mio. | 5,6 Mio. |
Zwei Dinge springen ins Auge. Erstens die Ausnahme: Sui notiert laut CoinGecko bei rund 1,04 Euro und einer Marktkapitalisierung von etwa 4,24 Milliarden Euro, in sieben Tagen um gut 21 Prozent gestiegen, aber noch immer rund 80 Prozent unter dem Hoch. Das ist kein Gaming-Token im engeren Sinn, sondern eine Wette auf eine ganze Plattform, bei der Gaming nur ein Teil ist. Zweitens die dünne Decke: Bei Pixels übersteigt das Tagesvolumen (rund 5,6 Millionen Euro) die gesamte Marktkapitalisierung (rund 4,0 Millionen Euro), ein klassisches Warnsignal für Wash-Trading. Ronin wiederum wird bei 44 Millionen Euro Marktkapitalisierung nur mit gut 1,2 Millionen Euro pro Tag gehandelt, so dünn, dass schon wenige größere Verkäufe den Kurs bewegen.
Die Konsequenz ist unbequem: Der Token-Kurs ist ein schlechter Gradmesser für die Gesundheit eines Spiels. Off the Grid läuft auf Konsolen, sein Token liegt bei minus 97 Prozent. Umgekehrt sagt ein stabiler Kurs wenig darüber, ob überhaupt jemand spielt. Wer in Gaming-Token investiert, kauft nicht das Spiel, sondern einen eigenständigen, oft illiquiden Finanzwert mit eigenem Risikoprofil.
Das unsichtbare Wallet: das eigentliche Nadelöhr
Warum sind so viele Spiele gescheitert, obwohl Millionen Menschen neugierig waren? Ein großer Teil der Antwort liegt im Einstieg. Robbie Ferguson, Mitgründer und Präsident von Immutable, beziffert gegenüber Decrypt die Abbruchquote beim Installieren eines klassischen Krypto-Wallets auf „anywhere between 95-98%“. Von hundert Interessenten springen also 95 bis 98 ab, bevor sie überhaupt spielen. Seed-Phrasen, Gas-Gebühren und Netzwerkwechsel sind für Finanz-Nerds gebaut, nicht für Spieler.
Die Überlebenden lösen das, indem sie das Wallet unsichtbar machen. Account Abstraction und eingebettete Wallets erlauben den Login per Google- oder Apple-Konto, übernehmen die Gas-Gebühren im Hintergrund und verzichten auf die Seed-Phrase. Immutables Passport funktioniert so, Suis zkLogin ebenfalls, und Ronin bündelt Konto und Identität direkt im Spiel. Wie zentral dieser Kampf um den reibungslosen Einstieg geworden ist und warum ausgerechnet die App-Store-Regeln von Apple und Google dabei zum Türsteher werden, haben wir gesondert beschrieben. Kurz: Über Erfolg entscheiden heute nicht die Tokenomics, sondern die ersten sechzig Sekunden.
Wer das Geld bekommt: Infrastruktur statt Spiele
Das wenige Kapital, das noch in den Sektor fließt, landet selten bei Spielen. Sara Gherghelas, Analystin bei DappRadar, hält fest, dass 2025 rund 66 Prozent aller Investitionen in Blockchain-Gaming in Infrastruktur gingen, in Ketten, Wallets und Werkzeuge, nicht in Inhalte. Die Branche, so Gherghelas, bewege sich „from noise to signal“ und stecke klar „in reset mode“. Geld sucht derzeit Schaufeln, nicht Goldgräber.
Kein Unternehmen verkörpert das besser als Immutable. Statt weiter selbst Spiele zu entwickeln, lagerte das Studio seine eigenen Titel aus und verkauft nun ein KI-gestütztes Marketingwerkzeug an die gesamte Branche, Web2 wie Web3. Das ist betriebswirtschaftlich klug und sagt zugleich etwas Beunruhigendes über den Zustand des Felds aus: Wenn die stärksten Teams lieber Werkzeuge für Spielestudios bauen als Spiele, stellt sich die Frage, wer am Ende die Spiele macht, die all diese Infrastruktur rechtfertigen sollen. Für österreichische Anleger heißt das, dass die stabilsten Geschäftsmodelle im Web3-Gaming ausgerechnet dort entstehen, wo am wenigsten gespielt wird.
Das Ende der Gilden-Ära
Nichts markiert das Ende des alten Modells deutlicher als Yield Guild Games (YGG). Die Gilde war einst das Sinnbild von Play-to-Earn: Sie verlieh Axie-NFTs an Spieler auf den Philippinen und anderswo, die sich den Einstieg nicht leisten konnten, und teilte die Erträge. Am 1. August 2026 stellte YGG seinen Publishing-Arm YGG Play ein und strich laut crypto.news 35 Stellen. Das Geld fließt nun in die KI-Datenwirtschaft; die Restrukturierung verlängert die Finanzreserve auf vier Jahre, die Kasse lag Ende des ersten Quartals bei 20,6 Millionen US-Dollar.
Bemerkenswert ist, dass YGG Play nicht an einem schlechten Produkt scheiterte. Der Bereich hatte mit dem casual-tauglichen Hit LOL Land Erfolg und kam auf über 9 Millionen US-Dollar Lebensumsatz. Mitgründer Gabby Dizon formuliert es so: Das Aus sei „a heavy decision, but it is a market decision, not a product decision“. Genau das ist die Diagnose für die ganze P2E-Ära: Nicht die Idee war falsch, der Markt für dieses Modell ist weg. Geldverdienen durch Spielen als Lebensunterhalt ist 2026 Geschichte; was bleibt, ist Spielen, das man sich leisten kann.
Web3-Gaming unter MiCA und der FMA
Regulatorisch ist Web3-Gaming in Österreich kein rechtsfreier Raum mehr. Seit dem Auslaufen der verkürzten MiCA-Übergangsfrist am 1. Juli 2026 braucht jeder Krypto-Dienstleister, der österreichische Kunden bedient, eine Zulassung; die FMA ist die zuständige Behörde, Bitpanda das heimische Vorzeige-Unternehmen mit MiCA-Lizenz. Für Gaming-Token ist die entscheidende Frage, ob ein Token bloß Utility ist oder ein Finanzinstrument. Die ESMA hat dazu in ihren Leitlinien zur Einordnung von Krypto-Assets den Grundsatz „substance over form“ festgelegt: Ein Spiel-Token, der Gewinnbeteiligung oder echte Stimmrechte gewährt, kann unter MiFID II fallen, mit deutlich strengeren Pflichten.
Die Lage ist fein gestaffelt. Reine Spielgegenstände als NFT bleiben meist außerhalb von MiCA, große fungible Serien können hineinrutschen; Derivate auf Gaming-Token (etwa Perpetuals) sind Finanzinstrumente unter MiFID II und damit FMA-Sache, nicht MiCA. Welche Hürde Blockchain-Spiele in Europa wirklich ausbremst, und warum das weniger Steam als MiCA ist, haben wir an anderer Stelle ausgeführt. Eine Übersicht, welche Krypto-Assets reguliert sind, bietet die FMA selbst.
Pikant ist der Kontrast zum klassischen Gaming. Der Oberste Gerichtshof entschied am 18. Dezember 2025 (6 Ob 228/24h), dass die Lootboxen in EA Sports FC (vormals FIFA) kein Glücksspiel sind, und wies die Klage eines Spielers auf Rückzahlung von rund 20.000 Euro ab, wie unter anderem kicker berichtete. Die Begründung: Der Kauf sei nicht losgelöst vom restlichen Spiel zu beurteilen. Österreich liegt damit auf einer Linie mit den Niederlanden und im Gegensatz zu Belgien, das Lootboxen schon 2018 verbot. Die Ironie dabei: Für zufällige, bezahlte Lootboxen, bei denen man nichts Weiterverkäufliches besitzt, gilt kein Glücksspielrecht, während der nachweisbare Besitz eines handelbaren Spielgegenstands rasch in den Zuständigkeitsbereich von FMA, MiCA und MiFID II führt.
Steuer in Österreich: 27,5 Prozent und der Play-to-Earn-Haken
Wer mit Gaming-Token oder NFTs Gewinne macht, muss sie in Österreich versteuern. Seit der ökosozialen Steuerreform 2022 unterliegen Einkünfte aus Kryptowährungen dem besonderen Steuersatz von 27,5 Prozent (Paragraf 27a EStG), und heimische Plattformen behalten die Kapitalertragsteuer (KESt) seit 1. Jänner 2024 automatisch ein, wie das Finanzministerium ausführt. Ein wichtiger Vorteil: Der Tausch einer Kryptowährung gegen eine andere löst keine Besteuerung aus, steuerpflichtig wird erst der Tausch in Euro, Waren oder Dienstleistungen.
Der Haken steckt bei Play-to-Earn. Token, die man durchs Spielen erhält, gelten nach derzeitiger Auffassung als unentgeltlich erworben: Beim Zufluss fällt keine Steuer an, dafür betragen die Anschaffungskosten null, sodass beim späteren Verkauf der gesamte Erlös mit 27,5 Prozent besteuert wird. NFTs wiederum sind in der Regel keine Kryptowährungen im steuerlichen Sinn; sie werden eher als sonstige Wirtschaftsgüter behandelt, mit einjähriger Spekulationsfrist und progressivem Tarif. Weil die Einordnung im Einzelfall knifflig ist, empfiehlt sich bei nennenswerten Beträgen ein Steuerberater. Für die meisten Spieler bleibt der Aufwand überschaubar, schlicht weil die erzielbaren Beträge heute klein sind.
Was für österreichische Spieler und Anleger bleibt
Für Spieler ist die Botschaft erfreulich einfach: Es gibt 2026 eine Handvoll Titel, die tatsächlich Spaß machen, von Off the Grid auf der Konsole über Pixels im Browser bis zu Gods Unchained. Man kann sie spielen, ohne je einen Token zu kaufen. Die gesunde Haltung ist, Web3-Spiele wie jedes andere Spiel zu behandeln: wegen des Spiels, nicht wegen der Rendite. Wer einen Gegenstand besitzen und weiterverkaufen will, kann das tun, sollte es aber als Nebeneffekt begreifen, nicht als Geschäftsmodell.
Für Anleger gilt das Gegenteil von Einfachheit: Gaming-Token zählen zu den riskantesten Ecken des Kryptomarkts. Sie sind dünn gehandelt, anfällig für Wash-Trading und folgen eher der allgemeinen Marktstimmung als den Spielerzahlen. Der Zugang wird zwar bequemer, heimische Banken wie Raiffeisen öffnen sich dem Krypto-Geschäft, wie wir unter Anbieten statt besitzen beschrieben haben, und über regulierte Anbieter wie Bitpanda lässt sich alles mit automatischer KESt abwickeln. Doch Bequemlichkeit beim Kauf senkt nicht das Risiko des Gekauften. Wer investiert, sollte das Geschäftsmodell hinter dem Token verstehen, nicht nur den Chart.
Unterm Strich ist Web3-Gaming 2026 kein Goldrausch mehr und auch keine Leiche. Es ist eine kleine, ernüchterte Branche, die vom Hype zum Handwerk findet. Die Projekte, die den großen Crash überlebt haben, teilen eine simple Regel, die vor drei Jahren niemand hören wollte: zuerst das Spiel, dann der Rest.
Häufig gestellte Fragen
Ist Web3-Gaming 2026 tot?
Nein, aber stark geschrumpft. Mehr als 90 Prozent der Projekte sind gescheitert, doch Spiele bleiben mit rund einem Viertel der On-Chain-Aktivität die größte einzelne Krypto-Kategorie. Das Modell hat sich von reiner Spekulation hin zu echten Spielen verschoben.
Welche Web3-Spiele kann man heute tatsächlich spielen?
Off the Grid (PlayStation 5, Xbox, PC), das Farmspiel Pixels im Browser und das Kartenspiel Gods Unchained sind spielbar und meist Free-to-Play. Die Blockchain läuft im Hintergrund; ein Wallet oder Token ist zum Spielen oft gar nicht nötig.
Sind Gaming-Token eine gute Geldanlage?
Für die meisten Anleger nein. Die Token liegen im Schnitt rund 95 Prozent unter ihren Höchstständen, sind dünn gehandelt und anfällig für Manipulation. Ein erfolgreiches Spiel garantiert keinen steigenden Token, wie Off the Grid zeigt: Das Spiel läuft auf Konsolen, der Token liegt rund 97 Prozent unter dem Hoch.
Wie werden Web3-Gaming-Gewinne in Österreich besteuert?
Gewinne aus Krypto-Token unterliegen dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent, den heimische Plattformen seit 2024 automatisch als KESt einbehalten. Play-to-Earn-Token gelten als unentgeltlich erworben und werden beim Verkauf voll besteuert; NFTs folgen eigenen Regeln. Bei größeren Beträgen hilft ein Steuerberater.
Reguliert die FMA Web3-Spiele?
Die FMA reguliert unter MiCA die Krypto-Dienstleister und Token; seit 1. Juli 2026 ist eine Zulassung Pflicht. Ein Token kann als Finanzinstrument unter MiFID II fallen. Lootboxen hingegen stufte der Oberste Gerichtshof im Dezember 2025 in Österreich nicht als Glücksspiel ein.
Von Priya Reddy, Redaktion HOGE Wire