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● Macro & TradFi

Vom Verwahrer zum Emittenten: Qivalis und der Euro on-chain

37 Banken, darunter RBI und Erste Group, bauen mit Qivalis einen regulierten Euro-Stablecoin. Warum Institute jetzt Geld ausgeben, statt es nur zu verwahren.

Der Einlagenkrieg dreht sich um

Ein Jahr lang lautete die Erzählung in dieser Rubrik, dass Stablecoins den Banken gefährlich werden: Sie graben Einlagen ab, verlagern Zahlungsverkehr auf die Blockchain und lassen das klassische Giralgeld alt aussehen. Heuer im Herbst kippt die Geschichte. Nicht mehr Krypto-Firmen bedrängen die Banken, sondern die Banken selbst bauen das Produkt, das sie fürchteten. 37 europäische Institute, darunter zwei aus Wien, stehen hinter einem regulierten Euro-Stablecoin namens Qivalis. Aus dem Einlagenkrieg wird ein Gegenangriff.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Am 8. September bestätigte das Konsortium, dass sein Token auf der öffentlichen Ethereum-Blockchain laufen wird; die E-Geld-Lizenz liegt bei der niederländischen Zentralbank zur Prüfung; der Start ist für die zweite Jahreshälfte 2026 angesetzt. Und am 30. September treffen sich die EU-Gesetzgeber zur nächsten Trilog-Runde über den digitalen Euro. Zwei Vorstellungen eines Euro auf der Kette prallen aufeinander, eine von der Notenbank, eine von den Geschäftsbanken.

Der Hintergrund am Markt gibt dem Thema Schub. Bitcoin notiert laut CoinGecko rund 74.350 Euro, Ether etwa 2.375 Euro, beide gut fünf Prozent höher als vor einer Woche, während die US-Notenbank Mitte September erstmals seit 2023 wieder an der Zinsschraube gedreht hat. Der starke Dollar und die Zinswende geben der Frage nach Währungssouveränität zusätzliche Schärfe: Wer den Euro digital macht, entscheidet mit, wie viel des europäischen Zahlungsverkehrs künftig in Dollar-Token abgewickelt wird, ein Muster, das wir schon beim Dollar im Nenner beschrieben haben. Der September war für die Krypto-Märkte ohnehin ein Monat der Abrechnungen, an den Terminmärkten wie in der Regulierung.

Was Qivalis ist, in einem Absatz

Qivalis ist eine in Amsterdam ansässige Gesellschaft, die einen an den Euro gebundenen Stablecoin herausgeben will: gedeckt eins zu eins, reguliert unter MiCA als E-Geld-Token (englisch e-money token, kurz EMT). Getragen wird das Vorhaben von 37 Banken aus 15 Ländern. Die Lizenz als E-Geld-Institut beantragt das Unternehmen bei De Nederlandsche Bank (DNB); bis diese erteilt ist, gibt Qivalis nach eigenen Angaben kein E-Geld aus. Als Technologiepartner für Tokenisierung, Wallet-Infrastruktur und Verwahrung wurde im März Fireblocks gewählt.

An der Spitze stehen bekannte Namen. Vorstandschef ist Jan-Oliver Sell, zuvor Geschäftsführer von Coinbase Deutschland, wo er die erste deutsche Krypto-Verwahrlizenz der BaFin holte; Finanzchef ist Floris Lugt, davor Leiter Digital Assets im Wholesale Banking der ING; den Aufsichtsrat führt Sir Howard Davies, erster Vorsitzender der britischen Finanzaufsicht FSA und langjähriger Chairman von RBS/NatWest (CaixaBank). Ein regulatorisch versierteres Führungstrio lässt sich für ein solches Projekt kaum zusammenstellen.

Sell fasst den Anspruch programmatisch: „Der Euro ist Europas Währung, und die On-chain-Finanzinfrastruktur sollte ihn tragen, gebaut von europäischen Institutionen und geführt nach europäischen Regeln“ (Cointelegraph). Es geht also erklärtermaßen nicht nur um ein Produkt, sondern um eine Standortfrage. Aufsichtsratschef Davies wird noch grundsätzlicher: „Wir bauen nicht bloß Zahlungsschienen; wir sorgen dafür, dass europäische Prinzipien rund um Datenschutz, Finanzstabilität und regulatorische Strenge in die nächste Generation des digitalen Geldes eingebettet werden“ (Cointelegraph).

Von neun auf 37: die Chronologie eines Konsortiums

Was heute wie ein Schwergewicht wirkt, begann klein. Im September 2025 taten sich neun Banken zusammen, um einen MiCA-konformen Stablecoin-Emittenten aufzubauen. Danach ging es Schlag auf Schlag: BNP Paribas kam im Dezember dazu, die DZ Bank im Jänner, BBVA im Februar. Der große Sprung folgte im Mai 2026, als 25 weitere Institute auf einen Schlag beitraten und das Konsortium auf 37 Banken aus 15 Ländern anwachsen ließen (ING). Innerhalb von acht Monaten hatte sich die Mitgliederzahl also mehr als vervierfacht.

ZeitpunktEreignisBanken (kumuliert)
25. September 2025Gründung durch neun Banken (u.a. RBI, UniCredit, ING, CaixaBank, SEB)9
Dezember 2025BNP Paribas tritt bei10
Jänner 2026DZ Bank tritt bei11
Februar 2026BBVA tritt bei12
März 2026Fireblocks als Technologiepartner gewählt12
Mai 202625 weitere Banken auf einmal (u.a. Erste Group, Intesa Sanpaolo, Nordea, ABN AMRO)37
8. September 2026Ausgabe auf öffentlicher Ethereum-Blockchain bestätigt37
2. Halbjahr 2026geplanter Start, vorbehaltlich DNB-Lizenz37

Für ING-Manager Geert Wijnhoven, Technikchef im Wholesale Banking, ist die schiere Größe der Punkt: „Der eigentliche Wert dieser Initiative ist nicht die Technologie selbst, sondern das, was sie ermöglicht. Mit über 25 zusätzlichen Banken wird Qivalis zu einer wirklich gemeinsamen europäischen Anstrengung“ (ING). Ein Token, der von 37 Hausbanken zugleich vertrieben wird, hat einen Startvorteil, den kein Fintech je kaufen könnte.

Zwei Namen aus Wien: RBI und Erste Group

Für österreichische Leser ist der interessante Teil, dass gleich zwei heimische Großbanken an Bord sind. Die Raiffeisen Bank International (RBI) zählte im September 2025 zu den neun Gründungsmitgliedern (RBI); die Erste Group stieg in der Mai-Welle 2026 ein. Damit ist Österreich in dem Konsortium doppelt vertreten, ein Gewicht, das etwa Deutschland mit DZ Bank, DekaBank, Helaba und AllUnity im Hintergrund zwar übertrifft, das für ein Land dieser Größe aber bemerkenswert ist.

RBI hat mit tokenisiertem Geld Erfahrung. Bereits 2020 stellte das Institut den sogenannten RBI Coin vor, eine tokenisierte Form von Giralgeld für Zahlungen zwischen Banken und Unternehmen, und ließ dessen Blockchain-Interoperabilität vom Pantos-Projekt des heimischen Krypto-Hauses Bitpanda prüfen, das gemeinsam mit der TU Wien entwickelt wurde (Finextra). Die Erste Group wiederum zählt zu den größten Instituten Zentral- und Osteuropas mit über 23 Millionen Kunden, RBI führt eine Bilanzsumme im dreistelligen Milliardenbereich. Beide bringen also echte Reichweite mit, nicht nur ein Logo im Pressefoto.

Beaufsichtigt wird der Token dennoch nicht in erster Linie von der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA). Weil Qivalis die Lizenz in den Niederlanden beantragt, ist die DNB die Heimatbehörde; nach MiCA kann das E-Geld-Institut den Token dann in die gesamte EU passporten, auch nach Österreich, wo die FMA die Rolle der Aufsicht im Aufnahmestaat übernimmt. Das Muster ist typisch für den Binnenmarkt: eine Lizenz, viele Märkte. Für die heimischen Nutzer ändert das an den Schutzrechten nichts, wohl aber an der Frage, an welche Behörde sie sich im Streitfall zuerst wenden.

Warum eine Bank überhaupt einen Stablecoin baut

Der Reflex ist verständlich: Warum sollte eine Bank ein Produkt fördern, das ihr eigenes Geschäftsmodell untergräbt? Die Antwort steckt in den MiCA-Regeln selbst. Ein E-Geld-Token muss vollständig gedeckt sein, und ein erheblicher Teil dieser Deckung muss als Einlage bei EU-Kreditinstituten liegen. Gibt ein Bankenkonsortium den Token selbst heraus, bleibt genau dieses Geld im europäischen Bankensystem, statt zu einem US-Emittenten wie Circle abzuwandern. Der Einlagenabfluss, der die Institute jahrelang nervös machte, verwandelt sich so in einen Einlagenkreislauf.

Dazu kommt die Zinsseite, und die ist heuer entscheidend. MiCA verbietet es ausdrücklich, den Haltern eines Stablecoins Zinsen zu zahlen. Die Reserve dagegen, geparkt in kurzlaufenden Euro-Staatsanleihen und Bankeinlagen, wirft Rendite ab, und die behält der Emittent. In einer Welt, in der die EZB einen klar positiven Einlagensatz fährt und die Fed Mitte September erstmals seit 2023 wieder erhöht hat, ist dieser Zinsvorteil kein Rundungsfehler, sondern das eigentliche Geschäftsmodell. Je größer der umlaufende Bestand, desto größer der Ertrag aus der Reserve, ein Zusammenhang, den wir schon mit Blick auf das neue Zinsregime bei den Inflation Prints ausgeleuchtet haben.

Der dritte Grund ist strategisch und wiegt langfristig am schwersten. Tokenisierte Wertpapiere, digitale Lieferketten, Zahlungen zwischen Maschinen: Für all das braucht es eine Bargeldkomponente auf derselben Blockchain, sonst bleibt die Abwicklung auf halbem Weg stecken. Wer diese Bargeldkomponente stellt, sitzt an der zentralen Schnittstelle des künftigen Zahlungsverkehrs. Die Banken wollen mit aller Macht verhindern, dass diese Rolle an Dollar-Token oder an branchenfremde Technologiekonzerne fällt.

Und schließlich der Effekt auf die Kundenbindung. Ein Firmenkunde, der seine Treasury zunehmend on-chain führt, wird die Hausbank wechseln, wenn sie ihm keine tokenisierte Euro-Option bietet. Für RBI, Erste und die 35 anderen ist Qivalis deshalb auch eine Versicherung gegen den eigenen Bedeutungsverlust: lieber selbst das digitale Euro-Geld stellen, als zusehen, wie es ein anderer tut.

Halten verboten, ausgeben erlaubt

Hier schließt sich der Kreis zu einem früheren Thema dieser Rubrik. Unter dem Basler Regelwerk und der EU-Kapitalverordnung CRR3 trägt Bitcoin in der Bankbilanz ein Risikogewicht von 1.250 Prozent. Vereinfacht heißt das: Eine Bank muss praktisch jeden Euro an Bitcoin-Bestand mit einem Euro hartem Eigenkapital unterlegen, was das direkte Halten wirtschaftlich sinnlos macht (die Mechanik dahinter haben wir unter dem Titel 1.250 Prozent ausführlich beschrieben). Ein an den Euro gebundener Stablecoin ist bilanziell etwas völlig anderes.

Ein vollständig gedeckter EMT ist im Kern ein durchgereichtes Geschäft: Der Verbindlichkeit gegenüber dem Halter steht eine gleich hohe, hochliquide und risikoarme Reserve gegenüber. Es entsteht keine offene Krypto-Position, kein Kursrisiko auf einen schwankenden Vermögenswert, und damit auch nicht die Strafunterlegung mit Eigenkapital. Die Bank hält keinen volatilen Coin, sie verwaltet Euro-Deckung, und das ist regulatorisch eine ganz andere Kategorie.

Genau diese Asymmetrie ist der Schlüssel zum ganzen Modell. Banken dürfen Bitcoin faktisch nicht in die eigene Bilanz nehmen, einen an den Euro gebundenen Token aber sehr wohl ausgeben. Sie verdienen an den Krypto-Schienen mit, ohne die Krypto-Kapitalstrafe zu zahlen. Was für den Handelstisch verboten bleibt, wird über die Emissionsseite erlaubt. Deshalb ist der Weg vom Verwahrer zum Emittenten für die Institute nicht nur reizvoll, sondern regulatorisch der einzig gangbare, um im großen Stil an digitalem Geld zu verdienen.

Die MiCA-Mechanik: EMT, Reserven, kein Zins

Um zu verstehen, was Qivalis darf und was nicht, lohnt ein Blick auf die Regelmechanik. Ein E-Geld-Token nach MiCA ist an eine einzige amtliche Währung gebunden, hier den Euro, und darf nur von einer Bank oder einem lizenzierten E-Geld-Institut herausgegeben werden. Der Halter hat jederzeit Anspruch auf Rücktausch zum Nennwert, eins zu eins, ohne Abschlag. Zinsen darf der Emittent nicht zahlen. Genau dieser Zinsverzicht unterscheidet den EMT vom tokenisierten Geldmarktfonds, der Rendite ausschüttet und deshalb regulatorisch als etwas ganz anderes behandelt wird (MiCA-Verordnung).

Das Herzstück ist die Reserve. Nach MiCA müssen bei einem gewöhnlichen EMT mindestens 30 Prozent der Deckung als Einlagen bei EU-Kreditinstituten liegen, bei einem als „signifikant“ eingestuften Token sogar mindestens 60 Prozent; der Rest steckt in hochliquiden, risikoarmen Aktiva, typischerweise kurzlaufenden Staatsanleihen des Euroraums. Krypto, Aktien oder Rohstoffe sind als Reserve ausgeschlossen. Für Qivalis bedeutet das konkret: Ein wesentlicher Teil der Deckung wandert als Einlage zu genau jenen Banken, die den Token tragen, was den vorhin beschriebenen Einlagenkreislauf regulatorisch zementiert.

Ein oft übersehener Punkt ist ein regelrechter Heimvorteil. MiCA deckelt nicht-euro-denominierte Stablecoins, sobald sie als Zahlungsmittel eine Million Transaktionen oder 200 Millionen Euro Tagesvolumen überschreiten; der Emittent muss dann die Neuausgabe drosseln. Diese Bremse zielt auf Dollar-Token wie USDC. Ein Euro-EMT wie der Qivalis-Token fällt nicht darunter und kann im Euroraum ungebremst wachsen, während der Dollar-Konkurrent im europäischen Zahlungsverkehr per Gesetz ausgebremst würde. Regulatorisch spielt Qivalis also ein Heimspiel, und das ist kein Zufall, sondern ausdrücklicher Zweck der Regel.

Der Markt, den Qivalis betritt: winzig und dollarlastig

So groß der regulatorische Rückenwind, so ernüchternd ist die Ausgangslage am Markt. Der gesamte Stablecoin-Markt liegt bei rund 300 Milliarden US-Dollar, und etwa 99 Prozent davon lauten auf Dollar; Tethers USDT hält rund 60 Prozent, Circles USDC etwa ein Viertel. Alle Euro-Stablecoins zusammen bringen es dagegen auf unter eine Milliarde Dollar, im Spätsommer 2026 gut 800 Millionen, also weniger als ein halbes Prozent des Gesamtmarkts (Crypto Briefing). Der Euro on-chain ist heute eine Fußnote, und genau diese Fußnote will Qivalis in ein Kapitel verwandeln.

Innerhalb dieses kleinen Segments sind die Kräfteverhältnisse klar verteilt, wie die folgende Übersicht zeigt.

TokenEmittentGröße (ca.)Besonderheit
EURCCircle (USA)460 bis 520 Mio. USDMarktführer, gut 60 Prozent des Euro-Segments
EURCVSociété Générale-FORGE (FR)rund 190 Mio. USDvon einer Bank ausgegeben, mehrere Blockchains
EURAUAllUnity (DWS, Galaxy, Flow Traders)jung, kleinBaFin-lizenziert, live seit Juli 2025
EUROe, EURI, EURS u.a.Fintech-EmittentenNischenwertekleinere Anbieter, geringe Reichweite
Qivalis-Token37-Banken-Konsortium (EU)Start ausstehendgrößte Vertriebsbasis, Lizenz bei DNB anhängig

Die Wette von Qivalis ist im Grunde eine Vertriebswette. Kein bestehender Euro-Token verfügt über die kombinierte Kundenbasis von 37 europäischen Banken. Sollten auch nur ein paar Prozent der Firmen- und Privatkunden dieser Institute den Token nutzen, wäre er über Nacht größer als alles, was heute im Euro-Segment existiert. Ob es so kommt, ist eine andere Frage, doch das Potenzial ist ungleich größer als bei jedem Fintech-Start, der bei null Kunden anfängt.

Konkurrenz im eigenen Lager: EURC, EURCV, AllUnity

Qivalis betritt kein leeres Feld. Marktführer im Euro-Segment ist ausgerechnet ein US-Unternehmen: Circles EURC hält gut 60 Prozent, ein Umstand, der die europäische Debatte um Währungssouveränität erst so dringlich macht. Auf Platz zwei folgt mit EURCV die Digitaltochter der französischen Großbank Société Générale, SG-FORGE, mit rund 190 Millionen Dollar; dieser Token ist der lebende Beweis, dass eine einzelne europäische Bank einen EMT bereits erfolgreich betreiben kann, über mehrere Blockchains hinweg.

Aus Deutschland kommt EURAU von AllUnity, einem Gemeinschaftsunternehmen des Deutsche-Bank-Vermögensverwalters DWS mit dem Krypto-Konzern Galaxy und dem Market-Maker Flow Traders. AllUnity erhielt eine E-Geld-Lizenz der BaFin und ging Ende Juli 2025 live (CoinDesk). Damit stehen sich in Europa nun drei Ansätze gegenüber: der Einzelbank-Token (EURCV), das Joint-Venture aus Vermögensverwalter und Handelshäusern (EURAU) und das breite Bankenkonsortium (Qivalis).

Darin liegt zugleich das größte Risiko. Ein zersplittertes Feld aus einem halben Dutzend konkurrierender Euro-Token nützt am Ende nur dem Dollar, weil keiner die kritische Masse erreicht. Qivalis argumentiert, genau dieses Problem zu lösen, indem es 37 Banken hinter einem einzigen Standard bündelt. Der Preis dafür ist Tempo: Ein Konsortium aus 37 Häusern in 15 Ländern entscheidet langsamer als eine einzelne Bank, und während Qivalis noch auf die Lizenz wartet, sind EURCV und EURAU längst am Markt. Geschwindigkeit gegen Größe, das ist die eigentliche Auseinandersetzung im europäischen Lager.

Der Elefant im Raum: der digitale Euro

Über all dem schwebt das Projekt der EZB. Der digitale Euro ist keine private Münze, sondern eine von der Notenbank ausgegebene digitale Zentralbankwährung für Endkunden. Der Gesetzgebungsprozess steckt mitten im Trilog: Die erste Runde lief am 13. Juli, eine weitere am 10. September, und für den 30. September 2026 steht die nächste an, unter irischer Ratspräsidentschaft; eine politische Einigung wird bis Jahresende angepeilt, ein möglicher Start liegt um 2029. Umstritten sind vor allem die Haltegrenze pro Person, im Gespräch sind rund 3.000 Euro, und die Frage, wer die Händlergebühren trägt (OMFIF).

Damit stehen sich zwei Antworten auf dieselbe Frage gegenüber: Wie kommt der Euro auf die Blockchain, öffentlich über die Notenbank oder privat über die Banken? Die folgende Gegenüberstellung ordnet die drei Kandidaten ein.

MerkmalQivalis-TokenDigitaler EuroUSDC
Emittent37-Banken-KonsortiumEuropäische ZentralbankCircle (USA)
RechtsnaturE-Geld-Token (MiCA)gesetzliches ZentralbankgeldE-Geld-Token (MiCA)
WährungEuroEuroUS-Dollar
Haltegrenzekeinerund 3.000 Euro (in Diskussion)keine
Zinsen für Halterneinnein (geplant)nein
Verfügbarkeit2. Halbjahr 2026 (geplant)rund 2029bereits live
Blockchainöffentliches Ethereumoffen, EZB-Infrastrukturmehrere Chains

Der entscheidende Unterschied ist das Timing. Qivalis könnte noch 2026 starten, der digitale Euro frühestens 2029. In diese Lücke von mehreren Jahren stoßen die Banken vor. Ob die Notenbank das als willkommene Brücke oder als unliebsame Konkurrenz begreift, ist die politisch heikelste Frage des ganzen Themas, und die Antwort darauf ist alles andere als geklärt.

Was die EZB dazu wirklich sagt

Die Haltung der Notenbank ist ambivalent, und das ist noch freundlich formuliert. EZB-Direktorin Isabel Schnabel machte bei der Notenbank-Konferenz in Jackson Hole Ende August klar, wo die Prioritäten liegen: „Zentralbankreserven bleiben Stablecoins als ultimatives Abwicklungsobjekt überlegen“, und die Zentralbanken müssten selbst on-chain gehen, ausdrücklich als Frage der Währungssouveränität gegenüber Dollar-Stablecoins (EZB). Regulierte Stablecoins sieht Schnabel in einer unterstützenden Rolle, nicht als Ersatz für Zentralbankgeld in der finalen Abwicklung.

Noch deutlicher ist Piero Cipollone, im EZB-Direktorium für den digitalen Euro zuständig. Er gilt als dessen stärkster Fürsprecher und zugleich als entschiedener Skeptiker privat ausgegebener digitaler Währungen; sein Argument lautet, dass tokenisierte Märkte tokenisiertes Zentralbankgeld brauchen, um sicher zu skalieren, und dass gerade ein digitaler Euro die Banken vor der Verdrängung durch Stablecoins schütze (BIS). Aus dieser Perspektive ist ein privater Bank-Stablecoin bestenfalls eine Übergangslösung, bis das öffentliche Geld selbst auf der Kette ist.

Im Ziel treffen sich Notenbank und Banken also durchaus: Beide wollen europäisches Geld auf der Blockchain, beide fürchten die Dominanz des Dollars. Beim Weg dorthin aber liegen sie über Kreuz. Die EZB möchte die Hoheit über das digitale Geld behalten, die Banken möchten die Erträge und die Kundenschnittstelle nicht abgeben. Qivalis ist damit auch ein Vorstoß, Fakten zu schaffen, bevor Brüssel und Frankfurt den digitalen Euro fertig verhandelt haben. Wer zuerst am Markt ist, prägt die Standards, an denen sich alles Spätere messen muss.

Der transatlantische Kontrast: GENIUS gegen MiCA

Der Wettlauf hat eine geopolitische Dimension. In den USA schuf der GENIUS Act, im Juli 2025 unterzeichnet, erstmals einen bundesweiten Rahmen für Zahlungs-Stablecoins. Er wird am 18. Jänner 2027 wirksam, 18 Monate nach Inkrafttreten oder 120 Tage nach den finalen Regeln, je nachdem, was früher eintritt. Die Bankenaufsicht OCC will die Regeln bis November fertigstellen und dann Anträge bearbeiten (PYMNTS).

OCC-Chef Jonathan Gould formuliert das Tempo unmissverständlich: „Wir sind fest entschlossen, schnell voranzukommen und bis November eine finale Regel vorzulegen, damit wir mit der Bearbeitung von Anträgen im neuen Jahr beginnen können“ (PYMNTS). Auch in den USA dürfen Banken künftig über Töchter Stablecoins ausgeben, doch sie tun es in eine bereits existierende, 300 Milliarden Dollar schwere Infrastruktur hinein.

Genau hier liegt der Unterschied. Die USA haben eine Währung, ein Bundesgesetz und einen gewaltigen Vorsprung; der Dollar dominiert das Segment fast vollständig. Europa hat ebenfalls eine Währung und mit MiCA sogar das ältere, umfassendere Regelwerk, muss den Markt aber praktisch von null aufbauen. Deshalb ist das europäische On-chain-Euro-Projekt so sehr eine Frage der Souveränität wie des Profits, ein Zusammenhang, den wir in der DXY-Betrachtung aus der reinen Währungsperspektive beleuchtet haben. Wer die Schienen des digitalen Euro nicht selbst baut, überlässt sie am Ende dem Dollar.

Was das für Österreich heißt

Für heimische Anleger und Unternehmen ist Qivalis mehr als eine europäische Randnotiz, weil zwei der wichtigsten Banken des Landes dahinterstehen. Konkret könnte ein Firmenkunde von RBI oder Erste künftig Euro-Beträge rund um die Uhr on-chain bewegen, tokenisierte Wertpapiere Zug um Zug abwickeln oder programmierbare Zahlungen aufsetzen, alles mit einem Token, hinter dem eine regulierte Bankdeckung steht statt eines undurchsichtigen Offshore-Emittenten. Der Rücktausch zum Nennwert ist garantiert, Zinsen gibt es keine, dafür die Gewissheit, dass eine europäische Aufsicht mitliest.

Steuerlich ist die Sache differenzierter, als es auf den ersten Blick wirkt. Krypto-Gewinne unterliegen in Österreich dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent nach Paragraf 27a EStG, und heimische Plattformen behalten seit 1. Jänner 2024 automatisch Kapitalertragsteuer ein. Ein an den Euro gebundener Token behält seinen Wert, wirft also aus dem bloßen Halten keinen Kursgewinn ab. Heikler ist der Tausch: Ob das Umschichten von Bitcoin in einen regulierten Euro-Token als steuerlicher Realisierungsvorgang gilt, hängt davon ab, ob der Token rechtlich als E-Geld oder als Kryptowährung eingestuft wird, eine Abgrenzung, die man im Zweifel mit dem BMF oder einem Steuerberater klären sollte.

Aufsichtsrechtlich bleibt die FMA für österreichische Nutzer die Ansprechpartnerin im Aufnahmestaat, auch wenn die eigentliche Lizenz aus Amsterdam kommt. Und der heimische Platzhirsch Bitpanda, ohnehin technischer Partner vieler Bankprojekte und selbst über die FMA lizenziert, dürfte bei Integration und Vertrieb eine Rolle spielen, so wie schon beim RBI-Coin-Pilot vor sechs Jahren. Österreich ist in diesem Rennen also nicht Zuschauer, sondern Mitspieler, und zwar mit gleich zwei Startnummern.

Die offenen Fragen: Lizenz, Tempo, Akzeptanz

Bei aller Aufbruchsstimmung sind drei Fragen ungelöst. Die erste ist die Lizenz. Solange die DNB die E-Geld-Genehmigung nicht erteilt hat, gibt Qivalis nach eigener Aussage keinen einzigen Token aus. Der angepeilte Start in der zweiten Jahreshälfte 2026 ist damit ambitioniert; eine Verschiebung ins Jahr 2027 wäre keine Überraschung, denn die Aufsicht prüft ein Novum mit 37 Eigentümern besonders genau, und Governance über so viele Häuser hinweg ist selbst ein Prüfpunkt.

Die zweite Frage ist die Akzeptanz. Einen Token zu bauen ist einfach, ihn in Umlauf zu bringen ist schwer. Damit der Qivalis-Euro relevant wird, müssen ihn Börsen listen, Händler annehmen und DeFi-Protokolle einbinden. Circles EURC hat hier einen jahrelangen Vorsprung und ist auf zahllosen Plattformen verfügbar. Die Theorie von Qivalis, dass 37 Hausbanken den Vertrieb quasi mitliefern, muss sich erst in echten Transaktionen beweisen, nicht nur in Absichtserklärungen und Pressefotos.

Die dritte Frage ist die nach Tempo und Fragmentierung. Kann ein Konsortium aus 37 Instituten in 15 Ländern schnell genug entscheiden, um vor dem digitalen Euro relevante Netzwerkeffekte aufzubauen? Und was bleibt vom Bank-Stablecoin, wenn die EZB ihr öffentliches Pendant ab 2029 ausrollt, war er dann Brücke oder Sackgasse? Wer die Entwicklung verfolgen will, achtet auf drei Marken: die Lizenzentscheidung der DNB, die Trilog-Runde zum digitalen Euro am 30. September und die Frage, ob der Token tatsächlich noch 2026 an den Start geht. Bis dahin gilt: Die Banken haben aufgehört, den Stablecoin nur zu fürchten. Sie bauen ihn jetzt selbst.

Frequently Asked Questions

Was ist Qivalis?

Qivalis ist ein in Amsterdam ansässiges Gemeinschaftsunternehmen von 37 europäischen Banken, das einen an den Euro gebundenen, MiCA-regulierten Stablecoin (E-Geld-Token) herausgeben will. Der Token soll eins zu eins gedeckt sein und auf der öffentlichen Ethereum-Blockchain laufen. Die nötige E-Geld-Lizenz liegt bei der niederländischen Zentralbank DNB zur Prüfung, der Start ist für die zweite Jahreshälfte 2026 geplant.

Welche österreichischen Banken sind bei Qivalis dabei?

Zwei heimische Großinstitute sind Teil des Konsortiums. Die Raiffeisen Bank International gehörte im September 2025 zu den neun Gründungsmitgliedern, die Erste Group stieß in der Erweiterungswelle im Mai 2026 dazu, als das Konsortium auf 37 Banken aus 15 Ländern anwuchs.

Wann startet der Qivalis-Euro-Stablecoin?

Geplant ist ein Start in der zweiten Jahreshälfte 2026, vorbehaltlich der E-Geld-Lizenz von De Nederlandsche Bank. Solange diese Genehmigung aussteht, gibt Qivalis nach eigenen Angaben kein E-Geld aus. Eine Verzögerung ins Jahr 2027 ist möglich, weil die Lizenz die entscheidende Hürde bleibt.

Ist der Qivalis-Token dasselbe wie der digitale Euro?

Nein. Der Qivalis-Token ist privates E-Geld, das von einem Bankenkonsortium ausgegeben und über eine E-Geld-Lizenz reguliert wird. Der digitale Euro dagegen wäre gesetzliches Zentralbankgeld, herausgegeben von der Europäischen Zentralbank, mit einer geplanten Haltegrenze von rund 3.000 Euro und einem möglichen Start erst um 2029.

Ist ein Euro-Stablecoin in Österreich steuerpflichtig?

Ein an den Euro gebundener Token behält seinen Wert und wirft keine Zinsen ab, sodass aus dem bloßen Halten kein Kursgewinn entsteht. Krypto-Gewinne unterliegen in Österreich dem Sondersteuersatz von 27,5 Prozent, und heimische Plattformen behalten seit 1. Jänner 2024 automatisch KESt ein. Ob der Tausch von Bitcoin in einen regulierten Euro-Token als steuerlicher Realisierungsvorgang gilt, hängt von dessen Einstufung als E-Geld ab und sollte mit dem BMF oder einem Steuerberater geklärt werden.

Von Liam Brennan, Makro- und TradFi-Desk, HOGE Wire.

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